Vinet | Geheimnisvolles La Rochelle | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 383 Seiten

Reihe: La-Rochelle-Krimireihe

Vinet Geheimnisvolles La Rochelle

Commissaire Chevalier ermittelt an der Atlantikküste. Frankreichkrimiserie vor atmosphärisch ausgeleuchteter Urlaubskulisse
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-6144-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Commissaire Chevalier ermittelt an der Atlantikküste. Frankreichkrimiserie vor atmosphärisch ausgeleuchteter Urlaubskulisse

E-Book, Deutsch, Band 3, 383 Seiten

Reihe: La-Rochelle-Krimireihe

ISBN: 978-3-7517-6144-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein gemütlicher Sonntagabend auf der Île de Ré. Commissaire Chevalier verbringt ihn im Kreise der Familie bei bester Stimmung und frischen Austern. Das friedliche Beisammensein endet jäh, als auf einer Luxusjacht im Hafen eine Leiche gefunden wird. Die Tote, die offensichtlich erschossen wurde, kann schon bald als Solène Flamant identifiziert werden, Miterbin einer der bekanntesten Cognac-Dynastien. Nur wenig später wird der Geschäftsführer eines konkurrierenden Weingutes ermordet - mit derselben Waffe wie Solène. Seine Nachforschungen führen Chevalier in die für ihren Weinbrand berühmte Region - wo er auf zwei mächtige Familien trifft und ein undurchdringliches Netz aus Lügen ...



Jean-Claude Vinet ist das Pseudonym eines deutschen Autors von Kriminalromanen, den seine Liebe zu der wundervollen Region um La Rochelle am Atlantik dazu inspiriert hat, diese zum Schauplatz seiner neue Krimi-Reihe zu machen. Der Autor, der von sich behauptet, kein Land besser zu kennen als Frankreich, lebt mit seiner Familie in Trier.

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Dienstag


Chevalier sah hinaus auf die Wellen, die ohne Pause unermüdlich auf das Land liefen. Es herrschte Flut. Der Atlantik war in den Fier d’Ars geströmt und hatte in der flachen Bucht zwischen Les Portes-en-Ré und Loix die Austernbänke überflutet. Sanft wogte das Wasser nun dort, wo am Vormittag Männer an den Metallgestellen gestanden hatten, um die mit Austern gefüllten Säcke zu wenden.

Möwen schossen durch die Luft und schrien um die Wette, als gelte es, einen Preis zu gewinnen. Chevalier sah ihnen lächelnd nach und ließ dann den Blick über die Salinen jenseits der Bucht schweifen, wo Salzberge wie Diamanten in der Sonne glitzerten.

Mittlerweile lebte er seit zweieinhalb Jahren in der Region, doch immer noch konnte er sich in der Schönheit der Landschaft der Île de Ré verlieren. Manchmal glaubte er, das Gefühl würde nie vergehen.

Der September ließ die Sonne warm von einem wolkenlosen Himmel strahlen und tauchte die Küste in goldenes Licht. Eine wundervolle Zeit in der Charente-Maritime. Die Winzer waren in der Lese, und überall sah man Traktoren, die Trauben in übervollen Anhängern zogen, aus denen Wein, Pineau de Charente oder Cognac werden würde.

Chevalier wandte sich um und ging die wenigen Schritte hinüber zu der schmucklosen Produktionshalle, über deren Eingang der Schriftzug Huitres Tonnay zu lesen war. Sein Schwager Bertrand hatte zur Verkostung der neuen Austern aus seiner Zucht geladen. Der Wind zauste an Chevaliers braunen Haaren und trug den würzigen Geruch des Meeres herbei, der sich mit den Noten der Muscheln vermischte.

Bertrand und seine Mitarbeiter hatten vor der Halle Stehtische unter weißen Schirmen aufgebaut und kleine Snacks verteilt.

Für den Austernzüchter war es ein wichtiger Tag. Er hatte die Gastronomen der Insel, die Bürgermeister der benachbarten Orte und auch Freunde und Verwandte eingeladen, um ihnen seine neue Zucht, die Tonnay Spéciales de Claire, vorzuführen. Er war ähnlich vorgegangen wie die bekannten Kollegen aus Marennes-d’Oléron, hatte zur Stärkung der Qualität die Austernbänke in tiefes, nährstoffreiches Wasser gestellt und weniger Muscheln in den Säcken gelassen, die häufiger gedreht wurden. Nach drei Jahren im Meer hatten sie Monate zur Reinigung in den Klärbecken gelegen und waren jetzt reif zum Verzehr.

Joiceline, Bertrands Frau, und zwei Hilfen liefen mit Tabletts umher, auf denen geöffnete Austern auf Eis neben Zitronenspalten lagen. Alle bedienten sich und begutachteten die Muscheln.

Sandrine trat zu Chevalier. Ihre roten Haare leuchteten im Licht der Sonne wie glänzendes Kupfer. Er lächelte.

»Wo ist Manon?«, fragte er seine Frau.

»Mit ihren Cousins oben im Büro. Sie spielen an einer Konsole …« Sie grinste etwas gequält. »Lass uns probieren.«

Chevalier rührte sich nicht. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

Sie stöhnte leise und strich zart über ihren Bauch. »Er tritt heute in jede Richtung.«

Er küsste ihre Stirn. »Bald hast du es geschafft.«

Sie nickte und schnupperte an der Auster in ihrer Hand. »Wundervoll.«

Auch er beugte sich über die geöffnete Muschel und sog ihren Duft ein. »Wie ein eigenes Stück vom Meer.«

Die Schalen waren prall gefüllt.

Chevalier führte sie an die Lippen und ließ das Muschelfleisch in den Mund gleiten. Es war erstaunlich. Obwohl die geöffnete Auster nach Salzwasser gerochen hatte, nahm er den Salzgehalt nur hintergründig wahr. Stattdessen waren da mineralische Aromen in einer Ausgewogenheit, wie er sie bisher so noch nicht erlebt hatte. Er schluckte, und zu seiner Überraschung blieb ein nussiger Geschmack zurück.

»Wow«, entfuhr es ihm, und auch Sandrine nickte anerkennend.

»Ein Luxusprodukt, das sich nicht vor der Konkurrenz aus Marennes verstecken muss.«

Die anderen Gäste schienen ähnlich zu empfinden, denn wohin er auch blickte, sah er nur lobendes Nicken. Bertrand strahlte und schlug mit einer Gabel an sein Champagnerglas.

»Liebe Gäste, ich hoffe, Sie haben die kleine Verkostung genossen …«

»Ich sehe mal nach Manon«, flüsterte Sandrine und ging langsam zur Produktionshalle, während Bertrand seine kurze Rede hielt.

»Monsieur le Commissaire. Wie schön, Sie wiederzusehen.«

Chevalier wandte sich um und blickte in das lächelnde Gesicht von Georges Drapin, der in Begleitung einer etwa gleich alten Frau war, die seine Schwester sein musste. Gleicher Mund, ähnliche Nase und der unverwechselbare kühle Blick.

»Darf ich Ihnen meine Zwillingsschwester Solène Flamant vorstellen?«, sagte er. Er trug ein elegantes Sakko aus hellem Leinen zu dunkelblauen Chinos.

Chevalier reichte der Frau die Hand. »Enchanté. Was treibt Sie dazu, unserer kleinen Verkostung beizuwohnen?«

Drapin lächelte undurchsichtig. »Wie Sie wissen, haben Ihr Schwager und ich ein gemeinsames Austernprojekt in Irland laufen, da will man schauen, wie er sich vor Ort schlägt.«

»Wie ist Ihre Meinung zu den Austern?« Chevalier sah ihn fragend an, aber es war Drapins Schwester, die antwortete.

»An die Austernsorte Spéciales von Gillardeau oder Papin kommen sie nicht ran.« Ihre Stimme hatte einen distanzierten Klang. »Wissen Sie, ich esse nur die Spéciales de Claires von diesen beiden Produzenten. Dagegen sind die Ihres Schwagers, entschuldigen Sie die Deutlichkeit, langweilig.«

Chevaliers Augen flogen über die Designerjeans, die Tasche von Prada und den Schmuck. Ein Outfit, das hier fehl am Platz wirkte. »Vermutlich mangelt es mir am tiefen Einblick in die Materie, ich meinerseits finde die Austern im Vergleich zu denen, die ansonsten angeboten werden, ausgesprochen delikat.«

Drapin schmunzelte, doch Solène Flamant schien das Interesse an dem Gespräch zu verlieren. Sie wandte sich an ihren Bruder. »Georges, bring mich bitte nach La Rochelle, ich habe heute Abend eine Verabredung.«

Drapin verabschiedete sich eilig und folgte seiner Schwester, die ihre Austernschale auf einen der Teller fallen ließ, die auf den Tischen standen, und grußlos davonging.

»Was war das denn für eine arrogante Ziege?« Joëlle Demange war zu Chevalier getreten.

»Sie findet die neue Auster langweilig.«

Joëlle winkte ab. »Eat the rich. Wir haben so oft reiche Gäste, die nur rummäkeln. Ich glaube, es geht nur darum, sich als etwas Besonders darzustellen. Abgrenzung von uns einfachem Volk. Die Austern sind fantastisch und werden ganz sicher auf unserer Speisekarte landen.« Sie führte mit ihrem Mann Albert das Baleine Bleue in Saint-Martin-de-Ré, das beste Restaurant am Platz.

Chevalier mochte die ehemalige Klassenkameradin von Sandrine. Sie trafen sich ab und an, und es war immer lustig, denn Joëlle hatte eine amüsante Art, die Dinge direkt anzusprechen.

»Das wird Bertrand freuen.«

»Der soll mal zusehen, dass er ausreichend produziert, wir sind bestimmt nicht die Einzigen, die sie haben wollen.« Sie sah an Chevalier vorbei und lächelte. »Sandrine! Wann ist es so weit?«

Seine Frau wirkte müde. »Drei Wochen, wenn er sich an den Plan hält.«

»Ein Junge! Habt ihr schon einen Namen?«

Chevalier grinste. »Wird nicht verraten.«

Sandrine sah zu ihm auf. »Fährst du mich bitte nach Hause, ich kann nicht mehr.«

*

Sandrine hatte sich hinlegen müssen, nachdem sie zurück waren. Sie hatte während der vergangenen Monate weiter in Saint-Martin-de-Ré künstlerisches Gestalten unterrichtet und ihre eigenen Projekte vorangetrieben, doch in den letzten Wochen machte ihr die Schwangerschaft zu schaffen.

Mittlerweile lag auch Manon im Bett. Sie war, vom Spielen aufgedreht, lange wach geblieben, wobei sie unentwegt auf ihn eingeschwatzt hatte. Lebensansichten einer Zweijährigen.

Chevalier grinste.

Im Kommissariat hatten sie einen ruhigen Sommer verbracht. Ein Selbstmord war schnell festgestellt worden. Ansonsten überwogen Todesfälle, die auf Unfälle zurückzuführen waren und stets geklärt werden konnten.

Chevalier ging nach oben und sah ins Kinderzimmer. Manon hatte sich freigestrampelt. Er beugte sich über sie, zog die Decke zurecht und strich ihr die wirr abstehenden roten Haare aus der Stirn, die Sandrine ihr vererbt hatte.

Im Arbeitszimmer sah es wild aus. Er war dabei, es auszuräumen, denn das zweite Kind brauchte ein Zimmer. Sein Schreibtisch würde mit einer Ecke im Flur vorliebnehmen müssen. Er setzte sich an den Computer und schaute wie jeden Abend in das Postfach seines E-Mail-Accounts, aber außer der üblichen Werbung war nichts eingegangen.

Enttäuscht verzog er das Gesicht.

Seit einem Jahr war er auf der Suche nach der Wahrheit über seine verstorbene Mutter und konnte sich nur in einem Punkt sicher sein: Sie war nicht die Person, die zu sein sie vorgegeben hatte. Ihre Geburtsurkunde war gefälscht, und an dem Ort ihrer vermeintlichen Kindheit fehlte es an Urkunden und Beweisen. Er hatte seinen Vater kontaktiert, von dem ihn mehr trennte, als einte, aber der wusste angeblich von nichts. Die einzige Spur war ein altes Foto, das sie neben einem unbekannten Mann zeigte. Die beiden lagen am Strand und waren offensichtlich ein Paar. Sie hatte auch diesbezüglich gelogen, denn das Bild war in einem exotischen Land aufgenommen worden, während sie stets behauptet hatte, außer Marokko und Italien nur Frankreich zu kennen.

Nun wartete er darauf, dass die Gesichtserkennung im Netz Informationen zu ihr oder ihrem Begleiter zutage fördern würde, doch bislang ohne...


Vinet, Jean-Claude
Jean-Claude Vinet ist das Pseudonym eines deutschen Autors von Kriminalromanen, den seine Liebe zu der wundervollen Region um La Rochelle am Atlantik dazu inspiriert hat, diese zum Schauplatz seiner neue Krimi-Reihe zu machen. Der Autor, der von sich behauptet, kein Land besser zu kennen als Frankreich, lebt mit seiner Familie in Trier.



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