E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Vlautin Ein feiner Typ
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8270-7988-6
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-8270-7988-6
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Willy Vlautin, geboren 1967 in Reno, Nevada, ist Sänger und Songschreiber der Folkrockband The Delines. Seine Romane »Motel Life«, »Northline« und»Lean on Pete« wurden zu internationalen Erfolgen, »Motel Life« wurde mit Emile Hirsch, Dakota Fanning und Stephen Dorff in den Hauptrollen verfilmt. Willy Vlautin lebt in Portland, Oregon. Mit seiner Musik tourt er regelmäßig auch in Europa. Zuletzt veröffentlichte er die Romane »Die Freien« und »Ein feiner Typ«. Im Sommer 2021 wird »Nacht wird es immer« in den USA erscheinen. im Herbst 2021 bei uns in Deutschland.
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1
Horace Hopper schlug die Augen auf und sah zur Uhr: fünf in der Früh. Der erste Gedanke an diesem Morgen galt seiner Mutter, die er seit fast drei Jahren nicht gesehen hatte. Dann dachte er daran, wie er in gut einer Woche allein in einem Bus nach Tucson sitzen würde. Noch keine Minute wach und schon ein flaues Gefühl im Magen.
Er stand auf und zog eine Jeans und ein kariertes langärmeliges Westernshirt an. Er stieg in seine Stiefel und versuchte, wach zu werden. Er trank ein Glas Wasser und starrte auf die Fotos der Boxer, die er an die Wand des Trailers geklebt hatte.
Die Ausschnitte entstammten verschiedenen Ausgaben des Ring Magazine und die Kämpfer waren Mexikaner. Das größte Bild zeigte den Kampf zwischen Israel Vázquez und Rafael Márquez. Es war die dritte Runde ihres vierten Kampfes und Vázquez versetzte Márquez gerade einen brutalen linken Haken. Rechts neben dem Foto hing der Bruder von Rafael Márquez, der großartige Juan Manuel Márquez, und links der legendäre Julio César Chávez mit einem Sombrero auf dem Kopf. Darunter ein Bild von Érik Morales, Horaces Lieblingsboxer. Links von Morales war Juan Díaz und auf dieses Bild hatte Horace mit schwarzem Filzstift geschrieben »Der Meister«. Neben dem »Meister« hing Antonio Margarito. Sein Gesicht war mit schwarzem Filzstift ausgekreuzt. »Der Betrüger«.
Von einem Bord neben dem Bett nahm er ein abgewetztes und angefressenes Notizbuch und schlug es auf. Auf der ersten Seite stand mit Handschrift in blauer Farbe Verzeichnis der schlechten Träume. Er blätterte ein halbes Dutzend beschriebener Seiten durch, bis er zum Abschnitt Gestrandet in Tonopah kam. Darunter zweiunddreißig Striche. Er fügte einen weiteren hinzu, sodass es nun dreiunddreißig waren. Dann schlug er den hinteren Teil des Notizbuchs auf und notierte am unteren Rand einer fast vollgeschriebenen Seite das Datum und schrieb dazu, was er auch schon am Tag davor und am Tag davor geschrieben hatte: »Ich werde wer sein.«
Er stellte einen Kessel auf den Propangaskocher, machte Instantkaffee, vier Rühreier und nahm alles mit nach draußen, wo er im Tiefblau der Morgendämmerung an einem Picknicktisch aß. Der weiß und orange gestrichene Prowler-Trailer, Jahrgang 1983, stand auf einem Hügel hundert Meter hinter den Hauptgebäuden mit freiem Blick auf die fünftausend Hektar der Little Reese Ranch. Vor dem Trailer ragte ein wellblechgedecktes Sonnendach ins Freie. Darunter standen ein Fahrrad, der Picknicktisch, ein Grill und ein Liegestuhl. Gleich daneben parkte ein kaputter Saturn-Viertürer mit plattem Reifen. Horace war nach dem Abschluss der Highschool aus dem Haupthaus hierhergezogen, weil Mr. Reese meinte, vielleicht wollte er sein eigenes Reich, wo er so lange aufbleiben konnte, wie er wollte, wo er so laut Musik spielen konnte, wie er wollte, und wohin er mitbringen konnte, wen er wollte. Eine Junggesellenhöhle.
Unter sich, am Fuß des Hügels, sah Horace weder Licht im Haupthaus noch dahinter im Lämmerstall, und nur aus der großen Scheune drang ein schwacher Lichtschimmer. Er beendete sein Frühstück, spülte das Geschirr, machte sich ein Lunchpaket, bestehend aus Bologneser Wurst und Käsescheiben, die er abwechselnd aufeinanderstapelte, und füllte zwei Flaschen Wasser. Er packte das Lunchpaket und ein Hemd und ein Paar Socken zum Wechseln sowie seinen CD-Spieler, Panteras The Great Southern Trendkill, Crowbars Sever the Wicked Hand und Slayers Show No Mercy, in den Rucksack. Er nahm Mantel und Schlafsack und stapfte den Hügel runter.
Horace war einundzwanzig Jahre alt, eins siebzig groß und wog siebenundfünfzig Kilo. Er war halb weiß, halb Paiute und hatte langes schwarzes Haar, das ihm bis über die Schultern fiel. Seine Augen waren dunkelbraun, er hatte eine lange schmale Nase und er musste sich trotz seines Alters nur selten rasieren. Unterm Hemd auf dem linken Bizeps hatte er ein Tattoo. Da stand in roter Tinte »Schlächter« und darunter in schwarzer Tinte »Die Hölle wartet« und dann ein schwarz gehörnter Totenschädel mit zwei glutroten Augen. Auf seinem Weg durch die Morgendämmerung hatte er jenseits der Ranch und der Viehweiden Ausblick auf die dürre Wüste des Ralston Valley: Salbeigesträuch, kleine Flecken Präriegras, ab und zu ein Vogel oder ein Wildkaninchen und ein paar einsame Kiefern. Zehn Meilen trennten die Little Reese Ranch von ihrem nächsten Nachbarn, dreißig Meilen waren es bis zu einer gepflasterten Straße und sechzig Meilen bis zur nächsten Stadt, Tonopah.
In der Scheune traf Horace auf den Alten, der an einer Werkbank lehnte und auf einem gelben Block schrieb. Neben ihm ein Stock aus Metall und zu seinen Füßen, zu einem Ball zusammengerollt, ein altersschwacher schwarz-weißer Border Collie, Little Lana.
»Guten Morgen, Mr. Reese«, sagte Horace, als er eintrat.
»Morgen«, erwiderte der Alte, ohne die Augen von dem gelben Block zu nehmen. »Die Vorräte liegen auf der Veranda und ich hab dir einen Kaffee mitgebracht. Steht auf der Standbohrmaschine.«
Horace ging hin.
»Bist du so weit fertig?«
»Glaub schon«, sagte Horace.
»Wen willst du mitnehmen?«
»Boss und Honey.«
Mr. Reese unterbrach sein Schreiben und sah Horace an. »Weißt du, ich hab über Boss nachgedacht. Den hast du gut hingekriegt. Ich hätte nie gedacht, dass er’s schafft.«
»Er wollte immer ein gutes Pferd sein«, sagte Horace. »Er wusste nur nicht genau, wie das geht.«
»Das hab ich nicht erkannt.«
»Das hätten Sie aber – ich war’s bloß, der mit ihm gearbeitet hat.«
Mr. Reese nickte und fing wieder an zu schreiben. Er war zweiundsiebzig Jahre alt, schmächtig, fast eins achtzig groß und hatte kurzes, dünnes graues Haar. Er trug verwaschene Jeans, ein hellblaues Westernhemd und ausgelatschte Cowboystiefel. Er griff nach einem Englisch-Spanisch-Wörterbuch und blätterte durch die Seiten, bis er das Wort fand, das er suchte, und schrieb es auf den gelben Block.
Horace trank seinen Kaffee, dann holte er zwei Halfter aus dem Geräteschuppen und ging zum Pferch. Zuerst legte er Boss das Halfter an, dann Honey, er führte sie ins Freie und band sie an eine Stange vor der Scheune. Er striegelte sie und sattelte Boss, hängte Honey Tragekörbe über und holte die Vorräte vom Haus und packte sie in den Truck. Dann wartete er, während Mr. Reese weiter an seinem Brief schrieb.
Als er fertig war, nahm der Alte den Brief, eine Telefonkarte und drei Fotokopien von Kartenausschnitten, faltete sie zusammen und steckte sie in einen weißen Umschlag, den er verschloss. Er adressierte ihn an »Pedro« und gab ihn Horace. »Ich weiß, ich hab dir das alles schon erklärt, aber was dagegen, wenn wir die Sache noch mal durchgehen?«
»Nichts dagegen«, sagte Horace.
Der Alte räusperte sich. »Also, wir beide wissen, dass Pedro Englisch versteht. Wenn es ihm gerade passt, tut er so, als würde er nichts verstehen, aber er versteht. Dieser Brief ist auf Spanisch, weil ich möchte, dass die Dinge klar sind. Ich möchte keinerlei Unklarheiten. Vor allem geht es darum, zu sehen, wie Pedro zurechtkommt und wie Víctor sich macht. Du warst gerade weg und hast für Harrington gearbeitet, als Víctor zu uns gekommen ist, und seitdem hast du erst einmal Vorräte hochgebracht. Tatsache ist, dass wir beide nicht viel über ihn wissen. Und vergiss nicht, sein Spanisch ist äußerst spärlich und er kann kein Englisch. Die einzige Sprache, die er wirklich spricht, ist Peruanisch. Sie heißt Quechua. Ich verstehe rein gar nichts, wenn er loslegt. Ich hab ein Quechua-Wörterbuch bestellt, aber es ist noch nicht da. Also hol dir Pedro zum Übersetzen dazu. Er kann die Sprache. Frag Víctor, wie es ihm hier gefällt, wie ihm die Arbeit als Hirte gefällt. Frag ihn, ob er sich zutraut, eine eigene Herde zu betreuen, und dann frag Pedro ohne sein Beisein, ob er meint, dass Víctor das Zeug dazu hat. Ich werde nächste Woche wieder mit Conklin reden. Es hilft mir bei meiner Entscheidung, ob ich expandieren soll, wenn ich weiß, wie Víctor sich macht. Wenn ich mich auf den Deal einlasse und Conklin seine zwölfhundert abkaufe, brauche ich einen weiteren Fulltime-Aufseher für die Herde.«
»Alles klar«, sagte Horace.
»In dem Umschlag ist eine Telefonkarte mit fünfzig Dollar drauf. Sorg dafür, dass Pedro sein Handy lädt. Bei unserer letzten Begegnung hat er behauptet, es gebe Probleme mit dem Solarladegerät, aber ich hab’s ausprobiert und es hat einwandfrei funktioniert. Er ist jetzt seit vier Monaten draußen. Vor ziemlich genau einem Jahr haben seine Probleme angefangen. Es sollte jetzt besser gehen, weil Víctor und er verwandt sind und er bei ihm ist. Aber wie auch immer, hab ein Auge drauf, ob er sich rasiert, wie das Lager aussieht und wie es den Hunden geht.«
»Es war ein echter Schock, wie er letztes Mal aussah«, sagte Horace.
Der Alte nickte. »Ich muss ständig daran denken. Kein Tag, an dem ich mir nicht Sorgen um ihn mache, aber er hat gesagt, es geht ihm gut und er kann wieder arbeiten. Er hat gesagt, er hätte sich Hilfe gesucht, wir werden sehen.«
Horace nickte. »Geht es Ihrem Rücken heute Morgen besser?«
Der alte Mann zuckte mit den Schultern. »Mach dir um mich keine Gedanken. Kümmer dich drum, dass da oben alles in Ordnung ist, und pass auf dich auf. Der Wetterbericht sagt bis zu vierzig Grad voraus, also vergiss nicht, genug Flüssigkeit zu dir zu nehmen, und mach Pause am Bach für die Pferde.«
»Schon klar«, sagte Horace und lächelte.
Mr. Reese lachte kurz auf. »Entschuldigung. Mein Tick, immer alles zweimal sagen zu müssen. Scheint mit zunehmendem Alter schlimmer zu werden.«
*
Boss und...




