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E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Valero Schachnovellen


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-946334-97-2
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-946334-97-2
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf Reisen führt manchmal der Zufall Regie. Viermal bricht Vicente Valero auf, nach Italien und Dänemark, nach Zürich und Augsburg. Stets im Gepäck: das von einem Onkel geerbte Reiseschach. Was unbeschwert beginnt, mit Schachpartien und Begegnungen mit offenem Ausgang, wird zu einer detektivischen Suche nach Orten und Plätzen, wo sich die Lebenslinien von fünf europäischen Geistern kreuzen: Brecht und Benjamin in Svendborg 1934; Nietzsche, kurz vor seinem geistigen Zusammenbruch in Turin; Kafka bei der berühmten Lesung in München 1916; Rilke schließlich, der 1921 in Berg am Irschel versucht, sein Hauptwerk endlich zu vollenden.

Vicente Valero, geboren 1963 auf Ibiza, wo er auch heute lebt. Er hat zahlreiche Gedichtbände veröffentlicht, dazu Essays und erzählende Prosa. Auf Deutsch erschien 2006 'Der Erzähler. Walter Benjamin auf Ibiza 1932 und 1933' (Parthas), bei Berenberg 'Die Fremden' (2017) und zuletzt 'Übergänge' (2019).
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Inseln
hinter den Inseln


Am Tag nach meiner Ankunft in Helsingborg durchquerte der Orkan »Xaver« Nordeuropa und ließ seine Wut erbarmungslos an Wäldern und Stränden, Häfen und Straßen, Schiffen und Häusern, Dörfern und Städten aus, und der Öresund, der mir am Morgen davor auf den ersten Blick nur wie ein breiter sanfter Fluss erschienen war, der zwischen Dänemark und Schweden dahinfließt – zunächst, als ich ihn, nach der Landung auf dem Flughafen Kopenhagen, im Taxi auf der grandiosen neuen Brücke überquerte, die nach ihm benannt ist, später von dem Haus am schwedischen Ufer aus, wo ich bereits erwartet wurde, um die nächsten zwei Wochen dort zu verbringen –, verwandelte sich unversehens in einen tosenden Ozean, dessen Wellen – voller roter Algen – fast drei Tage lang unermüdlich gegen Türen, Fenster und Wände anbrandeten. Zu Beginn des gewaltigen Sturms wanderte mein Gastgeber, der Maler Jorge Castillo, offensichtlich beunruhigt im Haus herum – es handelte sich um ein hundert Jahre altes, modernisiertes Gebäude, das einst, nacheinander, wie ich vermute, der Wohnsitz eines Konsuls, ein Zollamt und ein berühmtes Bordell gewesen war –, stieg die Treppe hinauf und wieder hinab, versuchte vergeblich, mit diesem oder jenem per Handy zu telefonieren, bespannte Rahmen oder kochte Gemüse, während ich, bemüht, mich auf die Lektüre eines der Bücher zu konzentrieren, die ich mitgebracht hatte – Gracq, Sciascia, Tranströmer, Walser –, in einem eleganten, mit rotem Samt bezogenen Sessel saß – womöglich ein Überbleibsel aus der Zeit, als hier noch diplomatische oder Liebesdienste erwiesen wurden, sagte ich mir – und mich ab und zu erhob, um den Kaffee aufzuwärmen oder neuen zu kochen, obwohl der unerwartete Orkan mich, der ich derlei noch nie erlebt hatte, sicherlich stärker beeindruckte und beunruhigte als den vielgereisten Künstler Castillo, der mit seinen achtzig Jahren bereits alles Mögliche gesehen und sich in den unterschiedlichsten Gegenden der Welt aufgehalten hatte. Schon bald jedoch wurde mir klar, was der eigentliche Grund für seine Unruhe war: Wir befanden uns bereits in der ersten Dezemberwoche, aber es war noch nicht eine Schneeflocke gefallen. Jorge Castillo war nach Schweden gekommen, um verschneite Landschaften zu malen, und jetzt war auch noch ich da, um über diese Landschaften zu schreiben, anders gesagt über Bilder, die noch gar nicht existierten, mein Besuch musste aber nicht zwangsläufig ergebnislos bleiben, war doch zum einen bereits mindestens ein Dutzend Bilder aus dem vergangenen Winter vorhanden, als der Maler zum ersten Mal in Helsingborg gewesen war, und alle enthielten sie reichlich Schnee und Kälte; zum anderen hatten wir, seit wir uns im Sommer 2008 kennengelernt und Freundschaft geschlossen hatten, bei all unseren Begegnungen fruchtbare Gespräche über Kunst und Natur geführt, die auch jetzt, inmitten des nicht enden wollenden skandinavischen Unwetters, kraftvoll wieder auflebten, wie man so sagt, woraufhin sich, wie einer stillen Anrufung Folge leistend, die Namen Corot, van Gogh, Feuerbach, Corinth und so weiter einstellten, um uns Gesellschaft zu leisten und bei der Überbrückung der langen Wartezeit zu helfen. Selbstverständlich gab es ebenso um nichts weniger lange Momente des Schweigens, die wir damit zubrachten, melancholisch die riesigen Wellen zu betrachten und dem Toben des Windes zu lauschen. Am zweiten Nachmittag unserer erzwungenen Klausur fiel mir ein, dass ich mein kleines Klappschach in dem abgewetzten Lederfutteral dabei hatte – obwohl es meistens ungeöffnet bleibt, packe ich es, immer wenn ich verreise, für alle Fälle mit ein –, auch dies, wenn man so will, eine Form der Anrufung, hat es vor mir doch meinem Großvater väterlicherseits, den ich nie kennengelernt habe, meinem Onkel Alberto, der professioneller Schachspieler war, und meinem Vater gehört, und alle, vor allem der Zweite natürlich, benutzten sie es viel mehr als ich, ein sentimentales Erbstück also, dem ich stets größte Achtung zukommen lasse – die Achtung desjenigen, der zweifellos immer schon der schlechteste der vier Spieler war und das auch für alle Zeit bleiben würde. Ich stand auf, um es zu holen, zog es aus dem Futteral und stellte es auf den Tisch, steckte die weißen und roten Holzfiguren langsam und liebevoll in die ihnen jeweils zukommende Position und wollte mich, wie schon bei anderen Gelegenheiten, daranmachen, das eine oder andere Läufer- oder Springerproblem – die sind mir am liebsten – zu lösen, aber Castillo, der bereits seit einer ziemlichen Weile scheinbar schlafend auf einem Sofa lag, richtete sich plötzlich auf und fragte, ob ich Lust hätte, eine Partie mit ihm zu spielen. Bis morgens um drei spielten wir so Partie um Partie, und wie immer bei diesem Spiel – vielleicht ist es ja unter anderem zu diesem Zweck erfunden worden – vergaßen wir alles um uns herum, sogar den Orkan, der unverändert wütend gegen das Haus anstürmte. Innerhalb weniger Minuten versanken wir vollständig in jener seltsamen anderen Welt aus Winkelzügen und strategischen Überlegungen, Verlusten und Eroberungen. Wie immer, wenn ich Schach spiele, packte mich auch diesmal die Begeisterung – oder Besessenheit, schwer zu sagen –, die in jedem Fall der entscheidende Grund dafür war, warum ich dieses Spiel in meiner Jugend irgendwann ganz aufgeben musste. Angefangen hatte ich schon als Kind, aber erst mit fünfzehn wurde ich ein richtiger Schachspieler, nicht im professionellen Sinn, natürlich, obwohl mir so etwas damals zweifellos vorschwebte, vielmehr verwandelte ich mich mit fünfzehn in einen abweisenden und ganz in sich selbst versunkenen Jungen, der nur noch Schach spielte und nicht einsehen wollte, dass es darüber hinaus auch andere Dinge gab. Ich lebte geradezu in dem Schachclub ganz in der Nähe unseres Hauses, und sämtliche Bücher, mit denen ich mich damals beschäftigte, hatten ausschließlich mit diesem Spiel zu tun, bis mein Vater beschloss, mich dort herauszuholen – obwohl er selbst weiterhin jeden Nachmittag zur gleichen Uhrzeit hinging –, wobei er mir unmissverständlich klarmachte, dass es auch noch eine andere Welt gab – die der Schule an erster Stelle –, eine durch und durch wirkliche, wenn auch »vielleicht nicht ganz so vollkommene« Welt, wie er sich, meiner Erinnerung nach, ausdrückte – vermutlich wusste er genau, wovon er sprach –, eine Welt, an die ich mich letztlich wohl nie so gut angepasst habe wie an jene andere Welt des Verstands und des Spielbretts. Vielleicht deshalb steigt auch, sobald ich wieder einmal Schach spiele, was bestenfalls zwei- oder dreimal im Jahr vorkommt, ein Teil jener versunkenen Gefühle wieder in mir auf, die ich empfand, wenn ich als Jugendlicher meine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die leuchtende Klarheit des Schachspiels richtete, während die äußere Welt nicht mehr war als eine Aneinanderreihung lästiger Dinge, ein nicht enden wollendes düsteres Unwetter. Wenn ich so wieder einmal spiele, reichen mir ein oder zwei Partien selbstverständlich nicht, ob Castillo sich aber aus echter Begeisterung darauf einließ, sechs Stunden am Stück mit mir am Schachbrett zu sitzen, oder dies bloß als der vollendete Gastgeber tat, der er ist, weiß ich nicht. Erschöpft und mit Kopfschmerzen legten wir uns schließlich schlafen, während der Orkan sich weiter am Öresund ausließ, dessen Ufer wir offenbar schon seit einer ziemlichen Weile hinter uns gelassen hatten, genauer gesagt befanden wir uns inzwischen irgendwo zwischen Schweden und Dänemark, in einem Haus, das immer weiter abtrieb und stoßweise Kurs auf die norwegische Küste nahm. Kaum lag ich im Bett und schloss die Augen, schlief ich auch schon ein. Nur vier Stunden später schlug ich die Augen wieder auf, und es war nichts zu hören, ich stieg aus dem Bett, zog den Vorhang beiseite und sah hinaus: Der Orkan war endlich vorbei und hatte als Abschiedsgeschenk eine stille verschneite Landschaft hinterlassen, einen in tausend Stücken liegenden Wald, ein ruhiges und durch und durch graues Meer, einen müden Strand und einen kalten, aber friedlichen Himmel.

Während ich Kaffee kochte, stand Castillo auf, sah, was ich ein paar Minuten davor gesehen hatte, lächelte und ging daran, sich, fast ohne ein Wort zu sagen, »den Umständen entsprechend« anzuziehen, also dicke weite Kleidung, eine Mütze, Handschuhe und Wanderstiefel. Dann packte er sein Malgerät und verließ in aller Eile das Haus. So schnell, dass ich nicht gleich zusammen mit ihm aufbrechen konnte, dafür sah ich ihn wenige Minuten später durchs Fenster am schneebedeckten Strand stehen, wo er sich offensichtlich anschickte, zu malen, so dass ich erst einmal in Ruhe frühstückte, mich dann anzog und zu ihm hinausging. Davor blickte ich allerdings noch einmal durchs Fenster: Die wenige Kilometer entfernte dänische Küste war deutlich zu erkennen, ein langer Streifen Land mit niedrigen Gebäuden, an dessen einem Ende sich, scharf umrissen und wie in einem Traum, das berühmte »Hamlet-Schloss« Kronborg erhob. Auch Schiffe waren wieder zu...


Vicente Valero, geboren 1963 auf Ibiza, wo er auch heute lebt. Er hat zahlreiche Gedichtbände veröffentlicht, dazu Essays und erzählende Prosa. Auf Deutsch erschien 2006 "Der Erzähler. Walter Benjamin auf Ibiza 1932 und 1933" (Parthas), bei Berenberg "Die Fremden" (2017) und zuletzt "Übergänge" (2019).



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