Uschmann / Witt | Krallen rein! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Uschmann / Witt Krallen rein!

Über das wahre Leben mit Katzen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-492-97386-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Über das wahre Leben mit Katzen

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-492-97386-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Krallen rein« ist ein Plädoyer für die Katz ohne Kompromisse. Ein Buch, in dem Katzenfreunde erfahren, wie es sich als Eigentum einer Katermeute so lebt, was die frisch eingeritzten Hieroglyphen in den Möbeln bedeuten und wie die Katzen schon auf der Kairoer Konferenz vor 30.000 Jahren ihre Herrschaft über die Menschheit planten. Außerdem übersetzen die Autoren salbungsvolle Sprüche aus Katzenkalendern in die Wahrheit, verraten, wieso kraftvolles Kacken ein Liebesbeweis ist und offenbaren, warum man nach der Bestrahlung der Katzenschilddrüse wochenlang nuklear verseuchte Streu in einem Strahlenfass sammeln muss.

Oliver Uschmann wurde geboren, als seine Eltern es für angebracht hielten und wuchs in Wesel am Niederrhein auf. In Bochum studierte er Literatur und in Berlin das Leben. Mit seiner Frau Sylvia Witt veröffentlicht er Jugendromane, Erwachsenenromane sowie lustige und ernste Sachbücher. Ihre bekannte Romanserie »Hartmut und ich« haben die beiden als »Hui-Welt« im Internet sowie 2010 als bewohnbare Ausstellung namens »Ab ins Buch!« aufgebaut. Auf der Videospielkonsole stellt sich Oliver Uschmann regelmäßig den schwersten Gegnern. Zu seinen Hobbies außerhalb des Hauses gehören das Barfußlaufen und das Guerilla-Gärtnern. Außerdem begrüßt er jedes natürliche Gewässer, indem er vollständig seinen Schädel hineinsteckt. Uschmann lebt mit seiner Frau sowie zwei Katern auf einem Dorf im Münsterland.
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Weitere Infos & Material


Die Integration (1) oder wie man einen misstrauischen Scheunentiger zähmt


Die Katze braucht Gesellschaft. Die Katze braucht Gefährten. Allerdings gilt für alle Beteiligten, dass für eine gelungene Integration viele Sensibilitäten beachtet und faire Geschäftsbedingungen ausgearbeitet werden müssen. Diese Aufgabe erfordert kluge Entscheidungen, vollen Einsatz und besten Willen aller beteiligten Menschen und Tiere. Eine strenge Erziehung spielt dabei ebenso eine Rolle wie bedingungslose Liebe und das Wissen darum, dass wir alle die Welt immer noch wie ein Wunder betrachten, solange wir klein genug sind.

Wenn Gobi durch das Wohnzimmer läuft, hört man es im ganzen Haus. Es klingt wie die Sohlen von Lackschuhen bei einer Vernissage. Sehr leise Schuhe natürlich. Dafür durchdringend spitz und klar in ihrem Klang auf den Dielen. Gobi hat sich angewöhnt, beim Laufen die Krallen draußen zu lassen. Bei jedem Schritt klackern sie auf dem harten Holz.

Kla-Klack.

Kla-Klack.

Kla-Klack.

Im hohen Alter haben Katzen häufig keine Wahl. Sie verlieren ihre Fähigkeit, die Krallen überhaupt wieder einzuziehen. Gobi kann das noch. Kuschelt man mit ihr im Bett und sie verlegt sich aufs Stampfen, kommen weniger Krallen zum Einsatz als beim Spazieren zwischen Bibliothek und Sofas. Macht sie einen auf »unschuldiges Baby«, sind die scharfen Waffen sogar vollständig verschwunden und die Pfoten nur noch reinster, herzerweichender Flausch.

»Muuu-arrrk!«

Ihr Klagelaut.

Üblicherweise nutzt sie ihn, wenn sie das »beseelte Bällchen« im Maul spazieren trägt. Ein einzigartiges Drama. Seit wir hier leben, spielt sie es uns vor. Sie hat einen kleinen, bunten Spielball aus weichem Filz zu ihrem »Baby« auserkoren. Dieses winzige Schutzobjekt schnappt sie sich und trägt es durchs Haus. So, wie eine Mutterkatze ihren Nachwuchs am Nacken tragen würde. Sie legt das Bällchen irgendwo ab, hebt den Kopf und fängt an, zu wehklagen. Kommt man endlich nachsehen, was los ist, hört sie augenblicklich damit auf und tut so, als sei nichts gewesen.

Der Klagelaut von heute meint allerdings nicht das Bällchen-Drama.

Auch keine Bettelei, nach draußen zu dürfen. Ich muss nicht bei ihr im Wohnzimmer sein, um zu wissen, wie sie jetzt dort vor der Scheibe der Terrassentür steht. Ich stelle die Tasse ab, die ich in der Hand habe, da ich gerade die Spülmaschine ausräume, und gehe aus der Küche hinaus zu ihr. Oliver trainiert gerade Kondition im eigenen Haus. Er rennt schwitzend die Treppen auf und ab.

»Muuu-arrrk!«

Gobi hebt das Köpfchen wie ein winziger Wolf, der den Mond anheult. Das beseelte Bällchen hat sie nicht bei sich, und wie erwartet, kratzt sie auch nicht an der Scheibe.

Würde sie die Tatzen über das Glas ziehen und dabei ganz normal miauen, hieße das: Ich will raus. Aber den Kopf in den Nacken zu werfen und den Klageruf ertönen zu lassen bedeutet: Ich bin einsam! Ich brauche endlich wieder eine zweite Katze im Haus!

Die Gefährten und Gefährtinnen, mit denen Gobi früher meine Wohnung teilte, sind alle mit den Jahren verstorben. Sie und ihr Bruder Ovid waren damals die jüngsten unter den bereits vorhandenen Katzen, als sie zu mir kamen. Sie lernten sogar noch sechs Wochen lang meinen ersten Kater Padouar kennen, der mich seit meinem achten Lebensjahr begleitet hatte. Ihren Bruder Ovid und vor allem ihre »Ziehmutter« DJ sterben zu sehen traf sie besonders. Doch auch der Abschied von »Opa« Padouar, »Tante« Dali und sogar von der nur kurz bei uns gelebt habenden alten Dame »Paulinchen«, die auf einem Bahnhof ausgesetzt worden war, war schwer für sie. Bis sechs Monate vor meinem Umzug ins Haus auf dem Land mit Oliver teilte sich Gobi ihr Leben mit der letzten übrig gebliebenen Katze Maxine, einem zauberhaften, sensiblen Herzchen. Sie erlag einem Tumor. Es brach mir das Herz, denn ich hätte sie gerne mit Gobi den Garten erkunden sehen. Dessen Vorzüge sowie die Größe des Hauses haben Gobi mittlerweile überzeugt, dass sie sich wohntechnisch verbessert hat und glücklich sein kann, nun hier zu leben. Aber nicht länger ohne ein Gegenüber gleicher Spezies.

Oliver betritt schwitzend das Wohnzimmer. Er keucht. In seiner Lunge rasselt es, als wären Entrümpler zu Gange, die den wertvollen Metallschrott vom Unrat trennen.

»Gobi braucht einen Gefährten«, sage ich.

Oliver schaut zur klagenden Katze.

Im Garten taucht eine Nase zwischen den Lebensbäumen der Hecke auf. Ein Kater auf Rundgang. Merlin. Riesig gewachsen, solides Bäuchlein, ein Kopf wie ein Handball und nur noch ein Auge. Er lebt irgendwo ganz oben in der Siedlung, die Einheimische liebevoll »den Hypothekenhügel« nennen, weil außer uns jeder hier gekauft hat. Wir kennen Merlins Namen, da sein Herrchen den gemütlichen, alten Freigänger drei Mal die Woche sucht. Dann läuft der Mann über die Wege und Felder und verkündet lautstark den zauberhaften Namen.

»Meeerlin!«

»Meeeeeerliiin!«

»Meeeeeeeeeeeerliiiiiin!«

Entlang der runden Palisaden unserer Terrasse stolziert Merlin unter der Weide hindurch um die Ecke zur Vorderseite des Hauses. Gobi flippt aus. Wie von der Tarantel gestochen rennt sie zu den Erkerfenstern. Dass auf der kurzen Route ein Sofa im Weg steht, quittiert sie beiläufig mit einem Zwei-Meter-Sprung. Ihre Pfoten berühren das Möbelstück kaum, so eilig rast sie darüber hinweg. Sie rammt alles, was sie hat, gegen die Scheiben. Tatzen, Kopf, Bauch, Schwanz. Wie im Wahn stürzt sie sich gegen das Glas. Es wirkt, als wolle sie ihr Revier gegen den Eindringling verteidigen. Als wolle sie sagen: Lasst mich raus, damit ich ihn aus der Rabatte verjagen kann. Es heißt allerdings das Gegenteil: Ich will zu ihm, damit wir Freundschaft schließen.

PASSENDE GEFÄHRTEN
Kaum jemand würde eher als wir unterschreiben, dass Katzen genauso einen individuellen Charakter ausbilden wie Menschen. Deswegen kann es natürlich auch unter ihnen Einzelgänger und Eigenbrötler geben, die tatsächlich ohne weitere Artgenossen am besten klarkommen. Wie bei den Menschen stellen diese Eremiten allerdings eine Minderheit dar. Es gibt schließlich auch bei uns einen Grund, warum sich die Provinz entvölkert, die Städte wachsen und in den Bergen die Pächter nicht gerade zu Hunderten die Alm herunterpurzeln, weil sich Tausende um die eine verfügbare Hütte prügeln. Was die Mehrheit der Katzen allerdings mit der Mehrheit der Menschen teilt, ist, dass sie nicht einfach so jeden Neuankömmling auf der Stelle und ohne zu verhandeln als ihren Nachbar oder Mitbewohner akzeptieren. Die Grundregeln, die viele Ratgeber zu diesem Thema verbreiten, können wir allerdings nicht als eherne Gesetze bestätigen. Da heißt es dann etwa, dass man einer bereits vorhandenen Katze nahezu problemlos einen neuen Kater beiseitestellen könnte, aber nicht umgekehrt. Oder es wird behauptet, dass ältere weibliche Katzen jüngeren Katern gegenüber grundsätzlich die Rolle der Mutter einnähmen, während ältere Kater kleine Jungs weniger als Sohn denn als Bruder betrachten. Derlei Pauschalisierungen mögen hilfreich sein, wenn man Ratgeber schreibt. Außerdem mag es der Mensch, wenn er prinzipielle Verhaltensaussagen über Geschlecht und Alter treffen kann. Das macht er auch innerhalb seiner eigenen Spezies sehr gerne. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass Katzen untereinander immer irgendeine Rollenverteilung finden. Die kann erstaunlich vielfältig sein. Mal werden sie Brüder, mal Freunde, mal lediglich Mitbewohner, die sich gegenseitig dulden. Manche nehmen die Rolle des strengen Vaters, der überbehütenden Mutter oder der gütlichen Oma ein. Manche entscheiden sich dafür, die verrückte Tante aus dem Odenwald zu geben, deren Exzentrik legendär ist. Natürlich kann es auch passieren, dass die Integration einer neuen Katze vollständig fehlschlägt und die »Einheimischen« den Zuwanderer in den Haushalt selbst nach Wochen und Monaten nicht akzeptieren. Das kommt allerdings seltener vor, als man befürchtet. Ich habe in meinem Leben sogar das absolute Gegenteil davon erleben dürfen. Meine Katze DJ und mein Kater Ovid wurden aus reiner Zuneigung zueinander zum Liebespaar. Beide waren kastriert. Die Biologie gab ihnen keinerlei »Grund« dazu. Es waren ausschließlich ihre Gefühle füreinander. Wenn sie miteinander schliefen, hatte das nichts mit dem kurzen, extrem ruppigen Akt zu tun, den Sex unter Katzen darstellt, wenn es tatsächlich um die Vermehrung geht. Der ist kein echtes Vergnügen für die Tiere und schon gar nicht für die Katze. Bei Ovid und DJ durfte man im wahrsten Sinne des Wortes davon reden, dass sie »Liebe machten«. In einer Ruhe und Zugewandtheit, die kein konventioneller Verhaltensforscher für möglich halten würde.
Es geht also sehr individuell zu, wenn Katzen einander als neue Mitbewohner begegnen. Nur eine Faustregel kann man nennen: Es ist immer leichter, wenn zu einer erwachsenen Katze ein Tier im Babyalter hinzukommt. Nicht Kleinkind. Nicht Vorschulalter. Wirklich: ein Baby. Sobald sie angefangen haben, ihre ersten Worte zu sprechen oder eine Folge von Bob, der Baumeister zu begreifen, ist es schon zu spät.
Ein Baby weckt in jeder erwachsenen Katze den Instinkt, sich um das hilflose Wesen zu kümmern. Ähnlich wie der Mensch kann sie nicht anders. Stellen Sie sich den gröbsten und härtesten vor dem Leben geflüchteten Mann vor, der mit seinem Flanellhemd, seiner Schrotflinte und seiner Axt in den Bergen lebt. Einen Erwachsenen würde er mit der Flinte vom Hof jagen. Einen Teenager ebenso....



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