Verne | Mistreß Branican: Abenteuerroman | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 284 Seiten

Verne Mistreß Branican: Abenteuerroman

Bereicherte Ausgabe.
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-3933-7
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bereicherte Ausgabe.

E-Book, Deutsch, 284 Seiten

ISBN: 978-80-272-3933-7
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Mistress Branican, Jules Verne delivers a thrilling adventure novel that combines elements of romance, mystery, and exploration. Set in the late 19th century, the story follows the protagonist, Z. J. Branican, on a perilous journey across the seas in search of his missing wife. Verne's trademark attention to detail and vivid descriptions bring the exotic locations and characters to life, immersing readers in a world of danger and intrigue. The novel is a testament to Verne's imaginative storytelling and his ability to captivate readers with tales of exploration and daring escapades. Mistress Branican stands as a testament to the author's enduring influence on the adventure genre and his skill at crafting compelling narratives that continue to enthrall readers to this day.

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Zweites Capitel.


Familienangelegenheiten.


Nun müssen wir genauer Mrs. Branican skizziren, da sie in dieser Geschichte mehr in den Vordergrund tritt.

Um jene Zeit zählte Dolly (eine Abkürzung aus Dorothea) einundzwanzig Jahre. Sie war von amerikanischer Abstammung. Aber ohne ihre Ahnen sehr weit zu verfolgen, hätte man bald jene Generation gefunden, die sie mit der spanischen oder mexikanischen Rasse verband, aus der die besten Familien des Landes hervorgegangen waren. Ihre Mutter wurde in San-Diego geboren und diese Stadt bestand schon in der Zeit, als Nieder-Californien noch zu Mexiko gehörte. Die große Bucht, die vor drei und einem halben Jahrhundert von dem spanischen Seefahrer Juan Rodriguez Cabrillo entdeckt worden war, hieß zuerst San Miguel, und nahm den neuen Namen im Jahre 1602 an. Dann vertauschte im Jahre 1846 diese Provinz die Tricolore mit dem Sternenbanner der Conföderation und seit dieser Zeit gehörte sie definitiv zu den Vereinigten Staaten.

Von mittlerer Gestalt, ein Gesicht, das zwei große schwarze Augen außerordentlich belebten, ein südlicher Typus, üppiges, braunes Haar, die Hand und die Füße ein wenig stärker, als man sie sonst bei der spanischen Rasse zu sehen gewohnt ist, ein sicherer, aber graziöser Gang, eine Physiognomie, die ebenso von energischem Charakter wie von Herzensgüte zeugte – das war Mrs. Branican. Sie war eine jener Frauen, die man nicht mit gleichgiltigem Blicke ansieht, denn vor ihrer Verheiratung galt Dolly im wahren Sinne des Wortes als eines der schönsten Mädchen von San-Diego, wo doch sicher die Schönheit nicht selten ist. Sie war ernst, überlegend und hatte einen klaren Geist, moralische Eigenschaften, welche die Ehe sicher in ihr nur noch weiterentwickeln konnte.

O, was lag daran, wie es auch immer kommen würde! Dolly würde, Mrs. Branican geworden, schon ihre Pflichten kennen. Da sie das Leben offen und nicht durch trügerisches Glas gesehen hatte, so besaß sie muthigen Sinn und festen Willen. Die Liebe, welche ihr der Gatte einflößte, machte sie für die Erfüllung ihrer Aufgabe noch entschlossener. Im Nothfalle würde sie, und das ist keine hohle Redensart, für John ihr Leben hingeben, wie John das seinige für sie, wie beide es für ihr Kind hingeben würden. Sie liebten dieses Kind, das soeben zum erstenmal »Papa« gesprochen hatte, als der junge Capitän sich von seiner Mutter und ihm trennte. Die Aehnlichkeit des kleinen Wat mit seinem Vater war schon eine frappirende, durch die Gesichtszüge wenigstens, denn er hatte das südliche Colorit des Teints seiner Mutter. Da er von kräftigem Körperbau war, hatte er nichts von den Kinderkrankheiten zu fürchten. Uebrigens wurde er so sorgsam gehütet... Ach, welche Zukunftsträume hatte nicht schon die Phantasie des Vaters und der Mutter für das kleine Wesen gesponnen, dessen Leben erst begonnen hatte!

Gewiß wäre Mrs. Branican die glücklichste der Frauen gewesen, wenn die Stellung Johns ihm erlaubt hätte, das Seemannsleben aufzugeben, dessen kleinster Unfall sie trennen konnte. Aber in dem Augenblicke, wo ihm das Commando des »Franklin« übertragen worden war, wie hätte sie da den Gedanken haben können, ihn zurückzuhalten? Und dann, mußte er nicht auf den Lebensunterhalt der Familie bedacht sein, die sich wahrscheinlich nicht auf das einzige Kind beschränken würde? Die Mitgift Dollys reichte ja kaum für das Nothwendigste des kleinen Hausstandes aus. Gewiß konnte John Branican auf das Vermögen rechnen, das der Onkel seiner Nichte hinterlassen würde, und es hätten schon eigenthümliche Zustände zusammentreffen müssen, wenn dieses Vermögen ihm entgehen sollte, da doch Mr. Edward Starter, fast ein Sechzigjähriger, keine anderen Erben hatte als Dolly. In der That stand auch Jane Burker, die dem mütterlichen Familienzweige angehörte, in keiner verwandtschaftlichen Beziehung zu dem Onkel Dollys. Sie war also reich... aber es konnten wohl zehn und zwanzig Jahre verfließen, bevor sie in den Besitz dieser Erbschaft kam. So mußte denn John Branican arbeiten, wenn ihm nicht vor der Zukunft bangen sollte. Auch war er fest entschlossen, für das Haus Andrew in See zu stechen, umsomehr jetzt, wo er den »Franklin« befehligte und ihm ein Antheil an dem Ertrage der Fahrt zugesichert war. Da nun der Seemann auch zugleich ein tüchtiger Kaufmann war, so konnte man schon mit Bestimmtheit sagen, daß er vor dem Antritte der Erbschaft Onkel Starter's einen gewissen Grad von Wohlstand erreicht haben würde.

Nun ein Wort über diesen Amerikaner, einen Amerikaner im wahrsten Sinne des Wortes!

Er war der Bruder des Vaters Dollys und folglich der rechtmäßige Onkel des Mädchens, das Mrs. Branican geworden war. Dieser Bruder war fünf bis sechs Jahre älter und hatte ihn sozusagen aufgezogen, denn beide waren Waisen.

Starter der Jüngere hatte für ihn auch stets ein lebhaftes Gefühl der Dankbarkeit gehegt. Unter der steten Gunst des Glückes kam er zu Reichthum, während Starter der Aeltere sich gewöhnlich auf Wegen verlor, die selten zum Ziele führten. Wenn er auch in die Ferne zog, um durch Ankauf und Urbarmachung weiter Ländereien im Staate Tennessee glücklich zu speculiren, so war er doch mit seinem Bruder in Verbindung, den die Geschäfte in den Vereinigten Staaten zu New-York zurückhielten. Als dieser Witwer wurde, ließ er sich in San-Diego nieder, der Geburtsstadt seiner Frau, wo er starb, als die Heirat Dollys mit John Branican schon eine beschlossene Sache war. Die Hochzeit wurde nach Ablegung der Trauer gefeiert und der junge Haushalt hatte weiter keine Unterstützung als das Wenige, was Starter der Jüngere hinterlassen hatte.

Kurze Zeit darauf kam nach San-Diego ein Brief, der an Dolly Branican adressirt war und von Starter dem Aelteren kam; das war das erstemal, daß er seiner Nichte schrieb, und es sollte auch das letztemal sein.

Obwohl Starter weit von ihr war und obwohl er sie nie gesehen hatte, so vergaß er doch nicht, daß er eine Nichte hatte, die leibliche Tochter seines Bruders. Wenn er sie nie gesehen hatte, so war der Grund der, weil Starter der Jüngere und Starter der Aeltere nicht mehr miteinander zusammengekommen waren, seitdem letzterer eine Frau genommen hatte, und weil der jüngere Bruder zu Nashville, dem entlegensten Theile von Tennessee, lebte, während sie in San-Diego wohnte. Nun, Tennessee und Californien liegen ungefähr einige hundert Meilen auseinander, die der Onkel in keinem Falle zurücklegen wollte. Wenn daher dieser die Reise viel zu anstrengend fand, seine Nichte zu besuchen, so fand er es ebenso sehr langweilig, wenn ihn seine Nichte besuchen würde, und er ersuchte sie, ihn nicht zu belästigen.

Dieser Mensch war wirklich ein Bär, nicht einer jener amerikanischen Bären, die Krallen und einen Pelz haben, aber einer jener menschlichen, die fern von jedem gesellschaftlichen Leben in der Wildniß hausen.

Das sollte übrigens Dolly keine Sorge bereiten. Sie war also die Nichte eines Bären, gut! Aber dieser Bär besaß das Herz eines Onkels. Er vergaß nicht, was er seinem Bruder verdankte, und die einzige Tochter seines Bruders sollte die Erbin seines Vermögens sein.

Starter fügte hinzu, daß dieses Vermögen schon werth sei, eingeheimst zu werden, denn es belief sich damals auf fünfhunderttausend Dollars (über eine Million Gulden) und mußte sich noch vergrößern, da die Urbarmachung in dem Staate Tennessee ungemein prosperirte. Da dasselbe in Ländereien und Vieh bestand, so wäre es etwas Leichtes, es flüssig zu machen; man würde es zu einem vortheilhaften Preise losschlagen, und die Käufer würden sicher nicht ausbleiben.

Es war zwar ein wenig derb gesagt, aber das ist den eingebornen Amerikanern einmal eigen. Das Vermögen sollte ganz Mrs. Branican oder ihren Kindern zufallen. Sollte Mrs. Branican ohne directe oder andere Nachkommen sterben, so würde das Vermögen dem Staate anheimfallen, was dieser sehr gern nehmen würde.

Noch zwei Dinge:

1. Starter war ledig und würde es auch bleiben. »Die Dummheit, welche man gewöhnlich zwischen zwanzig und dreißig Jahren macht, würde er auch mit sechzig Jahren nicht machen,« war eine gewöhnliche Redensart seines Briefes. Nichts könnte das Vermögen von der Bestimmung abbringen, die er festgesetzt habe, und dasselbe würde ebenso sicher in den Haushalt Branican fließen, wie sich der Mississippi in den Golf von Mexiko ergießt.

2. Starter werde alle Anstrengungen machen – übermenschliche Anstrengungen – um seine Nichte so viel wie möglich zu bereichern. Er werde versuchen, hundert Jahre alt zu werden, und deshalb werde man ihm wohl nicht zürnen, wenn er bis zum letzten Faden hartnäckig bleibe.

Endlich ersuchte Starter Mrs. Branican – er befahl es ihr sogar – ihm nicht zu antworten. Uebrigens wären kaum Communicationsmittel zwischen den Städten und der Wildniß vorhanden, die er da hinten in Tennessee bewohne. Was ihn betreffe, so würde er nicht mehr schreiben, höchstens, daß er gestorben wäre, und dann wäre der Brief eigentlich auch nicht von ihm.

So lautete der eigenthümliche Brief, den Mrs. Branican erhielt. Daß sie die Universalerbin, die gesetzliche Erbin ihres Onkels werden sollte, das war nicht zu bezweifeln. Sie solle also einmal dieses Vermögen von fünfhunderttausend Dollars besitzen, das wahr scheinlich durch die unermüdliche Arbeit des Onkels noch heranwachsen soll. Aber da Starter deutlich die Absicht kund gab, hundert Jahre alt zu werden – und man weiß, daß diese Nordamerikaner ein zähes Leben haben – so hätte...



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