E-Book, Deutsch, 372 Seiten
Urban Kopernikus?!
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-3870-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 372 Seiten
ISBN: 978-3-7494-3870-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alle weiteren Informationen auf www.svenurban.de !!!
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Egon hatte in seinem ärmlichen Leben bereits sehr viele sehr schlechte Tage erlebt. Viel zu viele, als dass er sich noch an die meisten von ihnen hätte erinnern können. Genau genommen verschwamm oft sein ganzes Leben vor seinem inneren Auge zu einem einzigen geradezu hundsmiserablen Tag. Der heutige Tag allerdings war anders. Dieser Tag würde ihm für immer und ewig unvergesslich bleiben als der absolut Tag seines gesamten bisherigen Daseins. Daran bestand nicht der Hauch eines Zweifels – vorausgesetzt natürlich, dass er ihn überlebte. Doch dieser Sache konnte er sich in diesem Moment leider alles andere als sicher sein.
»La-lass mich, la-lass mich los!« Immer und immer wieder trat Egon mit all der Kraft, die seine hageren Beine aufzubringen vermochten, gegen den halb verwesten Kopf des offensichtlich völlig ausgehungerten Untoten. Der widerlich stinkende Zombie war wie aus dem Nichts gekommen und hatte ihn mit seinen fauligen Zähnen an der Hose gepackt. Das Monstrum steckte in den fadenscheinigen Überbleibseln eines schwarzen T-Shirts, dessen Vorderseite ein grausiger Totenkopf zierte. Seine untere Hälfte hatte sich anscheinend bereits vor einiger Zeit dazu entschieden, in Zukunft getrennte Wege zu gehen. Außerdem – nun ja, außerdem besaß es ein geradezu penetrantes Faible für Hosenbeine. Denn trotz all der Tritte, die Egon ihm verpasste, wollte und wollte das modrige Ungetüm einfach nicht loslassen.
»!«
», habe ich gesagt!« Egon teilte einen weiteren beherzten Tritt aus und diesmal ertönte ein schreckliches, ja geradezu übelkeiterregendes Knacken. Zwar gab der Zombie immer noch nicht nach – sein Unterkiefer dafür allerdings schon. Widerwillig verließ dieser seinen gewöhnlichen Arbeitsplatz und polterte dumpf auf die Erde. Egon war frei!
Zeit zum Verschnaufen blieb ihm jedoch keine. Ein kurzer Blick über seine Schulter genügte ihm, um zu erkennen, dass hinter seinem Rücken noch immer die ganze Straße bis zum Bersten mit den untoten Bewohnern seiner Heimatstadt gefüllt war. Eine schreckliche Kakophonie aus tiefem Stöhnen, gierigem Schmatzen und den beunruhigenden Schleifgeräuschen zahlreicher stinkender Zombiefüße, die langsam, aber unaufhaltsam über den rauen Asphalt gezogen wurden, hallte von den Häuserwänden am Straßenrand wider. Hunderte glasige Augen hatten ihn mehr oder weniger fest im Visier und fast – aber nur fast – ebenso viele Arme und Hände wurden gierig in seine Richtung ausgestreckt.
Die meisten der bleichen Gesichter kannte er nur zu gut. Irgendwo in der Masse sah er nicht nur einige seiner Arbeitskollegen, sondern auch ehemalige Mitschüler, Lehrer und noch viele andere Menschen, die ihm sein tägliches Leben schwer machten oder irgendwann einmal schwer gemacht hatten. Zwar hatte er sich schon oft eingebildet, die gesamte Stadt wolle ihm an den Kragen, doch im Gegensatz zu seiner alltäglichen Paranoia schien es in diesem Augenblick wirklich und wahrhaftig der Fall zu sein! Er zögerte daher nicht einen Augenblick länger, sondern nahm seine Beine in die Hand, so lange sie noch zu ihm gehörten, und rannte so schnell er nur konnte.
»!«
Zu seinem Glück kannte Egon in dieser Gegend jeden Winkel und jede Straßenecke. So wie sich ihm diese Winkel und Ecken momentan präsentierten, hatte er sie allerdings wirklich noch nie zu sehen bekommen. Seine ansonsten gleichermaßen beschauliche wie langweilige Heimatstadt war zu dem Schauplatz eines postapokalyptischen Albtraums geworden!
Es war tiefste Nacht. Die meisten Straßenlaternen waren bereits gestorben oder gaben in ihrem langwierigen Todeskampf nichts weiter als ein erstickendes Flackern von sich. Dafür sandte ein riesiger Vollmond, an dem nur vereinzelt ein paar schwarze Wölkchen müde vorüberglitten, sein helles Licht hinab zu der scheinbar völlig wahnsinnig gewordenen Welt. Links und rechts der Straße standen zahlreiche ausgebrannte Autos und als makabere Hintergrundmelodie erklang irgendwo in der Ferne das schiefe Heulen völlig sinn- und zweckloser Sirenen. Ein Kleinbus hatte einen Hydranten angefahren, aus dem das Wasser nun in einer riesigen Fontäne kraftvoll empordrängte, wieder hinabregnete und sich mit dem ausgelaufenen Öl und Benzin der Autos zu einem widerlich schmierigen schwarz-braunen Film vermischte.
Jede einzelne Sehne und Faser nicht nur Egons kraftloser Beine, sondern seines gesamten schmächtigen Körpers teilte ihm eindeutig und unmissverständlich mit, dass eine solche Anstrengung gegen ihren verbrieften Arbeitsvertrag verstieß und die außerordentliche Kündigung daher unmittelbar bevorstand. Der Schweiß rann ihm in Sturzbächen seine hohe Stirn und seinen schmalen Rücken hinab und ließ sein weißes Hemd unangenehm an seiner Haut kleben. Ständig musste er sich seine große Brille zurechtrücken, die durch die Last ihrer dicken Gläser einfach nicht an Ort und Stelle bleiben wollte. Dass sich zu allem Überfluss außerdem immer wieder einige Strähnen seiner dichten schwarzen Haare dazu entschieden, unerlaubt in sein Gesicht vorzudringen und seine Augen zu verdecken, erleichterte ihm die Flucht auch nicht gerade.
Endlich gelangte er an die nächste Straßenkreuzung. Schnell bog er um die Ecke und hechtete auf das nächste Grundstück. Dort durchquerte er die breite Einfahrt, rannte hinter das zu ihr gehörige Mehrfamilienhaus, kauerte sich schließlich an dessen Wand und vergrub das Gesicht in seinen schwitzigen Fingern. Sein Herz raste. Seine Hände zitterten. Er meinte, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen. Diese verdammte Anstrengung war einfach zu viel für ihn! Sicher würde er bald einen Herzanfall bekommen, oder er würde sich einen Fuß verstauchen, oder sein Kreislauf würde kollabieren, oder, oder – er zwang sich zur Ruhe. Wenn alles klappte, wie er es sich erhoffte, würden die Zombies, sobald sie die Kreuzung erreichten, nicht wissen, wo er war und einfach an seinem Versteck vorbeischlurfen, ohne ihn auch nur zu bemerken. Ja, genau! Vielleicht würden sie ihn sogar ganz vergessen. Bei all ihrer Gier, die Klügsten schienen sie nicht gerade zu sein. Vielleicht war das ja auch der Grund, weshalb sie hinter seinem Gehirn her waren.
»Ach, mein lieber Egon, das hilft doch alles nichts! Was habe ich dir gesagt? Du musst aktiv gegen deine Angst ankämpfen! Du musst den Dingen ins Auge sehen und dich ihnen stellen. Ja, du musst dich zur Wehr setzen wie ein ganzer Mann!«
Egon nahm die Hände von seinem Gesicht und öffnete die Augen. Direkt vor ihm saß eine gar nicht so kleine, pummelige schwarze Ratte mit etwas struppigem Fell und strahlenden smaragdgrünen Augen. Sie betrachtete ihn kopfschüttelnd. »Du-du …«, begann er, doch er war noch immer viel zu erschöpft, um zu sprechen. Wie konnte das Tier nur ernsthaft von ihm verlangen, sich gegen eine solche Meute von Zombies zur Wehr zu setzten? Und das auch noch mit bloßen Händen!
Die Ratte legte den Kopf schief und zog eine Augenbraue hoch. »Weißt du Egon, du gibst einfach immer viel zu schnell auf. So funktioniert das nicht. Im Leben ist es dann und wann vonnöten, zu kämpfen. Berge wollen erklommen, Hindernisse überwunden werden. Das Dasein ist eine einzige große !«
»A-aber … « Egon holte tief Luft. »!«
»Ja, das sind Zombies«, bestätigte die Ratte. »Vollkommen richtig erkannt. Widerliche Kreaturen, ich gebe es ja zu. Aber wenn du dich vor ihnen versteckst, bringt uns das keinen Deut weiter.« Die Ratte schüttelte ihren spitzen Kopf. »Glaube mir bitte. Das, was ich jetzt tue, bereitet mir wirklich keinerlei Vergnügen. Aber du lässt mir leider überhaupt keine andere Wahl. Vertraue mir. Es ist nur zu deinem Besten.«
Egon schwante Übles. Seine Nackenhaare signalisierten Alarmbereitschaft. »Wa-was?! Wa-warte! !«
Doch es war zu spät. Denn schon klemmte die Ratte sich das Ende ihres langen nackten Schwanzes in die Schnauze, atmete einmal tief ein und gab sodann einen derart schrillen Pfiff von sich, dass Egon meinte, seine Trommelfelle würden jeden Augenblick implodieren. Verfaulte Ohren hin oder her, das die Zombies einfach gehört haben!
Doch offenbar wollte die Ratte auf Nummer sicher gehen. »!«, rief sie um einiges lauter, als man es ihren kleinen Stimmbändern zutrauen würde. » hat er sich versteckt!«
Egon blickte die Ratte völlig entgeistert an, dann schlug er erneut die Hände vor das Gesicht. »«
Einen Moment später ertönte hinter ihm in der Einfahrt des Grundstückes ein erschreckend hungriges Stöhnen, gefolgt von einem geradezu zermürbenden Schleifgeräusch.
»!«
Grinsend präsentierte Kopernikus seine beiden strahlend...




