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Ury | Studierte Mädel von heute: Eine Erzählung für junge Mädchen (Kommentiert) | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 164 Seiten

Ury Studierte Mädel von heute: Eine Erzählung für junge Mädchen (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Mädchenbildung, Frauenrolle und geistige Selbstständigkeit in der Kaiserzeit
1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-1298-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erweiterte Ausgabe. Mädchenbildung, Frauenrolle und geistige Selbstständigkeit in der Kaiserzeit

E-Book, Deutsch, 164 Seiten

ISBN: 978-80-268-1298-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Studierte Mädel von heute' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Else Ury (1877-1943) war eine beliebte deutsche Schriftstellerin und Kinderbuchautorin. Ihre bekannteste Figur ist die blonde Arzttochter Annemarie Braun, deren Leben sie in den insgesamt zehn Bänden der Reihe Nesthäkchen erzählt. Daneben schrieb sie eine Reihe weiterer Bücher und Erzählungen, die sich vor allem an Mädchen richteten und in denen sie überwiegend ein traditionell bürgerliches Familien- und Frauenbild vertrat. Die Geschichten sind immer mit dem mehr oder weniger direkten Hinweis verknüpft, welche Eigenschaften ein Mädchen erwerben solle: Ordnung, Sauberkeit, Fleiß, Gehorsam, Pflichterfüllung, Hilfsbereitschaft: 'Die Hauptsache bei dem kleinen Mädchen sind Ordnung und Betragen, das ist mehr wert als alle 'sehr gut''. Aus dem Buch: 'Daisy, hast du das klassische Gesicht von dem Direks gesehen, als ich heute sagte, daß ich aufs Gymnasium möchte?' kicherte Hilde. 'Als ob ich seiltanzen lernen wollte, so sprachlos hat er mich angestarrt.' 'Ich bleibe dabei, was ich dir immer gesagt habe. Es ist jammerschade, daß du solch arger Faulpelz bist. Du hast die glänzendsten Fähigkeiten von der Welt - lernst spielend, was ich mir mühsam durch Fleiß erringen muß. Wenn du Ausdauer genug hast, wirst du sicher dein Ziel erreichen.' Daisys weiche Stimme verriet, trotzdem sie schon einige Jahre in Deutschland lebte, immer noch die Amerikanerin. Hildes hellbraune, sonst so mutwillige Augen blickten ein wenig zaghaft zu der Freundin auf.'

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Weitere Infos & Material


Es fiel ein Reif


Inhaltsverzeichnis

Natürlich – die Familie stand kopf! Sämtliche alten Tanten der Familie schüttelten das Haupt. Unglaublich – gar nicht zu verstehen – die Eltern waren doch sonst so vernünftige Leute, warum gaben sie die Tochter nicht lieber in eine Haushaltungsschule – na, sie würden es ja sehen, wohin es führte, was sie sich für einen Blaustrumpf damit erzogen! Hilde, das unweibliche, wilde Ding, hatte es doch gewiß nötig, mädchenhafter und häuslicher zu werden!

Hilde aber kümmerte sich nicht um alle rückständigen Tanten der Welt, sie strahlte, nichts war imstande, ihre gute Laune zu trüben. Selbst die ständigen Neckereien der Brüder ertrug sie mit ungewöhnlicher Sanftmut. Sie lehnte höflich die Zigarren ab, die sie ihr jeden Mittag nach dem Essen anboten, fuhr nicht wütend los, als sie in ihrem zierlichen Mädchenzimmer an der Wand eines Tages eine lange Pfeife und ein Rapier entdeckte, und stopfte die blauen Strümpfe Richards, die dieser extra für sie heraussuchte, mit wahrer Todesverachtung.

Max redete nur noch Lateinisch oder in Hexametern zu ihr, sandte ihr mit der Post Einladungen zu seinen Studentenkneipen und zum Katerfrühstück und lehrte sie mit Stöcken kunstgerecht fechten und seinen Hieben parieren. Aber als die erste Fensterscheibe daran glauben mußte, machte die Mutter ein für allemal diesen Mensuren ein Ende. –

So kam der Tag der Aufnahmeprüfung heran.

Hilde hatte Mühe, ihr zuversichtliches Wesen den düsteren Prophezeiungen der Brüder gegenüber, daß sie niemals die Prüfung bestehen würde, aufrecht zu erhalten, denn sie war ihrer Sache selbst mehr als unsicher.

»Du sollst sehen, Daisy,« sagte sie zur Freundin, die ebenfalls sehr erregt war, als sie beim Eintritt in die fremden Klassenräume, in denen die Prüfung stattfand, sich all den neugierig musternden Augen der Konkurrentinnen ausgesetzt fühlte, »paß bloß auf, Mathematik bricht mir den Hals!«

Direktor Richter, ein liebenswürdiger Herr, ermutigte die Schüchternen. Hilde fand ihre Unverfrorenheit wieder.

Kinderleicht war es ja – die schriftlichen Arbeiten in Deutsch, Französisch und Englisch glücklich vorüber, in Mathematik allerdings hatte sie trotz eifrigen Schielens auf Daisys Heft die letzte Ausrechnung nicht genau entziffern können – warum schrieb Daisy auch so undeutlich!

Nun nahm der Direktor sie natürlich noch extra scharf beim Mündlichen heran, eklig zwiebelte er sie, aber Hildes frische, dreiste Art machte ihm augenscheinlich Spaß.

Und als sie in Literatur, ihrem Lieblingsfach, einige treffende Antworten über die schlesische Dichterschule gegeben, ließ Direktor Richter ein vernehmliches »Gut« hören.

Hilde hatte bestanden.

Daisys Aufnahme war ja über jeden Zweifel erhaben gewesen, selbst deutscher Aufsatz, die Achillesferse der jungen Ausländerin, war zur Zufriedenheit ausgefallen.

»Mächtiges Schwein hab' ich gehabt,« berichtete Hilde frohlockend daheim ihrem Intimus Max, während Mama über die derb burschikose Ausdrucksweise ihres Töchterchens erschrocken den Kopf schüttelte.

»Natürlich hab' ich gleich Schillerlocken aus Dankbarkeit spendiert, da, Max, hast du noch ein paar. Ach, Daisy war auch ganz glücklich.«

Ja – Daisy war fast noch glückseliger über Hildes Aufnahme als die Freundin selbst. Das elternlose Mädchen, das im Hause der reichen Verwandten ihrer Mutter nur ungern Aufnahme gefunden und dort ein trauriges, freudloses Leben führte, hatte sich mit ihrem liebebedürftigen Herzen fest an die impulsive, warmherzige Hilde angeschlossen. Das Elternhaus der Freundin war ihr eine zweite Heimat geworden, und Frau Doktor Dahlen nahm sich Daisys wie eine Mutter an. Hilde, mit ihrem flattrigen, übermütigen Wesen, konnte durch den innigen Verkehr mit der um ein Jahr älteren und bedeutend reiferen Freundin nur gewinnen.

Sie saßen beide auf dem niedlichen hellen Sofa, ihrem Lieblingsplatz in Hildes Zimmer.

Heute hatte das große Ereignis stattgefunden, die Pforten des Lyzeums hatten sich für immer hinter ihnen geschlossen.

»Sag' mal, Daisy, warum hast du denn bloß wie ein Schloßhund geheult, als dir der Direks die feine Prämie mit den anerkennenden Worten überreichte, totgefreut hätte ich mich an deiner Stelle!«

»Ach, red' nur nicht, Hilde,« verteidigte sich Daisy, »wer hat denn ein Tränchen nach dem andern im Auge zerdrückt, als der Chor das Abschiedslied ›Ihr lieben Schulgenossen‹ anstimmte? Ich denke, du freust dich so, daß du die Schulzeit hinter dir hast?«

»Tu' ich auch,« Hildes Augen strahlten, »gottlob, daß ich aus dem langweiligen ledernen Bildungsstall heraus bin, nun sind wir doch keine Schulmädel mehr – Gymnasium – ja, das ist doch etwas ganz anderes!«

meinte Daisy, sinnend vor sich hinblickend, »Schule bleibt Schule, die Hauptsache ist, daß man etwas Ordentliches lernt und bald sein Ziel erreicht. Aber wir werden schon tüchtig miteinander arbeiten, nicht, ?«, sie schlang den Arm zärtlich um Hildes zierliches Figürchen. »Ich bin ja so froh, daß ich mit dir gemeinsam studieren darf.«

»Natürlich werden wir büffeln – Ehrensache im Gymnasium. Will doch mal sehen, ob der dumme Günter Berndt jetzt nicht ›Fräulein‹ zu mir sagt.«

Daisy schwieg, herzklopfend dachte sie an ihre letzte Begegnung mit Richards Freund; war es treulos von ihr, daß sie Hilde Günters Zweifel an ihrer Eignung für das Studium verheimlichte? Aber es war ihr nicht möglich, davon zu sprechen.

»Daisy, willst du ein Stückchen Torte essen?« Hilde zog zu Daisys Erstaunen ein arg zerquetschtes, in ein französisches Extemporalblatt gewickeltes Paket aus ihrer Kleidertasche. Es sah nicht sehr vertrauenerweckend aus.

»Woher hast du es?« erkundigte sich Daisy vorsichtig.

»Ach, Daisy, das war ja gestern zum Brüllen, es ist ja mein zweites Stück von unserer Abschiedstorte. Und gerade, als ich unter den Tisch gekrochen war, um heimlich abzubeißen, gab mir Ehlert mein französisches Extemporale zurück. Ich glaubte, ich müßte an dem großen Happen ersticken, kein Wort konnte ich herausbringen, während er mir noch zu guter Letzt eine Standpauke hielt wegen der vielen Flüchtigkeitsfehler. Da hab' ich den Rest der Torte dann lieber gleich in das Extemporale hineingewickelt ...« Sie begann eifrig zu schmausen und Daisy half ihr.

»Was haben sie denn zu Hause zu deiner Prämie und dem glänzenden Abgangszeugnis gesagt, Daisy?« fragte Hilde mit vollem Munde.

Ein Schatten huschte über das holde Gesicht der jungen Amerikanerin.

Sie schwieg.

»Was, waren sie heute etwa wieder eklig zu dir, deine liebe Tante und Fränze, das hochnäsige Ding?« fuhr Hilde auf.

Daisy nickte traurig.

»Kein freundliches Wort haben sie für mich gefunden,« klagte sie leise, »Tante Malwine sagte bloß: ›Na, da haben wir das viele Geld doch wenigstens nicht umsonst für dich ausgegeben‹ und Fränze meinte: ›Gott, solche Prämie ist doch gar nichts Besonderes!‹«

»Möchte wissen, ob der Affenschwanz jemals eine bekommen hat. Das ist doch sicher wieder der pure Neid von ihr; sei doch bloß nicht immer so schafmäßig sanft, Daisy, wenn sie so gemein gegen dich ist; zeig' ihr doch die Zähne – na, ich sollte mal in deiner Haut stecken, ich wäre schon längst aus dem Hause geflogen.«

lachte Daisy, »das glaube ich selbst,« und fügte dann gleich wieder ernst werdend hinzu: »Ja, siehst du, Herzchen, wenn man abhängig ist, lernt man den Mund schon halten; kannst mir's glauben, schwer genug wird's mir manchmal. Aber was soll ich anfangen, wenn sie die Hand von mir ziehen? Onkel Wilhelm tut, was seine Frau will. Ich glaube, das einzige Mal, daß er sich gegen ihren Willen aufgelehnt, war vor fünf Jahren, als er mich trotz ihres Widerspruchs in sein Haus nahm. Na, und oft genug hat sie's ihm seitdem anzuhören gegeben. Onkel Wilhelm ist gut, der würde mir gewiß gern manches im Hause erleichtern, aber er darf nicht. Als ich ihm heute mein Abgangszeugnis gab und er freundlich sagte: ›Schade, Kind, daß deine Mutter, meine gute Schwester, das nicht erlebt hat,‹ hielt sich die Tante gleich beide Ohren zu und rief: ›Um Himmels willen, werdet bloß nicht gefühlvoll, sentimentale Menschen passen nicht in die Welt. Daisy hat doch wohl allen Grund, energisch und tatkräftig zu sein und sich möglichst bald auf eigene Füße zu stellen.‹ – Siehst du, Hilde, deshalb will ich arbeiten, und arbeiten und wenn ich die Nächte zu Hilfe nehmen muß; ich werde den Tag segnen, an dem ich nicht mehr das Gnadenbrot dort im Hause zu essen brauche.«

Hilde ballte ihre Hände.

»Ach – ich möchte – könnte ich doch der geizigen, eingebildeten Gesellschaft, die auf nichts weiter pocht, als auf ihren Geldbeutel, mal ordentlich eins auswischen. Ins Gesicht möcht' ich's ihnen mal sagen, wie lieblos und häßlich sie sich zu dir benehmen; ich wünsche keinem Menschen was Schlechtes, aber ...«

»Schscht,« machte Daisy und legte Hilde die Hand auf den vorschnellen Mund, »nichts sagen, was einem nachher leid tut. Tante Malwine kann es eben meiner armen Mutter selbst im Tode noch nicht verzeihen, daß sie damals ihren reichen Vetter ausschlug und meinem verstorbenen Vater, einem armen Künstler, in die weite Ferne folgte. Trotzdem sie mich doch möglichst bald los sein möchte, hätte sie es doch nie zugegeben, daß ich Lehrerin, Erzieherin oder Tippfräulein geworden wäre, ›plebejisch‹ nennt sie...



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