E-Book, Deutsch, 169 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 190 mm
Reihe: Tb fG
Vandercruysse Herzwege
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7725-4704-1
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von der emotionalen Selbstführung zum meditativen Leben
E-Book, Deutsch, 169 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 190 mm
Reihe: Tb fG
ISBN: 978-3-7725-4704-1
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rudy Vandercruysse wurde 1949 in Belgien geboren. Nach dem Studium der Psychologie und Philosophie folgte eine berufliche Tätigkeit in der Psychiatrie und Psychotherapie sowie in der Lebens- und Unternehmensberatung. Er ist Mitarbeiter am Hardenberg Institut in Heidelberg und hat im Verlag Freies Geistesleben ?Herzwege? und ?Die therapeutische Dimension des Denkens? veröffentlicht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Vorwort zur Neuausgabe Einleitung Kapitel 1: Emotionale Intelligenz Kapitel 2: Teilfähigkeiten der emotional-intelligenten Selbstführung Kapitel 3: Verwandlung des Gefühls Kapitel 4: Meditation – Der Königsweg zur spirituellen Intelligenz Rückblick Ausblick. Auf zu Kilometerstein Null: Ich-Meditation Anmerkungen
Kapitel 1
Emotionale Intelligenz
«Ebenso kann ein jeder leicht in Zorn geraten … Das Wem, Wie viel, Wann, Wozu und Wie zu bestimmen ist aber nicht jedermanns Sache und ist nicht leicht.»
1. Warum wird ein Buch über den EQ zum Bestseller?
Als der Harvard-Psychologe und Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman 1995 sein Buch 15 veröffentlichte, konnte er vermutlich nicht voraussehen, wie sein Leben sich dadurch verändern würde. Das Buch wurde in über dreißig Sprachen übersetzt und viele Millionen Male verkauft. Daniel Goleman selbst wurde zu einem der teuersten Referenten und Unternehmensberater der Welt. Wie lässt es sich verstehen, dass ein Buch über emotionale Intelligenz zu einem Weltbestseller wird?
Wir nannten in der Einleitung schon die kollektive emotionale Krise, auf die Goleman sich bezieht und die er für dermaßen bedrohlich hält, dass seine Bemühungen im vierten Kapitel seines Buches in ein groß angelegtes Erziehungsprogramm münden. Aber er weist auch auf andere Phänomene hin. Zum Beispiel die Beobachtung, dass die rationale, schulische Intelligenz, wie sie bisher durch dazu geeignete Tests als Intelligenzquotient (IQ) gemessen wurde, nur in begrenztem Maße den zukünftigen Erfolg im Leben und Beruf voraussagen lässt. Zum Beispiel hat man an 95 Harvard-Studenten mit relativ breit gestreutem IQ den Lebensweg bis ins mittlere Alter verfolgt. Es war nicht so, dass diejenigen mit den besten akademischen Ergebnissen sonderlich erfolgreich waren – im Vergleich mit ihren akademisch schwächeren Kollegen. Sie waren auch nicht die glücklichsten, was ihre freundschaftlichen und familiären Beziehungen betrifft. Letztlich bestimmt die emotionale Intelligenz (EQ), wie erfolgreich die rational-kognitiven Fähigkeiten eingesetzt werden können. Deswegen wird sie eine «Metafähigkeit» genannt: eine Fähigkeit, von der es abhängt, wie gut wir andere Fähigkeiten zu nutzen verstehen. Ihr sollte somit die größere Aufmerksamkeit und Pflege gelten.
Und nicht zuletzt spielen die großen Fortschritte der Gehirnforschung eine bedeutende Rolle. Die Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts wurden ein Jahrzehnt des Gehirns genannt.16 Durch neue Methoden wie PET (Positronen-Emissions-Tomografie) ist es möglich geworden, nicht nur die Anatomie, sondern auch die Funktionsweisen des Gehirns genauer kennenzulernen. Ausgehend von der Vorstellung, dass aktive Hirnpartien mehr Energie brauchen und stärker durchblutet werden als ruhende, kann durch radioaktive Markierung des Brennstoffs (Glykose), der im Blut transportiert wird, verfolgt werden, welche Hirnpartien bei unterschiedlichen Tätigkeiten beansprucht werden. Diese Prozesse können auf einem Bildschirm veranschaulicht werden. Die Untersuchungen bezeugen die enge Verbindung von kognitiven und emotionalen Prozessen (bzw. der Hirnstrukturen, die dabei aktiviert werden).
Der Neurologe Antonio Damasio17 beschreibt einen Patienten, – er nennt ihn Elliot –, dem ein Tumor hinter der Stirn entfernt wurde. Die Operation galt als gelungen, aber Elliot war «nicht mehr derselbe». Seine Persönlichkeit hatte sich sehr verändert. Zuvor ein erfolgreicher Rechtsberater und vorbildlicher Vater und Ehemann, verlor er seine Stellung und seine Ersparnisse – die Stellung, weil er seine Arbeitszeit nicht mehr einteilen konnte und alle diesbezüglichen Hinweise und Ermahnungen von Kollegen und Vorgesetzten fruchtlos blieben, die Ersparnisse, weil er erstaunlich kurzsichtige finanzielle Entscheidungen traf. Seine Frau verließ ihn, schließlich musste er sein Dasein im Gästezimmer seines Bruders fristen, weil ihm eine Invaliditätsrente verweigert wurde. Was war los? Elliot wirkte freundlich und charmant, seine Intelligenz und seine Fähigkeit, sich der Sprache zu bedienen, seine Bewegungen, waren unbeeinträchtigt, seine körperliche Verfassung war wieder gut. War er faul geworden? War er ein Simulant? Morgens musste er gedrängt werden, damit er aufstand und zur Arbeit ging. Am Arbeitsplatz schien er sein eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren, blieb in bestimmten Tätigkeiten hängen oder legte eine übermäßige Detailbesessenheit an den Tag, sodass ihm keine Aufgabe mehr überlassen werden konnte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt auf angemessene Weise erledigt sein musste.
Damasio musste beurteilen, ob hier ein echter Krankheitsfall vorlag. Ihm fiel Elliots emotionale Zurückhaltung und «Gelassenheit» auf. Dieser erzählte leidenschaftslos seine tragische Geschichte, als ob es einen anderen betraf: ohne Kummer, Ärger oder Angst; Damasio regte sich mehr auf als Elliot selbst. Bei allen möglichen psychologischen und neurologischen Tests, die kognitive Fähigkeiten maßen, schnitt Elliot gut ab: sein Intelligenzquotient lag im oberen Bereich, Wahrnehmungsfähigkeit, Lang- und Kurzzeitgedächtnis, Lernfähigkeit sowie Sprach- und Rechenfertigkeit usw. waren intakt. Offenbar war «nur» die Fähigkeit gestört, Entscheidungen zu treffen. Damasio kam zu dem Schluss, dass dies auf Elliots «Gefühlsblindheit» zurückzuführen war, durch die er unfähig war, den logischen Alternativen oder den verschiedenen Handlungsmöglichkeiten einen bestimmten Wert zuzuweisen – vor allem was sie ihm selbst, seinen Bedürfnissen und Zielen bedeuteten. Als Neurologe führte Damasio diese Gefühlsblindheit auf die Beschädigung der Präfrontallappen im Gehirn zurück, die den Neocortex von tieferen Hirnzentren trennte. Der Neocortex bildet die organische Grundlage der Denkfähigkeiten, die tieferen Hirnzentren sind die organische Grundlage für die Bewusstwerdung emotionaler Vorgänge.
Aber wie das Leib-Seele-Problem auch gedacht wird, an dieser Stelle interessiert uns, dass nicht nur starke Emotionen das logische Denken aus der Bahn werfen können, sondern dass auch die fehlende Wahrnehmung der eigenen Gefühle das Leben ruinieren kann – trotz intaktem Verstand –, weil das Abwägen beim Urteilen und Entscheiden zu keinem fruchtbaren Ergebnis kommt. Es bleibt bei einem unschlüssigen Gewurstel zwischen Pro und Kontra. Oder in Damasios Formulierung: «Mangel an Gefühlen kann eine genauso wichtige Ursache für irrationales Verhalten sein.»
Ein weiterer Hinweis also auf die entscheidende Bedeutung der emotionalen Intelligenz. Wo kommt dieser Begriff her und was beinhaltet er?
2. Was heißt «emotionale Intelligenz»?
Goleman ist nicht der Erfinder oder Entdecker der emotionalen Intelligenz. Durch griffige (z. B. EQ) und werbewirksame Formulierungen (z. B.: «Was nützt ein hoher IQ, wenn man ein emotionaler Trottel ist?» oder «Spannende Forschungsperspektiven zu einem Thema, das uns alle angeht: die Wiedervereinigung von Herz und Verstand» auf der Rückseite der deutschen Taschenbuchausgabe) hat er das Konzept populär gemacht.
Nachdem in der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine einseitige Verhaltensorientierung die amerikanische Psychologie beherrschte, waren die Sechzigerjahre von einer kognitiven Welle geprägt: Die Bedeutung der kognitiven Faktoren beim menschlichen Verhalten (Gedanken, Urteile, Erwartungen, Einschätzungen etc.) wurde erkannt. In den Achtzigerjahren wurde der herkömmliche Begriff der Intelligenz aufgebrochen. Dieser stammte noch aus der früheren Jahrhundertwende (um 1900). Bahnbrechend war die Arbeit der Franzosen A. Binet und T. Simon gewesen, aber es waren wieder die Amerikaner, die gegen Ende des Ersten Weltkrieges sich veranlasst sahen, für die Auswahl und Zuordnung der Soldaten Intelligenztests zu einem massenhaften Gruppenverfahren zu entwickeln, durch das das allgemeine intellektuelle Leistungsniveau (und seine individuellen Profile) gemessen werden konnte. Schon in den Zwanzigerjahren wurde Kritik an dem sozialdarwinistischen Einschlag der Intelligenztests laut, aber erst 1985 konnte der Harvard-Psychologe Howard Gardner die «Diktatur» der logisch-diskursiven Intelligenz vom Sockel stoßen. Er entwarf eine Theorie der multiplen Intelligenzen, die auch Berufssportler und Popstars hochintelligent erscheinen ließen.18 Sieben weitgehend voneinander unabhängige Intelligenzen wurden unterschieden: eine mathematisch-rechnerische, eine räumlich-optische, eine sprachliche, eine musikalische, eine körperlich-motorische, eine intra- und eine interpersonelle Intelligenz. Die letzten beiden finden wir im Konzept der emotionalen Intelligenz wieder, das 1989 von den Psychologen Peter Salovey (Yale) und John Mayer (New Hampshire) geprägt wurde: das Verstehen und Handhaben eigener und fremder Gefühle.19 Ihr Patenkind ist Goleman, wenn er fünf Bereiche der emotionalen Intelligenz unterscheidet:
–das Wahrnehmen und Erkennen der eigenen Emotionen
–die Gefühle so zu handhaben, dass sie angemessen sind
–die Gefühle im Dienst eines Ziels in die Tat umsetzen
–die...




