Varol / Wendsche / Valtin | Gesundheit bei Lehrkräften fördern | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 146 Seiten

Varol / Wendsche / Valtin Gesundheit bei Lehrkräften fördern

Strategien zur Erholung und professionellen Distanzierung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-17-044099-9
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Strategien zur Erholung und professionellen Distanzierung

E-Book, Deutsch, 146 Seiten

ISBN: 978-3-17-044099-9
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lehrkräfte sind das Herzstück unseres Bildungssystems. Doch um ihrem wichtigen Bildungsauftrag gerecht zu werden, ist ihr psychisches Wohlbefinden unverzichtbar. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Erholung - das bewusste Abschalten von der Arbeit - eine zentrale Rolle für das Wohlbefinden spielt. Dieses Buch bietet aufschlussreiche Einblicke in die psychologischen Prozesse und Theorien rund um das Thema Erholung und liefert wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über die Bedeutung von Erholungsverhalten und Ruhezeiten für die psychische Gesundheit. Zudem werden praxisnahe Strategien vorgestellt, wie angehende und praktizierende Lehrkräfte ihre Erholung im Schulalltag sowie außerhalb davon gezielt fördern können.

Dr. Yasemin Z. Varol ist Psychologin und pädagogisch-psychologische Leitung am Gesundheitscampus des Universitätsklinikums Frankfurt a. M. In ihrer Forschung konzentriert sie sich auf die berufliche Beanspruchung, Erholung und die Erfassung täglicher Ressourcen und Stressoren im Bildungssektor. Dr. habil. Johannes Wendsche ist Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dresden. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Erholung von der Arbeit sowie gesundheitsförderlicher Arbeitsgestaltung.
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Weitere Infos & Material


2 Einführung in grundlegende Begriffe, Konzepte und Modelle


2.1 Psychische Belastung, Beanspruchung, Ressourcen und Erholung


2.1.1 Psychische Belastung


Arbeitsbedingte psychische Belastung ist allgegenwärtig und nahezu in allen Berufsgruppen anzutreffen. Wie wir in Kapitel 1 dargestellt haben, ist der Lehrkräfteberuf durch spezifische hohe psychische Belastungen gekennzeichnet. Betrachtet man die wesentlichen beruflichen Anforderungen genauer, so müssen sich Lehrkräfte in ihrem Fachwissen sowie in ihren pädagogischen Kompetenzen ständig weiterqualifizieren, den Unterrichtsstoff altersgerecht für Schüler*innen aufbereiten, den Unterricht didaktisch ansprechend gestalten, Probleme im und außerhalb des Klassenzimmers lösen, sich außerdem zu Themen wie Diagnostik oder Nutzung von digitalen Medien fortbilden, aber auch Eltern unterstützen und beraten. Doch was genau bedeutet eigentlich »psychische Belastung«? Der internationale Normausschuss Ergonomie, der auf Basis von gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen Maßstäbe für die menschengerechte Gestaltung von Arbeit setzt, definiert die psychische Belastung (DIN EN ISO 10075?–?1, 2018) »... als die Gesamtheit der erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und auf ihn psychisch einwirken« (Nachreiner & Schütte, 2018).

Konkreter werden unter diesen Einflussgrößen alle auf den Menschen einwirkenden Merkmale von Arbeitsbedingungen und -tätigkeiten verstanden (z.?B. Arbeitsaufgaben, Arbeitsmittel, Arbeitsumgebung, soziale Beziehungen). Diese Faktoren lösen im Menschen Vorgänge aus, die wiederum eine mentale, motorische, soziale und emotionale Auseinandersetzung mit der Arbeitssituationen erfordern (Joiko et al., 2010; Metz & Rothe, 2017). Auch wenn der Belastungsbegriff in der alltagspsychologischen Auffassung zunächst oft negativ konnotiert ist, wird psychische Belastung in dieser normativen Definition als eine neutrale Begrifflichkeit verstanden, die sowohl potenziell positive als auch negative Einflüsse auf die Person einschließt. Expert*innen verschiedener Fachdisziplinen nehmen an, dass psychische Belastung notwendig ist, da sie als Antreiber für menschliche Entwicklung und Aktivität wirkt und Verhalten überhaupt erst in Bewegung setzt (Joiko et al., 2010). So stelle man sich eine angehende Lehrkraft im Vorbereitungsdienst (LiV) vor. Steht ein Unterrichtsbesuch an, so werden kognitive Prozesse aktiviert. Die LiV ist bemüht, sich in die fachliche Unterrichtsthematik stärker einzuarbeiten, passende Arbeitsmaterialien für die Schüler*innen aufzubereiten, einen Zeit- und Ablaufplan zu erstellen, die Lernziele der Lehreinheit festzusetzen und dabei die aktivierenden Unterrichtsmethoden nicht aus dem Blick zu verlieren. So sehr diese Vorbereitung auch mit zahlreichen Belastungen einhergeht (z.?B. Erleben von Zeitdruck) und deshalb oftmals als anstrengend erlebt wird, dient sie dazu, dass sich die angehenden Lehrkräfte intensiv mit dem Konzept der Unterrichtserstellung und -durchführung befassen, bestenfalls an ihren Herausforderungen wachsen und eigene Stärken und Entwicklungspotenziale im Lehrverhalten entdecken.

2.1.2 Psychische Beanspruchung und Beanspruchungsfolgen


Wie sich die Arbeitsbelastung bei jedem Einzelnen im Verhalten und Erleben sowie in körperlichen Reaktionen auswirkt, kann sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen finden das Lesen von Fachliteratur in Vorbereitung auf ihre Arbeit eher entspannend oder zeigen dabei eine freudige Anspannung; andere wiederum sind davon angestrengt oder vielleicht sogar gelangweilt. Egal ob wir eher positiv oder negativ beansprucht sind – in beiden Fällen führt eine Auseinandersetzung mit einer Aufgabe zu einer psychischen Beanspruchung. Auch hierfür gibt der Normausschuss Ergonomie eine Definition (DIN EN ISO 10075?–?1, 2018) an: Psychische Beanspruchung meint die »unmittelbare Auswirkung der psychischen Belastung im [Menschen] in Abhängigkeit von seinem aktuellen Zustand« (Nachreiner & Schütte, 2018). Als Beispiele für solche Zustandsbedingungen werden Alter, Geschlecht, vorhandene Fertigkeiten und Bewältigungsstrategien sowie Müdigkeit und Stimmung genannt. Psychische Beanspruchung ist also eine Reaktion, die auf eine psychische Belastung folgt und bedeutet zunächst nur, dass eine Person bei der Auseinandersetzung mit der Arbeitsaufgabe, mit den Gegebenheiten der Arbeitsorganisation und den sozialen Beziehungen entsprechend in Anspruch genommen wird.

Genau wie bei der psychischen Belastung ist auch die psychische Beanspruchung neutral definiert, was bedeutet, dass eine Beanspruchung sowohl in positiver als auch negativer Richtung Auswirkungen haben kann. Betrachtet man allerdings die negativen Wirkungen von psychischer Belastung, so wird häufig von einer negativen Beanspruchung, einer sogenannten »Fehlbeanspruchung«, gesprochen. Eine Fehlbeanspruchung hängt wiederum mit negativen Beanspruchungsfolgen zusammen (Joiko et al., 2010). Der Ausdruck »negative Beanspruchungsfolgen« ist alltagssprachlich auch unter »Stressreaktionen« bekannt. Doch was passiert in uns und mit uns, wenn wir negativ beansprucht, also gestresst sind? Kaufmann und Kollegen (1982) beschreiben, dass die psychische Belastung sowohl körperliche und psychische als auch soziale Stressreaktionen auslösen kann, die sich im Erleben oder Verhalten äußern. Stellen wir uns erneut die LiV vor, die Unterlagen für den angekündigten Unterrichtsbesuch zusammenstellt. In Tabelle 2.1 ist dargestellt, welche kurzfristigen Beanspruchungsfolgen beziehungsweise Stressreaktionen zu erwarten wären.

Tab. 2.1:Beispielhafte Beanspruchungsfolgen bei einer LiV (angelehnt an Metz & Rothe, 2017, S. 12)

Ebenen der Auswirkungen

Beispielhafte Beanspruchungsfolgen bei einer LiV

Individuelles Verhalten

Die LiV arbeitet mit Hochdruck an den Aufgaben, wodurch ihre mentalen Ressourcen nach und nach verbraucht werden. Mit zunehmender Dauer sinkt die Konzentrationsfähigkeit und die Fehlerhäufigkeit steigt.

Physiologische Reaktionen

Ihre Herzfrequenz ist leicht erhöht, durch die Adrenalinausschüttung ist sie aufgedreht und unruhig. Sie geht in ihrem Arbeitszimmer auf und ab.

Erleben

Mit Blick auf die Uhr ärgert sich die LiV darüber, dass sie nun schon mehrere Stunden an den Aufgaben sitzt und nicht vorangekommen ist. Der Zeitdruck erhöht zum einen ihre innere Anspannung. Zum anderen steigt auch die Angst, bei der Konzeption des Unterrichts zu versagen. Auch wenn sie sich inzwischen müde und erschöpft fühlt, hat sie für Pausen einfach »keine Zeit«.

Soziales Verhalten

Auch ihre emotionalen Ressourcen sind mittlerweile strapaziert. Noch immer hat sie das etwas unglücklich verlaufene Feedbackgespräch mit ihrer Supervisorin im Kopf. Als auch noch eine ihrer Mitstreiterinnen aus dem Begleitseminar am Telefon wenig Mitgefühl für diese Situation äußert und meint, dass der Unterrichtbesuch doch schon längst hätte konzipiert sein sollen, fängt sie einen Streit an und würgt das Gespräch verärgert ab.

In der DIN EN 10075?–?1 werden die Beanspruchungsfolgen nicht nur nach ihrem förderlichen (positiven) oder beeinträchtigenden (negativen) Effekt klassifiziert, sondern zusätzlich auch danach, ob diese Folgen eher nach einer kurzfristigen oder langfristigen Belastungsexposition zu erwarten sind. Zu den förderlichen (positiven) Beanspruchungswirkungen zählen:

  • nach kurzfristiger (eher unmittelbarer) Arbeitsbelastung: Aufwärmeffekte, Aktivierung und Lernen;

  • nach langfristiger (eher chronischer) Arbeitsbelastung: Übung, Kompetenzentwicklung

Zu den beeinträchtigenden Beanspruchungswirkungen zählen:

  • nach kurzfristiger (eher unmittelbarer) Arbeitsbelastung: psychische Ermüdung, ermüdungsähnliche Zustände (Monotonie, psychische Sättigung, herabgesetzte Wachsamkeit), Stressreaktionen

  • nach langfristiger (eher chronischer) Arbeitsbelastung: Burnout-Syndrom

Um die Definition des Burnout-Syndroms gab es in der Wissenschaft eine lange Diskussion. Dabei ging es viele Jahrzehnte um die genauen Kernsymptome aber auch um die Abgrenzbarkeit von anderen Diagnosen mit ähnlichen Symptomen, beispielsweise Depression oder chronische Ermüdung. Wir gehen in einem Exkurs genauer darauf ein (siehe nachfolgender Kasten). An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass diese eher langfristige Wirkung spezieller Arbeitsbelastungen erst 2018 in die revidierte Fassung der DIN EN 10075?–?1 aufgenommen wurde.

Die Vergabe medizinischer Diagnosen erfolgt in Deutschland nach dem...


Dr. Yasemin Z. Varol ist Psychologin und pädagogisch-psychologische Leitung am Gesundheitscampus des Universitätsklinikums Frankfurt a. M. In ihrer Forschung konzentriert sie sich auf die berufliche Beanspruchung, Erholung und die Erfassung täglicher Ressourcen und Stressoren im Bildungssektor. Dr. habil. Johannes Wendsche ist Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dresden. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Erholung von der Arbeit sowie gesundheitsförderlicher Arbeitsgestaltung.



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