E-Book, Deutsch, 178 Seiten
Veith Die erste Bahn
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-942672-89-4
Verlag: OCM
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 178 Seiten
ISBN: 978-3-942672-89-4
Verlag: OCM
Format: EPUB
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Markus Veith, am 5. März 1972 in Dortmund geboren, arbeitet seit 1997 als freischaffender Schauspieler und Autor. Während seiner Bühnentätigkeit spielte er deutschlandweit in vielen speziellen Theater-Genres. Als Autor hält er regelmäßig Lesungen, produzierte Hörbücher und Hörspiele und wurde mit mehreren Preisen und Nominierungen geehrt. Seine Texte umfassen viele Genres, sowohl inhaltlich als auch stilistisch.
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Er rennt, wild winkend und rufend, obwohl er ahnt, wie aussichtslos sein Bemühen ist. Seine zornigen Flüche, welche er den roten Lichtern hinterherbrüllt, vermögen die U 102 nicht mehr zu stoppen. In seiner Rage will er die fast volle Flasche Korn in Richtung des Tunnels schleudern, dessen Dunkel die Bahn verschluckt hat, kann sich aber gerade noch zurückhalten. Stattdessen kickt er eine im Weg liegende Coladose über die Gleise. Sie prallt gegen die Stationswand, schwappt einen bräunlichen Stern auf die Kacheln und klackert zwischen die Schwellen.
Keuchend, vom Regen durchnässt und zitternd bleibt der junge Mann eine Weile stehen, die rechte Hand in die stechende Seite gestemmt, die Flasche in der schlaff hängenden Linken. Wassertropfen plitschen zu Boden. Schließlich sieht er zur Anzeige hinauf. Den ganzen Tag über hat sie stetig kommende Bahnen angekündigt. Nun verharrt sie in stummer Schwärze. Die Uhr daneben zeigt 00:16. Rasch eilt der Mann zu dem Schaukasten, in dem die Fahrpläne aushängen.
Er findet seine Befürchtung bestätigt. „Scheiße“, ächzt er kraftlos.
Er blickt zum Aufgang, zu der inzwischen reglosen Rolltreppe, hört, wie oben in der Außenwelt der Regen in Strömen auf das Glasdach des Zugangs prasselt. Resigniert analysiert er seine Situation: Bis nach Hause sind es etwa acht Kilometer, eher mehr als weniger. Er besitzt zwar ein Handy, doch liegt das daheim am Aufladekabel. Seine nach diesem Abend verbliebene Barschaft beläuft sich auf zwei Euro und 90 Cent; was für den Erwerb einer Fahrkarte Preisstufe B genügt hätte, aber nicht für eine Heimfahrt mit einem Taxi. Die Idee, einen Geldautomaten aufzusuchen, scheitert an der Erkenntnis, dass er keine Ahnung hat, wo im Umkreis der nächste zu finden ist. Und wie um die Ungemütlichkeit zu betonen, die ein Marsch bei diesem Wetter ohne Regenschutz bedeuten würde, grollt in diesem Moment eine Donnersalve von der Oberwelt zu ihm hinab. Auch das Prasseln des Regens verstärkt sich, als wolle das Gewitter in die U-Bahn-Station brüllen: ‚Kai Trollmann, du Arschgesicht! Bleib gefälligst, wo du bist!‘
Der junge Mann schaut erneut zu der Uhr empor und rechnet. Vier Stunden und sechzehn Minuten bis zur Ankunft der ersten Bahn. „Scheiße.“
Frustriert schlurft er zu der Bank in der Mitte des Bahnsteigs und lässt sich auf einen der Sitze sinken. Es sind Hartschalen aus Kunststoff, fleckig orange und abgeschabt vom Gebrauch tausender Hintern und Taschen. Er schraubt den Verschluss der Flasche ab, trinkt und verzieht das Gesicht, als der Kornbrand in seinem Innern hinabrinnt. ‚Wenigstens Onkel Otto leistet mir Gesellschaft‘, denkt er, während er das Etikett betrachtet.
Fünfzehn Euro hat er für die Pulle berappt, kurz bevor der Kiosk dichtmachte. Ein Frustkauf. Sein Erlebnis in der vergangenen Stunde hat die Wirkung des über den Abend konsumierten Alkohols unerträglich abgeschwächt. Er nimmt einen weiteren Schluck. Und unvermittelt wird ihm klar: Hätte er auf Onkel Ottos Gesellschaft verzichtet, könnte er nun in einem Taxi sitzen und in absehbarer Zeit zu Hause sein. „Scheiße“, murmelt er erneut und trinkt.
Was für ein Tag … was für ein Abend!
Er spürt ein unangenehmes Druckgefühl im Schritt und rückt es mit der freien Hand beiseite. Nach einem weiteren Schluck merkt er, wie dumpfer, warmer Nebel hinter seine Stirn wallt. Benommen sieht er sich um.
Die U-Bahn-Station ist ein Paradebeispiel für Reizlosigkeit. Die beiden Schienengräben verlaufen entlang der Wände, der Bahnsteig ist in der Mitte. Grauer Steinfußboden, verziert mit Kaugummiflatschen und dem Dreck des Alltags. Wände und Säulen mit emaillierten Kacheln, ehemals weiß, doch signiert mit zahllosen Ölstift-Signaturen. Funktionalität ohne jegliche Zier, weder architektonischer noch informativer Art. Keine historischen Wandbilder und Schaukästen wie in den Stationen Stiftskirche und Nordtor. Keine Bildschirme, die wie am U-Bahnhof Stadttheater Szenen aus aktuellen Bühnenproduktionen zeigen. Nicht einmal eine Beamer-Installation, die Wartende mit einer Dauerschleife aus Nachrichten, Aktienkursen, Wetterbericht und Werbung animiert. Dies hier ist Station Bachstraße – wenngleich in Citynähe, so doch von Stadtplanern nahezu ignoriert; so trostlos, dass sich nicht einmal Obdachlose oder Junkies hier aufhalten, sondern lieber die Umgebung der nächsten Station am Schillerplatz frequentieren.
„Wahrscheinlich wollte der Architekt den Auftrag möglichst rasch vom Reißbrett kriegen“, phantasiert Kai. Und wie so oft, wenn ihm langweilig wird, folgt er den Handlungen seines Kopfkinos, dem nur kurze Impulse genügen, um Geschichten zu formen: „Vielleicht für einen besser bezahlten Auftrag. Oder er durchlebte eine unkreative Phase, weil einfach alles gerade beschissen lief und nichts funktionierte. Oder ihm ist mehrmals die Drecksbahn vor der Nase weggefahren und er dachte sich: Dich verlausten Schienenreiter lasse ich bis zur Rente durch die langweiligste Station der Welt fahren.‘ Kai nimmt einen Schluck. Er entscheidet sich für die letzte Version und erklärt sie zur Wahrheit. ‚Immerhin bleibt hier über Nacht das Licht an. Mir soll’s …‘
In just diesem Moment klickert es leise über ihm. In den beiden Lampenreihen längs der Stationsdecke erlischt jedes zweite Neonröhrenpaar.
„Ernsthaft?“ Der junge Mann schaut empor. Dann beginnt er zu kichern. Das Kichern wächst zu einem schallenden Lachen an, wird zu einem Gewieher, in dem eine Hysterie mitschwingt, die manchem eine Gänsehaut bescheren würde. „Pech biblischen Ausmaßes“, japst er, nachdem er sich einigermaßen beruhigt hat und sich die tränenden Augen reibt. „Gleich wird es noch Frösche und Heuschrecken regnen.“ Als er erneut auf die Uhr blickt, wird ihm gewahr, dass diese erst 00:20 Uhr anzeigt, was sein Lachen erneut aufpeitscht. Atemlos kramt er schließlich in der Innentasche seiner Lederjacke, friemelt einen kleinen Schreibblock und einen Kugelschreiber heraus und notiert:
Ihm gefällt der Satz. Irgendwie entspricht er seiner Stimmung.
Hiob … eine biblische Gestalt, das weiß er. Aber was es mit der nach ihm benannten, Unglück vermittelnden Botschaft auf sich hat, müsste er nochmal nachschlagen. In seinem Kopfkino rattert der Projektor. Wer könnte diesen Satz denken, sagen, verzweifelt herausbrüllen? ‚Ein Typ, der an einem Punkt ist, an dem es gar nicht schlimmer werden kann. Der klitschnass, betrunken, frustriert und allein in einer U-Bahn-Station steht. Oder inmitten von leblosen Körpern. Mit einer rauchenden Uzi oder einem triefenden Katana in Händen. Womöglich aus mehr Körperöffnungen blutend, als er haben sollte. Der hysterisch zu lachen beginnt, da er sich fragt, welche perverse Gottheit er so verärgert haben mochte, dass sie ihm dermaßen auf den Kopf scheißt.‘
Solcherlei Gedanken, Szenerien und Beschreibungen notiert Kai möglichst sofort. Manchmal kommt es vor, dass er Zettel und Stift nicht parat hat oder sich die Situation nicht eignet, etwas aufzukritzeln. Zum Beispiel, wenn er als Sargträger über den Friedhof wandelt. Befindet sich das Grab weit genug von der Trauerhalle entfernt, steht ihm oft eine Menge Schleichstrecke zur Verfügung, um Tagträumen hinterherzujagen und im Trüffelfeld seines Kopfes nach prosalyrischen Delikatessen zu wühlen. Nach einer Beerdigung haften dann oft Dutzende geistige Notizen an seinem Hirn wie an einer chaotischen Pinnwand.
Kai rupft den Zettel ab. Block und Kuli verstaut er wieder in der Jacke, die Notiz stopft er in die Gesäßtasche. Er muss nicht noch mehr dazuschreiben. Der Satz dürfte auch so alle Gedanken wieder zurückbringen. Morgen will er schauen, was sich aus der Zeile machen lässt.
‚Heute‘, verbessert er sich. ‚Irgendwann.‘
Er wohnt in einem Vorort. Wenn er um 4:45 Uhr in die erste Bahn steigt, liegt vor ihm noch eine halbstündige Fahrt zu seiner Zielhaltestelle. ‚Sofern ich sie nicht verschlafe.‘ Dann nochmal zwanzig Minuten Fußweg zu seiner Wohnadresse. Dann endlich würde er in sein Bett sinken und schlafen, schlafen, schlafen, bis …
Nein, Moment. Nur etwa zwei Stunden. ‚Verflucht!‘ Läge er sich hin, müsste er sich zehn und mehr Alarme stellen, um wieder wach zu werden. Nein, da wird es sicherer sein, wenn er sich einen Kaffee kocht, der Tote zu reanimieren vermag. Am besten gleich eine Kanne. Mindestens. Dann muss er sich wieder zur Haltestelle schleppen, zweimal umsteigen, und um neun Uhr vor der Trauerhalle des Hauptfriedhofs parat stehen. Nach der Koffeindröhnung hoffentlich aufrecht, schlimmstenfalls schlurfend, bestenfalls brummkreiselnd. Dann eine lahme Trauerfeier. Pastor Lübke, dieser verschnarchte Messdiener, predigt immer länger als erträglich. Mit einer Stimme, als müsse er jedes Wort mühsam aufklauben. Und Kai wird in der Kammer nebenan sitzen, die sicher wieder völlig überheizt ist. Gemeinsam mit den anderen Sargträgern. Diesen Greisen, die wie Fabrikschlote rauchen und sich mit ihren Wehwehchen übertrumpfen. Dann der Marsch ans Grab. Nur nicht zu schnell, damit die Gehbehinderten auch mithalten können. Und all das für lumpige 30 Euro.
Kai Trollmann stöhnt verbittert. Erst in hundert Jahren oder so, käme er wieder nach Hause, um endlich in einen komatösen Schlaf zu fallen.
Er blickt skeptisch neben sich. Mit seinem Siegelring klackert er auf eine der Sitzschalen, die einzeln nebeneinander montiert sind. Sie haben keine Rückenlehnen, damit man von beiden Seiten auf ihnen Platz nehmen kann. Hier zu liegen dürfte nicht sonderlich bequem sein. Den Gedanken, sich auf dem versifften Boden niederzulassen, verwirft er...




