E-Book, Deutsch, 783 Seiten
Veloso Der Himmel über dem Alentejo
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-450-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Eine große Familiensaga im Portugal der Jahrhundertwende über eine Liebe, die nicht sein darf
E-Book, Deutsch, 783 Seiten
ISBN: 978-3-98690-450-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ana Veloso wurde 1964 geboren. Nach ihrem Studium der Romanistik arbeitete sie als Journalistin für mehrere namhafte deutsche Magazine. Ihr erster Roman, »Der Duft der Kaffeeblüte«, wurde ein großer Erfolg und in viele Sprachen übersetzt. Ana Veloso lebt als Journalistin und Autorin in Hamburg, verbringt aber jedes Jahr mehrere Monate im Ausland, um dort Eindrücke für ihre Romane zu sammeln. Die Website der Autorin: www.ana-veloso.de/ Bei dotbooks veröffentlichte Ana Veloso ihre exotischen Love-and-Landscape-Romane »Der Duft der Kaffeeblüte«, »Unter den Sternen von Rio«, »Der Himmel über dem Alentejo«, »Das Leuchten der Indigoblüte«, »Die Frau vom Rio Paraíso«, »Das Lied des Kolibris« und »Das Flüstern der goldenen Bucht«.
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Kapitel 2
Jujú lag mit geschlossenen Augen im Schatten des Olivenbaums. Sie hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und lächelte versonnen. Fernando kitzelte ihr Gesicht mit einem Grashalm. Er hätte stundenlang damit fortfahren können, hätte sich ewig am Anblick von Jujús gekrauster Nase, ihren leicht zuckenden Lidern und ihren süßen Grübchen berauschen können. Wie oft hatten sie sich hier schon getroffen, wie oft sich diesen harmlosen, verliebten Spielereien hingegeben – und doch glaubte Fernando, dass er nie genug davon bekommen würde. Auf der ganzen Welt konnte es kein hübscheres Mädchen geben, und ein schlaueres schon gar nicht. Deolinda mochte sich einbilden, das begehrteste Mädchen im Dorf zu sein, aber mit Jujú konnte sie es nicht aufnehmen.
»Ah, ich halte das nicht mehr aus, Fernando!« Jujú schlug die Augen auf und fuhr sich mit beiden Händen kräftig durchs Gesicht, um das kribbelige Gefühl hinwegzuwischen. Wie immer, wenn sein Gesicht dem ihren so unerwartet nahe war, durchfuhr sie beim Blick in seine Augen ein kleiner Blitz. Sie waren von einem unvorstellbar reinen Grün, das dank der langen dunklen Wimpern nur umso intensiver leuchtete. Fernandos Augenfarbe war früher, als sie noch jünger waren, den anderen Kindern Anlass für hässliche Spötteleien gewesen. »Wechselbalg« oder »Bastard« hatten sie ihn gerufen, wahrscheinlich nur das dumme Geschwätz von zu Hause wiederholend. In der aldeia, im Dorf, hatte es noch nie jemanden mit so grünen Augen gegeben, und die Leute konnten sich diesen Umstand offenbar nur mit einem Seitensprung von Gertrudes Abrantes erklären. Obwohl Fernandos Mutter nicht müde wurde zu erzählen, dass ihr Urgroßvater den Spitznamen »olho verde«, Grünauge, getragen hatte, und obwohl sie eine gottesfürchtige Frau und treusorgende Mutter war, wurde sie den Makel des Verdachtes, eine Ehebrecherin zu sein, nie los.
Neben den Qualen, die Fernando als Kind deswegen auszustehen hatte, nahmen sich die Beleidigungen, mit denen Jujú gelegentlich bedacht worden war, geradezu lachhaft aus. »Dein Vater ist ja gar kein richtiger Mann«, hatten die Kinder gefrotzelt, »fünf Töchter und kein einziger Sohn!« Allzu oft war Jujú das nicht passiert, denn eine der ersten Lektionen der Dorfkinder war gewesen, dem Patrão und seiner Familie nie anders als unterwürfig gegenüberzutreten.
Ach, das war alles lange her. Und die wenige kostbare Zeit, die ihr heute noch mit Fernando blieb, wollte Jujú nicht mit solchen Erinnerungen verschwenden – genauso wenig wie mit störenden Gedanken an eine Zukunft, in der nach dem Willen ihrer Eltern kein Raum für Fernando mehr sein sollte. Sie wollte sich hier und jetzt ihren angenehmen Empfindungen hingeben. Sie wollte die Frühjahrssonne, die durch die silbrig schimmernden Blätter des Olivenbaums auf ihr Gesicht fielen, warm auf ihrer Haut spüren, wollte dem Gesang der Vögel lauschen, den Duft der aufblühenden Natur in sich aufnehmen und bei alldem die Zärtlichkeiten, mit denen Fernando sie bedachte, genießen. Sie schloss die Augen erneut.
Zuerst spürte sie seinen heißen Atem an ihrem Hals, dann seine Lippen. Als er zart an ihrem Ohrläppchen knabberte, bekam sie eine Gänsehaut. Er kannte ihre Schwächen und Vorlieben genau, wusste, wo und wie er sie berühren musste, damit sie vor Verlangen aufseufzte. Fernandos Hand, die er um ihre Taille gelegt hatte, wanderte vorsichtig nach oben. Jujú ließ ihn gewähren. Es war nicht das erste Mal, dass er ihre Brüste streichelte, und wäre sicher nicht das letzte Mal. Doch sosehr sie seine Liebkosungen genoss: Weiter würde sie ihn nicht gehen lassen. Auf keinen Fall wollte sie das Schicksal Luizas teilen. Ihre frühere Freundin war nach einem Techtelmechtel mit einem benachbarten Gutsbesitzersohn schwanger geworden. Vor kurzem hatte sie ihn geheiratet, nachdem sie, gerade 16-jährig, den Segen der Eltern, der Behörden und der Kirche für diese Ehe erhalten hatte. Luiza hatte bei der Hochzeit rotverweinte Augen und einen sichtbar gewölbten Bauch. Ihr Bräutigam, selber erst 19 Jahre alt, blickte wütend und trotzig drein.
»Fernando, nicht.« Fernandos Hand war unter ihren Rock geglitten und bewegte sich langsam von der Wade hinauf zu ihren Oberschenkeln.
»Ja, ich weiß.« Widerstrebend ließ Fernando von Jujú ab. Er wusste, dass sie recht hatte, und er war dankbar, dass immerhin einer von ihnen beiden über genügend Willenskraft verfügte, ihrer Begierde einen Riegel vorzuschieben. Aber Himmel, er würde das nicht mehr lange aushalten. Jujús milchweiße Haut, ihre runden, nicht allzu üppigen Brüste und ihre samtige Stimme erregten ihn aufs Äußerste.
Er ließ sich enttäuscht auf den Rücken rollen und verschränkte ebenfalls seine Arme unter dem Kopf. Er war 18 Jahre alt, es wurde höchste Zeit, dass er endlich zum Mann wurde. Und diese Erfahrung, so hatte er sich bereits vor zwei Jahren vorgenommen, als Jujú aufhörte, nur eine kleine Freundin für ihn zu sein, wollte er mit keiner anderen als ihr teilen. Damals, nachdem seine Stimme tief geworden war und sein Barthaar zu sprießen begonnen hatte, nachdem er in die Höhe geschossen und sein Körper ihm fremd geworden war, hatte er Jujú plötzlich in einem ganz anderen Licht gesehen. Und ihr war es umgekehrt auch so ergangen. Sie, die zur ungefähr gleichen Zeit wie er eine körperliche Veränderung erlebt hatte, mit der ihr Denken und Fühlen noch nicht Schritt halten konnte, war ihm gegenüber zurückhaltender geworden. In ihre Freundschaft, die immer durch Komplizentum gekennzeichnet gewesen war, hatten sich Schamhaftigkeit und Distanziertheit eingeschlichen.
Bei ihren gemeinsamen Ritten auf dem Maultier hatten sie sich unbehaglich gefühlt – bis sie ganz darauf verzichteten. Das Baden im Stausee war mit einem Mal kein großer Spaß mehr, sondern eine äußerst beunruhigende Angelegenheit gewesen. Jujú hatte schließlich als Erste zugegeben: »Fernando, ich geniere mich zu Tode. Lass uns etwas anderes unternehmen.«
Doch bei den anderen Treffen war es kaum besser gewesen. Wenn er sie auf bestimmte Stellen in den Büchern hinwies, die sie ihm heimlich lieh, wurden sie sich ihrer Nähe schmerzhaft bewusst. Wenn sie nebeneinander herliefen und er wie zufällig ihren Arm streifte, zuckten sie beide zurück. Wenn sie einander dabei erwischten, wie sie den anderen aus den Augenwinkeln taxierten, schlugen sie die Blicke beschämt nieder. Und an manchen Sonntagen, wenn der Patrão und seine Familie die Dorfkirche mit ihrer Präsenz beehrten – meist blieben sie in der heimischen Kapelle, wo Padre Alberto eine Andacht für sie abhielt – und Fernando und Jujú dort einander entdeckten, konnte selbst die wortgewaltigste Predigt sie nicht in ihren Bann ziehen.
Fernando erinnerte sich nicht mehr genau, wann und wie sie schließlich zueinander fanden. Merkwürdig, dass er eine so entscheidende Wendung in seinem Leben nicht bewusst wahrgenommen haben sollte. War es während des Karnevals im vergangenen Jahr passiert, als die gesamte Familie Carvalho in Beja erschienen war, um sich den Umzug anzusehen, und Jujú einmal mehr die Gelegenheit ergriffen hatte, sich unter die Dorfleute zu mischen? Da hatten sie sich umarmt, das wusste er noch. Oder doch im letzten Mai, als er erstmals eigenhändig die Rinde einer Korkeiche abgelöst und Jujú danach stolz seine schwieligen Hände gezeigt hatte? Sie hatte daraufhin die Innenfläche seiner Hände geküsst, und zwar so zärtlich, dass die Botschaft unmissverständlich war.
Jujú hatte jede Einzelheit jenes Tages, an dem sie Fernando ihre Gefühle für ihn offenbart hatte, noch ganz deutlich vor Augen, und genau jetzt, da sie unter dem Olivenbaum lag und Fernandos noch immer beschleunigten Atem hörte, dachte sie daran. Ein Nachmittag im Spätherbst 1906: Die Störche flogen in großen Schwärmen Richtung Süden. Auch das Paar, das das Nest auf einem der Schornsteine von Belo Horizonte bewohnte, war schon in sein afrikanisches Winterquartier aufgebrochen. »Sie bleiben ein Leben lang zusammen«, hatte sie gesagt und Fernando dabei tief in die Augen geschaut. »Und jedes Jahr bauen sie an ihrem Nest, bis es ganz groß und ganz stabil ist.« Fernando hatte ihren vielsagenden Blick erwidert und nur geantwortet: »Ja.« Es war die kürzeste und schönste Liebeserklärung, die Jujú sich überhaupt denken konnte.
Fernando richtete seinen Oberkörper auf und stützte sich auf die Ellenbogen. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er die Uhrzeit auf dem Kirchturm abzulesen, der etwa 500 Meter Luftlinie von ihnen entfernt war.
»Ist es wirklich schon fast Mittag?«
»Ich fürchte, ja. Gleich werden wir es ja hören.« Jujú drehte sich auf die Seite, bettete den Kopf auf ihren angewinkelten Arm und musterte Fernandos Gesicht von unten. Wie männlich er geworden war! Sein Kinn war kantig und trug den dunklen Schatten eines Bartwuchses, der für sein Alter schon sehr ausgeprägt war. Seine Haut war, trotz des eben erst zu Ende gegangenen Winters, gebräunt, sein Haar tiefschwarz und glänzend. Jujú sah andächtig auf seinen Adamsapfel, der sich jetzt auf und ab bewegte. Fernando schluckte – und sie wusste bereits, was jetzt kommen würde. Sein Pflichtbewusstsein war wirklich zum Aus-der-Haut-Fahren.
»Ich muss los. Meine Mutter regt sich furchtbar auf, wenn ich nicht pünktlich zum Essen erscheine. Und meinem Vater habe ich versprochen, heute nach der undichten Stelle im Dach zu sehen.« Wenn er jetzt nicht ging, würde Fernando nicht länger für sich garantieren können. Abrupt erhob er sich. »Und außerdem kommt heute mein ältester Bruder zu Besuch und stellt uns seine Braut vor.«
»Ach, Manuel heiratet? Aber er kann doch höchstens ... 19 oder 20 Jahre alt sein.« Jujú erinnerte sich vage an den Burschen, der mit...




