Völler | Durch die Nacht und alle Zeiten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Reihe: Baumhaus

Völler Durch die Nacht und alle Zeiten


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0432-8
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Reihe: Baumhaus

ISBN: 978-3-7517-0432-8
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die 16-jährige Lori verkleidet sich für ein historisches Festival wie ein Mädchen aus der Zeit von Napoleon. Während eines Gewitters verliert sie die Besinnung. Als sie wieder zu sich kommt, begegnet sie dem jungen Engländer Thomas, der ebenfalls historisch kostümiert ist. Wegen seiner altmodischen Ausdruckweise hält Lori ihn für ziemlich verwirrt. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass Thomas wirklich aus dem Jahr 1813 stammt. Lori will ihm bei der Rückkehr in seine Zeit helfen, aber dann ist da auf einmal dieses Knistern zwischen ihnen beiden ...



Eva Völler war zuerst Richterin und Rechtsanwältin, bevor sie die Juristerei an den Nagel hängte und sich ganz fürs Schreiben entschied. Nach zahlreichen Romanen in der Belletristik erschien 2011 ihr Jugendbuchdebüt Zeitenzauber. Diese Trilogie, die 2014 abgeschlossen wurde, hat bis heute zahlreiche Fans. Mit ihrer Trilogie Time School (bei ONE erschienen) schloss sie an die Geschichte von Anna und Sebastiano an. Ihr neuer Jugendroman beschäftigt sich wieder mit einer Zeitreise, die allerdings andersherum gedreht wird: Hier kommt ein junger Mann aus dem 19. Jahrhundert in unsere heutige Zeit.
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1


Einen Tag zuvor

»Na, vielen Dank auch«, sagte ich zu meiner Freundin Kathy, die mir am Telefon ausgiebig von der Party vorschwärmte, auf die sie ohne mich gegangen war. »Jetzt habe ich direkt noch viel mehr Lust auf das öde Wochenende hier.«

»Frag mich mal«, sagte meine Schwester Mia, mit der ich mir in der Pension ein Zimmer teilte. »Da müssen wir jetzt beide durch.« Sie stand vor dem Spiegel und drehte sich hin und her. Genau wie ich trug sie ein historisches Gewand im Empirestil aus hellem Musselin und dazu einen mit Rüschen verzierten Schutenhut, der unterm Kinn mit einer Seidenschleife zugebunden war. »Wir sollten langsam mal runtergehen. Mama hat eben schon wieder geschrieben, wo wir bleiben.«

»War das gerade deine Schwester?«, fragte Kathy. Sie wartete meine Antwort nicht ab. »Echt schade, dass du nicht mit auf der Party warst«, fuhr sie fort. »Die Jungs waren total süß. Der eine hätte super zu dir gepasst. Hast du den Snap gesehen, den ich dir geschickt habe?«

»Du hast mindestens zwanzig geschickt.«

»Ich meine das Bild, wo wir alle mit Strohhalmen aus dem Eimer trinken. Zusammen mit dem Typ, der sich die Strohhalme in die Nasenlöcher gesteckt hat. Der ohne T-Shirt.«

Jungs, die mit Strohhalmen Alkohol durch die Nase tranken (ging das überhaupt?), waren eigentlich nicht so mein Fall. Trotzdem wäre ich gern mit auf die Party gegangen. Dann hätte ich vielleicht letzte Nacht nicht diesen schlimmen Albtraum gehabt, der mir immer noch nachhing.

Nachdem Kathy und ich das Gespräch beendet hatten, rief ich auf meinem Handy wieder das Video auf, das ich vorhin im Internet rausgesucht hatte. Eine Szene aus einem älteren Film namens Der Highlander, den ich vor ein paar Jahren mal gesehen hatte. Darin ging es um einen mit übernatürlichen Kräften begabten Schotten, der herabschießende Blitze irgendwie mit seinen Händen absorbieren konnte. Fast so wie ich in meinem Albtraum.

»Ziehst du dir da gerade ein Video rein?« Mia schaute mir über die Schulter. »Echt jetzt? Halloo-ho! Mama und Papa warten auf uns!«

»Ich komm ja schon.« Ich drückte das Video weg. Es war bloß ein Film und hatte nichts mit meinem Traum zu tun.

In diesem Moment ging die Tür auf, und meine Mutter kam herein, ebenfalls in historischer Aufmachung – schulterfreie weiße Bluse, wallender dunkelblauer Kattunrock, eine mit Bändern verzierte Haube. Ihr langes helles Lockenhaar war zu zwei dicken Zöpfen geflochten.

»Wo bleibt ihr denn? Gleich geht das Böllerschießen los!« Ihre Wangen waren gerötet, und in ihren Augen leuchtete die Vorfreude. Sie zupfte an Mias Gewand herum, dann warf sie einen anerkennenden Blick auf mein Kleid. »Papa ist schon unten. Kommt ihr auch mit raus?«

»Das ist ja wohl der Sinn der ganzen Sache«, meinte Mia. Es klang nicht sehr begeistert.

»Oh, an deinem Kleid ist der Saum aufgegangen«, sagte meine Mutter zu ihr. »Das richte ich schnell. Dauert nur eine Minute!« An mich gewandt, fügte sie hinzu: »Gehst du schon vor und sagst Papa Bescheid, dass wir gleich nachkommen?«

»Ja, mach ich.« Es war mir sehr recht, den Raum so schnell verlassen zu können. Das Zimmer in der Pension erschien mir auf einmal zu eng. Ich hatte das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Ständig musste ich an den blöden Traum denken. Die Blitze, die heißen Flammen an meinen Händen … Die Bilder schoben sich immer wieder vor mein geistiges Auge. Es ging mir einfach nicht aus dem Kopf.

Im Erdgeschoss lief ich zu allem Überfluss Herrn Binsenbrech über den Weg. Er hatte Geheimratsecken bis zum Hinterkopf und war ungefähr so alt wie meine Eltern, schien sich aber Jahrzehnte jünger zu fühlen. Diese Selbsteinschätzung teilte er seiner Umwelt mit, indem er modisch zerrissene Jeans trug und in Jugendslang redete – oder was er dafür hielt.

Er ordnete irgendwelche Papiere an der Rezeption und hörte sofort damit auf, als er mich sah. »Krassikowski, in diesem Kleid bist du aber echt ein Hottie, Lori! Du hast bestimmt irre viele Follower, mit deinem Gesicht und diesen großen blauen Augen!«

»Sie sind grün«, sagte ich im Vorbeigehen.

»Hast du schon über meinen Vorschlag nachgedacht?«, rief er. »Ich meine, die Sache mit dem Ferienjob? Du hättest dabei auch jede Menge Zeit zum Chillen!«

Ich lief weiter und tat so, als hätte ich seine Frage nicht mehr gehört. Draußen herrschte bereits der reinste Volksauflauf. In der näheren Umgebung hatten sich Mitwirkende und Besucher des Historienspektakels versammelt und warteten auf die offizielle Eröffnung. Inmitten all dieser altertümlich kostümierten Menschen kam man sich vor wie in eine vergangene Zeit versetzt – an den Buden konnte man Handwerkern bei der Arbeit über die Schulter schauen und alle möglichen Dinge kaufen, die es auch auf einem rheinischen Markt im Jahr 1813 gegeben hätte. An einem Stand saß eine Frau an einem Spinnrad, an einem anderen wurden Körbe aus Weidenruten geflochten, an einem dritten Seile gedreht. Es gab Imbissbuden, fliegende Händler und Musikanten, alles wie vor über zweihundert Jahren. Aus unerfindlichen Gründen verursachte der Anblick mir tiefes Unbehagen. Schlimmer noch – auf einmal wirkte die ganze Umgebung bedrohlich auf mich. Eine Stimme in mir schien zu flüstern: Du solltest nicht hier sein!

Dabei sah alles völlig harmlos aus. Das Wetter an diesem Pfingstwochenende hätte gar nicht besser sein können. Der Himmel war strahlend blau. Keine Wolke trübte die Festtagsstimmung. Alle waren super drauf. Nur ich nicht. Am liebsten wäre ich weggelaufen – und zwar so weit wie möglich.

Ich schob mich durch die Menschenmenge und lief an der nächsten Ecke beinahe meinem Vater in die Arme. Seine große, kräftige Gestalt war auch im Gedränge nicht zu übersehen. Passend zu der Veranstaltung war er als preußischer Offizier verkleidet.

»Lori!« Lächelnd legte er mir den Arm um die Schultern. »Du siehst toll aus in diesem Kleid!«

Ich nickte bloß schweigend.

»Die Eröffnung fängt gleich an. Wo sind deine Mutter und deine Schwester?«

»So gut wie auf dem Weg. An Mias Kleid war der Saum lose, aber dafür braucht Mama nicht lange.«

Mein Vater ließ mich los und musterte mich forschend. »Alles okay?«

»Alles bestens.«

Doch das Gefühl, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte, wurde von Sekunde zu Sekunde stärker.

»Ich lauf hier noch ein bisschen rum«, sagte ich. »Der Stand mit den bunten Umhängen da vorn sieht interessant aus.«

»Geh nicht mehr so weit weg«, sagte mein Vater. »Das Böllerschießen fängt gleich an.«

»Ich weiß«, rief ich über die Schulter zurück. Doch ohne auf seine Bitte zu hören, ging ich mit großen Schritten an einigen Ständen vorbei und ließ nach und nach das Menschengetümmel hinter mir. Mein Weg führte mich aus dem Ort hinaus in das angrenzende Gelände – teils mit Weinreben bewachsene, teils bewaldete Hänge. Ich hatte nichts dabei außer meinem Smartphone, das in dem kleinen Samtbeutel verstaut war, den ich am Handgelenk trug (ein historisches Accessoire namens Pompadour). So hatte ich beide Hände frei, um beim Gehen den Saum meines Kleides ein Stück hochzuheben.

Ich wusste selbst nicht, wieso ich diese Richtung wählte, geschweige denn, wieso ich ausgerechnet jetzt diesen Spaziergang machte – ich lief einfach immer weiter bergauf, bis ich von lauter Bäumen umgeben war. Während ich den dicht bewaldeten Hügel hochstieg, hörte ich von ferne die Böllerschüsse, mit denen die Historientage gerade offiziell eröffnet wurden, im festlichen Gedenken an die Rheinüberquerung Blüchers, eines berühmten Feldherrn, der entscheidend zu Napoleons späterer Niederlage bei Waterloo beigetragen hatte. In der Neujahrsnacht 1813/14 hatte dieser Blücher, tatkräftig unterstützt durch die Bewohner des Örtchens, mit seinen Truppen den Rhein überquert und war in Frankreich einmarschiert.

Irgendein wichtiger Politiker würde gleich als Schirmherr der Veranstaltung eine Rede halten, danach würde es Theater- und Tanzvorführungen geben, alles natürlich mit Teilnehmern in historischen Gewändern, und nebenher konnte man wie schon vor über zweihundert Jahren Deftiges aus der Feldküche essen und dazu Feuerwein trinken, eine uralte Spezialität aus dieser Gegend.

Eigentlich hätte ich dabei sein müssen, um mir alles gemeinsam mit meinen Eltern und meiner Schwester anzusehen. Schon meiner Mutter zuliebe.

»Es würde mir viel bedeuten, Lori! Du weißt doch, wie wichtig das für Papa und mich ist!«

Unzählige Male hatte sie mir schon erzählt, dass sie und mein Vater sich damals hier in der Gegend kennengelernt und auf Anhieb unsterblich ineinander verliebt hatten. Genau genommen hatten sie mich sogar gleich in ihrer ersten gemeinsamen Nacht an Ort und Stelle gezeugt. Natürlich nicht absichtlich, aber nachdem es nun einmal passiert war, hatten sie sich wie verrückt auf mich gefreut und mich nach der Loreley benannt, dem sagenumwobenen Felsen hoch oben über dem Rhein, der sich ganz in der Nähe befand.

Ein Teil von mir war jedes Mal gerührt, wenn meine Mutter darüber sprach – ich konnte nichts dagegen tun.

Kein Mensch konnte übersehen, wie sehr sich meine Eltern liebten. Obwohl sie schon so viele Jahre ein Paar waren, hielten sie beim Spazierengehen immer noch Händchen und suchten ständig Körperkontakt. Dabei blickten sie einander auf eine Weise an, die einem als Tochter oft peinlich war, vor allem in der...



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