Vaucher | Blutmond | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten, Gewicht: 350 g

Vaucher Blutmond

Winters zweiter Fall
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-9524906-1-7
Verlag: Riverfield Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Winters zweiter Fall

E-Book, Deutsch, 352 Seiten, Gewicht: 350 g

ISBN: 978-3-9524906-1-7
Verlag: Riverfield Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'DIE SONNE WIRD SICH IN FINTSERNIS WANDELN UND DER MOND IN BLUT.' Nächtliche Klopfgeräusche, die von überall her zu scheinen kommen, blutige Handabdrücke wie aus dem Nichts und übel zugerichtete Leichen, die des Morgens entdeckt werden: Eine Kleinstadt an der Nordsee wird von mysteriösen Mordfällen terrorisiert. Bei Vollmond. Doch als Ex-Kommissar Richard Winter die Ermittlungen aufnimmt, stößt er bei den Einwohnern nur auf Ablehnung und Feindseligkeit. Er findet heraus, dass der Spuk exakt einen Monat nach einem Blutmond begonnen hat. Schnell wird ihm bewusst, dass weit mehr dahintersteckt, als man ihm zunächst glauben machen wollte. Und als der nächste Vollmond näher rückt, muss plötzlich auch er um sein Leben fürchten ... Ex-Kommissar Richard Winter, spezialisiert auf mysteriöse Verbrechen, ermittelt in seinem zweiten Fall, in dem ein scheinbar unsichtbarer und grausamer Mörder sein Unwesen in einer beschaulichen Kleinstadt an der Nordsee treibt.

Thomas Vaucher (37) ist Autor und Lehrer. 'Blutmond' ist nach 'Die Akte Harlekin' sein zweiter Thriller im Riverfield Verlag. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Freiburg in der Schweiz.
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3


Als Winter mit seinem Auto die kreisfreie Stadt Bremerhaven passierte und weiter nördlich in den Landkreis Cuxhaven hineinfuhr, wurde das Land immer flacher. Je mehr er sich von der Stadt entfernte, desto mehr Äcker und Felder zogen zu beiden Seiten vorbei.

Ein Wegweiser mit der Aufschrift »Dorumer Moor« zeigte ihm bald an, dass er seinem Reiseziel immer näher kam. Nach einer guten Stunde Autofahrt, seit er am frühen Morgen in Bremen losgefahren war, ließ er schließlich auch das Ortsschild von Dorum hinter sich und parkte seinen Wagen vor dem Rathaus. Dieses war ein zweistöckiges, rotes Ziegelsteingebäude mit großen Bogenfenstern, das auf Winter abweisend wie ein altes Amtsgebäude wirkte.

Er betrat das Gebäude durch die große Eingangstüre, die ebenfalls in einen Bogen eingepasst war. Dahinter befand sich ein kleiner Raum, von dem zwei Türen abzweigten und der in der rechten Ecke mit drei schlichten Stühlen ausgestattet war. Linkerhand befand sich ein Tresen, der oben mit einem undurchsichtigen Schiebeglas versehen war, vor dem eine Klingel stand. Winter betätigte sie und kurz darauf wurde das Glas zur Seite geschoben und eine Dame mittleren Alters mit kurzen, grauen Haaren und einer Brille fragte ihn, wie sie helfen könne.

»Ich habe einen Termin bei Herrn Krause. Richard Winter ist mein Name

»Ah, Sie sind das!« Das Gesicht der Dame hellte sich auf. Sie drehte sich um und rief: »Alma!« Gleich darauf erschien das Gesicht einer bedeutend jüngeren Frau mit Pferdeschwanz und einem Gebiss, das zu ihrer Frisur passte. Sie nickte ihm grüßend zu und verschwand wieder.

»Einen Moment bitte!«, sagte die Dame und schob das Glas zu. Er konnte hören, wie sie aufgeregt mit Alma zu tuscheln begann. Kurz darauf erschien sie in der Türe zu seiner Linken und bedeutete ihm, ihr zu folgen. »Wir haben alle schon ganz gespannt auf Sie gewartet«, gab sie preis, als sie ihn durch den Flur zu einem kleinen Büro geleitete. »Um ehrlich zu sein haben Alma und ich über ihr Aussehen und ihr Alter gewettet.« Sie grinste entschuldigend, was ihrem Gesicht einen jugendlichen Touch verlieh, der so gar nicht zu ihrem Äußeren passte.

»Und? Wer hat gewonnen

»Ich. Alma meinte, Sie wären vermutlich kaum dreißig, muskulös, gut aussehend und …« Sie verstummte und sah ihn betroffen an.

»Und was war Ihre Vermutung?« Winter konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sah, wie die Frau einen Kopf kleiner zu werden schien.

»Ich … Also, ich meinte, Sie wären vermutlich eher so um die vierzig, fünfzig, vom Typ her eher ungepflegt, Dreitagebart und so …«

»Na, da bin ich ja froh, dass ich helfen konnte

»Ich … also, nun ja, ich … Ich lag mit dem Alter sicherlich näher als Alma und den Dreitagebart können Sie auch nicht leugnen, Herr Winter, aber keine Angst, ich finde Männer mit Dreitagebart sehr attraktiv und … also jedenfalls … Ach, vergessen Sie’s. Da wären wir. Herr Krause wird jeden Moment kommen.« Sie lächelte ihm noch einmal entschuldigend zu und ging.

›Vom Typ her eher ungepflegt?‹

Winter konnte ein Kopfschütteln nicht unterdrücken und wusste nicht so recht, ob er gekränkt oder belustigt sein sollte. Er entschied sich für Letzteres und sah sich schmunzelnd in dem Büro um. An der Wand hinter dem Schreibtisch hing ein Foto, das vier Kinder zeigte, die in Daltons-Manier hintereinanderstanden. Das hintere Kind war jeweils einen Kopf größer als das vordere. Daneben befand sich das Porträt einer geschminkten Frau mittleren Alters mit langen, schwarzen Haaren. Sie lächelte, doch ihre oberen Zähne waren leicht schief, was ihrem Lächeln etwas die Wirkung nahm. Sie hatte ein etwas zu langes Kinn und stark hervorstehende Wangenknochen. Links von Winter hing eine große Uhr an der Wand, während die rechte Seite des Büros von Regalen, die mit Aktenordnern gefüllt waren, eingenommen wurde. Der Bürotisch war bis auf einen Computer, ein Telefon, einen Notizblock und einen Kugelschreiber leer.

Es dauerte nicht lange, bis die Türe erneut aufging und ein untersetzter Mann mittleren Alters hereinkam. Er hatte kurze, graue Haare, die sich bereits weit nach hinten zurückgezogen hatten, und einen schwarz-grauen Vollbart. Die braunen Augen waren von feinen Lachfältchen umgeben und wurden von buschigen Augenbrauen umrahmt.

»Herr Winter!« Krause kam lächelnd auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Schön, dass Sie so schnell kommen konnten. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten

Winter bat um ein Glas Wasser und der Bürgermeister drehte sich zu einem kleinen Teetischchen neben dem Schreibtisch, auf dem Flaschen und Gläser standen, schenkte ihm Mineralwasser ein und reichte ihm das Glas. Dann setzte er sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. Er begann mit etwas Small Talk, fragte Winter, ob er Dorum gut gefunden habe und wie die Fahrt gewesen sei, ehe er schließlich auf den Punkt kam.

»Der Grund, warum ich Sie engagieren möchte, Herr Winter, ist, wie Sie sich sicher denken können, ein … ganz besonderer.« Winter hatte das Gefühl, dass er erst etwas anderes hatte sagen wollen. »Seit drei Monaten … spukt es in unserer Gemeinde.« Krause schaute erwartungsvoll zu Winter.

Dieser lehnte sich zurück und sah Krause skeptisch an. Seine Gedanken mussten sich deutlich auf seinem Gesicht widergespiegelt haben, denn Herr Krause hob beschwichtigend die Hände.

»Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich fühlen, Herr Winter. Vermutlich haben Sie seit dem Spieluhr-Serienmordfall dutzende Aufträge von irgendwelchen Spinnern gekriegt, die meinen, bei ihnen würde es spuken, aber in diesem Falle … Ich muss Ihnen gestehen, dass ich selbst bis vor Kurzem nicht an Geister geglaubt habe, aber was im Moment in unserer Gemeinde abgeht, hat mein Weltbild von Grund auf erschüttert

»Sie haben Recht, Herr Krause«, antwortete Winter lächelnd, »tatsächlich kriege ich in jüngster Zeit haufenweise Ghostbuster-Aufträge, die sich als Irrtümer herausstellen, doch in jedem Fall nehme ich mir die Zeit, den Klienten anzuhören und die Sache zu prüfen, ehe ich urteile

»Sie wissen gar nicht, wie froh ich bin, das zu hören. Ich habe mir ja halbwegs schon ausgemalt, dass Sie mich als Spinner bezeichnen und mir davonlaufen würden, wenn ich die Wörter Geist oder spuken in den Mund nähme.« Krause atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand über den fast kahlen Schädel, ehe er fortfuhr. »Es geschieht immer bei Vollmond und nur in der Hagenorder Straße

»Und wie manifestiert sich der Spuk

»Die Einwohner hören in der Nacht seltsame Geräusche. Als ob jemand mit einer Metallstange an die Fenster ihrer Häuser klopfen würde. Wenn sie nachsehen, finden sie blutige Handabdrücke an den Fenstern und …« Krause brach ab, suchte sichtlich nach Worten.

»Und …?«

»Am Morgen darauf wurde jeweils eine Leiche vorgefunden. Die Toten sahen schrecklich malträtiert aus, als ob sie … als ob sie mit einer Metallstange zu Tode geprügelt worden wären.« Krause war sichtlich erleichtert darüber, es endlich ausgesprochen zu haben, und sah Winter erwartungsvoll an.

»Das …« Winter war selbst etwas sprachlos. »Das klingt tatsächlich sehr beunruhigend. Was sagen die Gerichtsmediziner über die Todesursache

»Zu Tode geprügelt. Mit einem stumpfen, metallenen Gegenstand

Winter seufzte. »Und was meint die Polizei dazu

»Die ist ratlos. Deshalb wende ich mich ja auch an Sie

»Und weshalb glauben Sie, dass es sich beim Täter um einen Geist handelt? Könnte es denn nicht auch einfach ein geisteskranker Mörder sein, der Ihr Dorf terrorisiert

Krause ließ sich mit der Antwort Zeit. Als er schließlich antwortete, zitterte seine Stimme. »Ich habe mit den Leuten gesprochen, die in der betroffenen Straße leben. Sie sagen alle dasselbe: Sie hörten ein Geräusch und standen auf, um nachzusehen, was es verursachte. Sie fanden die blutigen Male, doch es war niemand zu sehen, und es geschah bei allen Betroffenen um dieselbe Zeit – kurz nach Mitternacht. Wie könnte jemand, und sei er noch so geistesgestört, gleichzeitig an über einem Dutzend Orten sein

Winter nickte nachdenklich. »Polylokation

»Was?«

»Das nennt sich Polylokation – die Fähigkeit einer Person, gleichzeitig an mehreren Orten zu sein. Es gibt Geschichten über Heilige, die die Gabe der Bilokation besaßen, also die Fähigkeit, gleichzeitig an zwei Orten zu sein. Pater Pio zum Beispiel. Er soll durch Bilokation einem Armeeoffizier das Leben gerettet haben. Als dieser sich auf dem Schlachtfeld befand, sah er einen Ordensmann, den er später als Pater Pio identifizierte. Pater Pio rief ihm zu, er solle sich von der Stelle, wo er sich gerade befand, wegbewegen. Als der Offizier auf den Ordensmann zuging, explodierte eben dort, wo er zuvor noch gestanden hatte, eine Granate. Als der Staub sich lichtete, war der Ordensmann...



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