Venske | Der Seniorenmordclub | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 519 Seiten

Venske Der Seniorenmordclub

Zwei Krimis in einem eBook: »Die garstigen Greise« und »Ein allzu leichter Tod«
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-105-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Zwei Krimis in einem eBook: »Die garstigen Greise« und »Ein allzu leichter Tod«

E-Book, Deutsch, 519 Seiten

ISBN: 978-3-98952-105-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Zum Ermitteln ist man nie zu alt ... DIE GARSTIGEN GREISE: Es muss nicht immer ein Seniorenheim sein! Das denken sich auch die greisen, aber durchaus noch rüstigen Rentner Winnie und Frieder. Gemeinsam mit ihren ehemaligen Studienfreunden haben sie deswegen in einem alten Wasserschloss eine ungewöhnliche, aber gemütliche WG eröffnet. Als sie jedoch eines Tages im Keller eine bereits mumifizierte Leiche finden, droht ihrem trauten Beisammensein plötzlich Gefahr! Und so werden die Freunde zu Hobby-Ermittlern - und jeder einzelne von ihnen zum Verdächtigen ... EIN ALLZU LEICHTER TOD: Um noch einmal die Leidenschaft längst vergangener Zeiten zu entfachen, hat der in die Jahre gekommene Joachim sich ein paar kleine blaue Pillen zur Hilfe genommen ... Nur leider scheint er die Menge etwas großzügig dosiert zu haben, denn jetzt ist gleich sein ganzer Körper steif: Leichenstarre! Als kurz darauf seine wertvolle Bildersammlung verkauft wird, glauben seine Freunde Winnie und Frieder nicht mehr an ein missglücktes Schäferstündchen, sondern vermuten hinter Joachims plötzlichem Ableben vielmehr eine gierige Greisin ... Ein humorvoller Cosy-Crime-Sammelband für alle Fans der Bestseller von Richard Osman und Agatha Christies Kult-Ermittlerin Miss Marple.

Regula Venske gehört zu Deutschlands ungewöhnlichsten Krimiautoren, deren Romane großen Unterhaltungswert besitzen' (literaturmarkt.info). Regula Venske wurde 1955 in Minden geboren und wuchs in Münster auf. 1987 promovierte sie mit einer Studie über 'Mannsbilder - Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen' zum Doktor der Philosophie. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u. a. mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis, dem Deutschen Krimipreis und dem Lessing-Stipendium des Hamburger Senats ausgezeichnet, ihr Kurzgeschichtenband ''Herzschlag auf Maiglöckchensauce'' wurde für den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden nominiert. Im April 2017 wurde Regula Venske zur Präsidentin des deutschen PEN gewählt, einer Schriftstellervereinigung, die sich für die Freiheit des Wortes und Völkerverständigung einsetzt und dessen Generalsekretärin sie seit April 2013 war. Seit Oktober 2015 ist sie außerdem Mitglied im Präsidium von PEN International. (www.pen-deutschland.de; www.pen-international.org) Bei dotbooks erschienen Regula Venskes Romane 'Double für eine Leiche', 'Schief gewickelt - Das perfekte Verbrechen', 'Kommt ein Mann die Treppe rauf', 'Rent a Russian', 'Die garstigen Greise', 'Ein allzu leichter Tod' 'Hamburger Kanzelsturz', 'Todesschüsse in St. Georg', 'Fegefeuer am Grindel', 'Mord im Gazellenkamp' und 'Die Hexen von Övelgönne'. Weitere Titel sind in Vorbereitung.
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Der erste Wunsch


Leben Finden Lachen

Donnerstag, 17. Juli

Es war ein Sommermorgen wie aus dem Bilderbuch. Noch lag ein Dunst über der Wiese, der die Welt und die sie säumenden Bäume und Sträucher seltsam entrückte. Das taubedeckte Gras fühlte sich kühl an, als sie es mit bloßen Füßen berührte. Aber die Sonnenstrahlen flirrten bereits durch das Laubwerk der Bäume und versprachen einen weiteren perfekten Tag.

»Geh aus mein Herz …«, dachte Winnie. Am liebsten hätte sie das schöne Lied von Paul Gerhardt laut vor sich hin gesungen, sie wäre dazu durchaus imstande gewesen, sogar ohne Orgel und Kirchenchor, auch wenn ihre Kinder fälschlicherweise behaupteten, dass sie ohne Begleitung keinen Ton richtig treffen, geschweige denn halten könne. Aber dann hätte sie den Gesang der Vögel nicht gehört, und der schien ihr doch besser geeignet, die friedliche Stunde zu preisen.

Wie konnte Frieder einen solch herrlichen Morgen verschlafen? Und wieso war ausgerechnet sie an diesen Langschläfer vor dem Herrn geraten, dessen allmorgendliche Depression an Atheismus grenzte und der überdies das Wort Ruhestand im Moment etwas zu wörtlich nahm? Wie oft hatte sie ihn schon ermuntert, es ihr doch gleichzutun und gemeinsam mit ihr die Sonne zu begrüßen. Aber leider konnte nicht einmal der prächtigste Sonnenaufgang ihn aus den Federn locken. Und schon gar nicht die Aussicht auf gemeinsame Yogaübungen mit ihr. Sie hatte Frieder hoch und heilig versprechen müssen, ihn niemals vor acht Uhr zu wecken. Zurzeit kroch er meistens erst gegen neun, halb zehn aus dem Bett.

Jetzt war es Viertel nach sechs.

Nun ja, schade für ihn. Zumal er offenbar wieder einmal schlecht träumte. Sie hatte ihn unter der Fußsohle gekrault, bevor sie aus dem Bett geschlüpft war, daraufhin hatte er sich seufzend auf die andere Seite gedreht und etwas Unverständliches gebrabbelt. Und vermutlich gleich weiter seine schweren Träume gesponnen. Das Traurigste aber war, dass Leute wie Frieder nicht einmal wussten, was sie jeden Morgen versäumten. Die beste Stunde am Tag!

Noch einer dieser hoffnungslosen Fälle war Marthe Flachsmann. Ob sie sich mit Marthe würde anfreunden können? Normalerweise wusste Winnie sehr schnell, ob sie mit jemandem auf derselben Wellenlänge lag. In diesen Dingen vertraute sie ganz auf ihre Intuition. Der erste Eindruck hatte sich am Ende noch immer als richtig erwiesen. Als junge Frau hatte sie ein paar Mal den Fehler gemacht, ihr Bauchgefühl zu ignorieren und sich trotz anfänglicher Skepsis mit Leuten einzulassen, die sich ihrerseits um Kontakt bemüht und um ihre Freundschaft geworben hatten. Sie hatten sich allesamt als falsche Freunde erwiesen, und Winnie war am Schluss jedes Mal zu ihrer ursprünglichen Sichtweise zurückgekehrt. Aber woran war sie mit Marthe? Es war ein ungewohnter Zustand für sie, dass sie sich über die eigenen Gefühle gegenüber der neuen Mitbewohnerin noch nicht im Klaren war. Doch musste sie sich ja auch nicht heute oder morgen entscheiden, und erst recht nicht hier und jetzt. Die Zeit würde es zeigen, und sie, Winnie, würde alles geschehen lassen und hinnehmen, wie es eben kam.

Zwar tat sich Frieder noch ein bisschen schwer, nicht nur mit seiner neuen Lebensphase als Pensionär, sondern auch und immer noch mit dem Tod seiner Mutter vor anderthalb Jahren. Manchmal fragte sie sich, was größer war, seine Trauer über den Verlust oder das schlechte Gewissen, das er wegen seiner Erbschaft empfand. Eine Jugendfreundin seiner Mutter, Frieders Patentante, hatte ihr Schloss Rothenvenne vermacht, und da beide, nun ja, ungefähr gleichzeitig gestorben waren, war es an ihn gefallen.

Aber was brachte es, sich mit Schuldgefühlen zu quälen? Dass sie beide vom Ruhrpott hierher gezogen waren und im schönen Münsterland diese Wohngemeinschaft gegründet hatten, war auf jeden Fall ein richtiger Schritt gewesen. Allein schon, dass sie die Sonne nun auf einer großen Wiese in einem richtigen Schlosspark begrüßen konnte anstatt auf einem winzigen Balkon mit Blick aufs Haus gegenüber, war Luxus pur. Sie selbst war eben der Typ, der nicht nur redete, sondern Ideen auch in die Praxis umzusetzen verstand.

»Was wäre nur ohne dich aus mir geworden?«, überlegte Frieder gelegentlich laut. Diese Frage, wiewohl rein rhetorisch gemeint und als Kompliment zu verstehen, erschien Winnie jedes Mal absurd. Als ob es diese Alternative ernsthaft gäbe – der Gute war doch vollkommen auf sie angewiesen. Aber natürlich hatte auch sie ihrem Mann sehr viel zu verdanken. Sie waren eben ein perfektes Paar, ergänzten sich hundertprozentig. Mitunter beschlich Winnie zwar die Angst, dass Frieder und sie Gefahr liefen, sich einander allzu geschwisterlich anzunähern, aber das war wohl der Preis, den man für Vertrautheit zahlen musste. In ihrem Bekanntenkreis gab es nicht viele Paare, die es vergleichbar lange miteinander ausgehalten hatten. Obwohl wegen Frieders Beruf überdurchschnittlich viele Theologen und Pfarrer darunter waren, hatte ihre Beziehung die meisten in ihrer Umgebung seit langem schon überlebt. Von den jungen Paaren, die in einer denkwürdigen Nacht vor dreißig Jahren beschlossen hatten, dereinst im Alter die Wohngemeinschaft der garstigen Greise zu gründen, waren sie als einzige noch zusammen; alle anderen waren inzwischen getrennt. Einige hatte man ganz aus den Augen verloren, andere – Isabel Gravenhorst, ihre beste Freundin, Richard Bindewald, Kirti Cölbe – waren als Singles ins Haus gezogen. Das war aber auch nicht verkehrt. Frieder und sie hatten durchaus Spaß an ihrer neuen Rolle als Herbergseltern. Damals, Silvester 1978, als sie während der sogenannten Schneekatastrophe in ihrem Ferienhaus nahe der Ostseeküste mehrere Tage lang eingeschneit gewesen waren und aus Hunger, Jux und Langeweile Pläne fürs Alter gesponnen hatten, hatten sie beide sich auch schon für ihre kleine Gemeinschaft verantwortlich gefühlt.

Winnie dehnte und reckte sich und streckte beide Arme hoch in die Luft. Mit den Fingerspitzen berührte sie beinahe den Himmel. Die Grenzen ihres Körpers waren aufgehoben, die Grenzen ihres Geistes erst recht. Sie war eins mit sich und der Welt, als sie jetzt die Sonne begrüßte, leicht und luftig war sie, und hatte doch einen festen Stand. In diesem Moment, in dem sie Wurzeln schlug und zugleich mit der Morgenröte verschmolz, gelang es ihr endlich, an nichts mehr zu denken. Sie war völlig entspannt im Hier und Jetzt, war eigentlich gar nicht mehr sie. War durchlässig geworden, ein leeres Haus, durch das der Wind …

Aufgeregte Rufe, die vom Haus herüberdrangen, holten sie jäh zurück in die Gegenwart. Sofern sie die schrille, vom Entsetzen entstellte Stimme richtig wiedererkannte, war es Dora, die um Hilfe rief – und es klang, als schrie sie um ihr Leben.

Jetzt weiß ich, dass mein Bruder mich umbringen will. Alles Freundliche, Glatte ist von ihm abgefallen, das Monster ist zum Vorschein gekommen.

Welche Ironie der Geschichte! Hinge nicht so viel für andere davon ab, könnte ich beinahe darüber lachen. Der Tod hat für mich seinen Schrecken verloren, seit langem schon. Seit jener Nacht, in der ich mein Recht auf ein unbeschwertes Leben verwirkte.

Was habe ich da gerade in die Wolken vor dem Fenster geschrieben? Mein Recht auf ein unbeschwertes Leben? Kein Wunder, dass ich den ganzen Tag kotzen muss. Man sollte denken, dass so kurz vor dem Tod auch der Kitsch ein Ende haben müsste.

Dass er abdankt, bevor man in den Staub beißen muss.

Also noch einmal von vorn. Ein unbeschwertes Leben wird hier und heute gestrichen. Der Tod hat für mich seinen Schrecken verloren, seit jener Nacht, in der ich das Recht auf mein Leben verwirkte.

Ja, so lass ich es gelten.

Denn in Wahrheit bin ich seit jener Nacht tot. Nur habe ich das damals noch nicht begriffen. Wie denn wohl auch? Ich war jung und wollte, wie alle, das eine. Ein fröhliches Leben. Was dasselbe zu sein schien wie überhaupt: leben.

Jetzt ekelt es mich richtig davor.

Er aber starb alt und lebensmüde; lebenssatt, sagen die Deutschen. Ja, man kann sich an dieser Speise, die man Leben nennt, regelrecht überfressen. Auch wenn man noch nicht beim Dessert angelangt ist. Oder habe ich mit dem Dessert angefangen?

Vielleicht täte mir mein Bruder, hätte er denn Erfolg, in Wirklichkeit einen Gefallen? Aber ich habe noch eine Pflicht zu erfüllen und muss meinem Mörder ein Schnippchen schlagen, es geht hier nicht nur um Leben und Tod. Hier geht es um Wahrheit. Und gibt es ein höheres Gut?

Immer habe ich die Wahrheit so sehr geliebt, schon als ganz kleines Mädchen. Und doch habe ich fast mein ganzes Leben in dieser Lüge verbracht. Erbärmliches Lügenleben.

Ach, es ist ganz allein meine Schuld, ich wollte die Wahrheit nicht sehen. Als hätte ich mich vor der Wahrheit noch mehr als vor meinem Mörder gefürchtet.

Nein, Mörder darf ich nicht schreiben.

Er ist mein Bruder.

Mein Mörder ist er noch nicht.

Nachdem Dora Zeter und Mordio geschrien und ihre Rufe – »Hilfe! Feuer!« – Winnies meditative Morgenstimmung zunichte gemacht hatten, spurtete Winnie, so schnell sie konnte, zum Hintereingang des Schlosses. Sie traf Dora auf dem Küchenfußboden kniend an, hustend und fluchend und von dichten Rauchschwaden umgeben.

»Dora, um Gottes willen …«

»Alte Männer, ich sag’s ja immer. Taugen nicht mehr als junge.«

»Bist du verletzt?«

»Und mein Vater ist der schlimmste von allen. Schau dir das an!«

Bei dem Häufchen, vor dem Dora kniete, mochte es sich um verbrannte Küchentücher und Topflappen handeln. Auch die neue Küchengardine mit den üppigen Bauernrosen hatte es erwischt. Winnie hatte den Stoff erst vor...



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