E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Vian Herbst in Peking
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8031-4241-2
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-8031-4241-2
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Boris Vian wurde 1920 in Ville d'Avray in Frankreich geboren. Nach Beendigung seines Ingenieurstudiums 1942 arbeitete er zunächst in seinem Beruf, unternahm jedoch bereits 1941 erste schriftstellerische Versuche. Ein Jahr später entstand sein erster Roman »Aufruhr in den Ardennen«. Gleichzeitig machte Vian Karriere als Jazzmusiker und schrieb für verschiedene Zeitschriften musikkritische Beiträge. Für Provokation sorgte er mit dem 1946 verfassten Roman »Ich werde auf eure Gräber spucken«, der zunächst ein Bestseller, dann verboten wurde. Vian arbeitete mit Michel Arnaud und Raymond Queneau an Filmprojekten und betätigte sich als Übersetzer, Redakteur einer Musikzeitschrift, Schauspieler sowie Verfasser von Chansons, Novellen, Sketchen und Ballettentwürfen. Besonders bekannt machte ihn sein unvergesslicher Liebesroman »Die Gischt der Tage«. Vian starb 1959 bei der Voraufführung des Films »Ich werde auf eure Gräber spucken« in Paris.
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A
Die Personen, die sich mit der Frage nicht näher befaßt haben, unterliegen leicht einem Irrtum …
1
Ohne Überzeugung ging Amadis Dudu durch die enge Gasse, die die längste der Abkürzungen darstellte, über die man zur Haltestelle des Autobus 975 gelangte. Jeden Tag mußte er dreieinhalb Fahrscheine hingeben, denn er sprang vor seiner Haltestelle vom fahrenden Bus, und er tastete seine Westentasche ab, um nachzusehen, ob er noch welche hatte. Ja. Er sah einen Vogel, über einen Abfallhaufen gebeugt, der mit dem Schnabel in drei leere Konservendosen hackte und dem es dabei gelang, den Anfang der Wolgaschiffer zu spielen; und er blieb stehen, doch der Vogel erwischte eine falsche Note und flog wütend davon, wobei er zwischen seinen Schnabelhälften böse Wörter im Vogeljargon brummte. Amadis Dudu setzte seinen Weg fort und sang dabei die Fortsetzung; doch er erwischte ebenfalls eine falsche Note und begann zu fluchen.
Die Sonne schien, nicht sehr, aber genau vor ihm, und das Ende der Gasse glänzte sanft, denn das Pflaster war feucht; er konnte es nicht sehen, denn sie machte zweimal eine Biegung, nach rechts, dann nach links. Frauen mit großen, schlaffen Begierden erschienen auf der Schwelle ihrer Türen, den Morgenrock weit geöffnet über einem beachtlichen Tugendmangel, und leerten ihren Mülleimer vor sich aus; dann schlugen sie alle zusammen auf den Boden der Abfalleimer, was sich wie Trommelwirbel anhörte, und wie gewöhnlich begann Amadis im Gleichschritt zu marschieren. Aus diesem Grund ging er am liebsten durch die Gasse. Das erinnerte ihn an die Zeit seines Militärdienstes bei den Amis, als sie Pinatbatter spachtelten aus Weißblechdosen wie die des Vogels, aber größer. Die Abfälle fielen herab und bildeten Staubwolken; er mochte das, weil das die Sonne sichtbar machte. Dem Schatten der roten Laterne der großen Sechs zufolge, wo die getarnten Polizisten wohnten (in Wirklichkeit war es ein Kommissariat; und um jeden Verdacht abzulenken, hatte das Bordell nebenan eine blaue Laterne), ging es ungefähr auf acht Uhr neunundzwanzig zu. Es blieb ihm noch eine Minute, um die Haltestelle zu erreichen; das machte genau sechzig Schritte zu einer Sekunde, aber Amadis machte fünf alle vier Sekunden, und die allzu komplizierte Rechnung löste sich in seinem Kopf auf; normalerweise wurde sie später mit seinem Urin ausgeschieden, wobei sie tock auf dem Porzellan machte. Aber lange danach.
An der Haltestelle des 975 standen schon fünf Personen, und sie stiegen alle in den ersten 975, der gerade angekommen war, doch der Schaffner verweigerte Dudu den Einstieg. Obgleich der ihm ein Stück Papier hinhielt, dessen einfache Inaugenscheinnahme bewies, daß er tatsächlich der sechste war, vermochte der Autobus nur über fünf Plätze zu verfügen und ließ es ihn merken, indem er viermal furzte, um abzufahren. Er brauste sanft dahin, und sein Hinterteil schleifte über den Boden und schlug dabei Funkengarben aus den runden Höckern der Pflastersteine; manche Fahrer klebten Feuersteine drunter, damit es hübscher aussah (es waren immer die Fahrer des Autobusses, der hinterherkam).
Ein zweiter 975 hielt vor Amadis Nase. Er war stark besetzt und schnaufte grün. Eine dicke Frau stieg aus und eine Kuchenhacke, die von einem kleinen, fast toten Herrn getragen wurde. Amadis Dudu klammerte sich an den senkrechten Handlauf und hielt seinen Fahrschein hin, doch der Schaffner schlug ihm mit dem Fahrkartenknipser auf die Finger. »Lassen Sie das los!« sagte er zu ihm.
»Aber es sind doch drei Personen ausgestiegen!« protestierte Amadis.
»Der Bus war überbesetzt«, sagte der Beamte in vertraulichem Ton und flinkerte dabei mit einer abstoßenden Mimik.
»Das stimmt nicht!« protestierte Amadis.
»Doch«, sagte der Beamte, und er sprang sehr hoch, um den Klingelzug zu erreichen, an dem er sich festhielt, um einen halben Klimmzug zu machen und Amadis seinen Hintern zu zeigen. Der Fahrer fuhr ab, denn er hatte den Zug der rosa Schnur, die an seinem Ohr befestigt war, gespürt.
Amadis sah auf seine Uhr und machte »Puh!«, damit der Zeiger rückwärts gehen sollte, doch nur der Sekundenzeiger begann verkehrt herum zu laufen; die andern drehten sich weiterhin in der gleichen Richtung, und das änderte überhaupt nichts. Er stand mitten auf der Straße und sah zu, wie der 975 verschwand, als ein dritter ankam, und seine Stoßstange erwischte ihn direkt an den Hinterbacken. Er fiel hin, und der Fahrer fuhr ein Stück vor, um direkt über ihm zu stehen, und drehte den Warmwasserhahn auf, der Amadis’ Hals zu begießen begann. Unterdessen stiegen die beiden Personen, die die nächsten Nummern hatten, in den Bus, und als er wieder aufstand, fuhr der 975 vor ihm davon. Sein Hals war ganz rot, und er spürte einen großen Zorn; er würde mit Sicherheit zu spät kommen. Unterdessen kamen vier andere Personen an, die ihre Nummern nahmen, indem sie auf den Hebel drückten. Die fünfte Person, ein dicker junger Mann, bekam zusätzlich noch den kleinen Parfümstrahl ins Gesicht, den die Autobusgesellschaft jeder hundertsten Person als Zugabe schenkte; schreiend lief er weg, immer geradeaus, denn es war fast reiner Alkohol, und im Auge tut das sehr weh. Ein 975, der in der anderen Richtung vorüberkam, überfuhr ihn zuvorkommenderweise, um seinem Leiden ein Ende zu machen, und man sah, daß er gerade Erdbeeren gegessen hatte.
Ein vierter Bus mit einigen Plätzen kam an, und eine Frau, die bei weitem nicht so lange da war wie Amadis, hielt ihre Nummer hin. Der Schaffner rief laut:
»Eine Million fünfhundertundsechstausendneunhundertdrei!«
»Ich habe die neunhundert!«
»Gut«, sagte der Schaffner, »die eins und die zwei?«
»Ich habe die vier«, sagte ein Herr.
»Wir haben die fünf und die sechs«, sagten die beiden anderen Personen.
Amadis war schon eingestiegen, aber die Faust des Schaffners packte ihn am Kragen.
»Die haben Sie auf dem Boden aufgelesen, wie? Steigen Sie aus!«
»Wir haben ihn gesehen«, kreischten die andern. »Er war unter dem Autobus.«
Der Schaffner ließ seine Brust anschwellen und stieß Amadis von der Plattform herunter, wobei er ihm die linke Schulter mit einem Blick voller Verachtung durchbohrte. Amadis begann vor Schmerz auf der Stelle zu hüpfen. Die vier Personen stiegen ein, und der Autobus fuhr davon, einen Buckel machend, denn er schämte sich ein wenig.
Der fünfte fuhr voll vorbei, und alle Fahrgäste streckten Amadis und den andern, die dort warteten, die Zunge heraus. Selbst der Schaffner spuckte auf ihn, doch die schlecht gesicherte Geschwindigkeit nutzte dem Auswurf nichts, der nicht auf die Erde zu fallen vermochte. Amadis versuchte ihn mit einem Schnipser im Flug zu vernichten und verfehlte ihn. Er schwitzte, weil ihn das alles wirklich in einen Zustand fürchterlicher Wut versetzt hatte, und als er den sechsten und den siebten verpaßt hatte, beschloß er, zu Fuß weiterzugehen. Er würde versuchen, ihn an der nächsten Haltestelle zu nehmen, wo gewöhnlich mehr Leute ausstiegen.
Er brach auf, wobei er absichtlich schräg ging, damit man sehen konnte, daß er zornig war. Er mußte etwa vierhundert Meter zurücklegen, und während dieser Zeit fuhren andere 975, fast leer, an ihm vorbei. Als er endlich den grünen Laden, zehn Meter vor der Haltestelle, erreichte, kamen direkt vor ihm, aus einem Torweg, sieben junge Pfarrer und zwölf Schulkinder, die götzenhafte Lilienbanner und bunte Bänder trugen. Sie stellten sich um die Haltestelle herum auf, und die Pfarrer brachten zwei Hostienwerfer in Stellung, um den Passanten die Lust auszutreiben, auf den 975 zu warten. Amadis Dudu versuchte sich an das Losungswort zu erinnern, aber seit der Katechismusstunde waren so viele Jahre vergangen, daß er das Wort nicht wiederfinden konnte. Er versuchte, sich rückwärtsgehend zu nähern, und bekam eine zusammengerollte Hostie in den Rücken, die mit einer solchen Wucht geschleudert worden war, daß es ihm den Atem abschnitt und er zu husten begann. Die Pfarrer lachten und machten sich um die Hostienwerfer herum zu schaffen, die unaufhörlich Geschosse ausspuckten. Es kamen zwei 975 vorbei, und die Kinder nahmen fast alle leeren Plätze ein. Im zweiten waren noch welche frei, doch einer der Pfarrer blieb auf der Plattform stehen und hinderte ihn daran einzusteigen; und als er sich umdrehte, um seine Nummer zu nehmen, warteten schon sechs Personen und er verlor den Mut. Er lief darauf so schnell er nur konnte, um die nächste Haltestelle zu erreichen. Weit vor sich erblickte er das Hinterteil des 975 und die Funkengarben, und er warf sich zu Boden, denn der Pfarrer richtete den Hostienwerfer in seine Richtung. Er hörte die Hostie über sich hinwegfliegen, wobei sie ein Geräusch wie brennende Seide machte, dann rollte sie in die Gosse.
Ganz verdreckt stand Amadis wieder auf. Er zögerte fast, sich in diesem Schmutzzustand in sein Büro zu begeben, doch was würde die Stechuhr sagen? Der rechte Schneidermuskel tat ihm weh, und er versuchte, sich eine Nadel in die Backe zu stechen, um den Schmerz zu vertreiben; fast am liebsten vertrieb er sich mit dem Studium der Akupunktur in den Werken des Dr.Bottine de Mourant die Zeit; leider zielte er nicht gut und kurierte damit eine Nierenentzündung an der Wade, die er sich noch gar nicht zugezogen hatte, was ihn aufhielt. Als er an die Haltestelle danach gelangte, war dort wieder alles voller Leute, und sie bildeten eine feindselige Mauer um den Nummernkasten herum.
Amadis Dudu blieb in respektvoller Entfernung stehen und nutzte diesen...




