Verne | Die fünfhundert Millionen der Begum | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 231 Seiten

Verne Die fünfhundert Millionen der Begum


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1333-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 231 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1333-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Dies ist die illustrierte Version dieses Klassikers. Ein ehemaliger deutscher Freund des Romanhelden wird nach einem Millionenerbe zum erbitterten Widersacher und plant von seiner 'Stahlstadt' ausgehend düstere Machenschaften. Der Romanheld stellt sich diesem Finsterling für Frankreich und für die Welt entgegen.

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Fünftes Capitel. Die Stahlstadt.



Ort und Zeit haben gewechselt. Seit fünf Jahren befindet sich der Nachlaß der Begum schon in den Händen der beiden Erben und den Schauplatz bilden jetzt die Vereinigten Staaten, im Süden Oregons, zehn Meilen vom Ufer des Pacifischen Oceans. Hier breiten sich ungeheure Gebiete aus, welche zwischen den beiden Nachbarstaaten noch nicht genau abgegrenzt sind und die eine Art amerikanischer Schweiz bilden.

In der That eine Schweiz, wenn man nur die Außenseite der Dinge ins' Auge faßt, die steilen Gipfel, welche zum Himmel emporsteigen, die tiefen Thäler, welche die langen Gebirgszüge trennen, den großartigen wilden Anblick, den alle diese Landschaften aus der Vogelschau gewähren würden.

Diese falsche Schweiz betreibt aber nicht wie die europäische die friedlichen Beschäftigung en des Hirten, Fremdenführers oder Gastwirthes. Das Ganze ist nichts als eine auf eisen- oder kohlenhaltigem Boden aufgethürmte Alpendecoration, eine Kruste von Felsen, Erdreich und hundertjährigen Fichten.

Wenn der in diese Einöden verirrte Wanderer die Stimmen der Natur belauscht, so hört 'er nicht wie im Oberlande das harmonische Murmeln des Lebens neben dem tiefen Schweigen der Bergwelt. Von fern her vernimmt er die schweren Schläge des Stampfhammers und unter 'seinen Füßen erstickte Detonationen von Pulver. Es hat den Anschein, als bedecke dieser Boden die Maschinerie eines Theaters und als könne er jeden Augenblick in geheimnißvolle Tiefen versinken.

Längs der Seiten der Berge laufen hier mit Asche und Kohlenstückchen macadamisirte Straßen hin. Unter gelblichem Buschwerk schillern kleine Schlackenhaufen in allen Farben des Prismas wie Basiliskenaugen hervor. Da und dort gähnt der von Regengüssen zerrissene, von Brombeersträuchern halbverdeckte Mund eines verlassenen Schachtes, wie der Krater eines erloschenen Vulkans. Die Luft ist mit Rauch geschwängert und lastet wie ein schwerer Mantel auf der Erde. Keine Vögel flattern lustig dahin, kein Insekt schwärmt im Sonnenschein und seit Menschengedenken hat man einen Schmetterling hier nicht gesehen.

Falsche Schweiz! An ihren nördlichen Grenzen, da wo die Ausläufer der Berge sich in der Ebene verlieren, liegt zwischen zwei mageren Hügelketten das Gebiet, welches bis 1871 die »Rothe Wüste« hieß von der Farbe des eisenoxydreichen Bodens und welche jetzt »Stahlfeld« genannt wird.

Denke man sich eine fünf bis sechs Quadratmeilen große Fläche mit sandigem, dann und wann mit Gerölle untermischtem Boden, und so dürr und trostlos, wie etwa das vertrocknete Bett eines Meeres der Vorzeit. Um dieses Land zu erwecken, ihm Leben und Bewegung zu verleihen, hat die Natur so gut wie nichts gethan; dafür aber hat die Menschenhand mit einer Energie ohnegleichen eingegriffen.

Auf der nackten steinichten Ebene sind binnen fünf Jahren achtzehn Arbeiterdörfer mit kleinen, gleichmäßig grauen, aus Chicago fix und fertig hierher geschafften Häusern emporgewachsen, die eine Schaar kräftiger Arbeiter bergen.

Im Mittelpunkt dieser Ansiedlungen, am Fuße der Coal-Butts, jener unerschöpflichen Steinkohlen-Gebirge, erhebt sich eine Anhäufung regelmäßiger Gebäude mit symmetrisch angeordneten Fenstern, bedeckt mit rothen Dächern und überragt von einem Wald cylindrischer Schornsteine, welche aus tausend Schlünden rußige Wolken aushauchen. Der Himmel erscheint nur wie hinter einem schwarzen Vorhang, den manchmal röthliche Blitze durchzucken. Der Wind trägt von hier ein rollendes Geräusch weiter, das etwa entferntem Donner oder dem Rauschen der hohlen See vergleichbar ist.

Alles dieses zusammen ist »Stahlstadt«, die deutsche Stadt, das persönliche Besitzthum des Herrn Schultze, des Ex-Professors der Chemie von Jena, der durch die Millionen der Begum zum größten Eisen-Industriellen und speciell zum berühmtesten Kanonengießer der ganzen Erde geworden ist.

Er fertigt solche von jeder Form und jedem Kaliber, mit glatter oder gezogener Seele, mit beweglicher oder fester Culasse, für Rußland und die Türkei, für Rumänien und Japan, vor Allem aber für Deutschland. Dank der Macht eines enormen Capitals, erwuchs hier ein Riesen-Etablissement, eine wirkliche Stadt und gleichzeitig Musterwerkstatt wie durch Zauberschlag aus der Erde. Dreißigtausend Arbeiter, meist geborne Deutsche, siedelten sich rings um dieselbe an und bildeten dadurch deren Vorstädte. Binnen wenigen Monaten schon eroberten sich die Erzeugnisse dieser Anstalt durch ihre allseitigen Vorzüge die ausgedehnteste Anerkennung.

Professor Schultze gräbt das Eisenerz und die Steinkohle aus seinen eigenen Bergwerken. Auf Ort und Stelle wandelt er das erstere in Gußstahl um. Auf Ort und Stelle macht er daraus Kanonen.

Was keiner seiner Concurrenten auszuführen vermöchte, das war ihm ein Leichtes. In Frankreich gewinnt man Stahlbarren von vierzigtausend Kilogramm; in England hat man eine schmiedeeiserne Kanone von hundert Tonnen Gewicht hergestellt; Krupp in Essen liefert Gußstahlblöcke von fünfhunderttausend Kilogramm. Herr Schultze kennt keine Grenzen; verlangt von ihm eine Kanone von ganz beliebigem Gewicht und der außergewöhnlichsten Wirkung, er wird sie herstellen, glänzend wie ein Geldstück aus der Münze und in der bedungenen Frist.

Aber – er läßt sich auch dafür bezahlen! Es scheint, als hätten die zweihundertfünfzig Millionen von 1871 nur seinen Appetit gereizt.

In der Kanonen-Industrie, wie überhaupt in allen anderen Dingen, steht man groß da, wenn man das kann, was die Anderen nicht vermögen. Hier verdient auch hervorgehoben zu werden, nicht nur, daß Herrn Schultzes Kanonen früher nie dagewesene Dimensionen erreichten, sondern daß sie, wenn durch den Gebrauch bei ihnen von einer Abnützung überhaupt die Rede sein konnte, doch jedenfalls niemals zersprangen. Das Material von Stahlstadt scheint ganz besondere Eigenschaften zu besitzen. Man erzählt sich über diesen Punkt von mancherlei unbekannten Zuschlägen, von chemischen Geheimnissen. Sicher ist jedoch nur, daß hierüber Niemand etwas Verläßliches kennt.

Man weiß nur, daß in Stahlstadt das Fabrikations-Verfahren mit eifersüchtiger Strenge geheim gehalten wird.

In diesem von Wüsten umgebenen, von der Welt durch einen Wall von Bergen abgeschlossenen und fünfhundert Meilen von den nächsten kleinen Ansiedlungen entfernten Winkel Nordamerikas würde man freilich vergeblich eine Spur jener Freiheit suchen, welche die Macht der Vereinigten Staaten begründet hat.

Wer etwa bis unter die Mauern von Stahlstadt kommt, der versuche ja nicht, eines der massiven Thore zu passiren, die von Strecke zu Strecke die Linie von Gräben und Festungswerken unterbrechen. Der Wachposten würde Jeden ohne Widerrede zurückweisen. Nach Stahlstadt gelangt man nur mit Hilfe einer geheimen Formel, eines Feldgeschreies oder zum mindesten einer gestempelten, unterzeichneten und in aller Ordnung ausgestellten Erlaubnißkarte.

Diese Erlaubniß besaß offenbar ein junger Arbeiter, der an einem November-Morgen in der Stahlstadt ankam, denn nach Zurücklassung eines alten, abgenützten ledernen Mantelsackes begab er sich nach dem nächsten Thore von dem Dorfe aus.

Es war ein großer, starkknochiger Mensch, nachlässig gekleidet, im Schnitte der amerikanischen Pionniere. Mit einem lockeren Matrosenkittel, einem wollenen Hemd ohne Kragen und mit Streifen besetzten Beinkleidern, die er in die großen Stiefeln gesteckt hatte. Ueber das Gesicht drückte er einen groben Filzhut tief herein, als wollte er den auf der Haut angesammelten Kohlenstaub verbergen, und schritt elastischen Schrittes dahin, während er ein Liedchen in den braunen Bart pfiff.

An der Pforte angekommen, überreichte der junge Mann dem Wachthabenden ein gedrucktes Blatt und ward sofort eingelassen.

»Ihre Ordre ist ausgestellt an Werkmeister Seligmann, Section K, Straße neun, Atelier siebenhundertdreiundvierzig, sagte der Unterofficier. Sie haben nur dem Wege längs der Umfassung, hier rechter Hand bis zur Marke K zu folgen und sich dort dem Pförtner vorzustellen.... Sie kennen die Fabriksordnung?.... Sie sind entlassen, wenn Sie eine andere Section als die Ihrige betreten!« fügte er in dem Augenblicke hinzu, als der neue Ankömmling sich schon entfernte.

Der junge Arbeiter folgte der ihm bezeichneten Richtung und schlug den Weg längs der Umwallung ein. Zu seiner Rechten zog sich ein Graben hin und auf dem Erdaufwurf hinter demselben wandelten Wachen auf und ab. Zur Linken, zwischen dem breiten Rundwege und einer Menge von Gebäuden, zeigte sich zunächst das Doppelgeleis einer Gürteleisenbahn; dahinter erhob sich noch eine zweite Mauer, ähnlich...



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