Viskic | No Mercy - Der Schatten der Angst | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 352 Seiten

Reihe: Caleb Zelic

Viskic No Mercy - Der Schatten der Angst

Thriller
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-492-99964-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, Band 4, 352 Seiten

Reihe: Caleb Zelic

ISBN: 978-3-492-99964-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit Calebs Bruder Anton unfreiwillig in einen Fall hineingezogen und erneut drogenabhängig wurde, hatten die Zelic-Brüder keinen Kontakt mehr - bis Anton eines Nachts auftaucht und um Hilfe bittet. Er fürchtet um sein Leben! Gemeinsam fahren sie auf die Insel, auf der Anton sich in Behandlung begeben hat. Doch der dubiose Arzt hat mehr Einfluss auf Anton, als Caleb lieb ist. Inmitten der Stürme, die über die Küste hinwegfegen, entdecken die Brüder dunkle Geheimnisse und tief sitzenden Groll. Sie müssen sich aufeinander verlassen, um zu überleben. Aber Vertrauen hat einen tödlichen Preis ...

Emma Viskic ist eine preisgekrönte australische Krimiautorin. Ihr von der Kritik gefeierter Debütroman »No Sound - Die Stille des Todes« gewann den Ned Kelly Award for Best First Fiction 2016 sowie drei Davitt Awards: Bester Roman für Erwachsene, bestes Debüt und den Leser-Preis. Viskic erhielt außerdem den Ned Kelly Preis und den Thunderbolt Award für ihre Kurzfilme. Sie lernte die australische Gebärdensprache (Auslan), um die Figur von Caleb Zelic authentisch zu beschreiben. Der zweite Roman der Caleb-Zelic-Serie, »No Words - Die Sprache der Opfer« folgt unmittelbar auf Band 1. Als klassisch ausgebildete Klarinettistin hat Emmas musikalische Laufbahn von Auftritten mit José Carreras und Dame Kiri Te Kanawa bis hin zum Busking in der Londoner U-Bahn gereicht.
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1. Kapitel


Calebs Auto krepierte kurz vor Resurrection Bay. Nach einem letzten Ruckeln blieb der Commodore mitten auf der leeren Schnellstraße stehen, Scheibenwischer auf halbmast, Scheinwerferlicht nachlassend.

Verdammt, doch nicht ausgerechnet jetzt. Er hatte jede Verkehrsregel gebrochen, jede Geschwindigkeitsvorgabe überschritten, und trotzdem hatte die Fahrt drei endlose Stunden gedauert. Kurz vor halb sieben in der Früh. Und schon zwanzig Minuten zu spät.

Er stieß die Tür auf. Rannte los. Durch die dunkle Seitenstraße Richtung Strand, Gesicht und Arme feucht vom Regen. Er hatte auf der Couch geschlafen, als die SMS kam, der Fernseher lief noch, sein Verstand durch Träume vernebelt. Unterdrückte Nummer, kein Name, keine Anrede.

– Anton in Gefahr. Uferpromenade Resurrection Bay 6 Uhr

Bevor er überhaupt richtig wach war, hatte er die Wohnung bereits fluchtartig verlassen, tippte unterwegs Fragen. Keine Antwort.

Schon bei den Geschäften auf der Bay Road, bebender Brustkorb, die Promenade gegenüber. Keine Autos, nur Marty McKenzies Kipplaster, verwaist beim Pub. Caleb sprintete über die Straße.

Der Regen hatte aufgehört. Der Horizont nun blass getönt, das Tageslicht trug scheibchenweise die Schatten ab. Leerer Bürgersteig und eine offene Rasenfläche mit ein paar verkümmerten, aufgehäufelten Blumenbeeten. Alles still, nur der Leuchtturm von Muttonbird Island blitzte seine Warnung. Keine Männer, die Ant erpressen wollten und mit Eisenstangen auf ihn eindroschen, keine Drogendealer, die Geld verlangten. Die Polizei konnte sie nicht verschreckt haben – Caleb war bei einem Unfall kurz vor der Stadtgrenze an beiden Streifenwagen vorbeigekommen. Ant musste hier irgendwo sein, sich verstecken.

Ziemlich viel abzusuchen, denn die Promenade erstreckte sich bis zum Jachthafen. Caleb lief im Zickzack über die Wiese, schaute hinter den Pavillon und die hohen Roten Eukalyptusbäume, der Atem kratzte ihm in der Kehle. Sein Bruder musste hier sein. Alles andere würde er nicht verkraften. Fast einen Monat klammerte er sich jetzt schon an nichts als Hoffnung.

Über den Spielplatz zu dem orangefarbenen Kipplaster, dessen gedrungener Korpus schwach im Licht der Straßenlaterne leuchtete. Niemand drin, nicht mal Marty auf dem Fahrersitz, der seinen Rausch ausschlief.

Etwas blitzte im Augenwinkel auf, als Caleb sich abwandte. Eine Bewegung? Er wischte sich den Regen weg, der ihm aus den Haaren lief. Suchte die schwarze Landschaft ab. In der Nähe des Toilettenhäuschens hockte jemand in einem der Beete, winkte. Dunkler Pulli, Kapuze über den Kopf gezogen, sehr bekannte Schulterhaltung – Ant. Erleichterung pulverisierte Calebs Beinknochen. Nicht tot. Nicht mit blauen Lippen in der Gosse, die Nadel noch im Arm. Aber war er high, oder versteckte er sich? Egal was, er hätte keinen ungünstigeren Ort wählen können: ein paar vereinzelte Büsche auf einer leicht abfallenden Wiese. Wenn die Sonne nur ein Stück weiter aufging, würde sie ihn entlarven wie einen zu groß gewachsenen Gartenzwerg.

Caleb zögerte; Ant würde ihm niemals vergeben, wenn er ihm hier einen Deal verpatzte. Andererseits würde Ant ihm sowieso niemals vergeben. Also betrat er die Grasfläche.

Ant hörte auf zu winken, ging zu Auslan über, seine Hände kaum sichtbar, so schnell gebärdete er: »Nein! Du musst hier weg. Lauf!« Sein Gesicht war verborgen, aber die Angst zeigte sich in jeder abgehackten Bewegung.

Caleb erstarrte. Schaute sich um. Gebärdete zurück: »Wer? Wo?«

»Toilettenhaus. Er ist …«

Eine Bewegung beim Laster neben Caleb. Er fuhr herum. Das Fenster war gesprungen. Ein kleines Loch in der Mitte, als hätte jemand einen Stein geworfen.

Aufblitzendes Licht.

Fliegendes Glas. Die Scheibe fort, ein klaffender Krater im Beifahrersitz.

Hirn und Körper eingefroren.

Pistole.

Caleb warf sich zu Boden. Fuck. Hier war er völlig ausgeliefert, musste sich bewegen.

Auf Händen und Knien kroch er über das matschige Gras bis zum Laster. Den Bordstein hinunter, auf die Straße. Den Rücken gegen die Mulde gepresst, das Herz raste. Keine Pistole, nein, das musste ein Gewehr sein – das Toilettenhäuschen war zu weit weg für eine Handfeuerwaffe. Der Lauf durch eins der Oberlichter geschoben. Sie hätten ihn töten können. Er hatte keine Ahnung, dass geschossen wurde.

Hörgeräte. In der Hosentasche, wo er sie beim fluchtartigen Verlassen der Wohnung hingesteckt hatte. Viel halfen sie nicht, aber einen Schuss würde er damit nicht überhören. Er tastete nach ihnen, nasse Jeans, taube Finger vor Kälte und Angst. Ach, egal – wenn die Kugel erst mal flog, konnte er ihr ja doch nicht mehr ausweichen.

O Gott, Ant! Hockte da in dem luftigen Beet.

Caleb fuhr herum, rutschte rückwärts, immer die Mulde des Lasters zwischen sich und dem Toilettenhäuschen. Ant war noch immer da, schaute zum Laster, bereit zum Losrennen. Seine Augen schwarz in einem kreideweißen Gesicht. Inzwischen war er leichter zu sehen, immer mehr Farbe mischte sich in den grauen Himmel, während die Welt heller wurde. Er sackte ein bisschen zusammen, als er Caleb sah.

»Bist du verletzt?«, gebärdete Caleb. Seine Hände zitterten erstaunlicherweise nicht.

Ant schüttelte den Kopf.

Okay, was ging hier vor? Der Scharfschütze hielt ihn offenbar für Ant, also rührte er sich am besten nicht vom Fleck, bis Hilfe kam. Trüber Sonntagmorgen, aber immerhin lebten in dieser Stadt dreitausend Menschen. Irgendwann würde jemand aufkreuzen, der seinen Hund spazieren führte oder sich einfach fragte, ob die Schüsse nicht doch ein bisschen zu nah waren, um von einem Bauern auf Fuchsjagd zu stammen.

Allerdings würde der Blick des Scharfschützen nicht mehr lange von den Straßenlaternen geleitet werden. Nur noch wenige Minuten, dann würde das Tageslicht dafür sorgen, dass sich Ants Silhouette von dem Busch abhob. Sekunden.

Ant machte sich offensichtlich ganz ähnliche Gedanken. Er nahm wieder die Startposition ein, seine Arme zitterten. Nur offene Fläche rund um ihn, das würde er niemals schaffen.

»Halt!«, sagte Caleb laut, versuchte zu schreien. Ant riss den Kopf hoch. »Warte«, gebärdete Caleb. »Ich lenke ihn ab. Mit dem Laster.« Jetzt handelte er rein intuitiv, würde alles versuchen, damit Ant bloß nicht in die Schusslinie rannte. »Wir treffen uns hinter dem Supermarkt. Auf dem Parkplatz.«

Bevor Ant antworten konnte, war Caleb schon wieder auf den Beinen. Tief gebeugt lief er zur Fahrertür, öffnete sie – der Schlüssel steckte in der Zündung, ganz wie er gedacht hatte, aber im Führerhaus war es viel zu hell, die hohe Windschutzscheibe eine direkte Einladung für die aufgehende Sonne. Hundehaare und Essensverpackungen, alles überzogen von einer funkelnden Krümelglasschicht. Er schob sich gehockt hinter das Steuer.

Der Laster sprang sofort bebend an. Kleiner Satz nach vorn, dann hart rechts Richtung Ladenzeile. Ein Ruck. Risse zogen sich über die Windschutzscheibe. Caleb machte sich noch kleiner, Arme und Beine an den Körper gezwängt. Komm schon, komm schon, dreh dich, du Scheißkarre. Mehrere dumpfe Schläge, harte Stücke regneten auf ihn herunter, eisiger Wind in seinem Haar. Die Windschutzscheibe war halb zertrümmert, hing in die Fahrerkabine. Da, das gusseiserne Geländer einer Veranda. Die Front zeigte zum Zeitschriftenhändler, das Hinterteil zur Promenade. Caleb riskierte es, sich aufzusetzen. Rückwärtsgang rein, Blick in den Seitenspiegel gerichtet, während er auf das Toilettenhäuschen aus Beton zuhielt. Mit zunehmendem Tempo. Zersplitterndes Licht – der Spiegel zerschmettert. Auf der anderen Seite ebenfalls. Musste er also blind fahren. Ziemlich schnell jetzt, sicher fast da. Verdammt, nicht angeschnallt. Er zerrte am Sicherheitsgurt, eine Hand am Lenkrad, zerrte heftiger. Abgeschnitten. Abruptes Stoppen, mit dem Kopf gegen den Sitz geknallt.

Kurz nichts. Außer dem metallischen Geschmack von Blut und Angst. Steig aus, los.

Er stieß die Tür auf, Schlüssel in der Hand, fiel halb aus der Kabine. Kam wieder auf die Beine, die Muskeln fest.

Der Laster hatte ein Loch in das Häuschen gerammt, Wände umgerissen. Staub und heraussprudelndes Wasser, dazu durcheinandergewürfelte graue Ziegel. Der beißende Geruch alter Pisse. ...



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