E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Reihe: TRIAS
Venema Die PresentChild®-Methode
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-432-11011-0
Verlag: Enke
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kindliche Ängste & Probleme als die eigenen erkennen und lösen
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Reihe: TRIAS
ISBN: 978-3-432-11011-0
Verlag: Enke
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Janita Venema ist Homöopathin und Coach. Sie entwickelte vor 25 Jahren die PresentChild®-Methode, als ihr Sohn unerklärliche Probleme hatte. In kürzester Zeit wurde aus dem unglücklichen, einsamen Kind ein fröhlicher Junge, der gerne spielt und viele Freunde hat. Heute bildet Janita Venema Familienberater, Pfleger und Therapeuten zu PresentChild®-Übersetzern aus und ermöglicht ihnen damit einen neuen, liebevollen und wirksamen Ansatz bei deren Arbeit mit Familien.
Zielgruppe
Gesundheitsinteressierte
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Medizin | Veterinärmedizin Medizin | Public Health | Pharmazie | Zahnmedizin Medizin, Gesundheitswesen Medizin, Gesundheit: Sachbuch, Ratgeber
- Sozialwissenschaften Pädagogik Pädagogik Pädagogik: Sachbuch, Ratgeber
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologie: Sachbuch, Ratgeber
Weitere Infos & Material
Wie alles anfing
Es ist einfach, unkomplizierte Kinder zu lieben; die Kunst besteht darin, die schwierigen zu lieben.
Als junge Frau von 28 Jahren kannte ich mich selbst überhaupt noch nicht. Ich war unsicher, eine graue Maus, eine Nebenfigur, melancholisch und einsam. Konversationen? Kannte ich nicht. Freunde? Vielleicht einen. Ich nahm am Sozialleben meines Partners teil, aber auch den Menschen, die er mir vorstellte konnte ich mich nur schwer öffnen. Die wenigen Themen, mit denen man mich aus meinem Schneckenhaus locken konnte, waren die Verbesserung der Welt und der Klimaschutz. Beides war mir sehr wichtig. Ich versuchte zu verwirklichen, was ich predigte, aber meine Handlungen waren nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und ich fühlte mich nutzlos. Auf der anderen Seite fand ich mich toll, weil mir unsere Welt und das Klima ein Anliegen waren. Ich sah auf andere Menschen herab, die so taten, als gäbe es keine Probleme auf unserer Welt. Für sie gab es nur Spaß und kopflosen Konsum, als gäbe es kein Morgen. Ich hingegen dachte, dass wir auf diese Weise uns und unsere Welt zugrunde richten. Wie konnten diese Menschen die Augen so verschließen? Viele von ihnen fand ich ignorant und uneinsichtig – was mich nicht gerade bei ihnen beliebt gemacht hat. Irgendwann fand ich mein einsames, düsteres Leben so wertlos, dass ich vorhatte, verschmutztes Wasser aus einem großen Fluss als Trinkwasser zu nutzen. Auf diese Weise sollte für die Welt sichtbar werden, wie stark unsere Umwelt verunreinigt ist. Der Tod saß mir im Nacken. Ich wollte als leidendes Vorbild dienen, um aufzuzeigen, dass wir uns auf dem Holzweg befinden. Ich teilte meine Absichten zwei Menschen mit, die mir meine Idee wieder ausredeten. Aber wenn ich nicht einmal dieses Opfer für die Welt bringen konnte, was war mein Leben dann noch wert? Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, um mein Anliegen sinnvoll der Welt zu vermitteln, jedoch ohne Erfolg. Ich saß neben meinem Kachelofen und las unter anderem über den »Club of Rome«, eine Expertengruppe, die davor warnte, dass es »fünf vor zwölf« sei. Wenn nicht einmal sie ernst genommen wurden, wie sollte ich dann etwas ausrichten können? Mein Kopf stand im Begriff zu platzen. Ich hasste mich selbst und in meinen Augen war ich eine Versagerin. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich etwas tun musste, um das Blatt zu wenden, auch wenn es nicht für die Welt, sondern für mich selbst war. Ich musste etwas Positives finden, um mich aufzubauen. Vielleicht half ein zweites Studium? Nach meinem Lehramtsstudium begann ich daher, klassische Homöopathie zu studieren. Auf diesem Gebiet konnte ich zwar anderen helfen, aber es fühlte sich für mich wie ein langer Umweg an. Das Studium faszinierte mich, allerdings belastete es auch meinen ohnehin schon viel zu vollen Kopf. Dennoch sah ich es als eine gute Alternative zu meinen destruktiven Plänen, und nach für nach fand ich immer größeren Gefallen daran.
Während dieser Umbruchsphase besprachen mein Mann und ich unsere Familienplanung. Meine biologische Uhr tickte. Ich habe immer behauptet, keine Kinder zu wollen. Die Gründe lagen (für mich) auf der Hand. Überbevölkerung war einer, aber ich war auch der festen Überzeugung, dass ich kein Kind in unsere düstere Welt setzen wollte. Außerdem konnte ich nichts an Kindern finden. Sie waren mir zu spontan, zu sprunghaft und zu launisch. Ich konnte sie nicht verstehen und, last but not least, hatte ich mit mir selbst alle Hände voll zu tun. Doch in meinem tiefsten Inneren machte sich eine weitere Stimme bemerkbar: Vielleicht wollte ich sie doch … trotz allem, was dagegensprach. Diese Stimme bekam keine große Chance. Die Vernunft sprach zu mir: Mit Kind hätte ich zu wenig Zeit für mein Studium und um mir meine eigene Praxis aufzubauen. Außerdem war mein Mann oft nicht zu Hause, ich müsste also den Großteil der Versorgung und der Erziehung übernehmen. Wollte ich das? Konnte ich das überhaupt? Dieses Thema beschäftigte mich lange.
Kommt Zeit, kommt Rat, sagte mein Mann. »Ich würde einen Tag in der Woche für unser Kind sorgen, wir nehmen uns für zwei Tage Kinderbetreuung und ein Kleinkind schläft auch noch viel. Du kannst also nebenbei studieren.« Trotz meiner vielen Zweifel stimmte ich zu. Wir legten das Schicksal einfach in Gottes Hände und warteten ab, was passieren würde. »Gott« im übertragenen Sinne, denn nach einer Erziehung im Sinne der reformierten Kirche hatte ich Gott in religiöser Hinsicht abgeschrieben. Falls es ihn gibt, warum lässt er seine prächtige Schöpfung so verkommen? No way, wenn für diese Erde noch etwas getan werden konnte, so musste es von Menschenhand geschehen, aber diesbezüglich war mein Vertrauen gering. Und wie du weißt, ist auch mein Glaube an die Menschheit sehr gering.
Entweder hatte Gott unsere Entscheidung abgesegnet oder die Spermien waren einfach fruchtbar. So oder so bin ich im Handumdrehen schwanger geworden. Ich fühlte keine Verbindung mit dem Kind in meinem Bauch. Es bewegte sich, mein Bauch wuchs, aber ich nahm das emotionslos hin. Ich streichelte meinen Bauch nicht einmal. Das Kind in mir war für mich nicht anwesend, es war abstrakt und verschwommen. Ich hatte keine Gefühle von Wärme oder Liebenswürdigkeit, geschweige denn von »freudiger Erwartung«. Oh, wie schlecht habe ich mich damals gekannt. Ich fand es merkwürdig, dass ich keine Verbindung zu meinem Kind spürte, während ich die ganze Zeit überhaupt nicht mit meinen eigenen Gefühlen in Berührung kam. Fühlen war für mich fast ein Fremdwort. Ich sah mich als eine rationale Person. Wenn andere ab und zu sagten, dass ich einfühlsam sei, taten sie das nur, damit ich mich besser fühlte. Ich war nun mal ein Kopfmensch, womit ich zufrieden und worauf ich sogar ein wenig stolz war. Der Verstand bringt viele schöne Dinge hervor. Wenn mehr Menschen ihren Verstand nutzten, wäre die Welt ein besserer Ort. Zu viele Menschen beschäftigen sich auf egozentrische Weise damit, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.
Im sechsten Schwangerschaftsmonat bekam ich Blutungen und die Bewegungen in meinem Bauch hörten auf. Ich hatte Angst, und mein erster Gedanke war, dass das Baby sicherlich sterben wird. Wider Erwarten konnte die Hebamme das Herz gut hören. Aber warum stellte sich das Kind so tot? Wieder einmal fühlte ich absolut nichts, während ich gespannt auf ein Lebenszeichen warte. Tage später spürte ich endlich eine Bewegung in meinem Bauch und das erste Mal, seit Beginn meiner Schwangerschaft, habe ich mich um mein Kind gesorgt. Gegen Ende der Schwangerschaft lag mein Kind nicht, wie es üblich sein sollte, mit dem Kopf nach unten. Ich musste mein Kind über eine Steißgeburt im Krankenhaus zur Welt bringen und hatte Todesangst, dass ich nicht genügend Kraft für die Geburt hätte. Die Wehen wurden nicht wirklich stärker und irgendetwas in mir wusste, dass ich sie zurückhielt. Ich hatte solche Angst, die Kontrolle zu verlieren, zu schreien und die Schmerzen nicht ertragen zu können. Ich hatte Angst, meinen Körper machen zu lassen, aber ich wusste, dass ich mich meinem Körper hingeben musste, und nichts jagte mir in dieser Situation mehr Angst ein. Nach 36 Stunden durfte ich endlich pressen. Ein Kreis von Köpfen über mir sagte, was ich tun musste, und ich war bereit, alle Anweisungen zu befolgen, solange mein Kind nur gesund auf die Welt käme. Der Körper kam schnell heraus. Nun musste der Kopf noch rasch folgen, da der Atemreflex bereits ausgelöst war. Sie drückten auf meinen Bauch, damit das Köpfchen leichter nach draußen kommen konnte, und gleichzeitig drückten sie gegen den winzigen neugeborenen Babykörper, als ob sie ihn wieder zurück in meinen Bauch schieben wollten. Es fühlte sich an, als wären Körper und Kopf meines Babys getrennt worden. Ein Dammschnitt wurde gemacht und da war er, Frank, unser Sohn. Behutsam drückte ich ihn an meine Brust und hielt ihn ganz fest. Auf einen Schlag waren Sorge, Schmerz und Müdigkeit beim Anblick dieses neuen Menschenlebens verflogen. Dieser schöne Moment war wunderbar, bewegend und unwirklich zugleich. Nach dieser realitätsfernen Schwangerschaft lag plötzlich ein Kind aus Fleisch und Blut in meinen Armen. Wie war das möglich? War das mein Kind? Als ob ich es nicht soeben selbst geboren hätte! Ich war so glücklich mit ihm, so unglaublich glücklich. Einige Zeit später nahmen die Krankenschwestern Frank mit und mein Mann ging nach Hause. Unsere neue Familie war nur zwei Stunden nach der Geburt auf drei Orte in der Welt verteilt. Wie auf drei Inseln in einem riesigen Ozean. Und das machte mich sehr traurig.
Frank weinte am Anfang oft. Wiegend und tröstend liefen wir viel mit ihm herum. Wir konnten nicht viel anderes tun. Ich denke, dass wir dabei Frank so nahe waren, wie wir es hätten sein können. In anderen Dingen merkte ich jedoch, dass ich als Mutter kein Naturtalent war. Natürlich gelang es mir als Mutter genauso wenig, meinem Gefühl zu folgen, wie auf anderen Gebieten meines Lebens. Ich las Bücher über Erziehung und Kinderbetreuung und befolgte Ratschläge, die mir sinnvoll erschienen. Das erste Jahr stillte ich ihn und nach einem halben Jahr bekam er die ersten zusätzlichen Häppchen. Wir spielten regelmäßig zusammen, ich nahm ihn nach Möglichkeit überallhin mit und sorgte dafür, dass er immer in meiner Nähe war. Ich tat das, weil es angeblich gut für das Kind war, aber mein Handeln war nicht von Mutterliebe geprägt. Ich versorgte mein Kind, aber ich gab ihm keine Liebe. Ich lernte, durchzuhalten, aber nicht zu lieben. Weil ich emotional so abgestumpft war, hatte auch mein Mutterinstinkt keine Chance, zum Leben erweckt zu werden. Ich gab Frank als erste Beikost eine pürierte Tomate. Warum keine süße, zarte Banane oder einen Pfirsich? Ich konnte...




