Urban | Jeló – Scharlatan und Heilsbringer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 300 Seiten

Reihe: Die Feuertänzer-Saga

Urban Jeló – Scharlatan und Heilsbringer

Die Feuertänzer-Saga
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-86282-886-9
Verlag: Acabus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Feuertänzer-Saga

E-Book, Deutsch, Band 1, 300 Seiten

Reihe: Die Feuertänzer-Saga

ISBN: 978-3-86282-886-9
Verlag: Acabus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein junger Außenseiter, ein mächtiges Geheimnis und die gefährliche Kunst der Manipulation. 1555: Der junge Jeló wird von seiner Roma-Sippe an einen umherziehenden Bader und Scharlatan verkauft. Während er das Handwerk des Heilens erlernt, entdeckt er eine sehr wertvolle Gabe: die Fähigkeit, ganze Menschenmengen in einen tranceähnlichen Wachschlaf zu versetzen - und sie nach seinem Willen zu lenken. Sein Meister fordert immer mehr, sein Können wächst, doch mit jeder neuen Machtdemonstration steigt die Gefahr. Als die Inquisition auf ihn aufmerksam wird, bleibt ihm nur die Flucht zu einem einflussreichen Gönner. Dort eröffnet sich ihm eine Welt des Wissen und der Macht, von der er nie zuvor zu träumen wagte. Welchen Pfad wird Jeló wählen? Den des charismatischen Heilers, des gebildeten Klerikers oder des raffinierten Liebesdieners? Und welche Bedeutung hat sein auffälliges Muttermal? Eine atemberaubende Reise durch das Europa der Renaissance - von den Märkten Nordspaniens über die Pyrenäen bis zum Klosterberg Mont-Saint-Michel.

Sigrid A. Urban wurde 1971 in Thüringen geboren. Als selbstständige Yogalehrerin und Hypnosecoach setzt sie sich täglich mit den Untiefen der menschlichen Psyche auseinander. Dies inspiriert sie, sich in Form von Kurzgeschichten und Romanen mit diesen Einblicken zu beschäftigen.
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2


Alles, was geschieht und uns zustößt, hat seinen Sinn, doch es ist oft schwierig, ihn zu erkennen. Auch im Buch des Lebens hat jedes Blatt zwei Seiten: die eine schreiben wir Menschen selber mit unserem Planen, Wünschen, Hoffen, aber die andere füllt die Vorsehung, und was sie anordnet, ist selten so unser Ziel gewesen.

Eljâs ebn–e Jussef Nizâmî(1141–1209)

I ch lief über langes Gras. Es fühlte sich weich und federnd unter meinen bloßen Füßen an. Jelena und Anna schlenderten hinter mir her.

»Ich habe Jelena erzählt, dass du es mit fünf Äpfeln kannst.« Anna beeilte sich, um mit mir Schritt zu halten. Erwartungsvoll sah sie mich an. Immer wieder strauchelte sie auf dem unebenen Boden, was sie aber nicht davon abhielt, an meiner Seite zu bleiben.

»Ich habe keine Äpfel«, sagte ich und steuerte ein Wäldchen an. Seit Wochen hatte ich bemerkt, wie die Mädchen kicherten, wenn ich mich in ihrer Nähe befand. Dass sie mich jetzt verfolgten, verstörte mich zutiefst.

»Aber Jelena hat welche. Nicht wahr, Jelena?«, fragte Anna und sah zu ihrer Freundin.

»In Ordnung.« Genervt blieb ich stehen und drehte mich zu ihnen um. »Gib sie her!«

Anna sah ihre Freundin auffordernd an. »Los mach!«

Jelena öffnete einen Beutel, zog ein paar kleine Holzäpfel hervor und hielt sie mir hin. Erwartungsvoll sah sie mich an. Ich griff mir fünf Stück und ließ die Äpfel in der Luft wirbeln. Die Mädchen sahen mir mit großen Augen zu. Ich hatte mir dieses Kunststück im letzten Winter selbst beigebracht. Abgeschaut hatte ich es mir bei einem Gaukler. Er hatte mit rohen Eiern jongliert und diese am Ende auf den Köpfen der Zuschauer zerschlagen. Das hatte zu großen Heiterkeitsausbrüchen geführt. An Eier kam ich nicht heran, deshalb mussten Äpfel, Steine oder Ähnliches herhalten. Nach und nach ließ ich einen Apfel nach dem anderen ins Gras fallen und verbeugte mich tief vor Jelena und Anna. Beide applaudierten.

»Wunderbar«, rief Anna.

»Wirklich wunderbar«, wiederholte Jelena und strahlte mich an.

»Und? Was bekomme ich für meine Kunst?« Ich sah die Mädchen an, die ihre Augen niederschlugen und unruhig von einem Bein aufs andere traten.

»Sag’s ihm!« Anna stieß Jelena in die Seite.

»Sag du’s ihm doch!« Jelena lief rot an.

Anna sah mich an. »Du hast recht. Du solltest eine Bezahlung erhalten. Dein Lohn ist ein Kuss. Ein Kuss von Jelena.«

Jelena trat einen Schritt vor, spitzte ihre Lippen und reckte mir ihr Gesicht entgegen. Ihre Augen kniff sie zusammen.

»Ähm …«, stotterte ich. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet.

»Eine Bezahlung darf man nicht zurückweisen«, erklärte Anna und schob ihre Freundin vor. »Du beleidigst uns sonst.«

Mit einem Schubs prallte Jelena gegen mich. Ihre Lippen trafen meinen Mundwinkel und ihre großen dunklen Augen starrten mich einen Augenblick lang an. Dann drehte sie sich um und lief davon. Anna hinterher. »Und wie war‘s?«, hörte ich sie rufen.

»Wundervoll«, war Jelenas Antwort.

»Wundervoll«, wiederholte Anna kichernd.

Verdutzt schaute ich ihnen nach. Mein Kopf konnte nicht begreifen, was gerade geschehen war. Ich hob die Äpfel auf, warf sie nacheinander in die Luft. Mädchen … Wer verstand die schon? Irgendwie wurden sie in letzter Zeit immer seltsamer.

Mit aufkommender Dunkelheit trieb mich der Hunger zum Lager zurück. Mich vermisste niemand. Zu oft war ich von den Kochtöpfen vertrieben worden, indem man mir zu verstehen gab, dass ich zu warten hatte, bis die anderen Familienmitglieder satt waren. Mein Stand innerhalb der Sippe war seit dem Tod meiner Großmutter denkbar schlecht. Bisher hatte ich keinen neuen Platz gefunden. Ich schlief, wo man mich nicht vertrieb und aß, was man mir übrig ließ.

Auch an diesem Abend versammelte sich die gesamte Sippe um das große Feuer. Alle warteten auf das Eintreffen des Fremden. Keine Geige spielte heute zum Tanz; und Gespräche wurden nur flüsternd geführt. Selbst die Kinder saßen still zu den Füßen ihrer Mütter und lauschten auf die Geräusche aus dem Wald. Nur den Ruf einer Eule hörte ich.

Tagsüber waren Späher durch die Gegend gestreift, um den Fremden zu finden. Alle waren unverrichteter Dinge ins Lager zurückgekehrt. Er hatte weder im Wald noch auf den umliegenden Wiesen sein Lager aufgeschlagen. Leise wurde hinter vorgehaltener Hand geflüstert, dass er ein Geist, vielleicht sogar ein Wurdalak sei. Niemand traute sich, es laut auszusprechen. Niemand wollte Tibors Zorn auf sich ziehen. Den ganzen Tag war er mit Douchka in seinem Wagen geblieben und hatte die neu aufgeflammte Leidenschaft genossen. Nun saßen beide auf dem Baumstamm dicht am Feuer und warteten. Douchkas Hände lagen züchtig im Schoß. Ihre Augen huschten immer wieder zu Tibor, der ihren Blick lächelnd erwiderte. Seine Hand wanderte wiederholt zu ihrer, um sie zu liebkosen.

Ich setzte mich etwas abseits auf einen Baumstumpf und knackte ein paar Nüsse, die ich im Wald gefunden hatte. Seit dem Tod meiner Großmutter hatte ich oft Hunger. Die Sippe teilte ihren Besitz unter sich auf, und ich wurde zum Allgemeingut. Ich half, wo man mich brauchte, und schlief, wo ich einen Platz fand. Für mich wurde gesorgt. Doch war ich in einem Alter, in dem mich keine Familie in ihren engeren Kreis aufnehmen würde. Trotzdem sorgte ich mich nicht um meine Zukunft. Tibor würde sich um mich kümmern. Tibor kümmerte sich um alles.

Als Hufschläge erklangen und die Menge eine Gasse bildete, stand Tibor auf. Dieses Mal kam der Fremde nicht heimlich und leise. Er galoppierte mit donnerndem Hufschlag ins Lager und ließ den weißen Araberhengst, auf dem er saß, direkt vor dem Feuer auf die Hinterhand steigen. Das Pferd schnaubte und tänzelte nervös auf schlanken Fesseln. Pablo sprang ab und warf die Zügel Gino zu, der diese zwar auffing, das Pferd aber mit Ehrfurcht betrachtete.

»Deinem Weib geht es gut?«, fragte Pablo und bleckte grinsend die Zähne, als er das Paar sah. »Sag nichts! Ich weiß, dass meine Behandlung gewirkt hat. Doch ich bin nicht gekommen, um Lob einzusammeln. Ich bin hier, um dir einen Handel vorzuschlagen.«

Tibor sah zwischen dem weißen Hengst und dem Zauberer hin und her. »Das ist ein sehr schönes Tier. Seine Fohlen lassen sich bestimmt gut auf dem Pferdemarkt verkaufen. Leider habe ich nichts, was ich dir dafür geben könnte.«

»Ja, ein feuriger Hengst.« Pablo klopfte den Hals des Tieres. »Du hast also Interesse? Dann finden wir eine Lösung.« Er setzte sich unaufgefordert auf den Baumstamm, auf dem er schon gestern gesessen hatte. Die Selbstsicherheit, mit der er dies tat, zeigte, dass sich hier zwei Männer auf Augenhöhe begegneten.

»Ich bin, wie ich gestern erwähnte, ein fahrender Heiler.« Pablo streckte seine Stiefel zum Feuer und machte es sich behaglich. »Ich bin auf der Suche nach einem Gehilfen, einem Lehrling.«

Die Sippe hielt den Atem an. Eine Fledermaus flatterte vorbei. Ich hörte ihren leisen, fiependen Ruf. Eine Minute der Stille verstrich, in der keiner sich regte.

»Ich brauche einen Jungen, der dem Mannesalter noch fern ist – zwölf, höchstens vierzehn Jahre alt.« Pablo sprach weiter, bevor Tibor ihn unterbrechen konnte. »Im Gegenzug bekommst du diesen Hengst und mein Versprechen, dass es dem Jungen gut bei mir gehen wird.«

»Ich verkaufe keine Kinder.« Tibors Stimme klang lauernd.

»Keiner spricht von verkaufen. Es ist ein Tausch. Ein Pferd, das mehr Wert ist als eure ganze Herde, gegen einen unnötigen Esser. Ich verdiene mit meiner Kunst viele Escudos. Der Junge kann, wenn er erwachsen ist, zu euch zurückkehren und euch Ruhm bringen. Ich werde ihn nicht aufhalten.«

Alle Blicke hingen an Tibor »Wir wären dumm, wenn wir den Handel ausschlügen«, flüsterte Douchka.

Shagal, unser Ältester, trat auf einen Stab gestützt vor. »Ein wertvoller Hengst gegen ein junges Menschenleben. Das ist ein gerechter Tausch.« Sein langer weißer Bart bewegte sich in der leichten Abendbrise. »Den Jungen, der dafür gehen muss, begleitet die Dankbarkeit der gesamten Familie.«

»So sei es«, sagte Tibor und erhob sich. »Elek und Mateo sollen vortreten.«

Zwei Jungen wurden nach vorn geschoben. Eleks Blick ließ einen einfältigen Geist erkennen. Und bei Mateo entblößte ein unsicheres Grinsen eine Reihe riesiger unregelmäßiger Zähne.

»Sind das alle?«, fragte der Fremde mit dröhnender Stimme. »Ich brauche keinen Hässlichen, und ich brauche auf keinen Fall einen Blödsinnigen.« Er schritt an den Jungen vorbei und schaute sich um. »Was ist mit dem da?« Er ging durch die Umherstehenden hindurch, die respektvoll vor ihm zurückwichen, und zeigte in meine Richtung. Ich lehnte an dem Rad eines Karrens und sah mich nach dem Jungen um, den er meinte. Der Fremde lachte. »Dich meine ich.« Er stach mir mit dem Finger in die Brust.

Ein Schreck umfing mein Herz wie eine Eisenklammer. »Ich bin kein Kind mehr. Ich bin ein Mann«, sagte ich und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme sich überschlug, so wie sie es in letzter Zeit nur noch selten tat. Ich hasste sie dafür.

»Seine zerschlissene Kleidung zeigt, dass er keinen guten Stand in eurer Familie hat.« Die Hand des Fremden strich mir das Haar aus dem Gesicht. »Er hat ziemlich helle Haut, das kann ich trotz des Schmutzes erkennen.«

»Er ist ein Bastard. Seine Mutter ist tot und sein Vater war irgendein Städter, dem seine Mutter schöne Augen gemacht hatte«, sagte Tibor abfällig.

Ich...


Sigrid A. Urban wurde 1971 in Thüringen geboren. Als selbstständige Yogalehrerin und
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