E-Book, Deutsch, 332 Seiten
Usadel Grau ist bunter als oben und unten
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-4846-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alles Wichtige über Entwicklungstrauma/Bindungstrauma und dessen Heilung.
E-Book, Deutsch, 332 Seiten
ISBN: 978-3-7597-4846-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der ärztliche Psychotherapeut Dr. David Usadel ist seit dem fulminanten Erfolg seines Bestseller-Romans "Die Ordnung der Schmetterlinge" im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus als Experte für Hochsensibilität und frühe seelische Traumata bekannt. Neben der Tätigkeit als Coach, Therapeut und Autor ist er gern gesehener Kongressredner und Podcast-Gast. Die intensive Arbeit mit hochsensiblen Menschen brachte ihn in Kontakt mit dem Thema Entwicklungs-/Bindungstrauma und führte schließlich zu der Erkenntnis, dass diese Bereiche kaum getrennt voneinander betrachtet werden können. Ursprünglich verhaltenstherapeutisch ausgebildet, arbeitet D. Usadel inzwischen überwiegend nach den Prinzipien der körperorientierten Traumatherapie.
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An der Empfangstheke brannte eine Schreibtischlampe. Daneben fiel Coco erneut die ausgeblichene Kunststoffblume auf. Die Luft roch abgestanden. Aus dem Sprechzimmer vernahm sie durch die geschlossene Tür Frauenstimmen. Sie hängte ihre Jacke an den Garderobenständer und nahm im Wartezimmer auf der durchgesessenen Couch Platz. Ob die Therapeutin heute freundlicher sein würde? Vielleicht hatte sie bei dem ersten Termin einfach einen schlechten Tag gehabt! Die Uhr an der Wand verriet, dass die Therapie erneut nicht pünktlich beginnen würde. Coco versuchte, die Augen zu schließen und auf ihren Atem zu achten. Doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab – diese innere Unruhe war kaum zu ertragen! Am liebsten wäre sie an die frische Luft gegangen, um sich zu bewegen. Ihr Blick schweifte über das kleine Bücherregal an der Wand. Neben verschiedenen Zeitschriften und einem alten Schulatlas entdeckte sie ein Buch mit der Aufschrift ›Aufgeben lohnt sich nicht!‹ Sie nahm es aus dem Regal und betrachtete den etwas kitschigen Einband. Dann blätterte sie, wenig konzentriert, darin herum. Auf stark bearbeitet wirkenden Fotos von Landschaften und Naturszenen waren mitunter sehr abgedroschen wirkende Sprüche abgedruckt: ›Erzwinge nichts. Was fließt, lass fließen. Was zu Bruch geht, lass zu Bruch gehen.‹ Oder: ›Dein Atem ist der Anker für das Jetzt.‹ Klingt toll, dachte Coco. Aber wie das wahre Leben zeigt, sind diese Weisheiten wohl nichts für Amateure wie mich! Der Atem als Anker... Sie blätterte weiter. ›Zu viel nachdenken ist wie schaukeln. Man ist beschäftigt, ohne auch nur einen Meter weiterzukommen.‹ Ja, da war etwas dran! ›Erlaube dir mal eine Pause von deinen Gedanken. Du wirst dich wundern, wie wenig du verpasst!‹ Leichter gesagt als getan... Auch passend zum Thema: ›Wenn schon denken, warum dann nicht gleich positiv!‹ Ob die Leute, die sich solche Sprüche ausdachten, deren praktische Anwendbarkeit selbst überprüften? In dem Buch klang das alles so einfach! ›Lass dir die Freude am Leben nicht von deiner Angst nehmen!‹ Sehr witzig... Womit die Frage nach der Überprüfung auf Verbraucherfreundlichkeit wohl geklärt wäre... Auf dem Flur wurde es unruhig und Coco hörte, wie die Therapeutin sich von einer Frau verabschiedete. Sie rechnete damit, jeden Moment aufgerufen zu werden. Ihr Herz klopfte schneller, ihre Hände fühlten sich feucht an. Nichts geschah, die Therapeutin schien wieder verschwunden zu sein. Coco hörte eine Toilettenspülung... Schließlich wurde sie aufgerufen. Die Frau stand in der Mitte des langen Ganges und lächelte Coco zu:
»Bitte, machen Sie es sich schon bequem! Ich habe noch ein kurzes Telefonat zu führen und bin gleich bei Ihnen!« Sie wies Coco ein Zimmer zu – ein anderes als bei ihrem ersten Termin.
Coco setzte sich auf einen der drei Stühle. Auch hier schlechte Luft, doch sie wagte nicht, das Fenster zu öffnen. An der Wand wieder ein Spruch dieser Sorte: ›Triff jetzt die Entscheidung, dein Leben einfach, freudig und leicht zu gestalten!‹ Ja, ihr Kopf hatte diese Entscheidung längst getroffen, deshalb war sie ja hier! Aber Wollen und Können lagen gerade sehr weit auseinander!
Die Therapeutin kam herein und nahm schräg gegenüber von Coco Platz. Sie schaute auf einen Schreibblock, der auf ihrem Schoß lag. Coco war nervös. Sie fasste sich jedoch ein Herz und fragte: »Wie geht es Ihnen?«
Die Frau starrte sie mit großen Augen an. »Mir?« Es entstand eine viel zu lange Pause. Coco wurde schlagartig heiß. »Also normalerweise stelle ich hier solche Fragen!« Coco wäre am liebsten im Boden versunken. »Wie es mir geht, tut hier nichts zur Sache!« Dann schien sie sich um einen freundlicheren Ton zu bemühen – vermutlich hatte sie selbst bemerkt, dass ihre Reaktion etwas harsch ausgefallen war – und ergänzte: »Wissen Sie, es geht hier vor allem um Sie. Das ist Ihre kostbare Zeit! Mein Befinden sollte hier keinen Platz haben.« Coco fühlte sich wie ein kleines, dummes Schulmädchen. »Es gibt den Grundsatz in der Psychotherapie, für den Patienten wie eine neutrale Fläche zu sein, auf die er alles projizieren kann, was seiner Entwicklung dient – Wünsche, Gefühle, Bedürfnisse und dergleichen. Deshalb ist es besser, wenn wir uns auf Sie konzentrieren und mein Privatleben hier ausblenden.« Sie trank einen Schluck aus einer überdimensioniert wirkenden Tasse, die sie auf dem Tischchen abstellte, welches zwischen ihnen stand. Coco hielt ihr den Stapel der Fotokopien entgegen. Wie in der anderen Praxis zuvor, so hatte sie auch für diese Therapeutin einiges ausfüllen müssen.
»Ah, Sie haben ihre Hausaufgaben erledigt!« Die Zettel verschwanden in einer Mappe, die sie unter dem Schreibblock hervorzog. »Dazu kommen wir ein andermal.« Coco war schwindelig, sie wagte jedoch immer noch nicht, für frische Luft zu sorgen. »Sind Sie noch da?« Die Frau hatte sich etwas nach vorne gebeugt, den Kopf leicht zur Seite geneigt und sah Coco mit fragendem Blick an. »Ich denke, Sie sollten sich etwas konzentrieren, schließlich wollen wir die Zeit doch optimal nutzen!« Sie verzog den Mund zu einem wenig glaubwürdigen Lächeln. Optimal nutzen... Coco verkniff sich ihren Kommentar. Um die Zeit optimal zu nutzen, könnte man zum Beispiel pünktlich anfangen und Telefonate und Toilettenbesuche zwischen den Terminen erledigen! »Wie ich bei unserem ersten Termin bereits angekündigt habe, möchte ich mit Ihnen heute eine Übung machen, die wir als wichtigen Baustein für die weitere Therapie benötigen. Es handelt sich um den sogenannten ›inneren sicheren Ort‹.« Coco hatte bereits davon gehört. »Wir wollen den Ort nicht künstlich konstruieren, sondern nutzen die Vorteile der Hypnotherapie. Sie brauchen nicht viel zu machen – entspannen Sie sich einfach und lassen Sie die Bilder entstehen!« Sich einfach entspannen... Das klang geradezu absurd unter den gegebenen Umständen – zumal Coco die Frau kaum kannte! Bei Hypnotherapie musste sie an diese Hypnose-Shows im Fernsehen denken: an Leute, die wie fremdbestimmt irgendwelche Sachen auf der Bühne ausführten und sich hinterher angeblich an nichts erinnern konnten. Diese Vorstellung machte ihr Angst! Sie wagte aber nicht, ihre Bedenken zu äußern und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
»Nehmen Sie eine bequeme Haltung ein.«, setzte die Therapeutin an. Coco fühlte sich unwohl. Trotz der vorherigen Blamage wagte sie ihre Frage schließlich doch:
»Verliere ich dann die Kontrolle und bin ihnen ausgeliefert, bis Sie die Übung beenden?«
Die Therapeutin lachte: »Das hat nichts mit diesen Zaubershows zu tun, falls Sie an so etwas denken! Hier geht es darum, Sie in einen entspannten Zustand zu versetzen, der das wertende und sortierende Tagesbewusstsein ein Stück weit in den Hintergrund treten lässt und Raum gibt für die Bilder des Unterbewusstseins. Dieser Zustand entspricht in etwa der Phase kurz vor dem Einschlafen, wenn die ersten Traumbilder auftauchen und die Muskulatur sich durch die charakteristischen Zuckungen bemerkbar macht. Also nochmal! Nehmen Sie nun eine bequeme Haltung ein. Wenn möglich, schließen Sie die Augen... Spüren Sie den Kontakt mit der Sitzfläche, dem Boden, der Rückenlehne...« Coco rutschte etwas herum. Wie sie sich auf diesem Stuhl entspannen sollte, war ihr ein Rätsel, aber sie wollte sich bemühen, der Methode eine Chance zu geben. »Lassen Sie das Gefühl zu, sich fallen zu lassen. Der Atem geht ruhig und regelmäßig... Mit jedem Ausatmen kommen Sie näher zu sich... Die Geräusche aus der Umgebung treten in den Hintergrund... Jeder Muskel des Körpers darf sich jetzt entspannen, lockern und lösen...« Coco hielt der Frau zuliebe die Augen geschlossen und versuchte, gedanklich nicht allzu sehr abzuschweifen. Die gedämpfte Stimme und die langsame Sprechweise der Therapeutin wirkten gekünstelt. Sie leitete eine Art Körperreise an und forderte Coco auf, ihr Bewusstsein in die einzelnen Körperregionen zu lenken. »Und während Ihr Körper nun ganz entspannt dasitzt, lassen Sie störende Gedanken einfach vorbeiziehen, wie Wolken am Himmel... Und Sie schauen einmal, welches Bild sich zeigt, wenn Sie an einen schönen, sicheren Ort denken, den Sie mit Geborgenheit und einem Wohlgefühl verbinden...« Sie wartete einen Augenblick, dann fuhr sie fort: »Achten Sie dabei besonders auf die Grenzen dieses Ortes. Diese sollten Ihnen Sicherheit und Schutz vermitteln, ohne einengend zu wirken...« Coco spürte, wie sich der Nacken verspannte und sie korrigierte ihre Haltung ein wenig, in der Hoffnung, die Therapeutin nicht zu enttäuschen, da es ihr offenbar nicht gelang, sich angemessen zu entspannen. »Und nun beschreiben Sie bitte, was Sie sehen.«
Coco stockte der Atem. Auch das noch... »Also?«, hakte sie nach. Coco räusperte sich. Es war ihr unangenehm, mit geschlossenen Augen einer Fremden ihre inneren Bilder zu schildern. Aber...




