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E-Book, Deutsch, 90 Seiten

Verlag Der Harmlose

Eine wahre, den hinterlassenen Papieren des Pater Quesnel entnommene Geschichte
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8423-3499-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine wahre, den hinterlassenen Papieren des Pater Quesnel entnommene Geschichte

E-Book, Deutsch, 90 Seiten

ISBN: 978-3-8423-3499-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet, 1694 -1778) war ein französischer Philosoph und Schriftsteller. Er ist einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert auch 'das Jahrhundert Voltaires' (le siècle de Voltaire). Viele seiner Werke erlebten in rascher Folge mehrere Auflagen und wurden häufig auch umgehend in andere europäische Sprachen übersetzt. Voltaire verfügte über hervorragende Kenntnisse der englischen und der italienischen Sprache und veröffentlichte darin auch einige Texte. Er verbrachte einen beträchtlichen Teil seines Lebens ausserhalb Frankreichs und kannte die Niederlande, England, Deutschland und die Schweiz aus eigener Erfahrung. Mit seiner Kritik an den Missständen des Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie am weltanschaulichen Monopol der katholischen Kirche war Voltaire ein Vordenker der Aufklärung und ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. In der Darstellung und Verteidigung dessen, was er für richtig hielt, zeigte er ein umfangreiches Wissen und Einfühlungsvermögen in die Vorstellungen seiner zeitgenössischen Leser. Sein präziser und allgemein verständlicher Stil, sein oft sarkastischer Witz und seine Kunst der Ironie gelten oft als unübertroffen.

Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet, 1694 - 1778) war ein französischer Philosoph und Schriftsteller. Er ist einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert auch 'das Jahrhundert Voltaires" (le siècle de Voltaire). Viele seiner Werke erlebten in rascher Folge mehrere Auflagen und wurden häufig auch umgehend in andere europäische Sprachen übersetzt. Voltaire verfügte über hervorragende Kenntnisse der englischen und der italienischen Sprache und veröffentlichte darin auch einige Texte. Er verbrachte einen beträchtlichen Teil seines Lebens ausserhalb Frankreichs und kannte die Niederlande, England, Deutschland und die Schweiz aus eigener Erfahrung. Mit seiner Kritik an den Missständen des Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie am weltanschaulichen Monopol der katholischen Kirche war Voltaire ein Vordenker der Aufklärung und ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. In der Darstellung und Verteidigung dessen, was er für richtig hielt, zeigte er ein umfangreiches Wissen und Einfühlungsvermögen in die Vorstellungen seiner zeitgenössischen Leser. Sein präziser und allgemein verständlicher Stil, sein oft sarkastischer Witz und seine Kunst der Ironie gelten oft als unübertroffen.
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Der Harmlose


Erstes Kapitel: Wie der Prior Unserer lieben Frau vom Berge und sein Fräulein Schwester einem Huronen begegneten.


Eines schönen Tages fuhr der fromme Dunstan, Irländer von Geburt und Heiliger von Beruf, von Irland auf einem kleinen Berge ab, welcher nach der französischen Küste hinüberschaukelte, und gelangte auf diesem Gefährt in die Bucht von Saint-Malo. Nachdem er ans Land gestiegen, erteilte er dem Berge seinen Segen; dieser verneigte sich zu wiederholten Malen tief vor ihm und schwamm dann auf demselben Wege, den er gekommen war, nach Irland zurück.

Dunstan gründete in der Gegend ein kleines Kloster und gab ihm den Namen: die Abtei vom Berge, welchen es, wie jedermann weiß, noch heute trägt.

Am Abend des 15. Juli im Jahre 1689 lustwandelte der Abt von Kerkabon, Prior Unserer lieben Frau vom Berge, mit Fräulein von Kerkabon, seiner Schwester, am Meeresufer, um frische Luft zu schöpfen. Der dem Greisenalter nahe Prior war ein vortrefflicher Geistlicher, der von seinen Nachbarn geliebt wurde, nachdem ihm ehemals so von seinen Nachbarinnen geschehen. Vor allem hatte ihm der Umstand ein großes Ansehen verschafft, daß er der einzige Pfründner des Landes war, den man nicht ins Bett tragen mußte, wenn er mit seinen Amtsbrüdern zusammen zu Nacht gespeist hatte. Er war ein wackerer Theologe, und wenn er es müde geworden, im Heiligen Augustin zu lesen, ergötzte er sich am Rabelais: so sprach denn auch jedermann gut von ihm.

Fräulein von Kerkabon, die niemals verheiratet gewesen war, obgleich sie gar große Lust dazu verspürt hatte, besaß noch im Alter von fünfundvierzig Jahren die Frische der Jugend. Sie hatte ein freundliches, weiches Gemüt, liebte das Vergnügen und war fromm.

Während der Prior auf das Meer hinausblickte, sagte er zu seiner Schwester: »Ach, hier war's, wo sich unser armer Bruder mit Frau von Kerkabon, seinem Weibe, unserer lieben Schwägerin, im Jahre 1669 auf der Fregatte »Die Schwalbe« einschiffte, um drüben in Kanada Dienste zu tun. Wäre er nicht getötet worden, dürften wir noch hoffen, ihn wiederzusehen.«

»Glaubst du,« sagte Fräulein von Kerkabon, »daß unsere Schwägerin wirklich von den Irokesen gefressen worden ist, wie man uns mitgeteilt hat?« »Wäre sie nicht gefressen worden, so würde sie doch sicherlich in die Heimat zurückgekehrt sein. Ich werde sie bis an mein Lebensende beweinen, sie war eine reizende Frau, und unser Bruder war ein so gescheiter Mann, daß er sich gewißlich ein großes Vermögen erworben haben würde.«

Während sie nun beide diesen Erinnerungen gar betrüblich nachhingen, sahen sie ein kleines Schiff von der Flut getragen in die Rencer Bucht einlaufen. Es waren Engländer, die allerlei Erzeugnisse ihres Landes verkaufen wollten; sie sprangen ans Land, ohne den Herrn Prior und sein Fräulein Schwester anzublicken, und diese fühlte sich von solch großem Mangel an Höflichkeit ihr gegenüber äußerst verletzt.

Nicht ebenso benahm sich ein junger wohlgewachsener Mann, der mit einem Sprunge über die Köpfe seiner Gefährten hinweggesetzt war und nun dem gnädigen Fräulein gegenüberstand: er nickte ihr mit dem Kopfe zu, denn der Brauch, eine Verbeugung zu machen, war ihm nicht geläufig. Sein Antlitz und seine Kleidung zogen die Blicke des Bruders und der Schwester auf sich: er ging barhäuptig, seine Beine waren nackt, seine Füße staken in dünnen Sandalen, sein Haupt schmückten lange geflochtene Haare, ein kurzes Wams schnürte seinen zarten schlanken Rumpf, seine Miene war zugleich kriegerisch und sanft, und in der einen Hand hielt er eine kleine Flasche mit Antillenwasser, in der anderen eine Art Beutel; darinnen befanden sich ein Becher und gar treffliche Schiffszwiebacke. Er sprach völlig verständlich Französisch. Er bot der Fräulein von Kerkabon und ihrem Herrn Bruder von seinem Antillenwasser an, trank einen Schluck mit ihnen und nötigte sie dann noch einmal zum Trinken, und alles das in einer schlichten und so natürlichen Weise, daß Bruder und Schwester sich herzlich angetan fühlten. Sie boten ihm ihre Dienste an und fragten ihn, wer er sei und wohin er ginge? Der junge Mann erwiderte ihnen, er wisse es nicht, er sei nur neugierig, habe die französische Küste einmal sehen wollen, sei deshalb gekommen und würde nun wieder zurückfahren.

Da der Herr Prior an seinem Tonfall hörte, daß er kein Engländer sei, nahm er sich die Freiheit, ihn zu fragen, aus welchem Lande er herstamme. »Ich bin Hurone,« erwiderte der junge Mann.

Fräulein von Kerkabon, die erstaunt und entzückt zugleich war, einen Huronen zu sehen, der sich so artig gegen sie betragen hatte, lud den jungen Mann zum Abendessen ein; er ließ sich nicht zweimal bitten, und so begaben sich denn alle drei gemeinschaftlich nach dem Kloster Unserer lieben Frau vom Berge.

Das kurze runde Fräulein besah ihn aus all ihren kleinen Augen und sagte von Zeit zu Zeit zum Prior: »Dieser große Junge hat eine Lilien- und Rosenhaut, gar zu schön für einen Huronen!« »Du hast recht, meine Schwester«, erwiderte der Prior. Sie stellte Schlag auf Schlag wohl an die hundert Fragen, und der Reisende beantwortete sie stets richtig und gut.

Bald verbreitete sich das Gerücht, daß sich ein Hurone im Kloster aufhalte. Die gute Gesellschaft des Kreises beeilte sich, sich dort zum Nachtmahle einzufinden. Der Abt von Saint-Yves erschien mit seiner Fräulein Schwester, einer sehr hübschen und trefflich erzogenen Niederbretonin. Auch der Amtmann und der Steuereinnehmer nahmen mit ihren Frauen an dem Abendessen teil. Man setzte den Fremden zwischen Fräulein von Kerkabon und Fräulein von Saint-Yves. Alle sahen ihn mit Bewunderung an, und alle sprachen zu ihm und fragten ihn zu gleicher Zeit; der Hurone ließ sich dadurch nicht verwirren, er schien den Wahlspruch des Lord Bolingbroke: »Nihil admirari« auch zu dem seinen gemacht zu haben; schließlich jedoch rief er verzweifelt über all den Lärm mit einiger Sanftmut: »Meine Herren, in meiner Heimat spricht stets einer nach dem anderen, wie soll ich es anfangen, Ihnen zu antworten, wenn Sie mich selber daran hindern, Sie zu verstehen?« Die Vernunft vermag die Menschen stets für einige Augenblicke zur Selbstbesinnung zu bringen, und so trat denn auch jetzt ein tiefes Schweigen ein. Der Herr Amtmann, welcher sich stets der Fremden bemächtigte, in welchem Hause er auch immer sein mochte, und außerdem der größte Fragesteller der Provinz war, öffnete jetzt seinen Mund einen halben Fuß weit und sprach: »Wie heißen Sie, mein Herr?« »Man hat mich stets den Harmlosen genannt,« erwiderte der Hurone, »und dieser Name ist mir in England bestätigt worden, weil ich stets gar kindlich heraussage, was ich denke, und immer tue, was ich will.«

»Wie haben Sie, mein Herr, als geborener Hurone nach England gelangen können?« »Man hat mich dorthin gebracht, ich bin in einem Kampfe von den Engländern zum Gefangenen gemacht worden, nachdem ich mich wacker verteidigt hatte, und da die Engländer Tapferkeit lieben, weil sie selber tapfer und ebenso höflich sind wie wir, machten sie mir den Vorschlag, mich entweder meinen Eltern wiederzugeben oder mich nach England mitzunehmen; da entschloß ich mich zu dem letzten, weil ich von Natur leidenschaftlich gern fremde Länder sehe.«

»Wie, mein Herr,« rief der Amtmann in seinem gewaltigen Ton, »haben Sie dergestalt Vater und Mutter verlassen können?« »Weil ich weder Vater noch Mutter gekannt habe,« erwiderte der Fremde. Die Gesellschaft war gerührt und jedermann wiederholte »Weder Vater noch Mutter!« »Wir wollen ihm beides ersetzen,« sagte die Herrin des Hauses zu ihrem Bruder, dem Prior, »dieser Herr Hurone ist so äußerst interessant!« Der Harmlose dankte ihr mit edler und stolzer Herzlichkeit und gab ihr zu verstehen, daß er keiner Sache bedürftig sei.

»Ich bemerke, Herr Harmlos,« sagte der würdige Amtmann, »daß Sie besser Französisch sprechen, als einem Huronen gegeben sein möchte!« »Ein Franzose, den wir in meiner Kindheit im Huronenlande zum Gefangenen gemacht hatten und mit dem mich eine gar herzliche Freundschaft verband, hat mich seine Sprache gelehrt. Ich lerne sehr schnell, was ich lernen will. Bei meiner Ankunft in Plymouth begegnete ich einem Ihrer geflüchteten Franzosen, die Sie, ich weiß nicht warum, Hugenotten nennen; er hat mir zu weiteren Fortschritten in der Kenntnis Ihrer Sprache verholfen, und sobald ich mich nur erst verständlich auszudrücken vermochte, bin ich in Ihr Land hinübergekommen, denn ich liebe die Franzosen von Herzen, sobald sie nicht allzuviele Fragen stellen.«

Trotz dieses kleinen Vorbehaltes fragte ihn der Abt von Saint-Yves nun, welche der drei Sprachen ihm am meisten gefalle, Huronisch, Englisch oder Französisch? »Huronisch unstreitig«, antwortete der Harmlose. »Ist es möglich,« rief Fräulein von Kerkabon, »ich hatte stets geglaubt, daß nach dem Niederbretonischen Französisch die schönste von allen Sprachen sei.«

Nun galt's den Harmlosen zu fragen, wie Tabak auf huronisch heiße, und er antwortete »taya«, und wie Essen, er antwortete »essenten«. Fräulein von Kerkabon wollte durchaus wissen, wie man die Ausübung der Liebe benenne, er antwortete »trovander«   und behauptete nicht völlig unrichtig, daß alle diese Worte die entsprechenden französischen und englischen gar wohl aufwögen. »Trovander« dünkte allen Geladenen sehr hübsch.

Der Herr Prior hatte in seiner Bibliothek eine huronische Grammatik, die ihm der ehrwürdige Pater Sagar Theodat, ein berühmter Franziskaner-Missionar, zum Geschenk gemacht, und erhob sich nun für einen Augenblick von Tisch, um sie zu befragen. Ganz außer Atem vor Liebe und Freude kehrte er zurück und erkannte den Harmlosen für einen echten Huronen. Man stritt ein...



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