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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Vecera Wie ist Jesus weiß geworden?
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8436-1494-8
Verlag: Patmos Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-8436-1494-8
Verlag: Patmos Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Vecera ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Deutschland der Vereinten Evangelischen Mission (VEM). und Bildungsreferentin mit dem Schwerpunkt »Rassismus und Kirche«. Sie hat den Eröffnungsgottesdienst beim Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt gehalten. Einblicke in ihre Arbeit findet man auch auf Instagram bei moyo.me.
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Bibelarbeit zur kanaanäischen Frau
Ich bin in einer christlichen Familie und Gemeinde aufgewachsen, habe Theologie studiert und arbeite seit über zehn Jahren in der Kirche.
Wir machen eine Bibelarbeit, und ich habe aufgrund meiner Ausbildung die arrogante Haltung, dass ich nicht viel Neues aus dieser Bibelarbeit mitnehmen werde. Es geht um die Geschichte der kanaanäischen Frau nach Matthäus 15,21–28: Eine Frau aus Kanaan kommt zu Jesus und fleht ihn an, ihre Tochter zu heilen. Jesus reagiert zuerst mit Ignoranz, erst nachdem seine Jünger*innen ihn zu reagieren bitten, weist er die Frau von sich ab. Er sei nur für das Volk Israel zuständig – sie gehöre nicht dazu. Diese Frau aber lässt nicht locker – selbst dann nicht, nachdem Jesus sie sogar mit einem Hund verglichen hat. Am Ende heilt Jesus die Tochter mit der Begründung, dass das Vertrauen der Mutter groß sei.
Für Menschen, die die Bibel lesen, ist das ein bekannter Text. Ich erinnere mich an zahlreiche Diskussionen und Streitgespräche über diesen Text auf diversen Sommerfreizeiten. Er provoziert und regt zum Nachdenken an und wirft so viele Fragen auf: Warum ist Jesus so abweisend und anders als sonst? Ändert er seine Meinung? Kann ich Jesus von etwas überzeugen, wovon er selbst nicht überzeugt ist? Lernt Gott dazu? Warum schließt er diese Frau zunächst aus, wo er doch an so vielen Stellen gerade auf solche Menschen zugeht, die von der Gesellschaft ausgeschlossen werden?
Doch darum soll es heute in dieser Bibelarbeit gar nicht primär gehen. Wir werden vielmehr gebeten, uns in eine*n der unterschiedlichen Protagonist*innen hineinzuversetzen. Dann werden uns in diesen Rollen Fragen gestellt. Bibliolog nennt man diese Methode der Bibelarbeit. Wir sind also die Jünger*innen, die Frau, Jesus und die umherstehenden Leute.
Abschließend tauschen wir uns über das Erlebte aus. Eine völlig neue Erkenntnis bricht über mich herein: Ich habe mich spontan mit der Frau identifiziert, während die weißen Menschen im Raum sich völlig selbstverständlich mit denen identifiziert haben, die sich für diese Frau einsetzen.
Am Ende stellt sich heraus, dass alle Menschen of Color2 aus unserer Bibelarbeitsgruppe genauso empfanden wie ich. Wir haben uns unbewusst mit der identifiziert, die ausgegrenzt wurde, und nicht mit denen, die sich zugehörig und sicher fühlten. Bei genauerem Hinsehen auf die damalige biblische Situation wäre das Gefühl der Zugehörigkeit und Sicherheit, zum Beispiel bei den Jünger*innen, nicht gerechtfertigt, weil alle weißen christlichen Menschen gemäß der Gruppierungen in Israel ebenso wenig wie die kanaanäische Frau zum erwählten Volk Israel gehörten. Diese Bibelstelle ist also auch interessant hinsichtlich des Verhältnisses von Kirche und Israel. Aus heutiger Perspektive hätten wir Christ*innen die Position der Frau innegehabt, die nicht zum Volk Israel Gehörenden. Im Bibliolog, in dem es um aktuelle Identifikation mit den Rollen und Positionen geht, haben sich aber nur einige so gefühlt.
Eine völlig neue Erkenntnis für mich! Ich habe diese Geschichte tausend Mal gehört, gelesen und sogar darüber gepredigt, aber mir war dabei nicht klar, dass sich alle weißen Menschen um mich herum nicht unbedingt mit der Frau identifizierten. Ich habe mich aber immer mit der Frau identifiziert, aus ihrer Perspektive habe ich diese Geschichte gelesen, verinnerlicht und verkündigt.
Bitte überlegen Sie doch mal, wem Sie sich in dieser Geschichte am nächsten fühlen? Mit wem identifizieren sie sich vielleicht sogar? Beim Lesen dieser Geschichte haben Sie vielleicht Partei für Jesus ergriffen, irgendwie versucht zu erklären, warum er so oder so handelt. Sie haben sich vielleicht automatisch aus der Perspektive derer betrachtet, die zu Jesus gehören. Nicht verwunderlich: Sie haben zeitlebens erfahren, zur gesellschaftlich-kirchlichen Norm zu gehören und diese nicht hinterfragen zu müssen. Daher fühlen Sie sich auch denen näher, die keine Angst haben müssen, nicht dazuzugehören. Sie haben vielfach gehört: Sie sind angenommen von Gott und der Welt.
Ich hingegen habe diese Geschichte bereits als kleines Mädchen aus Perspektive der Frau gehört. Vielleicht ging es einigen Frauen oder anderen marginalisierten Gruppen auch so.
Ich habe das anscheinend nicht bewusst gemacht, aber ich war immer die Frau.
Ich war die, die mit den Hunden unter dem Tisch verglichen wurde.
Von dem, der alle Kinder lieb hat.
Ich war die, die Jesus erst überreden musste, um dazugehören zu dürfen.
Ich war die, die Jesus anschrie: Ich gehöre auch zu dir!
Ich war die, die auf die Beleidigung »Hund« nicht mal eingegangen ist, weil sie gelernt hat, freundlich zu bleiben, um das Gegenüber nicht zu verletzen.
Schließlich meine er es eigentlich gut und darauf käme es an.
Und dennoch wollte ich dazugehören.
Dass ich die Frau war, lag nicht an meiner weißen Kirchengemeinde.
Und auch nicht an meiner weißen Familie.
Das lag an einem System, in dem wir auch als Kirche leben.
Das liegt daran, dass Weiß-Sein die Norm darstellt.
Und alles andere als »fremd«, »anders« oder als »exotisch« oder sogar als »besonders schön« betitelt wird.
Menschen meinen »das« nicht böse und genau das macht es so schwierig, darüber zu sprechen.
Dass sich nicht alle um mich herum mit der kanaanäischen Frau identifiziert haben, wurde mir erst in dieser Bibelarbeit bewusst. Warum ich mich mit ihr identifiziere, weiß ich schon länger.
Einleitung
Dieses Buch ist eine Momentaufnahme auf meiner Lebensreise im Sommer 2021. Ein Ist-Zustand meiner eigenen Selbstreflexion und fachlichen Expertise. Ein Zwischenstand meiner aktuellen politischen Haltung und meiner langsamen Weiterentwicklung meines geistlichen Zugangs; denn auch mein Glaube verändert sich stetig in der Auseinandersetzung mit Rassismus. Auch ich habe mich schließlich lange nicht gefragt, wie Jesus eigentlich weiß und Christ geworden ist. Dieses Buch ist ein Ausdruck meiner biografisch reflektierten Art und Weise, mich als Schwarze Christin in einer weißen Dominanzgesellschaft und Kirche mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen. Es ist das Buch, das ich mir gewünscht hätte, als ich jünger war. Es ist das Buch, das ich gern Menschen geben möchte, die dieserart Informationen und Sichtweisen anderswo in der Kirche nicht bekommen.
Seit 38 Jahren bin ich mit Rassismus konfrontiert, seit 15 Jahren ist mir das auch bewusst. Seit zehn Jahren beschäftige ich mich beruflich mit dem Thema Rassismus in der Kirche, und seit zwei Jahren rede ich darüber öffentlich in den sozialen und digitalen Medien. Ich bin nicht sprachfähig über Rassismus auf die Welt gekommen. Die Sensibilität dafür und das Sprechen darüber mussten sich auch bei mir entwickeln, und ich habe immer mehr gelernt, seitdem ich mich bewusst damit auseinandersetze. Durch die Diskussionskultur, die Bedürfnisse, die Fragen und die Herausforderungen in der Kirche konnte ich vor allem in den letzten Jahren viel lernen. All diese Erfahrungen fließen in dieses Buch ein. Vielleicht würde es in fünf Jahren ganz anders aussehen – vor fünf Jahren hätte es sicherlich anders ausgesehen.
Allein die Frage, wie Jesus weiß geworden ist, ist komplexer, als sie in dem gleichnamigen Kapitel erörtert werden kann. Dahinter steht eine lange kolonialistische Traditionslinie, die sich erst bei der Lektüre des gesamten Buches erschließen wird.
Da wir uns an einigen Stellen in der Kirche in Deutschland seit dem Sommer 2020 intensiver mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen, wächst das Bewusstsein für verinnerlichte Vorstellungen, gewohnheitsmäßige Sprache, reflexhafte Verhaltensweisen, äußere Strukturen, und einiges kommt in Bewegung! Ich denke, dass ein Buch zum Thema »Rassismus und Kirche« jetzt dran ist.
Dieses Buch ist ein Versuch, der vorläufig und anfechtbar ist. Es ist ein versöhnliches Experiment, mit Ihnen über Rassismus ins Gespräch zu kommen. Ich mache mich angreifbar und verletzlich, um Sie mitzunehmen. Ich werde persönliche Dinge teilen und sie zugleich in einen großen geschichtlichen und globalen Zusammenhang setzen.
Durch die Verflechtung von persönlichen Erfahrungen und Hinweisen auf allgemeine Strukturen will ich auch zum Ausdruck bringen, dass Rassismus viel mehr ist als individuelle Vorurteile, Ausgrenzung und Diskriminierung. Er ist ein Merkmal unseres Systems, unserer sozialen und kirchlichen Strukturen. Weil Rassismus unsere christliche Gemeinschaft vergiftet, ist er unser aller Problem und geht uns alle etwas an. Schon an einigen Stellen war ich aufgrund meiner Antirassismusarbeit mit Hass konfrontiert, den ich zuvor so nicht erlebt hatte. Aber ich fühle mich der Kirche zugehörig, bin für sie mitverantwortlich, ich möchte sie verändern und mitgestalten.
Einige von Ihnen werden sich ärgern und angegriffen fühlen, andere werden denken, das könne ich noch deutlicher sagen, und wieder andere werden sich an manchen Stellen vielleicht an eigene Rassismuserfahrungen erinnern. Letzteres tut mir schon jetzt leid, und ich möchte euch, liebe Geschwister, ganz besonders bitten, das Buch zuzuschlagen, wenn ihr merkt, dass euch die Lektüre nicht guttut. Manchen Menschen wird das Buch vielleicht zu oberflächlich erscheinen, denn es hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit – das fände ich, um ehrlich zu sein, auch anmaßend. Es...




