E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Valencak Die Höhlen Noahs
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7017-4281-3
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4281-3
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hannelore Valencak geboren 1929 in Donawitz in der Steiermark, Physikerin. Arbeitete als Metallurgin in einem steirischen Stahlwerk, ab 1962 als Patentsachbearbeiterin in Wien. Seit 1975 freie Schriftstellerin, schrieb Lyrik und Erzählungen, veröffentlichte fünf Romane und einige Jugendbücher. Hannelore Valencak starb 2004 in Wien. 'Das Fenster zum Sommer' erschien in seiner Erstfassung 1967 unter dem Titel 'Zuucht hinter der Zeit' und wurde 2011 mit Nina Hoss in der Hauptrolle verfilmt. 'Die Höhlen Noahs', ihr erster Roman, erschien erstmals 1961.
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WENN Martina hungrig war, mußte sie etwas zu essen haben, und sie wählte zumeist den Weg, der ohne Umstände zum Ziel führte: Sie stahl, was sie brauchte. Dies wurde immer schwieriger, denn die anderen hatten herausgefunden, daß mehr Fleisch verschwand, als sie gemeinsam verbrauchten, und daß Martina wohlgenährt aussah. Die Verstecke wurden immer besser und immer unzugänglicher angelegt. Martina mußte manchmal tagelang suchen, bis sie mit der sicheren Witterung eines Tieres darauf stieß.
Dieser Zustand war zwar anstrengend, doch brachte er auch Vorteile mit sich. Da es zwischen ihr und den anderen allmählich zu einem regelrechten Kleinkrieg gekommen war, brauchte sie auf niemand mehr Rücksicht zu nehmen. Auch Gewissensbisse hatte sie nicht mehr. Aus Diebstahl war offener Raub geworden.
Das Stück Räucherfleisch, auf das sie es abgesehen hatte, entdeckte sie in einem Seitengang der Höhle, dicht unterhalb der Deckenwölbung. Es war in eine Ausbuchtung hineingeschoben wie in eine offene Lade und mit Lattichblättern gegen die Nässe geschützt. Martina wußte, daß es für das Nachtmahl bestimmt war, doch bis zum Abend war es noch lang. Und durch fünf geteilt, ergab es für den einzelnen wenig genug. Besser war, es jetzt und allein zu haben.
Sie reckte sich und preßte sich gegen den Felsen, der von schleimiger Nässe überzogen war und sich mit nadelscharfen Auswüchsen in die Haut bohrte. Ihre Finger fanden Halt in einer Mulde, und ihre Knie ertasteten winzige Vorsprünge. Sie zog sich empor und riß das Fleisch mit einem Ruck zur Erde. Ihre Handflächen waren aufgeschunden, und ihre Knie bluteten, aber die Beute gehörte ihr. Sie bückte sich danach und schob sie unter ihren Arm. Einen Augenblick hatte sie gemeint, Stimmen zu hören. Rasch löschte sie den Span aus, der ihr Licht gegeben hatte, und bemühte sich, flach und leise zu atmen. Nach einer Weile kroch sie auf Händen und Füßen der Helligkeit zu und spähte in die schwach erleuchtete Wohnhöhle. Dort war niemand zu sehen.
Da tat sie zwei, drei große Schritte und war draußen im Freien, wo ihr keiner mehr die Beute abjagen konnte. Ein paar verstreute Lattichblätter würden verraten, was sie getan hatte, doch kümmerte sie sich nicht darum. Auch dies war ein Vorteil des offenen Krieges: Er enthob sie der Mühe, die Spuren verübter Untaten zu tilgen.
Sie floh über die Grashänge zum See hinunter, bis sie sich außer Gefahr wußte. Als sie in den Gürtel der Krüppelkiefern eintauchte, sah sie noch einmal um sich und ging langsamer weiter. Ihre Hände befingerten das Stück Fleisch, das schon körperwarm war und sich wunderbar straff anfühlte. Jetzt, da ihr die Sättigung sicher war, machte es ihr Vergnügen, sie noch eine Weile zu verzögern.
Es war Frühsommer und der Almgrund von tiefgelben Aurikeln übersät. Ein paar Wochen noch, dann welkten sie wieder, dann hörte das Leben wieder auf, ein klein wenig schön zu sein.
Vom Seeufer zogen sich Matten weit hinauf an die Felsgrenze und wurden dort wie Brandung zurückgeworfen. Das Gebirge war ein starrer Ring, der seit Jahrtausenden hielt und sich an keiner Stelle hatte sprengen lassen.
Über dem Felsen, den sie den Letzten Krieger nannten, ging groß und glühend die Sonne unter. Dabei übergoss sich der Himmel mit einem schrecklichen Rot. Es schien stofflich zu sein, dicht und stickig wie Brandrauch, und erweckte unwillkürlich Angst, es atmen zu müssen. Martina wußte gut, seit welchen Tagen es diese Sonnenuntergänge gab, und immer kam mit diesem Rot die Erinnerung zurück, wie sehr sie sich auch mühte, davon frei zu werden.
Mit dem Westwind jagten Wolken über die Grate und bäumten sich steil auf wie eine Herde, die vor dem Abgrund scheut. Am Kesselgrund war kein Wind zu spüren, darum wirkten die Wolken wie etwas Lebendiges, das sich aus eigener Kraft bewegt, das Angst hat und sich anstemmt und weitergewälzt wird, über den Rand der Felsen hinaus. In solchen Augenblicken war es gut, etwas in den Händen zu haben. Wenn es auch nur das Fleisch eines toten Tieres war, das Martina umklammerte, so bannte es doch die Geister dieser roten Stunde und hielt sie von der Erde ab.
Sie erreichte das Seeufer, überquerte mit einem langen Schritt einen versumpften Zufluß und schritt über die schmatzenden Moospolster zu einer sandigen Bucht hinüber, an die fester und grasiger Boden grenzte. Sie raffte den Rock und setzte den Fuß in das Wasser. Die Kälte biß heftig zu, doch Martina ließ sich trotzdem tiefer gleiten und watete zu einem Felsbrocken hinüber, der ein Stück vom Ufer entfernt im Flachwasser lag.
Sie erkletterte den Felsen und zog sich den Kittel über die Beine. Ein wohliges Gefühl durchströmte sie, und sie schlug mit einem kehligen Auflachen die Zähne in das Fleisch. Es war hart wie Holz und hing in zähen Sehnen am Knochen fest, aber Martinas Kiefer waren stark. Sie waren darin geübt, das harte Rauchfleisch von Schafen und Ziegen zu zerbeißen.
Nun gab sie sich ganz der einfachen Freude des Essens hin. Indessen verblaßte das Rot am Himmel mehr und mehr, bis die Wände wieder kreidig in der Dämmerung standen. Martinas Hunger hatte längst nachgelassen, doch sie aß aus Freude am Überfluß weiter, bis sie zu müde zum Kauen war und ihre Wangenmuskeln schmerzten. Dann warf sie die halb abgenagte Keule weit hinaus in das tiefe Wasser, von wo keiner sie zurückholen konnte. Das Verschwenden war eine Lust, trotz der Not, die sie litt. Sie hatte gestern gehungert und würde es morgen wieder tun. Was kümmerte sie das! Jetzt war sie satt und unangreifbar. Was sie sich geraubt hatte, gehörte endgültig ihr, war in ihr. Niemand konnte es ihr mehr entreißen. Sie zog sich an das Ufer zurück und legte sich ins Gras. Hier, in dieser windstillen Mulde, die noch warm von der Sonne war, fühlte sie sich wohl. Alles war gut, außer daß sie allein war, sie, eine junge, durch und durch lebendige Frau. Sie hatte keinen Gefährten, der ihre Zufriedenheit teilte, der an ihrer Seite lag und ihr den Arm unter den Nacken schob. Er hätte nichts reden und nichts tun müssen. Seine Nähe wäre genug gewesen. Sie hätte die Wange an seine Brust geschmiegt und wäre eingeschlafen.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie nicht allein gewesen war. Seither waren Jahre vergangen. Der Mann, den sie mit ihrer ganzen Kraft geliebt hatte, lebte nicht mehr. Er war erschlagen worden. Seit damals fehlte etwas in der Welt, das durch nichts mehr zu ersetzen war. Es gab die Lust des Raubes, es gab die Stillung von Hunger. Der Körper war in zartes Gras gebettet, und dem Auge bot sich Schönheit dar. Aber alles blieb ohne Wärme und Glanz.
Mit einem Laut wie ein Aufweinen schmiegte sie ihren Körper an den harten, von Baumwurzeln und Steinen durchsetzten Boden.
Lange blieb sie so liegen, die Arme ausgebreitet, das Gesicht im Gras. Die Bergkräuter rochen würzig und stark. Ihr Duft betäubte ein wenig die Sinne und half einzuschlafen.
Martina war schon zwischen Wachen und Traum, als sie oben bei den Bäumen ein Lachen hörte. Sie fuhr empor und packte einen Stein. Hinter einer Kiefer trat ein Mädchen hervor und kam mit aufreizender Furchtlosigkeit näher. Es war in dem Alter, da es die ersten Zeichen der Reife zu zeigen begann, und es trug die Häßlichkeit dieser Jahre linkisch, doch unbekümmert zur Schau.
Sie starrte Martina neugierig in das verweinte Gesicht. Ihr kleiner, dünner Mund zuckte vor Heiterkeit, und in ihren Augen saß ein schadenfrohes Licht.
»Luise! Was suchst du hier?« rief Martina.
»Ein Stück vom Fleisch, das du uns gestohlen hast.«
Martina deutete mit dem Kinn zum Wasser. »Wenn die Fische es dir zurückgeben, kannst du es dir von dort holen.«
Luise stürzte sich auf Martina und schrie: »Ersticken sollst du daran! Es war unser letztes Fleisch, und du fütterst die Fische damit.«
Martina wehrte sich ein wenig. Es machte ihr keine Mühe, das leichte Geschöpf von sich fortzustoßen und mit einem einzigen drohenden Ausholen ihres Armes zu zähmen.
Luise kehrte sich ab. Die Enttäuschung trieb ihr Tränen in die Augen. Sie kauerte sich in das Gras und verbarg das Gesicht in der Armbeuge.
»Nicht weinen«, sagte Martina, rasch besänftigt. »Das nächste Mal werde ich dir ein Stück übriglassen.«
Luise biß an ihren Fingerknöcheln und starrte verzweifelt zu Boden. »Wenn die Geiß heute ein Böcklein wirft, dann schlachten wir morgen nicht. Wer weiß, wann wir dann wieder Fleisch in die Suppe bekommen.«
»Nun ja«, sagte Martina ungerührt, »wenn es aber ein Weibchen wird, dann gibt es ein Fest, und du wirst den Bauch voll haben mit Blutkuchen und gesottenen Innereien. Heute bin ich satt und morgen du.«
Luise...




