Venske | Rent a Russian | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 153 Seiten

Venske Rent a Russian

Kriminalroman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95824-992-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 153 Seiten

ISBN: 978-3-95824-992-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Leidenschaft kann tödlich sein: Der spritzige Kriminalroman 'Rent a Russian' von Regula Venske jetzt als eBook bei dotbooks. Er ist der Neue in der Stadt! Jurij sieht gut aus, ist gewieft - und ein Lover, nach dem sich die Frauen verzehren. Dumm nur, dass er keinen Cent in der Tasche hat. Aber von solchen Lappalien lässt er sich nicht unterkriegen. Eine Kontaktanzeige soll es richten: Rent a Russian - für gewisse Stunden, versteht sich. So eine kleine Auszeit vom Alltag wünschen sich auch die Freundinnen Vera und Renate. Als sich die Wege der drei kreuzen, beginnt es zu brodeln und lange unterdrückte Träume und Obsessionen drängen ans Licht. Doch zu spät müssen sie feststellen, dass es vom sinnlichen Spiel zum finsteren Abgrund manchmal nur ein kleiner Schritt ist ... mit tödlichen Konsequenzen. Für 'Rent a Russian' wurde Regula Venske mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet: 'Regula Venskes Kunst ist es, die scheinbaren Gegenpole den gesamten Kriminalroman hindurch in einer leicht, heiter und ungezwungen wirkenden Balance zu halten.' Hamburger Abendblatt Jetzt als eBook kaufen und genießen: Die Krimikomödie 'Rent a Russian' von Kultautorin Regula Venske von Autor. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Regula Venske gehört zu Deutschlands ungewöhnlichsten Krimiautoren, deren Romane großen Unterhaltungswert besitzen' (literaturmarkt.info). Regula Venske wurde 1955 in Minden geboren und wuchs in Münster auf. 1987 promovierte sie mit einer Studie über 'Mannsbilder - Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen' zum Doktor der Philosophie. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u. a. mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis, dem Deutschen Krimipreis und dem Lessing-Stipendium des Hamburger Senats ausgezeichnet, ihr Kurzgeschichtenband ''Herzschlag auf Maiglöckchensauce'' wurde für den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden nominiert. Im April 2017 wurde Regula Venske zur Präsidentin des deutschen PEN gewählt, einer Schriftstellervereinigung, die sich für die Freiheit des Wortes und Völkerverständigung einsetzt und dessen Generalsekretärin sie seit April 2013 war. Seit Oktober 2015 ist sie außerdem Mitglied im Präsidium von PEN International. (www.pen-deutschland.de; www.pen-international.org) Bei dotbooks erschienen Regula Venskes Romane 'Double für eine Leiche', 'Schief gewickelt - Das perfekte Verbrechen', 'Kommt ein Mann die Treppe rauf', 'Rent a Russian', 'Die garstigen Greise', 'Ein allzu leichter Tod' 'Hamburger Kanzelsturz', 'Todesschüsse in St. Georg', 'Fegefeuer am Grindel', 'Mord im Gazellenkamp' und 'Die Hexen von Övelgönne'. Weitere Titel sind in Vorbereitung.
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Kapitel 1


Es ist eigentlich von der Natur nicht vorgesehen, daß Eltern durch ihre Kinder neurotisch werden. Aber in Hamburg auf der Uhlenhorst, einen Steinwurf vom Zentrum entfernt, auf der falschen, nämlich der rechten Seite der Alster, da kommt das durchaus vor. Auf dem Mümmelmannsberg mischt man den Kleinen Schnaps in die Limonade, und in Eppendorf geben die Mütter Valium in den Brei, wenn sie zum Einkaufsbummel starten, aber auf der Uhlenhorst, da setzt sich eine Mutter selbst ins Laufställchen, um so vor ihrem Krabbelkind geschützt ungestört Cello zu üben. Wobei sie eben auf keinen Fall den natürlichen Bewegungsdrang ihres Kleinen behindern möchte. Und wohl ihr: daß sie Cello spielt, mag noch ihre Rettung sein. Andere sitzen nur so im Laufställchen herum, derweil ihr Nachwuchs die Welt unsicher macht.

Auch Väter werden mitunter durch ihre Kinder neurotisch, aber man merkt es meistens erst, wenn es zu spät ist. Dann gehen sie hin und jagen sich am Alsterufer eine Kugel in den Kopf, so daß die Lebensversicherung die Zahlung an die Ehefrau verweigert. Oder sie schlachten vorher die ganze Familie ab, in beiden Fällen hat die Frau das Nachsehen. Das alles geschieht auf der Uhlenhorst wie anderswo auch, vielleicht nicht ganz so häufig wie in Barmbek oder Billstedt. Hier können sich die Väter mittels gut gepolsterter Brieftaschen vor größeren Leidenschaften schützen.

Heute abend geht es allerdings noch nicht dramatisch zu. Es könnte ein stinknormaler, ein ganz und gar durchschnittlicher Sommerabend sein, wenn nur die Hitze nicht wäre. Auch der Wetterbericht hat vor ihr schon kapituliert. Soeben hat es zu regnen aufgehört, es tropft üppig von den Bäumen, die Vögel singen, es ist immer noch schwül. Ein Gewitter täte gut. Vielleicht wirft sich am Mundsburger Damm ein junger Mann vor den Bus. Vielleicht lungern wieder zwei Taschendiebe an der Bushaltestelle Averhoffstraße herum, aber nicht die selben wie letzte Woche. Die sind längst schon über alle Berge, sind von ihrer Organisation nach Frankfurt oder Stockholm geschleust worden und treiben jetzt dort ihr Unwesen. Diese beiden hier sind frisch importiert, treten sehr gepflegt auf, blicken mit pfiffigen, flinken Augen durch dicke oder dünne Brillengläser, reden vielleicht türkisch miteinander oder polnisch, darüber werden hinterher die Meinungen auseinandergehen. Zunächst denkt keiner der Passanten über die beiden beschwingten Kerle nach, erst bei der nächsten Station an der Mundsburger Brücke, wenn sie abspringen und sehr schnell in Richtung Alster verschwinden, ohne sich umzudrehen, und wenn die junge Frau mit dem Baby im Umschlagtuch plötzlich ihr Portemonnaie vermißt, das doch eben noch neben dem Teefläschchen in ihrer Jackentasche steckte, erst dann wird man plötzlich erregte Stimmen hören.

»Ich dachte, er gehört zu Ihnen, weil er sich so dicht an Sie herandrängte, der junge Vater, dachte ich, also so etwas, direkt vor meinen Augen …«

Die junge Mutter wird den Busfahrer zum nochmaligen Halten bewegen und laut rufend und mit den Armen fuchtelnd hinter den Kerlen herlaufen – »Hey, mein Geld, ihr verfluchten –«, aber wie soll sie sie je einholen, mit dem Baby vor ihrem Bauch? Und, daß sie in den nächsten vier Wochen jeden Abend diese Strecke abfährt, nützt ihr auch nichts, diese fixen Augen, die sie sucht, spähen dann schon wieder eine andere Menschenmenge aus.

Was sonst noch los ist heute abend? Marthe, die berühmte Krimiautorin, die vor kurzem in den Hofweg eingeheiratet hat, bestellt gerade ein Taxi direkt am Stand Am Langenzug. Ihr Knuddel und sie wollen gleich zum Honeymoon nach Griechenland starten. Und der Flieger, der sie zu ihrem Billigflug nach Athen zuerst nach Berlin bringen soll, hat soeben mit dem Landeanflug auf Hamburg begonnen.

Wenn Marthe das wüßte! An Bord sitzt eine Dame im grauen Kostüm, in deren Schoß Marthes zweiter Krimi liegt – das gäbe ihrem Schriftstellerinnenherzen schönen Auftrieb. Die Dame im grauen Kostüm hat aber die Lektüre kurz hinter Berlin schon wieder eingestellt. Sie hat sich mit dem Sitz zurückgeleimt und an ihrem Campari Soda genippt. Dem zweiten Campari Soda inzwischen, der Boden unter ihr schwankt bereits ein bißchen. Dafür nimmt die Dame mit geschärften Sinnen wahr, welch Meisterstück der Pilot ihr darbietet. Er läßt den Flieger mit unerhörter Eleganz zwischen den Wolkenschichten gleiten, kostet jede voll aus, bevor er in die nächsthöhere, später dann die nächsttiefere eindringt.

Nicht quer und brutal sie nehmend und durchstoßend, sondern indem er sich ihnen geradezu anschmiegt – die Dame im grauen Kostüm seufzt. Was muß dieser Mann für ein guter Liebhaber sein! Der müßte ihr zwischen die Finger kommen. Zwischen ihren Fingern kommen

… Aber ausgerechnet sie, die einen guten Liebhaber so zu schätzen weiß, wird heute abend wieder leer ausgehen. Es ist alles so ungerecht verteilt in dieser Welt, alles Erbe sowieso, sei es Vermögen wie Geld und Großgrundbesitz, seien es gutes Aussehen und Talent, aber vor allem Sex. Die Dame im grauen Kostüm sinkt tief in den Sitz hinein und gibt sich in Gedanken dem Piloten hin, da kann Marthes Krimi einfach nicht mithalten.

Am Flughafen angekommen, zerren Marthe und ihr Knuddel das Gepäck eigenhändig zum Schalter, da sie die DM 2,50 Mietgebühr für die Kofferkulis nicht passend haben. Und außerdem sieht Marthes Knuddel sowieso nicht ein, warum die Gepäckkarren etwas kosten sollen, daran zeige sich mal wieder, wie provinziell Hamburg sei, schimpft er wie vor und nach jeder Reise. Wie könne man denn von internationalen Fluggästen erwarten, bei ihrer Ankunft schon deutsches Silbergeld abgezählt bereitzuhalten! Seit langem schon will er eine Beschwerde an die Flughafenleitung schreiben, und Marthe hofft, daß er es endlich tut, denn sie muß seine Rede jetzt zum wiederholten Male hören – und dabei sind sie doch noch gar nicht lange verheiratet! Wenn Marthes Knuddel aber wüßte, was der Taxifahrer, der sie nach Fuhlsbüttel gebracht hat, in diesem Moment treibt, würde er allerdings sofort das Thema und das Standbein wechseln. Denn während die beiden sich noch in der Schlange vor dem Schalter die Beine in den Bauch stehen und darauf warten, ihr Gepäck einzuchecken, telephoniert der Chauffeur ihre Adresse im Hofweg seinem Geschäftspartner durch. Marthe und ihr Mann sind noch nicht in Berlin angekommen, da hat ein grimmig dreinblickender Typ schon mal unauffällig Maß von ihrem Wohnhaus genommen. Und in zehn Tagen, wenn Marthe auf dem Parnaß wandert und dabei vergeblich nach neuem Krimistoff Ausschau hält, wird daheim ihre Wohnung ausgeräumt werden.

Aber noch ist es nicht soweit. Die Maschine aus Berlin ist gelandet und wird für Marthe, ihren Knuddel und die anderen Passagiere gereinigt. Eine Dame im grauen Kostüm schwankt zielstrebig Richtung Taxistand, sich kurz der Hoffnung hingebend, daß vielleicht der Fahrer noch für sie in Frage käme, aber bei näherem Hinsehen flößt der ihr kein Vertrauen ein. Im Abfahren fällt ihr Blick auf eine ausgemergelt wirkende, dunkel umschattete Gestalt, einen großen hageren Mann in einem abgewetzten, ehemals schwarzen, jetzt speckig glänzenden Anzug, aus dem er etwas herausgewachsen wirkt. Der Mann macht sich zu Fuß auf den Weg. Er hat nur wenig Gepäck, eine brüchige Kunstledertasche, die er auf der rechten Schulter trägt, und zwei, drei Plastiktüten in der linken Hand. Er ahnt wohl, daß ihn per Anhalter keiner mitnehmen würde. Das Fahrgeld für eine Taxe kann er offensichtlich nicht erübrigen. Sieht eigentlich nicht schlecht aus, denkt die Dame im grauen Kostüm, so ein leichtfüßiger Gang – aber da ist sie schon an ihm vorbeigefahren und hat ihn im nächsten Moment vergessen.

Wie an jedem normalen Abend will Anna-Karina auch heute noch nicht ins Bett.

»Guck mal, Mami, mein Zahn wackelt! Ich hab’ noch Hunger, Mami! Nein, nicht das Brot, Mami, das ist zu hart für mich! Schneidest du mir die Rinden ab, Mami?«

Vera stöhnt, aber nur innerlich. Sie möchte die Augen schließen und im Stillen bis zehn zählen, aber das geht nicht, sie hält ja das Brotmesser in der Hand. Es könnte abrutschen, und sie könnte sich versehentlich in den Finger schneiden. Oder Anna-Karinchen in den Rücken stechen, nicht auszudenken, oder in den Hals. Sie sieht das Blut in hohem Bogen aus der kleinen Halsschlagader spritzen, wie es sich auf die Butter und den Käseteller ergießt und in die Nußnougatcreme sickert, das Brot durchtränkt, ja, schließlich den ganzen Abendbrottisch versaut. Sie starrt auf Anna-Karinas Hals und drückt behutsam ein Küßchen auf die Stelle, an der sich eben eine riffelige Schnittwunde schließt.

»So, Liebling, jetzt ist’s aber genug. Sonst ist das Sandmännchen traurig.«

»Wann kommt Papi nach Hause? Papi hat mir noch eine Geschichte versprochen.«

»Du weißt doch, daß Papi heute später kommt. Heute ist eine ganz wichtige Sitzung, das habe ich dir doch erklärt. Damit die Autos nicht mehr so rasen dürfen und es uns allen hier im Viertel noch besser geht.«

»Stinkt Papi, wenn er nach Hause kommt, wieder so nach Knoblauch, Mami?«

Nun kann Vera ein Stöhnen doch nicht ganz unterdrücken. Sie hat nichts gegen Knoblauch, im Gegenteil, sie ist schließlich eingefleischte Vegetarierin. Aber die Kleine hat recht, nach seinen Wohnbezirkssitzungen und Distriktsabenden riecht Hermann schrecklich, nach einer Mischung aus abgestandenem Zigarettenqualm und Bier und Ouzo und vor allem eben nach Knoblauch. Nach altem Knoblauch, es ist ihr unerklärlich, wieso dieser Grieche am Winterhuder Weg, bei dem sich die Genossen in der Regel treffen, immer nur alten Knoblauch verwendet. Irgendwann müßte der doch einmal aufgebraucht sein und frischer Knoblauch her. Na ja, das ist...



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