Viskic | No Trace - Die Spur des Bösen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 304 Seiten

Reihe: Caleb Zelic

Viskic No Trace - Die Spur des Bösen

Thriller
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99963-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, Band 3, 304 Seiten

Reihe: Caleb Zelic

ISBN: 978-3-492-99963-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der gehörlose Privatermittler Caleb ist endlich auf dem richtigen Weg: Er sucht sich Hilfe wegen seiner Albträume, er hat wieder Aufträge, und die Beziehung zu seiner fast-Ex-Frau läuft besser als je zuvor. Doch das verworrene Leben seiner Ex-Business-Partnerin Frankie holt ihn ein. Frankie hat viel verbrannte Erde hinterlassen, sich mit den Falschen angelegt und die noch Falscheren hintergangen. Als plötzlich ihre Nichte aus Calebs Obhut entführt wird, müssen Caleb und Frankie zusammenarbeiten, um das Kind zu retten. Aber kann Caleb Frankie nach all den Lügen und Täuschungen wieder vertrauen?

Emma Viskic ist eine preisgekrönte australische Krimiautorin. Ihr von der Kritik gefeierter Debütroman »No Sound - Die Stille des Todes« gewann den Ned Kelly Award for Best First Fiction 2016 sowie drei Davitt Awards: Bester Roman für Erwachsene, bestes Debüt und den Leser-Preis. Viskic erhielt außerdem den Ned Kelly Preis und den Thunderbolt Award für ihre Kurzfilme. Sie lernte die australische Gebärdensprache (Auslan), um die Figur von Caleb Zelic authentisch zu beschreiben. Der zweite Roman der Caleb-Zelic-Serie, »No Words - Die Sprache der Opfer« folgt unmittelbar auf Band 1. Als klassisch ausgebildete Klarinettistin hat Emmas musikalische Laufbahn von Auftritten mit José Carreras und Dame Kiri Te Kanawa bis hin zum Busking in der Londoner U-Bahn gereicht.
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5. Kapitel


Früh am folgenden Morgen brach Caleb zu einem Lauf entlang des Yarra Rivers auf. Er musste den Kopf freikriegen, er konnte einfach nicht klar denken. Früher hätte er sich kopfüber in die Suche nach Frankie gestürzt, aber er versuchte neuerdings, klüger zu handeln. Eine steile Lernkurve. Er lief über die Fußgängerbrücke und dann den unbefestigten Weg direkt am Ufer entlang, während seine schmerzende Muskulatur sich allmählich lockerte. Um ihn der Geruch sich langsam erwärmender Erde und der zitronige Duft der Eukalyptusbäume. Der Himmel über ihm war schmutzig grau.

Mit den Morgennachrichten kam bedauerlicherweise die Bestätigung, dass Martin Amon tatsächlich Bundespolizist gewesen war. Jetzt hing alles an den Informationen, die Calebs Freund Tedesco gerade für ihn beschaffte. War Imogen kein Cop, konnte er ihre Drohung ignorieren. War sie einer, saß er ziemlich tief in der Scheiße – denn selbst wenn er irgendwie Kontakt zu Frankie aufnehmen konnte, würde sie niemals sein Wohlergehen über ihr eigenes stellen.

Frankie. Ehemalige Sergeant Francesca Reynolds, achtundfünfzig und ein Verstand wie ein Sägemesser. Gedanken an sie brachten nur Verwirrung. Fünf Jahre lang hatten sie zusammen eine Firma geführt, befreundet waren sie viel länger gewesen, und die ganze Zeit hatte sie heimlich mit Kriminellen gearbeitet, um ihre Sucht zu finanzieren. Sie hatte Kat in Lebensgefahr gebracht und ihn belogen und betrogen. Und dann hatte sie ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um sie beide zu retten.

Es wäre leichter gewesen, sie einfach nur hassen zu können.

Der Fluss wand sich in einem weiten Bogen durch die Eukalyptusbäume. Hier war das Wasser flach und überspülte nur knapp die Steine, sodass es schimmerte wie Quecksilber.

»… zwanzig Jahre für Mord.«

Dabei war es Notwehr gewesen. Nach vier Monaten intensiver Therapie konnte er dies endlich glauben. Petronin hatte ihn verfolgt, um ihn zu töten, und fast wäre es ihm sogar gelungen. Vor Gericht hätte das jedoch keinen Bestand. Weil er den Mord vertuscht hatte. Weil er in Verbindung zu Frankie und ihrer Familie stand.

Er wurde langsamer, blieb stehen. Eigentlich war er nicht mal ins Schwitzen gekommen, doch er musste zurück. Er konnte es schaffen, konnte Herr der Lage bleiben. Und anfangen musste er mit dem wichtigsten Schritt.

Kat war in der großen Metallgarage, die ihr als Atelier diente, und hantierte mit einer Kettensäge. Sie trug eine Sicherheitsbrille und Gehörschutz, außerdem ein Kopftuch in den Farben der Flagge der Aborigines: Schwarz, Rot und Gelb. Aus einem großen Stück Rotem Eukalyptus entstand langsam ein Vogel. Kraftvolle Schwingen und scharfe Krallen: ein Weißbauchseeadler, Kats Totemtier. In diesem Jahr hatte sie schon eine Reihe dieser Adler geschaffen. Angefangen bei dem Tattoo, das ihren Arm mit filigranen braunen und ockerfarbenen Federn bedeckte. Die obere Flügelkante war eine lange, blasse Narbe, ihres Zeichens Symbol von Frankies Verrat.

Kat ließ die Kettensäge sinken und trat einen Schritt zurück, um ihre Arbeit zu begutachten. Caleb rief ihren Namen, schaltete dann schnell das Licht an und aus, weil sie nicht reagierte. Mit einem breiten Lächeln drehte sie sich zu ihm um. Er war siebzehn gewesen, als er sich in dieses Lächeln verliebt hatte, aber auch als erwachsener Mann konnte er darüber noch versonnen grinsen und sich fragen, was er in einem früheren Leben richtig gemacht hatte, um so ein wunderschönes Lächeln zu verdienen.

Sie schob sich die Schutzbrille auf die Stirn und zog mit den Zähnen einen der Handschuhe ab, damit sie gebärden konnte. »Worüber grinst du so?«

»Dich.«

»Richtige Antwort, du kannst bleiben.« Übergangsloses Nutzen einhändiger Gebärden, damit sie die Kettensäge nicht weglegen musste – doppelt beeindruckend, wenn man bedachte, dass sie noch eingeschaltet war. Sie schenkte ihm einen prüfenden Blick, blieb dabei aber entspannt, ganz so, als läge ein schöner Morgen hinter ihr und ein vielversprechender Tag vor ihr.

Er wollte ihren Arbeitsplatz nicht mit schlechten Nachrichten beflecken. »Darf ich dich zu einem Kaffee einladen?«

»Geht leider nicht. Jarrah kommt gleich, wir wollen ein Projekt besprechen. Wenn er sich nicht nach der Koori-Zeit richtet, dürftest du ihn noch treffen.«

Jarrah war ein weiterer Aborigine-Künstler, der wie sie aus Resurrection Bay stammte. Großherzig, witzig, klug und so mühelos schön, dass er regelrecht der Pin-up-Boy der Kunstszene war. Caleb hätte ihn gemocht, hätte er ihn nicht so gehasst.

Er rang sich ein Lächeln ab. »Super.«

»Dachte mir schon, dass du dich freust.« Nicht viele Hörende konnten ironisch gebärden, doch Kat war eine Meisterin. Sie hob die Kettensäge. »Stell schon mal den Wasserkocher an, ich bin gleich so weit.«

In der provisorischen Küchenecke stapelten sich Holzstücke und Klumpen von verpacktem Ton. Caleb entdeckte den Wasserkocher neben einer Dose mit der Aufschrift Gift. Schob die Dose beiseite, füllte den Wasserkocher. Dann blieben ihm ein paar Minuten, um den richtigen Tee zu finden. Sechs Blatttees standen zur Auswahl, inklusive Earl Grey, Kats postkoitalem Getränk. Auch wenn sie in allen sonstigen Lebensbereichen äußerst flexibel war, für die Wahl des Tees galt dies nicht. Ihrer Ansicht nach gab es für jeden Anlass einen passenden Tee. Gerade befanden sie sich in einer strikt Earl-Grey-losen Phase. Hoffentlich nur eine kurze Auszeit, während sie den steinigen Grat zwischen Beziehung und Scheidung hinter sich brachten. Eigentlich ein solider Plan, auf den sie sich gemeinsam geeinigt hatten, und doch gab es auf seiner Seite ein paar Momente des Bedauerns. Nach einem letzten Blick zum Earl Grey griff er zum Oolong: die Begleitung für schwierige Gespräche.

Während er die Tassen dekontaminierte, vibrierte sein Handy: Tedesco mit Neuigkeiten über Imogen.

Ich habe ein paar interessante Informationen und bin zwischen 14:30 und 15:00 Uhr an der Cooper Reserve.

Wahrscheinlich der einzige Mensch unter achtzig, der seine SMS in ganzen Sätzen schrieb. Markenzeichen eines Mannes, der in allem große Sorgfalt walten ließ. »Interessant« konnte was Gutes sein. Vielleicht war Imogen Blair eine in Ungnade gefallene Ex-Polizistin oder eine Betrügerin, die nie Ernst machte. Oder aber sie war genau das, wonach es aussah: eine Frau mit Todesangst und bereit, sein Leben zu opfern, um ihres zu retten. Das einzig Richtige an der Zeugenaussage, die sie ihm gezeigt hatte, war sein Name gewesen. Also hatte sie entweder einen tatsächlichen Zeugen bestochen oder jemanden gefunden, der nur zu gern für schnelles Geld log. Und wenn sie bereit war, Beweise zu fingieren, wozu war sie dann noch fähig?

Er schob gerade das Handy in die Hosentasche, als Kat zu ihm trat. Ein feiner Schweißfilm glänzte an ihrem Haaransatz und in den Kuhlen der Schlüsselbeine. Durch die dunkle Haut wirkten ihre blauen Augen noch heller. Sie trug jetzt lediglich eine Jeans und ein ärmelloses, schwarzes T-Shirt, beide weit genug, um den kleinen Bauchansatz zu verbergen. Selbst jetzt noch, nachdem die Leute längst mit dem Spekulieren angefangen hatten.

Ein warmer Kuss auf den Mund, begleitet von ihrem leichten Honigduft. Er verharrte einen Moment genau so, dann rückte er etwas ab. »Du siehst toll aus.«

Sie ließ sich auf einen Stuhl plumpsen, befreite ihre dunklen Locken von dem Kopftuch und tupfte sich damit die Stirn ab. »Stehst wohl auf verschwitzt und dreckig, was?«

»Absolut.« O Gott, grauenhafte Antwort. Versuch’s noch mal. »Du siehst immer toll aus.«

»Makelloser Rettungsversuch, sehr gut.« Ihr Lächeln ließ ein wenig nach, als sie den Oolong schmeckte. »Alles in Ordnung?«

Schon zögerte er. Die Zeiten, in denen er Dinge vor Kat geheim halten konnte, waren vorbei, mussten vorbei sein, wenn er ihre Beziehung retten wollte. Nun kannte sie all seine Geheimnisse und schien die schlimmsten akzeptiert zu haben, selbst Petronins Tod. Trotzdem hielt er es nicht für klug, sie mit Imogens Drohungen zu belasten.

Sie trank ihren Tee, den Blick auf ihn gerichtet. Drängen würde sie ihn nicht, aber sie hatte nicht vergessen, wie viele wichtige Informationen er ihr vorenthalten hatte.

»Mit mir schon«, sagte er. »Aber gestern Abend ist etwas passiert. Es hat mit Martin Amon zu tun.« Er schilderte die Begegnung mit Imogen so schnell und unpersönlich wie möglich, weshalb er auch den Taser und Imogens so offensichtliche Angst nicht erwähnte.

Kat saß ganz still da, bis er fertig war. Dann nahm sie seine Hand und streichelte mit dem Daumen über den Handrücken. »Geht es dir wirklich gut?«

»Ja, wirklich. Wahrscheinlich ist sie nicht mal von der Polizei. Tedesco prüft das gerade für mich. Ich wollte nur, dass du das weißt.«

»Könntest du Frankie denn finden? Also, wenn du müsstest?« Die sonst so flüssigen Handbewegungen wirkten starr.

»Ich schätze, ihre Schwester weiß, wo sie steckt.«

»Maggie? Meinst du ernsthaft, die würde dir helfen?«

Maggie Reynolds würde ihm vermutlich lieber eine Kugel in den Kopf jagen, aber wissen, wo Frankie steckte, das würde sie schon. Obwohl das Verhältnis der Schwestern eher angespannt war, gab es da wohl etwas, was sie aneinander band. Gemeinsame Vergangenheit vielleicht. Oder Maggies Tochter. Oder Maggies Geld.

»Ja«, sagte er.

»Frankie ist seit Monaten untergetaucht. Wenn diese Unterlagen so wichtig sind, wieso interessieren sich alle erst jetzt dafür?«

Eine hervorragende Frage, aber keine, die Kat beschäftigen sollte.

»Das weiß ich nicht, und das interessiert mich auch nicht.«

Sie schenkte ihm ein mattes Lächeln. »Genau, wie...



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