Veit | Allahs Zorn im Garten Europas | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 296 Seiten

Veit Allahs Zorn im Garten Europas


3. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7412-1203-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

ISBN: 978-3-7412-1203-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Straßburger Kommissar Graff ist mit der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus beauftragt und gerät unversehens in ein Netz politischer Verwicklungen, das weit in die Geschichte zurück reicht. Die Rede ist vom spannungsreichen Verhältnis zwischen Orient und Okzident, vom uralten Kampf zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis. Vom Elsaß über Venedig und Albanien führt die Spur, die Graff verfolgt, bis in den Nahen Osten. Er wird nicht nur mit der harten und zugleich faszinierenden Welt der orientalischen Minderheiten konfrontiert, sondern stößt auch auf das Vermächtnis von Assassinen und Templern, das unter jüdischen Kabbalisten, christlichen Kopten und Maroniten sowie muslimischen Drusen und Alewiten weiterlebt.

1946 bei Rottweil a.N. geboren, promovierter Politologe und gelernter Journalist. Lebte viele Jahre in Afrika und im Nahen Osten.
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Das Vermächtnis der Templer


Der Kommissar-Oberst Graff saß in tiefen Gedanken versunken auf einer Bank inmitten der kreisrunden Place de la République, die auf drei Seiten von prächtigen Gründerzeitbauten aus der deutschen Epoche gesäumt wurde. In seinem Rücken kündete die Trikolore auf dem Dach der Präfektur von der Größe Frankreichs und seines Statthalters im Elsaß, zu seiner Linken erhob sich der prachtvolle Bau der Nationalbibliothek, in der er den größten Teil der letzten Tage verbracht hatte. Vor sich jedoch, und das war ihm jetzt das Wichtigste, sah er über einem Rosenbeet und einem Gefallenenmahnmal die filigrane Spitze des Straßburger Münsters in den klaren Winterhimmel ragen.

Verwirrt und beeindruckt zugleich hatten ihn das Leben und die Geschichten der Hausen, Schwendi und Kléber, und je mehr er darüber nachdachte, umso verworrener erschien ihm alles. Was hatten diese drei historischen Figuren mit seiner Aufgabe zu tun, den ausländischen Terrorismus zu bekämpfen? Was und wer steckte hinter dem Mord an Habibi, und wie hing das mit dem Fax aus dem Riviera-Hotel in Beirut zusammen?

Nach dem, was er in den letzten Tagen gelesen, ja, mit wachsender Inbrunst geradezu verschlungen hatte, machte das alles keinen Sinn. Diese drei Männer waren alles andere als bösartige Eroberer und engstirnige Fanatiker gewesen, die man als Symbol westlicher Unterdrückung brandmarken konnte. Gewiss: Alle drei waren in militärischer Mission unterwegs gewesen und hatten gegen orientalische Mächte gekämpft. Doch war ihm nach der Lektüre klar geworden, daß ihre geistige Offenheit sie am Sinn ihrer offiziellen Mission hatte zweifeln lassen. Doch was es genau auf sich hatte, das lag einstweilen für ihn noch im Verborgenen. Wenn aber die Urheber der Nachricht aus Beirut genau wußten, wer diese Männer waren und was sie in ihrem zugegebenermaßen abenteuerlichen Leben getan hatten, dann war das Ganze umso rätselhafter. Denn daß sie genau darüber Bescheid wußten, daran zweifelte Graff keinen Augenblick, weil die Namen Hausen, Schwendi und wohl auch Kléber nur historischen und regionalen Fachkreisen geläufig waren.

Doch bevor er wieder in die Abgründe mythischen Denkens stürzte, das ihn während seiner Lektüre in der Nationalbibliothek immer stärker fasziniert hatte, gab ihm der Blick auf den Münsterturm den gewohnten Halt und erlaubte ihm, sein Polizistengehirn wieder in Gang zu setzen. Zunächst galt es herauszufinden, welche Orte, Plätze, Straßen, historische Denkmäler, Schulen und was es sonst noch geben mochte, mit den drei Helden zu tun hatten – so nannte er sie insgeheim, denn je mehr er über sie gelesen hatte, desto sympathischer waren sie ihm geworden, war er von ihrer Größe und Aufrichtigkeit beeindruckt. Ja, er entdeckte sogar manche Ähnlichkeit mit seinem eigenen Dasein, obgleich er nicht so vermessen war, sich mit diesen historischen Figuren auf eine Stufe zu stellen. Doch immerhin hatte auch er seine Vorstellungen von einer guten und gerechten Welt, war für diese mit seinen bescheidenen Mitteln eingetreten und mußte jetzt, noch nicht am Ende angelangt, feststellen, daß die Widrigkeiten des Lebens, aber auch seine eigene Unzulänglichkeit, ihm eine auch nur annähernde Erfüllung versagt hatten. Trotz aller Größe waren auch diese drei Männer gescheitert, wenn auch in unterschiedlicher Weise – und das verschaffte ihm einen gewissen bitteren Trost, wenn er an sein eigenes Leben dachte und an das, was er einmal angestrebt hatte. Doch eines blieb ihm noch: diesen Fall zu lösen, der schon längst kein rein kriminalistischer Fall mehr war, sondern ein Mysterium, das ihm vielleicht doch noch die Türen zu ungeahnten Dimensionen öffnen könnte.

Drei Tage später lag Graff eine – wie er hoffte – vollständige Liste der nach den drei Helden benannten Örtlichkeiten vor.

Friedrich von Hausen: Fehlanzeige.

Lazarus von Schwendi: 21 Nennungen in zwölf Orten, von denen elf Mitglied im sogenannten Schwendi-Bund waren, einem Zusammenschluß von Städten und Gemeinden, in denen Schwendi gewirkt hatte (dazu kamen fünf deutsche Mitglieder dieses Bundes).

Jean-Baptiste Kléber: 16 Nennungen, womit dieser französische Nationalheld deutlich hinter dem Deutschen Schwendi zurückfiel, und überdies entfielen allein sieben davon auf seine Geburtsstadt Straßburg und deren Vororte.

Die meisten dieser Nennungen bezogen sich auf weniger bedeutende Straßen, die kaum spektakuläre Ziele für einen terroristischen Anschlag boten (denn nur das konnte der Sinn der verklausulierten Botschaft aus Beirut sein). Damit schieden die meisten genannten Örtlichkeiten als bedrohens- und damit schützenswerte Objekte aus. Den Rest teilte Graff in zwei Kategorien auf: bei der ersten war davon auszugehen, daß die Terroristen eine maximale Wirkung – sprich: möglichst viele Tote – erzielen wollten. Dafür boten sich ganz klar vier Ziele an: das Kléber-Hotel und das Kléber-Gymnasium in Straßburg sowie die nach Schwendi benannte Weinstube in Colmar und das Schwendi-Hotel in Kientzheim in der Nähe von Colmar, wo sich auch das ehemalige Schloß Schwendis befand. Die zweite Kategorie bildeten Objekte, bei denen es den Dunkelmännern um eine symbolische Demonstration ihrer Macht gehen könnte. In diesem Fall ließen sich leicht zwei mögliche Ziele ausmachen: die Kléber-Statue auf dem gleichnamigen großen Platz im Herzen Straßburgs und die Schwendi-Statue auf einem kleinen Platz am Rande der Altstadt von Colmar.

Was Friedrich von Hausen anbelangte, so konnte Graff aufgrund seiner ausgiebigen Lektüre eigentlich nur ein mögliches Ziel identifizieren: die Georgskirche in Hagenau, wo Hausen lange Zeit am Hof von Kaiser Barbarossa gelebt hatte und die als einziges Bauwerk aus dieser Zeit die vielen Zerstörungen über die Jahrhunderte hinweg halbwegs unbeschadet überstanden hatte. Dort konnten auch beide Kategorien leicht zur Geltung kommen: etwa ein Bombenanschlag während eines vollbesetzten Gottesdienstes an einem hohen Feiertag oder ein kleiner Sprengstoffanschlag zu nächtlicher Stunde, bei dem die Kirche mehr oder weniger heftig beschädigt würde.

Nach weiteren zwei Tagen lagen auch die Informationen der deutschen Kollegen vom Polizeipräsidium Freiburg vor, die auf die merkwürdige Anfrage hin etwas erstaunt reagiert hatten.

Friedrich von Hausen: Fehlanzeige.

Lazarus von Schwendi: fünf Nennungen im südbadischen Grenzgebiet (dazu kamen weitere in der schwäbischen Geburtsregion des Freiherrn).

Jean-Baptiste Kléber: Fehlanzeige (kein Wunder, dachte Graff, für die Deutschen gibt es nur das deutsche Elsaß; was dazwischen und danach war, interessiert sie nicht).

Für einen terroristischen Anschlag gab es hier nur ein lohnendes Ziel: die Schwendi-Schule in Kirchhofen, einem kleinen Ort südlich von Freiburg, wo der Held im Jahre 1583 in seinem Wasserschloß gestorben war. Doch auch dieses Wasserschloß könnte in Frage kommen, war es doch mittlerweile in verschiedene Wohnungen aufgeteilt und von vielen Menschen bewohnt.

Noch während er über der Liste und den möglichen Folgen für seinen Fall brütete, erreichte ihn der Anruf von Frau Professor Waldenegger. Sie sei wieder zurück und sie habe viel zu erzählen, was den Herrn Kommissar sicher interessieren würde. Sie und Herr Germann hätten eine ausgesprochen ergiebige Reise hinter sich, die vielleicht einmal in die Geschichte der Orient-Forschung eingehen könnte.

Diesmal wollte Frau Waldenegger nach Straßburg kommen, da sie ohnehin einige Fachgespräche mit ein paar Kollegen führen wolle, etwa dem bekannten Soziologen Professor Amini. Ob Herr Graff ihn schon kenne, wenn nicht, würde sie gerne ein Treffen vermitteln, Amini sei ein Mann, der für ihre Geschichte von Interesse sein könnte. Als Graff am Telefon durchblicken ließ, daß der Professor durchaus in das Umfeld polizeilicher Ermittlungen im Zusammenhang mit ihrer Geschichte gehöre, wurde sie merkwürdig still und kam auch nicht mehr auf die Sache zu sprechen.

Sie waren zum Mittagessen im Rathsamhausen verabredet, Graffs Lieblingslokal in der Petite France, einem kitschigromantischen Touristenviertel am südlichen Altstadtrand. Er liebte diesen Teil der Stadt, weil er mit seinen kleinen Wasserstraßen und den verwinkelten Gassen ein wenig an südliche Gefilde erinnerte, wozu durchaus auch die Touristen gehörten, und er schätzte dieses alte Restaurant, weil es bei allen Zugeständnissen an den Zeitgeist doch seinen Charakter bewahrt hatte und im übrigen mehr von Einheimischen als von Touristen besucht wurde, vielleicht, weil es von außen einen recht unscheinbaren Eindruck machte.

Obwohl er – seiner Gastgeberrolle wegen – extra früher gekommen war, saß die kleine quirlige Person bereits an dem von ihm reservierten Tisch in einer Ecke des ersten Stocks.

»Ein gemütliches Restaurant haben Sie da ausgesucht«, begrüßte sie ihn mit einem freundlichen Lächeln, »wenn das Essen auch so gut ist…«

»Worauf Sie sich verlassen...



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