E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Victor Soro. Kriminalroman aus Haiti
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-944818-95-5
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-944818-95-5
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Port-au-Prince, 12. Januar 2010: Kaum dem Erdbeben entronnen, erhält Inspektor Azémar einen neuen Spezialauftrag seines Freundes und Vorgesetzten Kommissar Solon: Er soll herausfinden, mit wem die Frau des Kommissar in dem Stundenhotel war, unter dessen Trümmern ihre Leiche gefunden wurde. Dumm nur, dass dieser Mann der Inspektor selbst war ... Außerdem ist da der berühmte Maler, der angeblich dem Erdbeben zum Opfer gefallen ist. Ausgerechnet in dieser heiklen Lage ist auf den bisher besten Verbündeten des Inspektors, den aromatisierten Zuckerrohrschnaps namens Soro kein Verlass mehr. Einmal mehr kann Azémar nur seiner Intuition und seiner Beretta vertrauen. »Harter Stoff, grandios gemacht. Gary Victor gehört zu den wichtigsten Autoren von Kriminalliteratur und damit zu den wichtigsten Schriftstellern auf diesem Planeten.« Thomas Wörtche, Leichenberg Dieuswalwe Azémar und seine klarsichtigen Suff-Halluzinationen stehen im Mittelpunkt eines Dramas um Liebe, Freundschaft und Loyalität vor dem apokalyptischen Hintergrund des zerstörten Port-au-Prince. Das ist wuchtige, große Literatur. »Harter Stoff, grandios gemacht. Gary Victor gehört zu den wichtigsten Autoren von Kriminalliteratur und damit zu den wichtigsten Schriftstellern auf diesem Planeten.« Thomas Wörtche, Leichenberg
Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, von Beruf ursprünglich Agronom, gehört zu den populärsten Gegenwartsautoren Haitis. Für seine Romane, Erzählungen und Theaterstücke wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter dem Prix du livre RFO und dem Prix littéraire des Caraïbes. Sein schonungsloser Blick auf die Gesellschaft macht ihn zum subversivsten Autor seines Landes, dessen Radio- und Fernsehbeiträge regelmäßig für Aufregung sorgen. Bei CulturBooks ist bereits der Kriminalroman »Schweinezeiten« erschienen.
Autoren/Hrsg.
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Port-au-Prince hatte den verängstigten Blick der gerade noch Davongekommenen. Die Sonnenstrahlen waren nun zurückhaltend, verschämt und betrübt darüber, die Missetat der Erde und den Schmerz der Menschen zu beleuchten. Dem Gekicher der Berge war eine Friedhofsruhe gefolgt, die hin und wieder von den Klagen der obdachlos Gewordenen und den Schmerzensschreien der Amputierten durchbrochen wurde. Prozessionen von Menschen trugen, die Gesichter weißgeschminkt vom Staub der Trümmer, auf Türen, die sie den Resten der Häuser entrissen hatten und die nun als Tragen dienten, die Leichen von Kindern, Frauen und Männern und legten sie an den Straßenkreuzungen ab. Die Straßen waren für den Verkehr so gut wie unbrauchbar, stellte Dieuswalwe Azémar fest. Eingestürzte Bauten verstopften sie mit ihren Säulen aus Eisenschrott und Beton. Strommasten lagen mit ihren Kabeln, die glücklicherweise nicht unter Spannung standen, in den Durchgängen, und die Bürger mussten sich wie beim Himmel-und-Hölle-Spiel von einem Punkt zum anderen bewegen. Eine oder zwei Stunden vor Sonnenaufgang hatte Inspektor Azémar in den Schlaf gefunden. Anschließend lernte er, wie viele Port-au-Princer an diesem Morgen nach dem Erdbeben, seine täglichen Verrichtungen neu: Die Suche nach Wasser und einer ungestörten Ecke, in der man sich rasch waschen konnte. Das Schwierigste war die morgendliche Notdurft. Er hatte einen Nahkampf mit seiner Angst ausfechten müssen, damit er in seine Wohnung gehen und sich auf die Toilette setzen konnte. Er hatte eilig, mit klopfendem Herzen und schweißgebadet gedrückt, aber er hatte keine Wahl gehabt: Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, etwas derart Intimes unter freiem Himmel, wo jedermann ihn beobachten konnte, mithilfe irgendeines Gefäßes oder einer Plastiktüte zu erledigen. Mit seinen zitternden Händen hatte er Mühe gehabt, sich abzuwischen. Dennoch hatte er im Hinausgehen eilig ein paar Kleidungsstücke zusammenraffen können. Als er wieder im Freien war, hatte er erst einmal verschnauft. All dies musste ein neuer Albtraum sein. Ein Albtraum, den er sich niemals vorzustellen gewagt hatte. Gelegentlich sah er in einem hellen Blitz das zugleich überraschte und erschreckte sich rasch um. Mireya schlief immer noch, an Manou geschmiegt, auf ihrem improvisierten Lager auf der Straße, um sie herum ein Schwarm von Männern und Frauen, die die Müdigkeit und die Angst übermannt hatten und die der Sonnenaufgang nicht mehr wie sonst wieder zu sich bringen konnte. Er drückte Manou einige Geldscheine in die Hand und ermahnte sie, sich um seine Tochter zu kümmern, dann ging er unter schweren Schuldgefühlen. Er hätte seine Tochter nicht zurücklassen dürfen, aber er hatte keine Wahl. Er musste zum Präsidium, um zu erfahren, was es Neues gab. Ob die Dienstgebäude stehengeblieben waren. Ob Kommissar Solon überlebt hatte. Es gab jede Menge Dinge, die er wissen wollte. Vor allem wollte er sehen, was von seiner Stadt übrig war. Von seiner Motorradfahrt am Vorabend einige Minuten vor dem Einbruch der Dunkelheit, die zu dieser Jahreszeit früh kam, waren ihm nur trübe Bilder im Gedächtnis geblieben, wie in einem Traum, in dem das Vergessen die Erinnerung filtert. Er stellte schnell fest, dass die Gerüchte dieses eine Mal an die Realität nicht heranreichten. Die dunkle Brille, die er ständig trug, nicht um sein Schielen zu verbergen, sondern um die Hässlichkeit der Dinge abzumildern, die ihm ständig in den Blick kamen, konnte gegen die Wirklichkeit um ihn herum nichts mehr ausrichten. Das Stadtzentrum war nur noch eine Ansammlung von Ruinen. Der Nationalpalast war eingestürzt. Das große Gebäude der Generalfinanzdirektion war zu einem unförmigen Haufen zusammengesunken. Das Polizeipräsidium war stehengeblieben, aber alle Polizisten und ein Teil des zivilen Personals diskutierten draußen im Hof, denn wegen der Nachbeben wagte sich niemand in das labyrinthartige Innere. Der Inspektor setzte sich auf die Haube eines defekten Autos; den Motor hatte der Mechaniker, der den Fuhrpark der Polizei betriebsfähig zu halten versuchte, auf dem Boden zurückgelassen. Er zündete sich eine Zigarette an, um sein Verlangen nach Alkohol in den Griff zu bekommen. Er hatte an niemanden das Wort gerichtet, sondern nur vorschriftsmäßig gegrüßt. So ging es seit Jahren. Er hatte hier nur wenige Freunde. Nachdem er begriffen hatte, wie sehr ihn die anderen Polizisten verachteten, wie sehr er sie anekelte, hatte er sich auf sich selbst zurückgezogen. Dass er noch auf seinem Posten war, verdankte er Kommissar Solon, der gegenüber den höheren Vorgesetzten immer standhaft geblieben war. Azémar war der beste Bulle, den die Police nationale hatte, trotz seines zügellosen Lebenswandels und seiner Abhängigkeit vom tranpe. Kommissar Solon bestand darauf, dass Dieuswalwe Azémar an seiner Seite sein musste, solange er auf seinem Posten war, andernfalls würde er den Dienst sofort quittieren. Man hatte zugeben müssen, dass der Inspektor Fälle gelöst hatte, die man ohne ihn zu den Akten hätte legen müssen. Die Organhandelsaffäre hatte höheren Ortes Aufsehen erregt. Das Ausmaß des Skandals hatte Azémar geschützt. Seine Abberufung wäre Wasser auf die Mühlen all der einheimischen und ausländischen Kritiker gewesen, die die Korruption in der Regierung und der Polizei beklagten. Der Inspektor bemerkte, dass der Offizier, der für die Verwaltung des Präsidiums zuständig war, sich mit einigen Polizisten beriet, worauf diese im Laufschritt das Gebäude betraten und mit Schreibtischen, Ordnern und Akten wieder herauskamen. Eine große, grüne Plane, die vom Gebäude bis zur Mitte des Hofes reichte, wurde ausgespannt. Dieuswalwe Azémar sagte sich, dass der Verwaltungsinspektor die Entscheidung, Akten, Ordner und Schreibtische dorthin zu verlegen, sicher nicht allein getroffen hatte. Er war ein Angsthase, der Typus des roboterhaften Beamten, der niemals die Initiative ergriff, da er fürchtete, sie könnte seinem direkten Vorgesetzten, in diesem Fall Kommissar Solon, missfallen. Entweder hatte dieser ihm telefonisch Anweisungen erteilt, oder er war tot, so dass der Verwaltungsinspektor einstweilen entscheidungsbefugt war. Während die Polizisten und Zivilangestellten sich in panischer Stimmung bemühten, alles Wichtige in den Hof zu bringen, nahm Inspektor Azémar eilig ein paar Schlucke aus dem Flachmann, den er wie eine Waffe unter dem Hemd verborgen hielt. Als sein Geist etwas weniger vernebelt war, begriff er, dass die Polizisten und zivilen Beamten niemals sein Büro betreten würden, um seine Akten zu holen. Zwischen ihm und ihnen schaukelte sich die gegenseitige Verachtung immer weiter auf. Er konnte sie um nichts bitten. Er konnte seinen Untergebenen zwar einen Befehl erteilen, sie würden wohl oder übel gehorchen müssen, aber wie sollte er ihnen verbieten, ihre Verachtung und ihren Ekel durch ihren Gesichtsausdruck, ihren Blick und ihre Gesten kundzutun? Er blieb nun lieber in seiner eigenen Welt und beschränkte seine Kontakte im Präsidium auf das für die Ermittlungen unerlässliche Mindestmaß. Er zündete sich eine weitere Zigarette an, wandte sich vom geschäftigen Treiben im Hof ab und ließ seinen Blick durch das Gitter über die Reste des Nationalpalasts schweifen. Die drei Kuppeln waren gefährlich geneigt und schienen nur noch mit einem Faden am Gebäude zu hängen. Der Vorplatz, auf dem seinerzeit die Diktatoren zu den Massen gesprochen hatten, auf dem der Pöbel an ihnen vorbeigezogen war und auf dem der Priester, nachdem er mit Hilfe der amerikanischen Soldaten ins Land zurückgekehrt war, die Nation hinter einer Panzerglasscheibe begrüßt hatte, war nur noch ein unförmiger Haufen. Vor dem Zaun drängte sich eine Menschenmenge. Der Inspektor erriet die Genugtuung der Menschen angesichts der Zerbrechlichkeit dieses Sitzes der Macht gegenüber den Launen der Natur. Er zappte sich durch die UKW-Sender. Einige wenige Radiosender funktionierten. Überall Hilferufe. Der Direktor einer Radiostation, den Azémar gut kannte, erzählte mit vor Emotionen versagender Stimme, er habe seine Frau selbst im Hof ihres eingestürzten Hauses beerdigt. Auf die Beerdigungsinstitute konnte man nicht mehr zählen. Zu viele Tote. Zu viele Verletzte. Der Journalist hatte trotz allem seinen Platz vor dem Mikrofon eingenommen, weil er nach eigenen Worten in dieser schmerzlichen Stunde an der Seite der Bevölkerung sein wollte. Azémar war davon angetan. Der Präsident blieb derweil stumm. Keine Ansprache an die Bevölkerung. Vielleicht war es besser so, dachte der Inspektor. Jedes Mal, wenn der höchste Amtsträger den Mund öffnete, gab er nur monumentalen Blödsinn oder nichtssagendes Zeug von sich und befeuerte so die Unzufriedenheit der Bevölkerung, die eines Tages sicherlich konkrete Gestalt annehmen würde. Wie vom Donner gerührt, erblickte Azémar ein schweres Fahrzeug in den Farben der Nachbarrepublik. Laut den Nummernschildern gehörte es der dominikanischen Staatsführung. Das Auto fuhr sehr langsam, aber die Insassen waren durch die getönten Scheiben nicht zu erkennen. Dominikanische Soldaten? Ein Radiosender meldete, dass sich der dominikanische Präsident in Haiti aufhielt. Schlimmer als eine Naturkatastrophe!, dachte Azémar. Das Erdbeben würde ein weiteres Mal beweisen, dass die Macht in der Hand von Komödianten lag. Das Land schickte sich an, ein paar weitere Stufen zu den Pforten der Hölle hinunterzusteigen. »Inspektor Azémar, kommen Sie bitte mit mir!«, sagte eine wohlbekannte Stimme hinter ihm. Er drehte sich um, sein Herz begann augenblicklich so heftig zu schlagen wie bei einem Läufer nach einem besonders anstrengenden Sprint. Kommissar Solon stand vor ihm, in Zivil, die Dienstwaffe am Gürtel. Sein Gesicht war aufgelöst. Er, der immer auf sein Äußeres...




