E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Urban Die Sprache der Zeit
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7528-4785-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-3-7528-4785-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Die Haustür fiel mit einem leisen Klacken in ihr Schloss. Oskar drehte sich nicht noch einmal um, sondern beeilte sich, diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Nur wenige Schritte benötigte er, um den Vorgarten zu durchqueren, während der eisige Wind lautstark durch die verzweigten Äste der knorrigen alten Eiche pfiff, auf denen sich bereits die ersten blutjungen Knospen zeigten. Als er auf den Bürgersteig hinaustrat, stürzte sich der Regen von einem Moment auf den anderen mit seiner ganzen Kraft auf ihn und Hunderte kalter Tröpfchen brachen sich unter dem brennenden Gefühl winzig kleiner Nadelstiche auf seinem Gesicht. Zu seinem Glück trennten ihn jedoch nur noch wenige Meter von der Tür seines Porsche, in dessen schwarzem Lack sich das schwache Licht aus den großen Fenstern des Hauses hinter seinem Rücken verzerrt widerspiegelte. In seinem Inneren empfing ihn der wohlige Duft des noch immer brandneuen Sportwagens und kaum hatte er sich angeschnallt, da strich er mit einer Hand liebevoll über das samtweiche Leder des Lenkrades, betätigte die Zündung und melodisch surrend sprang das Auto an.
Wenig später befand Oskar sich auf der fast völlig leeren Landstraße in Richtung Frankfurt und kaum zwanzig Minuten darauf lenkte er den Porsche hinab in den dunklen Eingang der Tiefgarage des großen Apartmenthauses. Schließlich betrat er seine Wohnung, hängte sein Sakko an die Garderobe und stellte seine Schuhe sorgfältig an ihren Platz. Dann ging er zu seiner Hausbar und goss sich in einem Anflug von Übermut viel zu viel Whiskey in ein viel zu kleines Glas.
Während er dieses Glas in seinem großen Lieblingssessel austrank, zog an seinem inneren Auge eine ganze Reihe von Erinnerungen an längst vergangene Ereignisse vorüber, die ihn an diesen Punkt in seinem Leben geführt hatten: Der Stress seines Studiums, sein erster Tag in der Kanzlei, all die vielen Überstunden, aber auch die zahlreichen erfolgreich abgeschlossenen Fälle. Insgesamt sollte er mit sich zufrieden sein, sagte er sich. Sicher, es war nicht immer alles so gelaufen, wie er es sich irgendwann einmal vorgestellt hatte – aber wer konnte das schließlich schon von sich behaupten?
Die leuchtenden Ziffern im Armaturenbrett des Porsche hatten Oskar mitgeteilt, dass es bereits nach neun Uhr abends war, als er den Wagen einige Zeit früher vor dem Haus zum Stehen gebracht hatte, in dem seine Frau Corinna zusammen mit seiner kleinen Tochter Amelie wohnte.
»Du bist spät«, sagte Corinna, als sie die Haustür öffnete und ihren Mann aus müden, rot unterlaufenen Augen anblickte. Sie trug eine löchrige Jogginghose und ein ausgewaschenes T-Shirt, das vor einigen Jahren einmal grün gewesen sein mochte. Zwischen den Fingern ihrer rechten Hand klemmte eine Zigarette, deren Rauch sich in kleinen blauen Spiralen in die Luft empor drehte.
»Du hast wieder angefangen«, bemerkte Oskar. Eigentlich hatte Corinna sich das Rauchen bereits vor langer Zeit abgewöhnt, als sie schwanger geworden war. Bis dahin war es die einzige schlechte Angewohnheit gewesen, die ihn an ihr wirklich gestört hatte. Später waren noch ein paar andere hinzugekommen.
Eine Strähne ihrer schulterlangen blonden Haare wehte Corinna in ihr von dünnen Sorgenfältchen durchzogenes Gesicht. Sie ignorierte sie und zog genervt an ihrer Zigarette. »Es ist kalt. Komm gefälligst rein und kümmere dich um deinen eigenen Kram.« Der Rauch verließ ihren Mund gemeinsam mit ihren trotzigen Worten.
Oskar begab sich in das Innere des kleinen Vorbaus. »Ich hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen«, sagte er, während er sich die Füße abtrat.
»Pah! Hast du das denn nicht immer?«
Es fiel Oskar nicht schwer, diese Spitze zu ignorieren. Stattdessen streifte er sich, der Macht einer alten Gewohnheit gehorchend, die Schuhe von den Füßen und stellte sie auf den kleinen hölzernen Schuhschrank, der noch immer treu an seinem Platz stand – an der Wand gleich neben der Eingangstür.
Corinna schloss die Haustür hinter ihnen. »Amelie hat auf dich gewartet.«
»Ich sagte ja, ich hatte noch etwas zu erledigen«, erwiderte Oskar. »Ein wichtiges Telefonat mit einem Vertreter von Tactech hat sich etwas in die Länge gezogen.«
Mit einem leichten Seufzer gab Corinna zu verstehen, was sie von Oskars Rechtfertigung hielt. Wortlos ging sie an ihrem Mann vorüber und Oskar folgte ihr in den Flur. Das weiche Gefühl des dicken Teppichs unter seinen Füßen brachte ein ganzes Bündel an Erinnerungen mit sich, doch er schob es abwehrend zur Seite.
»Papa!« Oskars Tochter Amelie stürzte aufgeregt aus der Küche auf den schmalen Flur hinaus und stürmte mit der ganzen ungebändigten Energie eines Kindes auf ihn zu. Sie steckte in einem pinkfarbenen Schlafanzug, der von einer ganzen Armee vollkommen identischer Einhörner verziert wurde. Mit offenen Armen prallte sie an Oskars Hüfte und zog ihren Vater fest an sich. »Da bist du ja endlich!«
»Kleines Fräulein!«, schimpfte Corinna. »Hatte ich dir nicht gesagt, dass du in der Küche warten sollst?!«
»Es tut mir leid, mein Schatz. Ich hatte noch etwas zu tun«, sagte Oskar und strich seiner Tochter liebevoll über den Kopf. Amelie hatte die strohblonden Haare ihrer Mutter geerbt. »Außerdem weißt du doch, dass ich nur kurz vorbeigekommen bin, um schnell etwas zu unterschreiben.«
»Nein!« Amelie drückte sich noch etwas fester an ihren Vater. »Mach das nicht! Bitte Papa!«
Oskar hatte nichts anderes erwartet. Seit er vor einigen Monaten ausgezogen war, nutzte seine Tochter jede einzelne sich ihr bietende Möglichkeit, ihn darum zu bitten, sich nicht von Corinna scheiden zu lassen. Amelie nahm sich die ganze Sache viel zu sehr zu Herzen.
»Aber mein Schatz«, sagte Corinna und trennte ihre Tochter behutsam von Oskar. »Wir haben doch schon so oft über das Ganze gesprochen. Die Sache ist viel komplizierter, als du dir das vorstellst.« Sie führte Amelie vor sich her und Oskar folgte den beiden in die Küche.
Dort angekommen setzte Amelie sich auf einen der Stühle an dem großen Esstisch und verschränkte schmollend die Arme. »Nein!«, rief sie. »Die Sache ist ganz einfach! Papa soll das nicht unterschreiben!«
Mit Ausnahme des stinkenden übervollen Aschenbechers, in dem Corinna jetzt ihre Zigarette ausdrückte, sah die Küche noch immer genauso aus, wie Oskar sie seit Jahren kannte. Mitten auf dem großen Esstisch stand die kleine blaue Blumenvase, die Corinna irgendwann einmal von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Auf der Arbeitsplatte gleich neben dem Herd sah er die alte Kaffeemaschine, die sie damals noch vor ihrer Hochzeit als ersten Gegenstand ihrer gemeinsamen Wohnung zusammen ausgesucht hatten und die Corinna – wie er genau wusste – nur deswegen nie gegen eine neue ausgetauscht hatte. Und auch an der Tür des großen Kühlschrankes hing weiterhin jenes Bild, das Amelie vor gar nicht allzu langer Zeit in der Schule gemalt und mit nach Hause gebracht hatte. Es zeigte die ungelenken Versuche einer kaum Sechsjährigen, ihre Familie zu porträtieren: Oskar in der Mitte – wie er fand etwas unvorteilhaft um die Hüfte herum dargestellt – mit Corinna und Amelie links und rechts an seinen Händen. Darüber stand mit rotem Buntstift in Buchstaben, denen man die ersten unbeholfenen Schreibversuche noch deutlich ansah: .
»Amelie möchte, dass das dort hängen bleibt«, erklärte Corinna, als sie bemerkte, dass Oskars Blick auf dem Bild ruhte.
Die Worte seiner Frau klangen ein wenig zu gleichgültig in Oskars Ohren. »Dann lass es halt hängen«, sagte er und zuckte mit den Schultern. »Warum schließlich auch nicht? Wir sind ja weiterhin ihre Eltern, oder etwa nicht?«
»Aber wir sind keine Familie mehr!«, rief Amelie.
»Ach was! Blödsinn!« Oskar ging zu seiner Tochter, bückte sich und fasste sie bei den Schultern. »Zwar kann man die Zeit nicht zurückdrehen, aber eins verspreche ich dir hoch und heilig: Ich werde mich immer darum kümmern, dass ihr zwei gut versorgt seid. Du ganz besonders! Und natürlich werden wir uns auch weiterhin sehen. Aber glaub mir mein Schatz, so ist es wirklich das Beste für alle Beteiligten.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Außerdem kannst du dich bei mir melden, wann immer du möchtest.«
Amelies Blick wanderte hinab auf Oskars Knie. »Ach. Du hast ja eh nie Zeit.«
»Ich bin viel beschäftigt, ja«, gab Oskar zu und richtete sich auf. »Aber nur dank meiner Arbeit können Mama und du hier in diesem schönen großen Haus leben und…«
»Tu bloß nicht schon wieder so verdammt gönnerhaft!«, fiel Corinna ihm aufgebracht ins Wort. Ihre Augen funkelten angriffslustig. »Ich arbeite schließlich auch, vergiss das...




