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E-Book, Deutsch, Band 25, 416 Seiten
Reihe: Dorian Hunter
Vlcek / Davenport / Warren Dorian Hunter 25 - Der Bucklige von Doolin Castle
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95572-025-4
Verlag: Zaubermond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 25, 416 Seiten
Reihe: Dorian Hunter
ISBN: 978-3-95572-025-4
Verlag: Zaubermond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Auf Doolin Castle finden sich mehrere Schriftsteller zusammen, um, von der düsteren Atmosphäre der Burg inspiriert, ihre neuesten Werke zu verfassen. MacCarthy ist der erste, der ein grauenhaftes Monster erblickt, ein Monster, das genauso aussieht wie das, das er in seinem Buch erschaffen hat. Bald darauf bevölkern sie zu Dutzenden das Schloss und machen den Gästen das Leben zur Hölle: schaurige Psychos, verzerrte Abbilder von Menschen aus einer anderen, düsteren Welt ... Der 25. Band der legendären Serie um den 'Dämonenkiller' Dorian Hunter. - 'Okkultismus, Historie und B-Movie-Charme - ?Dorian Hunter? und sein Spin-Off ?Das Haus Zamis? vermischen all das so schamlos ambitioniert wie kein anderer Vertreter deutschsprachiger pulp fiction.' Kai Meyer enthält die Romane: 116: 'Der Bucklige von Doolin Castle' 117: 'Die Todesschwelle' 118: 'Der Mitternachtsteufel' 119: 'Der Zauberspiegel'
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der Bucklige von Doolin Castle
von Ernst Vlcek
1. Kapitel
Das abscheuliche Monster zitterte vor Erregung, als es sich über die Jungfrau beugte. Es hatte einen wuchtigen, wie aus Lehm geformten Schädel. Das Gesicht war eine grün durchäderte Fratze. Speichelblasen platzten vor seinen aufgeworfenen Lippen, als es die Luft keuchend ausstieß. Der stinkende Atem traf die Jungfrau voll ins Gesicht. Sie erwachte, und ihre Augen weiteten sich vor Schreck.
Axel, das ehrbare Monster, zuckte zurück und gab einen gequälten Aufschrei von sich. Er wollte nichts Böses. Es lag nicht in seiner Absicht, die Jungfrau auch nur anzurühren, obwohl alles in ihm danach drängte, sein Raubtiergebiss in ihr weiches, zartes Fleisch zu schlagen. Aber er wollte nicht mehr töten. Er wollte kein mordendes Ungeheuer mehr sein. Er liebte dieses engelhafte Mädchen auf eine kindliche, unschuldige Art und Weise.
Er wollte die Jungfrau warnen. Sie durfte nicht schreien. Sie durfte keine Angst vor ihm haben. Denn wenn er Angstschweiß witterte, wenn er die für Menschen in Todesangst typische Ausdünstung spürte, dann konnte er seine unheimlichen Triebe nicht mehr unter Kontrolle halten – dann würde er sich wie ein heißhungriges Raubtier auf die wehrlose Jungfrau stürzen müssen.
Da krachte die Tür in den Angeln. Reginald MacCarthy erschrak. Seine Hände zuckten von den Tasten der Schreibmaschine zurück. Von der Tür her war ein wüstes Gepolter zu hören. Es hörte sich so an, als sei ein schwerer Körper dagegengekracht.
»Was war das?«, fragte er laut in die nachfolgende Stille hinein. Bildete er sich nur ein, Geräusche zu hören, die zu jener Szene seines Gruselromans passten, die er gerade niederschrieb?
Er starrte die Tür seines Zimmers wie hypnotisiert an. Aber es rührte sich nichts. Irgendwie wurde ihm bang. »Ist da jemand?«, fragte er.
Stille.
Er schüttelte den Kopf, rang sich ein gequältes Lächeln ab, ging zur Tür, öffnete sie ruckartig und blickte in den Korridor hinaus. Da war niemand. Sein Lächeln vertiefte sich.
Er kehrte zu dem Schreibtisch zurück, setzte sich, überflog die letzten Zeilen seines Gruselromans und hob schon die Hände, um sie wie ein Virtuose über die Tasten seiner Schreibmaschine tanzen zu lassen – da hatte er wieder den Eindruck, als sei an der Tür ein Geräusch. Diesmal war es ein Kratzen, ein Scharren wie von einem Tier. Vielleicht eine Ratte? Na, wenn schon! Das sollte ihn nicht irritieren. Er hatte keine Angst. Im Gegenteil – er war es, der durch seine grausigen Ideen anderen das Gruseln lehrte. So weit kam es noch, dass er sich selbst verrückt machte.
Er machte einen neuen Anlauf, aber irgendwie war der Faden gerissen. Er musste sich zuerst einmal entspannen und sich langsam wieder in seine Fantasiewelt hineinleben.
Reginald MacCarthy zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich behaglich in dem schweren Eichenstuhl zurück.
Für einen Horrorautor war Doolin Castle der ideale Ort zum Arbeiten. Ein mittelalterliches Gemäuer inmitten der irischen Moorlandschaft. Legendenumwoben, das inspirierte. Und er hatte schon eine Menge verwertbarer Ideen zu Papier gebracht.
Axel, das ehrbare Monster, das gut werden wollte und seine mörderischen Triebe zu unterdrücken versuchte, hatte Chancen, zu einer klassischen Horrorfigur zu werden, wie etwa Frankensteins Monster. Das war eine gar nicht so abwegige Idee. Reginald wusste, dass er Talent hatte.
Die Idee war ihm blitzartig gekommen, als er in dem großen verlassenen Salon der Burg gesessen und in die züngelnden Flammen des offenen Kamins gestarrt hatte. Er würde etwas daraus machen. Dabei war er mit gemischten Gefühlen hierhergekommen, denn er hielt nichts von solchen Treffen, bei denen nur gesoffen und gealbert wurde und sonst nichts. Die Stille und Abgeschiedenheit seiner kleinen Junggesellenbude war ein viel fruchtbarerer Boden für seine Arbeit. Er hatte die Einladung zu diesem Symposium und Workshop nur angenommen, weil sie von James Lynam kam, dem Altmeister des Gruselns. Er wollte ihn schon lange einmal kennenlernen, und es hatte ihn sehr geehrt, von diesem erfolgreichen Kollegen bedacht worden zu sein. Das gab ihm das Gefühl, zu den »Arrivierten« zu gehören.
Lynam stammte aus Cranasloe, diesem unbekannten 500-Seelen-Nest nahe von Clonmacnoise. Er war nach England gezogen und als erfolgreicher Schriftsteller in seinen Heimatort zurückgekehrt, wo er sich seinen Jugendtraum erfüllte. Er kaufte Doolin Castle. Und zur Einweihung veranstaltete er diesen Workshop.
So skeptisch MacCarthy gewesen war, er bereute sein Kommen nicht. Das uralte Gemäuer regte seine Fantasie an. Es regte seine Fantasie sogar zu stark an, denn er vernahm schon wieder ein anderes Geräusch an der Tür. Diesmal war es kein Rumoren und kein Kratzen, sondern ein Krächzen und Gurgeln.
Kein Zweifel, dort stand jemand hinter der Tür. Irgendein Wesen, das sich ihm zu erkennen geben wollte, jedoch nicht in der Lage war, seine Stimme zu artikulieren? So wie Axel, das ehrbare Monster, das Intelligenz besaß, jedoch seine Gedanken nicht aussprechen konnte und schwer darunter zu leiden hatte, dass es durch sein abstoßendes Äußeres Angst und Schrecken verbreitete.
MacCarthy konzentrierte sich auf die Geräusche, aber auf einmal war wieder nichts zu hören.
Wenn diese Halluzinationen schlimmere Formen annehmen, dann steige ich auf Liebesromane um, dachte er und drehte sich der Schreibmaschine zu. Nun würde er sich durch keine Sinnestäuschung mehr irritieren lassen.
Er las den letzten Satz.
Da krachte die Tür in den Angeln.
MacCarthy riss es fast vom Stuhl, als etwas mit unheimlicher Wucht gegen die Tür knallte. Beim zweiten Anprall sah er die Türfüllung vibrieren. Ein Scharren war zu hören, dann folgte ein Winseln.
Das hatte mit Einbildung nichts mehr zu tun.
MacCarthy ergriff ein Schüreisen vom Kamin und näherte sich der Tür. Wieder herrschte Stille. Aber sie währte nicht lange. Als er noch zwei Schritte von der Tür entfernt war, erklang wieder das weinerliche Winseln.
So hatte er sich in seiner Fantasie Axels Klagelaute vorgestellt.
Ohne lange zu überlegen, sprang er zur Tür und riss sie auf. Er wollte in den Korridor hinausstürmen, doch ein mächtiger Körper verstellte ihm den Weg.
MacCarthy war viel zu überrascht, um Entsetzen oder Furcht empfinden zu können.
Da kauerte an der gegenüberliegenden Wand die Inkarnation des ehrbaren Monsters – Axel, wie er ihn in seinem Roman beschrieben hatte.
Er hatte eine massige Gestalt und stand, den Kopf tief über die breite Brust gesenkt, geduckt da. Die Keulenarme waren halb erhoben, die Hände, groß wie Schaufeln, machten eine abwehrende Bewegung. Der Schädel war wie aus Lehm geformt, das Gesicht narbig und fratzenhaft. Grünlicher Speichel troff von seiner vorgewölbten Unterlippe.
Eine Weile starrten sich die so unterschiedlichen Wesen an. Dann streckte MacCarthy unwillkürlich eine Hand aus, als wollte er fühlen, dass das Scheusal wirklich aus Fleisch und Blut war oder ob es wenigstens materiell existierte.
Seine Hand schnellte vor und stieß auf einen Widerstand.
Das Monster schrie auf und lief mit langen Schritten den Korridor hinunter. Sekunden später war es hinter der nächsten Biegung verschwunden. MacCarthy hörte die schweren Schritte verhallen.
Er lehnte sich gegen die kühle Wand aus Steinquadern und schloss die Augen. War das die Möglichkeit? Er hatte schon oft Spekulationen darüber angestellt, wie er sich verhalten sollte, wenn er einer der von ihm erschaffenen Bestien begegnen würde. Aber das war keineswegs ernst gemeint gewesen. Und nun ...
Er schüttelte und straffte sich.
Es gab nur eine Erklärung für diesen Vorfall: Einer seiner Kollegen hatte sich einen Scherz mit ihm erlaubt. Ach, wie komisch! Aber er würde der Sache auf den Grund gehen und herausfinden, auf wessen Mist dieser lustige Gag gewachsen war.
In diesem Moment hallte von unten der markerschütternde Schrei einer Frau herauf.
MacCarthy rannte sofort los. Er glaubte, die Stimme von Joyce Driscoll zu erkennen. Möglich, dass er sich irrte, aber eines war gewiss: So schrie nur jemand in Todesangst.
Joyce Driscoll fand, dass Gänsehaut etwas sehr Angenehmes war. Deshalb hatte sie Schauergeschichten zu schreiben begonnen.
Im Grunde war sie überaus ängstlich; sie hielt es nicht lange allein in einem Raum aus, und von den klassischen Mutproben – um Mitternacht allein auf einem Friedhof spazieren zu gehen oder eine Nacht mit einer Leiche in einem Raum zu verbringen – hätte sie keine einzige bestanden. Und dennoch benötigte sie den Nervenkitzel. Sie wollte das Gruseln nicht in der Realität kennenlernen. Deshalb verfasste sie zu ihrem und dem Vergnügen ihrer Leser die tollsten Horrorgeschichten.
Sie war dreiundzwanzig, mittelgroß und gut gewachsen. Das blonde Haar fiel weit über ihre Schultern herab, sodass ihre großen, dunklen und immer irgendwie neugierig und herausfordernd dreinblickenden Augen noch besser zur Geltung kamen.
Sie war James Lynams Ruf zu diesem Symposium begeistert gefolgt und hatte bei ihrer Ankunft die stille Hoffnung, dass es sich bei Doolin Castle um eine Gruselburg handelte, bestätigt gefunden. Von ihren Kollegen war sie dagegen enttäuscht. Bis auf Reginald MacCarthy, den sie bereits vertraulich Reggie nannte, und den Altmeister James Lynam, handelte es sich durchwegs um nichtssagende Typen, Biedermänner, brave Familienväter ohne besondere...




