E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Vlautin Nacht wird es immer
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8270-8032-5
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Die Buchvorlage zum Film »Night Always Comes«
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-8270-8032-5
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Willy Vlautin, geboren 1967 in Reno, Nevada, ist Sänger und Songschreiber der Folkrockband The Delines. Seine Romane »Motel Life«, »Northline« und»Lean on Pete« wurden zu internationalen Erfolgen, »Motel Life« wurde mit Emile Hirsch, Dakota Fanning und Stephen Dorff in den Hauptrollen verfilmt. Willy Vlautin lebt in Portland, Oregon. Mit seiner Musik tourt er regelmäßig auch in Europa. Zuletzt veröffentlichte er die Romane »Die Freien« und »Ein feiner Typ«. Im Sommer 2021 wird »Nacht wird es immer« in den USA erscheinen. im Herbst 2021 bei uns in Deutschland.
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2
Der Mitarbeiterparkplatz der 9th Street Bakery war vor zwei Jahren verkauft worden. Dort stand nun ein halb fertiges zehnstöckiges Gebäude mit Eigentumswohnungen. Lynette war daher gezwungen, auf der Straße zu parken. Das war bis acht Uhr umsonst, danach musste sie stundenweise zahlen, bis sie mittags wegfuhr. An jenem Morgen fand sie einen Platz direkt gegenüber der Bäckerei und sie und Kenny stiegen aus und sie nahm ihn bei der Hand und trug seinen Rucksack, während sie über die Straße gingen. Die Bäckerei war geschlossen, aber ein Seiteneingang war offen und sie durchquerten ein Lager auf dem Weg zum Pausenraum, wo sie ihren Bruder an einen Tisch setzte, vor sich ihr Handy, ein Blatt Fleischpapier und eine Schachtel mit Buntstiften.
»Du bleibst hier im Zimmer, außer du musst auf die Toilette«, sagte sie, »aber vorher kommst du zu mir. Und nicht zu lange warten, so wie gestern, weil ich vergessen hab, Sachen zum Wechseln für dich mitzunehmen. Also halt es zurück und komm zu mir. Du weißt, wo ich bin. Ich werd auch nicht sauer. Bestimmt nicht. Ich freu mich, wenn du mir Bescheid sagst. Verstanden?«
Er nickte und sie startete den Film Toy Story auf ihrem Handy und ging. Um 4.00 Uhr stempelte sie ein und begann ihre Schicht als leitende Konditorin und holte Tabletts mit Croissants und Gebäck aus dem Gärautomaten und schob sie in den Ofen. Einmal pro Stunde ging sie in den Pausenraum, um nach ihrem Bruder zu sehen. Sie brachte ihn zur Toilette und versuchte, ihn zu überzeugen, sein Geschäft zu erledigen, oder sie lud ihm einen neuen Film aufs Handy. Um sieben machte sie zum ersten Mal richtig Pause und setzte sich zu ihm.
Kenny zeigte durchs Fenster nach draußen.
»Ich hab heute keine Zeit, aber du darfst um den Block gehen. Wenn ich dir das erlaube, muss ich allerdings das Handy behalten.«
Kenny schüttelte den Kopf.
»Beides geht nicht, das weißt du. Du musst dich entscheiden.«
Kenny gab ihr das Handy.
»Du bleibst nirgends stehen, außer du siehst Karen draußen vor Fuller’s warten, okay? Wenn du sie siehst und sie bittet dich rein, dann darfst du mitgehen. Aber wenn sie nicht da ist, lass dich nicht von irgendwelchen Pennern ansprechen, vor allem nicht von jungen. Und wenn sie Hunde dabeihaben, also, dann kehrst du einfach um und kommst wieder her. Solche Hunde mögen nicht, wenn man sie streichelt. Weißt du noch, was letztes Mal passiert ist? Der Biss hat echt wehgetan und du hattest echt Angst. Also keine Hunde streicheln. Vor allem keine Pennerhunde.« Sie zog ihm die Jacke an und setzte ihm die Mütze auf und gab ihm einen Kuss. Sie schloss die Seitentür auf und sah ihm nach, wie er den Bürgersteig hinunterging. Sie nahm sich eine Tasse Kaffee, setzte sich an den Pausentisch und rief in Fuller’s Restaurant an.
»Hier ist Lynette. Kenny ist unterwegs. Kannst du ihm einen Pfannkuchen mit zwei Rühreiern machen? Das Rührei muss oben auf dem Pfannkuchen liegen, sonst isst er die Eier nicht. Und kannst du ihm wie immer den Sirup drübertun? Wenn er es selbst macht, trinkt er das ganze Ding leer. Wenn er sauer wird, sag ihm einfach, dass ich sehen kann, wenn er zu viel nimmt. Dass ich es sehen kann, von wo ich bin … Ich weiß, immer dasselbe … Und lass den Sirup nicht in seiner Nähe. Ich hab schon erlebt, dass er die ganze Flasche trinkt … Ich weiß, das ist ekelhaft … Danke noch mal. Ich bring dir ein bisschen was zu naschen, wenn ich hier fertig bin. Und ich zahl auch für diese Woche … Schick mir ne SMS, wenn er wieder geht, okay?«
Sie legte auf, trank einen Schluck Kaffee und ließ den Kopf auf den Tisch sinken und schloss die Augen. Ihre Pause war vorbei und sie ging wieder an die Arbeit. Weitere Mitarbeiter trudelten ein, auch der Besitzer, und die Bäckerei wurde geöffnet. Sie arbeitete noch mal eine Dreiviertelstunde, dann kam eine SMS und sie ging nach draußen und traf ihren Bruder auf der Straße.
»Bist du bereit für dein Schläfchen?«
Kenny nickte.
Sie kamen an ihren Wagen, sie machte die Beifahrertür auf und Kenny stieg ein. Sie holte einen Schlafsack vom Rücksitz und deckte ihn damit zu. »Der Besitzer ist jetzt da, du kannst also nicht reinkommen. Schlaf einfach, okay? In meiner letzten Pause komm ich nach dir sehen, und dann gehen wir zu Fuller’s auf die Toilette. Wir haben jetzt nur noch vier Stunden zu überstehen. Wir haben’s fast geschafft. Ich komm nach dir sehen, wenn immer es geht. Im äußersten Notfall, wenn du auf Klo musst, steig aus dem Auto und komm zu mir. Das gilt aber nur für den Notfall. Und denk dran, niemandem die Tür aufmachen. Und zwar wirklich niemandem, klar? Auch nicht, wenn sie nett aussehen oder wenn sie Schutzhelme tragen. Nicht mal, wenn sie aussehen wie Polizisten und an die Tür klopfen und lächeln. Okay? Und ich hab auf meinem Weg zu Fuller’s ein rotes Auto gesehen. Das macht also schon zwei. Ganz schön aufregend. Sag mir, wenn du noch mehr siehst.« Er streckte die Arme aus und umarmte sie und ließ sie nicht wieder los. »Komm, Schluss mit dem Quatsch. Ich muss arbeiten.« Er ließ sie los und sie sagte, »Okay, Superman, Zeit zum Schlafen. Das ist ein Befehl«. Sie gab ihm einen Kuss und schloss die Wagentür.
Dreimal sah sie nach ihm und die ganze Zeit schlief er. Um zwölf stempelte sie aus, zog sich auf der Damentoilette um und machte sich, im Gepäck zwei Käseschinkensandwiches, einen Kaffee, einen Orangensprudel und zwei Rosinenbrötchen, auf den Weg.
*
Es war ein düsterer Tag, es regnete pausenlos und sie fuhr durch den Pearl District Richtung Freeway. Vor zwanzig Jahren hatte die Gegend hauptsächlich aus leer stehenden Lagerhäusern bestanden, jetzt gab es hier Luxuslofts und -geschäfte, Restaurants und Eigentumswohnungen. Mit dem Lappen in der rechten Hand wischte sie die Innenseite der Windschutzscheibe und sie überquerten die Broadway Bridge in östlicher Richtung und fuhren auf der Williams Avenue nach Norden. Auch hier neue Wohngebäude und Restaurants und Bars. Sie konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wie es hier an der Williams oder der Mississippi Avenue oder an der Interstate vor fünf Jahren ausgesehen hatte. Vor zwanzig Jahren hätte ihre Mutter keinen Fuß auf die Mississippi gesetzt und jetzt gingen sie an Wochenenden dort spazieren. Sie sahen sich die Schaufensterauslagen mit Klamotten und Schuhen an, die sie sich niemals leisten konnten, und die Speisekarten von Restaurants, in die sie niemals gehen würden. Ihr Familientreff, ein griechischer Diner namens The Overlook, hatte vor Kurzem dichtgemacht. Dort hatten sie fünfundzwanzig Jahre lang zweimal im Monat gegessen. Den Eigentümern waren für das Grundstück immer höhere Summen geboten worden, und irgendwann war es so viel, dass sie verkauften. Das Restaurant wurde abgerissen und die Bauarbeiten an einem Wohnblock begannen.
Sie parkte am Portland Community College und sie stiegen aus. Sie aß ihr Sandwich, während sie den Campus überquerten. In einem Hörsaal in der Cascade Hall setzten sie sich ganz hinten ans Ende eines langen Tisches. Sie packte Kennys Sandwich aus und machte ihm die Brauseflasche auf, während sich nach und nach fünfundsiebzig Studenten zum Einführungskurs Buchhaltung einfanden.
Sie beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr, »Denk dran, wir müssen still sein, okay? Das bedeutet keinen Pieps. Auch nicht pupsen«. Aber nach zwanzig Minuten Vorlesung fing Kenny an zu furzen. Studenten in ihrer Nähe warfen ihnen Blicke zu und Kenny zog Lynette an der Bluse.
»Ist das ein Notfall, oder kannst du noch warten?«, fragte sie.
Kenny machte ein besorgtes Gesicht, zog wieder an ihrer Bluse, also ging sie mit ihm aus dem Hörsaal und zur Herrentoilette. Sie schob ihn in eine Kabine und lehnte sich davor an ein Waschbecken und wartete. »Vergiss nicht, Hose und Unterhose runterzuziehen. Vergiss nicht, dich hinzusetzen, bevor es losgeht. Hose, Unterhose, hinsetzen und los.«
Ein Student kam herein, benutzte das Urinal und verschwand wieder. Fünf Minuten vergingen.
»Los jetzt, ich muss wenigstens noch ein bisschen was von der Vorlesung mitkriegen. Bist du bald fertig?« Sie öffnete die Tür der Kabine, wo er nach wie vor saß und sie angrinste.
»Los jetzt, mach keinen Quatsch. Auf geht’s und abwischen.« Sie schloss die Kabinentür, wartete weitere zwei Minuten und öffnete sie wieder. »Bist du fertig?«
Kenny schüttelte den Kopf und grinste wieder.
»Also gut, noch einmal abwischen nur für mich.«
Kenny zog eine Handvoll Papier von der Rolle und wischte sich ab.
»Sehr gut, Unterhose und dann die Hose.«
Kenny zog die Unterhose hoch, dann die Jogginghose, und kam aus der Kabine. Sie sah ins Klo, zog auf, half ihm beim Händewaschen, und sie gingen zurück in die Vorlesung.
Der Dozent, ein Mann mittleren Alters aus Indien, hatte einen starken Akzent und sprach sehr leise, sodass er dort, wo sie saß, kaum zu verstehen war, und im Raum war es warm und Müdigkeit überkam sie. Ihr Bruder spielte mit ihrem Handy und sie begann einzunicken und dann war die Vorlesung vorbei. Ein Assistent stand beim Ausgang und gab die erste Klausur des Semesters zurück. Sie hatte bestanden, aber nur mit dreiundsiebzig Prozent. Eine ganze Woche lang hatte sie gelernt und trotzdem nur dreiundsiebzig geschafft.
Sie gingen über den Campus zurück zu ihrem Wagen. Die Scheiben beschlugen, während sie auf dem Parkplatz standen, und Lynette stiegen Tränen in die Augen und sie ließ sich in ihren Sitz zurücksinken. Kenny zog sie an der Jacke. »Keine Sorge«, flüsterte sie. »Ich bin bloß müde. Halt mir einfach ein bisschen die Hand.« Sie legte ihre Hand auf seine....




