E-Book, Deutsch, Band 14, 350 Seiten
Reihe: Das Haus Zamis
Voehl / Morlar / Montillon Das Haus Zamis 14 - Ich, Michael Zamis
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95572-214-2
Verlag: Zaubermond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 14, 350 Seiten
Reihe: Das Haus Zamis
ISBN: 978-3-95572-214-2
Verlag: Zaubermond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Hexe Coco Zamis ist im Begriff, die Geheimnisse der Zamis-Sippe zu erfahren - wenn es ihr nur gelingt, die magisch versiegelte Biographie ihres Vaters zu entschlüsseln! Sie unternimmt einen ersten Versuch - und findet sich im Russland Anfang des 20. Jahrhunderts wieder, in der Gesellschaft Rasputins und des jungen Michael Zamis ... Der 14. Band von 'Das Haus Zamis'. 'Okkultismus, Historie und B-Movie-Charme - ?Dorian Hunter? und sein Spin-Off ?Das Haus Zamis? vermischen all das so schamlos ambitioniert wie kein anderer Vertreter deutschsprachiger pulp fiction.' Kai Meyer enthält die Romane: 41: 'Die Schöne und der Bibliograf' 42: 'Die Vampire des Zaren' 43: 'Die grüne Pest'
Autoren/Hrsg.
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2. Kapitel
Gegenwart
»Ich wusste, dass ich dich hier finden würde, Coco.«
Der dumpfe Bariton hinter mir riss mich aus meinen Gedanken. Noch völlig benommen von den Eindrücken, die bei der Lektüre der Dämonenvita meines Vaters auf mich eingeströmt waren, klappte ich das Buch zu und blinzelte mich zurück in die Realität.
Das schwarz behaarte Affenwesen mit Samtfrack, Spitzenhemd, seidenen Kniehosen und dem Dreispitz über den Segelohren wirkte auf mich noch immer wie ein Fremdkörper inmitten der unterirdischen Grotte, deren Wände von schwach phosphoreszierenden Pilzen und Schwämmen überwuchert waren. Dazwischen klafften mit Papierstapeln gefüllte Nischen, beinahe noch schwärzer als die wellenlose Oberfläche des Sees, an dessen Ufer ich mich auf einem Felsen niedergelassen hatte.
»Schon fertig mit der Arbeit?« Ich legte das Buch behutsam beiseite und warf einen Blick auf den festgetauten Nachen, in dem ich den Affen in seiner Funktion als Bibliograf zum ersten Mal gesehen hatte, fein säuberlich das notierend, was ihm die Seelen unzähliger verstorbener Literaten auf telepathischem Wege diktierten.
»Für heute habe ich mein Soll erfüllt.« Er verstaute seine Schreibutensilien unter einem breiten Gürtel. »Gelüstet es dich noch nicht nach einer Mahlzeit?«
»Wie spät ist es denn?«
»Zu früh, um in Morpheus' Armen zu versinken, aber für ein Abendessen spät genug.«
Abendessen? Hatte ich tatsächlich mehr als einen halben Tag hier verbracht, gedankenverloren in die Aufzeichnungen meines Vaters vertieft?
Dem Affenwesen blieb mein überraschter Gesichtsausdruck offenbar nicht verborgen. »Es muss eine sehr anregende Lektüre sein, die dich alles um dich herum vergessen lässt.«
Ich drückte das Buch instinktiv an mich.
Der Affe entblößte zwei kräftige Zahnreihen. »Hab keine Angst, ich werde es dir nicht wegnehmen. Du kannst darin lesen, sooft und solange du es wünschst.«
Und solange ich dir Gesellschaft leiste.
Noch immer hatte ich seine unheilschwangeren Worte im Ohr, die seit der listenreichen Vernichtung des Bibliothekars wie ein Damoklesschwert über mir schwebten: »Letztlich ist es doch ein Gewinn, statt eines kauzigen, alten Bibliothekars eine junge, bildschöne Bibliothekarin zu erhalten …«
Das konnte ihm vielleicht so passen!
Der Affe machte einen Kratzfuß. »Ich habe mir erlaubt, ein abwechslungsreiches Menü vorzubereiten, das deiner würdig ist, holde Coco.« Er streckte mir seine behaarte Pranke entgegen.
Nach anfänglichem Zögern ließ ich mir aufhelfen.
Auf dem Weg aus der Basaltgrotte nahm der Affe eine Fackel aus einer rostigen Halterung an der Mauer und ging gemessenen Schrittes voraus. Etwas in mir sträubte sich, als ich ihm notgedrungen folgte, aber einerseits wäre es unhöflich gewesen, seine Einladung auszuschlagen, andererseits knurrte mir wirklich der Magen.
Durch ein Wirrwarr von Gängen und Gewölben führte er mich zielsicher in einen Trakt des Schlosses, der mir gänzlich unbekannt vorkam. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass die dunklen, feucht schimmernden Mauern von unwirklichem Leben erfüllt waren und sich ständig zu verändern schienen.
Ein lebendes Labyrinth!
Um nichts anderes musste es sich hier handeln. Von außen hatte das Gemäuer zwar mächtig, aber nicht übermäßig groß auf mich gewirkt. Innen jedoch schien es die Ausmaße einer mittleren Kleinstadt zu erreichen.
Na, das konnte noch heiter werden. Ich hatte nicht die Absicht, das Schloss länger als nötig mit meiner Anwesenheit zu beehren, aber im Moment stand eine Flucht nicht zur Debatte.
Das Affenwesen hätte mich schneller eingefangen, als ich in der Lage gewesen wäre, das Hauptportal zu erreichen, das heißt, wenn ich es überhaupt gefunden hätte. Und auf meine Spezialität, den beschleunigten Zeitablauf, musste ich leider verzichten; das Schloss befand sich in einer temporären Schleife, irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart, deshalb wirkte mein Zauber nicht.
Nein, zuerst musste ich mir einen Überblick über die räumlichen Gegebenheiten verschaffen, bevor ich überhaupt daran denken konnte, dem Gemäuer den Rücken zu kehren. Möglicherweise gelang es mir sogar, dem Affen in einer feucht-fröhlichen Runde die eine oder andere hilfreiche Information zu entlocken.
Und so beschloss ich, erst einmal gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und mimte sichtliche Entzückung, als das Affenwesen eine doppelt mannshohe, zweiflügelige Tür öffnete und mit einer einladenden Geste in den dahinter liegenden Raum wies.
Ich muss gestehen, ganz unbeeindruckt ließ mich der Anblick tatsächlich nicht: roter Samt auf teakholzfarbenem Parkett, cremefarbener Samt an den Wänden, schummrig illuminiert durch Dutzende dunkelrote Kerzen in einem goldenen Kronleuchter, der von der stuckverzierten Decke herabhing. Warmer, dezent flackernder Feuerschein in einem breiten Kamin, über dem ein Ölgemälde monumentaler Größe prangte. In der Mitte des Zimmers eine reich gedeckte Tafel mit allem, was das Herz eines Gourmets höher schlagen ließ: geröstete Ente, knusprig gebackene Kartoffeln, ein gegrilltes Schwein, gedünsteter Fisch, ofenfrisch duftendes Brot, daneben bauchige Kristallkaraffen dekantierten Rotweins und vielerlei mehr.
Das Affenwesen ließ mir den Vortritt, geleitete mich an den Tisch und rückte mir gentlemanlike den hochlehnigen Stuhl zurecht, bevor es selbst Platz nahm und mit der nach oben gedrehten Handfläche einen Halbkreis beschrieb.
»Ich hoffe, du bist mit meiner bescheidenen Auswahl zufrieden, Coco.«
Ich nickte sichtlich beeindruckt. »Es ist überwältigend.«
»Eine meiner leichtesten Übungen«, sagte der Affe, und fast kam es mir vor, als sei er tatsächlich ein wenig verlegen ob meines Kompliments. »Greif zu, holde Coco. Und sollte es nicht ausreichen, so werde ich schleunigst nachlegen.«
Ich hob beschwichtigend die Hände. »Ich glaube, da esse ich nächste Woche noch daran.«
Wenn ich dann noch hier sein sollte, fügte ich in Gedanken hinzu, bevor ich mich hungrig auf die Ente stürzte.
Der Gedanke war vermessen gewesen, wenn nicht gar illusorisch. Nach fast einer Woche war ich noch immer keinen Schritt weitergekommen, ganz im Gegenteil. Immer, wenn ich mein Zimmer verließ und einen anderen Weg einschlug als den in die Basaltgrotte, verirrte ich mich in den lebenden Gängen des Schlosses.
Nur ein einziges Mal war es mir gelungen, eine Treppe zu finden und in ein tiefer gelegenes Stockwerk hinabzusteigen. Nachdem ich in den unendlich langen Fluren zwei oder drei Mal abgebogen war, weil sie plötzlich endeten, war ich wieder genau dort herausgekommen, von wo aus ich meine Odyssee begonnen hatte: im Gang vor meinem Zimmer. Und das, obwohl ich keine weitere Treppe mehr nach oben benutzt hatte.
Immer stärker wuchs in mir die Befürchtung, als wüssten die Mauern genauestens darüber Bescheid, was ich vorhatte, ja, als wären sie sogar imstande, meine Gedanken zu lesen und sich genau so umzuformieren, dass eine Flucht im Keim erstickt wurde. Es war ein satanisches Katz- und Mausspiel, das die Maus – in diesem Fall ich – nicht gewinnen konnte. Zumindest nicht, solange ich – dachte. Selbst die magische Barriere, die ich errichtet hatte, um meine Gedanken abzuschirmen, hatte die unheimliche Macht, die dem Gemäuer innewohnte, mühelos durchdringen können.
Mehr als einmal, als ich nach hilflosem Umherirren wieder vor meinem Zimmer ankam, musste ich mit Gewalt eine aufsteigende Panik unterdrücken, die ohne Zweifel jeden übermannt hätte, der Gefangener dieses lebenden Labyrinths war, dieser gigantischen Todesfalle, aus der es anscheinend kein Entrinnen gab.
Nach drei Tagen gab ich entnervt auf, suchte nach einer anderen Lösung. Wenn mir der Weg durch das Innere des Schlosses verwehrt blieb, warum es nicht einmal über die Außenseite probieren?
Diese Idee erschien mir um einiges erfolgversprechender. Noch am selben Abend verabschiedete ich mich frühzeitig von dem Affenwesen unter dem Vorwand, es gehe mir nicht besonders.
Kaum in der Kemenate angekommen, die mir der Bibliograf als Unterkunft zugewiesen hatte, knüpfte ich Laken, Kissen- und Bettbezüge zu einem langen Seil zusammen, um mich so aus dem Fenster in die Tiefe zu hangeln.
Offensichtlich war das Fenster lange nicht mehr geöffnet worden. Mit beiden Händen, die Beine zusätzlich gegen die Wand gestemmt, zog und zerrte ich an dem eingerosteten Griff, bis die beiden Flügel mit einem lauten »Plopp« aufsprangen.
Dunkelheit gähnte mir entgegen, eine tiefe, rabenschwarze Finsternis, die keinesfalls natürlichen Ursprungs sein konnte.
Als ich die Augen zusammenkniff, um mehr erkennen zu können, bekam ich prompt die Bestätigung. Die stockdunkle Nacht bewegte sich, bildete Schlieren und Schleier, als rührte ein Maler in seinem Bottich pechschwarze Farbe an. Aus der sirupartigen Finsternis schälten sich schattenhafte Gestalten mit grässlichen Dämonenfratzen und roten, bedrohlich flackernden Augen.
Die weit aufgerissenen Schlünde entließen ein mehrstimmiges Wispern und Raunen in die Nacht, kaum wahrnehmbar und doch Warnung genug.
Ich warf das Fenster zu, ließ mich entmutigt aufs Bett fallen und starrte an die Decke, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Irgendwann fielen mir die Augen zu, und ich versank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie gerädert, der Morgen darauf war auch nicht viel besser. Wie jeder...




