Victor | Schweinezeiten. Ein Voodoo-Kriminalroman | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

Victor Schweinezeiten. Ein Voodoo-Kriminalroman


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-944818-70-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

ISBN: 978-3-944818-70-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein drückend heißer Sommer in Haiti. Inspektor Dieuswalwe Azémar hält sich für eine gescheiterte Existenz: Da er sich mit der allgemeinen Korruption nicht abfinden kann, wird er immer als Versager gelten, dem nur noch der Alkohol Trost spenden kann. Als jedoch das Leben seiner Tochter durch die Machenschaften einer Sekte in Gefahr gerät, findet er seine Reflexe als Elitepolizist wieder. Ein weiteres Mal zieht der »Dirty Harry« von Port-au-Prince mit seiner Beretta und viel Zuckerrohrschnaps in den Kampf gegen Verbrechen, Korruption und okkulte Mächte. Was verbirgt sich hinter der »Kirche vom Blut der Apostel«? Was hat der Traum seiner Tochter zu bedeuten? Und was hat all das mit der seltsamen Verwandlung zu tun, die mit seinem ehemaligen Assistenten vor sich geht? Ein Voodoo-Krimi mit all den Zutaten, die Inspektor Azémar in Haiti zur Kultfigur machen. Gary Victor entwirft ein wüstes Bild der Gier in Haiti. Doch trotz dieser »grellen Farben der Verzweiflung« kommt Gary Victors Kriminalroman, der auf der Bestenliste des Weltempfängers stand, hoch spannend und rasant schwarzhumorig daher. Begeisternd! »Ein 130-Seiten-Konzentrat großartiger Kriminalliteratur.« Tobias Gohlis, DIE ZEIT

Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, von Beruf ursprünglich Agronom, gehört zu den populärsten Gegenwartsautoren Haitis. Für seine Romane, Erzählungen und Theaterstücke wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter dem Prix du livre RFO und dem Prix littéraire des Caraïbes. Sein schonungsloser Blick auf die Gesellschaft macht ihn zum subversivsten Autor seines Landes, dessen Radio- und Fernsehbeiträge regelmäßig für Aufregung sorgen.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Begriffe, die mit einem Stern gekennzeichnet sind, werden im Anmerkungsteil erklärt. -1-
Die Sonne schüttete ihm ihre drückende Hitze wie Bleiperlen mitten auf den Schädel und zielte dabei genau auf die kahle Stelle. Er glaubte zu hören, wie ein Feuerregen über der verbrannten Savanne niederging. Die Schwefeldämpfe zogen den Saft aus der Vegetation, die wie verkohlt wirkte. Seine dunklen Brillengläser schützten ihn kaum vor der Strahlung. Er hatte Lust auf einen Schluck tranpe*, um den Durst zu lindern, der ihn umklammert hielt wie in einem Schraubstock. Die Flasche, die er aus der Tasche zog, war leer. Er musste einer Halluzination aufgesessen sein, er konnte unmöglich schon so viel getrunken haben. Es sei denn, er hatte jedes Zeitgefühl verloren, seit er seinen betagten Nissan, der nun das ehrwürdige Alter von 27 Jahren erreichte, am Rand der Landstraße geparkt hatte. Er warf die Flasche gegen einen Felsen; sie zerbrach, ohne dass das Klirren zu ihm drang. »Ist es noch weit?«, fragte er die Frau, die vor ihm ging. »Es ist ganz nah«, antwortete sie. Er wunderte sich über ihre Fähigkeit, sich an diesem verlassenen Ort ohne sichtbare Orientierungspunkte zurechtzufinden. Die Sonnenkörner fielen weiter hageldicht auf seinen Schädel. Er bekam nur schwer Luft, atmete wie ein Asthmatiker, was ihm noch nie passiert war. Das lag nicht am Alter oder an der Müdigkeit, es war dieser Ort, der sich dem Leben verweigerte. Gelegentlich stieg ihm der Geruch der Massengräber in die Nase, die von ausgehungerten Schweinen und Hunden freigelegt wurden. Er bat Gott, er möge sie schnell ankommen lassen, lange würde er nicht mehr durchhalten. In dieser Hitze konnte man ohnmächtig werden. Das hier war eine Abkürzung zur Hölle. Der unpassendste Ort zum Sterben, dachte er. »Wir sind da«, verkündete sie. Er erblickte die Hütte von fern im Hitzenebel und in den Schwefelausdünstungen. Sie stand inmitten von einer Art Geschwür aus Schlamm. Drei schmutzige, zerrissene Fahnen mit ausgewaschenen Farben, wie verkohlt von den Angriffen der Sonne, waren am Dach befestigt. Das Haus schien ein Feuer überstanden zu haben. Er wunderte sich, dass es bei dieser Hitze, die auf das Stroh und das Holz hinunterbrannte, nicht in Flammen aufging. Die Leute, die hier wohnten, mussten Mutanten sein, eine neue Art, die an die Lebensbedingungen an diesem Ort angepasst war. »Wir sind alle Mutanten«, dachte er. »Wären wir Menschen, dann hätten wir dieses Leben nicht akzeptiert.« Sie legten die letzten Meter auf einem zweifelhaften Pfad zwischen Schlammpfützen zurück, die die Gluthitze ausgetrocknet hatte. Wenn es regnete, dann trat das Wasser an die Stelle des Feuers und verwandelte den Ort in einen üblen Brei, in dem sich die Verdammten dieses Inselviertels tummelten. »Bist du sicher, dass du dich nicht irrst?« »Es ist hier«, beharrte sie. Ihr Gesicht war verschlossen. In ihren Augen leuchtete jene Energie, die der Umgang mit der Verzweiflung verleiht. Sie klopfte an die Tür. Er hätte gern eine andere Flasche tranpe gehabt. Es war der Alkohol, der ihn in diesem Land am Leben hielt. Wie lange würde er diese Hitze aushalten? Die Sonnentropfen fielen wie Hammerschläge auf seinen Schädel. Er kam sich vor wie ein Nagel, den eine unsichtbare Hand in den Boden zu schlagen versuchte. »Was willst du?«, fragte eine gehässige Stimme hinter der Tür. »Ich bin wegen dem Kind zurückgekommen. Dem kleinen Mädchen.« »Hast du das Geld mitgebracht?« »Ich will mit Marasa sprechen«, sagte sie. »Wer ist bei dir?« »Mein Bruder«, log die junge Frau. Man hörte, wie innen eine kurze Beratung abgehalten wurde, dann ging die Tür auf. »Kommt rein«, sagte die Stimme. Die junge Frau betrat die Hütte, ihr Begleiter folgte ihr. Es war so dunkel, dass die Neuankömmlinge den Hausherrn nur schwer ausmachen konnten. Der Mann nahm seine dunkle Brille ab, aber das Licht draußen war für die Sonnenfilter der Gläser zu stark gewesen. Er brauchte eine Weile, bis seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten. Der, der sie hereingeführt hatte, zeigte auf einen Mann, der ganz hinten im Raum saß. Dieser stand auf und kam auf sie zu. Er war mager wie eine Leiche, sicher von der Sonne mumifiziert. Seine Haut war wie Holzkohle. Das kalkige Weiß seiner Augen legte eine beunruhigende Aura um sein Gesicht. »Papa Marasa, ich bin zurückgekommen wie vereinbart«, sagte sie, indem sie sich zum Zeichen der Unterwerfung auf ein Knie niederließ. »Hast du die 15 000 Gourde*?«, fragte Papa Marasa. Der Begleiter der jungen Frau bereute, dass er unmäßig tranpe getrunken hatte. Die Hitze vertrug sich nie gut mit dem Alkohol. In diesem Zustand nahe an der Trunkenheit ließ seine Sehkraft um eine Stufe nach. Aber woher hätte er wissen sollen, dass seine Augen trotz der Brille einem solchen Lichtansturm ausgesetzt sein und anschließend in dieses dunkle Universum eintauchen würden? »Ich will das Kind wieder mitnehmen«, flehte sie. »Sie wird sterben«, warnte Marasa trocken. »Sie hat ihre Seele nicht mehr. Du kannst die Seele nur zurückkaufen.« »Jedenfalls muss sie bezahlen«, sagte mit quiekender Stimme jemand, den die Neuankömmlinge nicht bemerkt hatten. »Das Mädchen war acht Tage hier. Jetzt kostet es das Doppelte!« »Eine Frau!«, wunderte sich der Mann, dessen Augen sich langsam an das Halbdunkel gewöhnten. Das einzige Zimmer war kreisförmig und etwa dreißig Quadratmeter groß; es war um einen Pfeiler herum gebaut, in den Gesichter und Symbole geschnitzt waren. Im Hintergrund standen große Tontöpfe. Ein Hocker, dessen Füße mit Tüchern umwickelt waren, thronte in der Mitte des Raumes. Eine Bank. Ein Hochbett, zum Teil verdeckt von einer schmutzigen, überall von Insekten durchlöcherten Stoffbahn. Die Frau kam mit bösartigem Blick hinter dem Vorhang hervor und setzte sich rittlings auf die Bank. Bestimmt die gefährlichste Gestalt hier. »Ich habe das Geld nicht«, jammerte die Mutter. »Bitte, lassen Sie mich mit meiner Tochter gehen.« »Wenn du für das Kind nicht zahlen kannst, dann verschwinde!«, schrie Marasa. »Du verschwendest unsere Zeit. Und wir haben gedacht, du bist seriös. Hau ab!« In diesem Moment war eine Kinderstimme zu hören: »Mama ... lass mich nicht hier ... Ich habe Schmerzen.« Die Mutter schob Marasa beiseite und stürzte zu der Stelle, an der die Stimme hinter dem Vorhang hervordrang. Sie zog ihn beiseite. Der Mann folgte ihr. Der Anblick des Mädchens, das er hübsch, pausbäckig und voll Leben gekannt hatte und das nun zum Skelett abgemagert und in mehrere schmutzige, verwaschene T-Shirts eingemummt in diesem Bett lag, traf ihn wie ein Schlag. Er war so angewidert, dass ein plötzlicher Brechreiz ihm den Magen zusammenzog. »Doris!«, rief die Mutter, indem sie ihr Kind in die Arme schloss. »Wir heilen dich, ich verspreche es dir, wir heilen dich.« »Sie will das Kind mitnehmen«, sagte der Mann mit vor unterdrücktem Zorn vibrierender Stimme. »Das macht 30 000 Gourde. Aber sie wird sterben«, warnte Marasa erneut. »Wenn sie leben soll, dann zahlt die geforderte Summe. Sie ist verkauft. Verhandlungen um eine Seele sind keine einfache Sache.« »Wir nehmen sie mit«, antwortete der Mann heftig, »und wir zahlen nichts.« »Was glaubt ihr, wer ihr seid?«, blaffte die Frau mit dem bösartigen Blick. Der Mann sah das Aufblitzen der Machete in der Hand des Gehilfen, der ihnen die Tu¨r geöffnet und seitdem nichts gesagt hatte. Der erste Schuss ließ die Hütte erbeben. Die Wucht des Projektils schleuderte den Mann mit der Machete gegen die Wand aus Lehm und Stroh. Die Frau stand keifend auf. Das zweite Geschoss riss ihr einen Teil des Schädels weg. Marasa sperrte die Augen auf, sein weit geöffneter Mund ließ eine fast schwarze Zunge sehen. »Nehmt sie mit«, sagte er eilig in einer Art Kläffen, das an einen Schluckauf erinnerte. Die Kugel traf ihn in den Mund. Marasa schlug wie ein Ertrinkender um sich, während er zusammenbrach. »Bist du verrückt?«, schrie die Mutter, die plötzlich aus ihrer Betäubung erwachte. »Bist du verrückt?« Links neben ihm war im Dunkeln das Klirren eines zerbrechenden Gefäßes zu hören. Die zwei Flügel eines Fensters flogen mit einem Knall auf. Ein Wesen, halb Spinne, halb Mensch, sprang mit einer solchen Behändigkeit und Schnelligkeit nach draußen, dass er nicht sofort reagieren konnte. Er stürzte zum Fenster und sah das Ding im Zickzack auf ein etwa hundert Meter entferntes Kaktuswäldchen zurennen. Er feuerte, war aber nicht sicher, getroffen zu haben. Er fand seine Reflexe als Eliteschütze nicht wieder. Die Kreatur verschwand in dem Wäldchen. Er kehrte zu der jungen Frau zurück, die mit den Händen auf dem Kopf stöhnend dastand und alle Heiligen des katholischen Kalenders um Beistand anrief. »Nimm deine Tochter«, befahl er mit ausdrucksloser Stimme und steckte die rauchende Zweiundzwanziger Automatik wieder an den Gürtel. Die Stimme ihres Begleiters riss sie aus ihrer Trance. Sie berührte den Körper des Kindes, es glühte vor Fieber. »Sie wird sterben«, schrie sie hysterisch. »Wenn ich gewusst hätte, dass du vorhattest, sie umzubringen, hätte ich dich nicht mitgenommen. Dann hätte ich mich nicht an dich gewandt. Nur weil du deine Tochter Mireya den Weißen gegeben hast, musst du mir nicht meine nehmen.« »Hör auf, Unsinn zu reden«, sagte er ärgerlich. »Deine Tochter wird leben.« »Ich hoffe es...



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