E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Caleb Zelic
Viskic No Words - Die Sprache der Opfer
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99577-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Caleb Zelic
ISBN: 978-3-492-99577-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Emma Viskic ist eine preisgekrönte australische Krimiautorin. Ihr von der Kritik gefeierter Debütroman »No Sound - Die Stille des Todes« gewann den Ned Kelly Award for Best First Fiction 2016 sowie drei Davitt Awards: Bester Roman für Erwachsene, bestes Debüt und den Leser-Preis. Viskic erhielt außerdem den Ned Kelly Preis und den Thunderbolt Award für ihre Kurzfilme. Sie lernte die australische Gebärdensprache (Auslan), um die Figur von Caleb Zelic authentisch zu beschreiben. Der zweite Roman der Caleb-Zelic-Serie, »No Words - Die Sprache der Opfer« folgt unmittelbar auf Band 1. Als klassisch ausgebildete Klarinettistin hat Emmas musikalische Laufbahn von Auftritten mit José Carreras und Dame Kiri Te Kanawa bis hin zum Busking in der Londoner U-Bahn gereicht.
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2. Kapitel
Er machte seine Aussage in einem seelenlosen grauen Zimmer des Polizeireviers von Fitzroy, sein Blick finster, dazu ein dumpfer Kopfschmerz. Die junge Polizistin, die ihn befragte, war mit ihren steifen Lippen und dem starren Kiefer schwer zu lesen. Und sie war ungefähr genauso begeistert von ihm wie er von ihr. Gemeinsam waren sie seine Aussage bereits zweimal durchgegangen, wobei sie jeden Satz infrage stellte und bei jeder seiner Antworten die Brauen zusammenzog. Dabei konnte er ihr die Skepsis nicht mal übel nehmen. Ein Blick in den Einwegspiegel verriet, dass er gerade sehr gut auf ein Fahndungsposter passen würde: hohlwangig, unrasiert, die Haare genauso wirr wie sein Blick. Vermutlich lallte er noch dazu, weil die Erschöpfung seine Zunge des langjährigen Sprechtrainings beraubte.
Er ging das Geschehene ein drittes Mal durch, als sie plötzlich ohne Vorwarnung aufstand. Kurz war er verwirrt, bis sie zur Tür ging. Klar, jemand klopfte. Hoffentlich jemand mit ein paar Schmerztabletten für ihn.
In der Tür stand ein großer Mann mit steinernem Gesicht und kurz geschorenem Haar. Uri Tedesco: Freund, Lebensretter, Bulle. Caleb hatte ihm vom klebrigen Münztelefon der Wache aus eine SMS geschickt, um ihm zu erklären, warum er es nicht zum verabredeten Bierchen schaffte, ihn aber nicht darum gebeten herzukommen. Eine Spur von Wut beim Gedanken daran, dass der große Mann angenommen hatte, er bräuchte Hilfe.
Tedesco warf ihm einen unlesbaren Blick zu und sprach dann mit der Polizistin. Die Wörter flogen nur so hin und her, er konnte nicht folgen. Gesprächs-Ping-Pong – der Sport, den er am meisten hasste. Also starrte er auf die Tischplatte, bis Tedesco winkte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. »Du kannst gehen.«
Die Polizistin wirkte nicht gerade glücklich darüber, aber Mordkommission trumpfte Constable. Immer. Ganz besonders ein Detective der Mordkommission, der die Unverschämtheit besaß, einen korrupten Kollegen zu erschießen, und trotzdem im Dienst bleiben durfte. Caleb nickte ihr kurz zu und folgte Tedesco dann durch die Wache.
Die Luft draußen ähnelte dem Atem eines kranken Hundes.
»Du hättest nicht herkommen müssen«, sagte Caleb.
Tedesco warf einen kurzen Blick auf Calebs blutbeschmierte Laufkleidung. »Ich hatte kein Bier mehr. Dachte, vielleicht ist ja bei dir zu Hause noch welches.«
Caleb sprang unter die Dusche, während Tedesco sich schon mal dem Bier zuwandte. Er ließ sich Zeit, benutzte viel Seife. Dann zog er sich an und machte sich auf die Suche nach seinen Hörgeräten, die er schließlich im Schlafzimmer unter einem Buch fand. Sie waren klein und blass, fast unsichtbar unter seinem dunklen Haar. Leider verstärkten sie jedes unerwünschte Geräusch, gaben Sprache allerdings nur andeutungsweise wieder. Und sie mussten gepflegt und gewechselt und gewartet und bezahlt werden. Aber ohne sie war da rein gar nichts – keine undeutlichen Wörter oder gemurmelten Laute, nur offene Münder und jede Menge Raterei. Er trug seine Hörgeräte nie zum Laufen, ebenso wenig hatte er sein Handy oder einen Block oder auch nur einen blöden Stift dabei. Würde die Unbekannte sonst noch leben? Vielleicht. Wahrscheinlich.
Tedesco saß auf dem mickrigen Balkon, der zu seiner Wohnung gehörte, und hatte schon eine halbe Flasche James Boag’s intus. Caleb sank auf einen der Stühle und öffnete sich auch ein Bier.
»Nicht dein Jahr«, sagte der Detective.
»Nein.«
Sieben Monate war es her, seit er nichts ahnend einen Auftrag annahm, der seinen besten Freund das Leben kostete und durch den Kat schwer verletzt wurde. Seit seine Geschäftspartnerin ihn betrogen hatte. Untertreibung gehörte definitiv zu Tedescos Stärken. Caleb trank ein paar große Schlucke und stellte die Flasche weg. Menschen mit einem sehr schlechten Jahr durften sich nicht den Luxus gönnen, ihre Sorgen zu ertränken. Zumindest nicht, wenn sie ein Dasein fristen wollten, das in irgendeiner Weise einem Leben ähnelte.
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass schon Januar war und das neue Jahr begonnen hatte. Himmel!
Caleb schob die Flasche weiter weg. »Was hast du herausgefunden?«
Tedesco zögerte, beriet sich offenbar mit seinem inneren Zensor. »Nicht viel. Keine Handtasche, kein Ausweis. Und bisher wurde sie nicht vermisst gemeldet.«
»Aber sie hatte eine Tasche. Das hab ich denen gesagt. Haben sie gar nicht danach gesucht?«
»Nee. Die haben nur mit den Schultern gezuckt und sind nach Hause.« Tedesco leerte sein Bier und stellte die Flasche auf den Tisch. »Und du kennst sie wirklich nicht? Eine ehemalige Nachbarin vielleicht?«
»Nein.« Er hatte ein untrügliches Gedächtnis für Gesichter, aber ihres hatte er noch nie gesehen. Weder auf der Straße noch in einem Geschäft, nicht mal auf einem Foto. Von hier war sie also sicher nicht.
Sein Handy vibrierte, er zog es aus der hinteren Hosentasche. Eine Nachricht von Kat.
Hab rumgefragt, niemand scheint sie zu kennen. Bist du okay? x K
Verdammt! Er hatte sofort zum Handy gegriffen, als er nach Hause gekommen war. Noch im Flur, mit blutverkrusteten Fingern, hatte er Nachrichten getippt. Lange hatte das nicht gedauert: eine an seinen Bruder Anton in Resurrection Bay, eine an Kat. Die Beschreibung der Unbekannten und eine unblutige Version ihres Todes, verbunden mit der Frage, ob sie die junge Frau geschickt hatten. Doch beide waren es nicht gewesen. Dass Kat sich noch bei ihrer Familie umgehört hatte, war seine letzte Hoffnung auf eine Auskunft gewesen.
Er unterdrückte das Verlangen, ihren Austausch künstlich in die Länge zu ziehen, und schickte eine kurze Antwort.
Tausend Dank. Alles okay. x C
Tedesco winkte. »Gute Nachrichten?«
Nur das x, wenn er ehrlich war. Ein Kuss aus Mitleid, aber ein Kuss war ein Kuss.
Er schüttelte den Kopf, und Tedesco griff nach dem nächsten Bier. »Dann war’s das wohl.«
Caleb stand auf. In den sieben Monaten, die er Tedesco nun kannte, hatte er gelernt, dass er kein Mann vieler Worte war, selten Geheimnisse verriet und lange Nächte nicht sonderlich mochte. Caleb konnte vermutlich noch mit einem Bier und vier weiteren Fragen rechnen, bevor der Detective sich verabschiedete.
»Gibt es schon irgendwelche Hinweise auf den Typen, der es auf sie abgesehen hatte?«, fragte Caleb.
Tedesco zögerte kurz. »Nein. Niemand sonst hat ihn bemerkt. Sie werden ihr Bild in den Nachrichten bringen und morgen noch mal in der Nachbarschaft rumfragen, vielleicht kommt da ja das eine oder andere Gedächtnis auf die Sprünge.«
»Mehr nicht? Ein Bild in den Nachrichten und ein bisschen rumfragen?«
»Das ist schon mehr, als man gewöhnlich bei Verkehrsunfällen macht.«
»Das war kein Unfall.«
»Caleb, ein halbes Dutzend Zeugen, eine davon Kronanwältin, haben gesehen, dass sie auf die Straße getreten ist.«
»Dann ist sie also einfach so vor ein Auto gesprungen, ja? Und ihr Tod hat rein gar nichts mit dem riesigen Kerl zu tun, der sie gejagt hat?«
Tedescos Blick lastete auf Caleb. Der Detective war nur wenige Jahre älter als er mit seinen einunddreißig, aber sein sphinxähnlicher Gesichtsausdruck war Äonen alt. »Du bist doch auf dem Land aufgewachsen. Hast du je ein verwaistes Tier aufgenommen?«
»Ich hab in der Stadt gelebt«, sagte Caleb. »Ich hatte nur mal ein Kaninchen.«
»Ich war acht, als ich das zum ersten Mal gemacht habe. Ein Osterlamm. Es hat in meinem Zimmer geschlafen, damit ich es immer füttern konnte. Hat richtig gut geklappt, es hat ordentlich zugelegt. Ich hab es Toby genannt.« Tedesco legte den Kopf schief. »Kannst du dir denken, wie die Geschichte ausgegangen ist?«
Caleb erwiderte nichts.
Tedesco leerte die Flasche bis auf wenige Fingerbreit. »War eine Scheißerfahrung, aber je mehr ich von dir höre, desto mehr glaube ich, dass dich jemand gezielt verarscht hat.«
Sollte er ihm vom heutigen Einbruch erzählen? Dem vermeintlichen Einbruch? Vermutlich heute? Alles war so vage in letzter Zeit, so wenig greifbar. Beweisen konnte er nicht, dass jemand in seiner Wohnung gewesen war, da waren nur die angelehnte Badezimmertür und das Gefühl, dass die abgestandene Luft aufgewirbelt worden war. Ein Gefühl, das er in den letzten Wochen häufiger gehabt hatte.
»Sie kannte meinen Namen«, sagte er. »Und ein paar Gebärden.«
Tedesco hob eine Schulter. »Gute Vorarbeit. Und kennt nicht jeder ein, zwei Gebärden?«
Das entsprach nicht Calebs Erfahrung. Sehr wenige Menschen in seinem Umfeld konnten Auslan, und nur zwei von ihnen fließend. Seine Eltern hatten nie auch nur ein einziges Wort gelernt.
»Du nicht«, sagte er.
Tedesco lächelte, es war das Grinsen eines selbstgefälligen Schülers, der seinen Lehrer bei einem Fehler beobachtet. Er beschrieb mit der Faust einen Kreis vor seinem Gesicht und presste dann Daumen und Zeigefinger zu einer Raute zusammen.
Caleb musste ein Lachen unterdrücken. »Lieber Gott, wo hast du das denn gelernt?«
Das Grinsen auf Tedescos Gesicht erlosch. »Was? Wieso?«
Anton. Er musste es ihm gezeigt haben. Wer sonst würde einem Polizisten beibringen, sich selbst Schweinefotze zu nennen?
»Lektion Nummer eins.« Caleb strich mit zwei Fingern über seinen Unterarm. »Das ist die Gebärde für ›Cop‹. Lektion Nummer zwei: Ant kannst du nicht trauen. Was wolltest du denn eigentlich sagen?«
»Dass ich …« Tedesco räusperte sich. »Egal.« Er trank das Bier aus und stand auf. »Zeit fürs Bett.«
Caleb warf einen Blick auf die Uhr. 00:14 Uhr. Noch viele, viele Stunden bis zum...




