Vogler Düstere Legenden
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-945152-98-0
Verlag: Lempertz Edition und Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Buch des Grauens
E-Book, Deutsch, 292 Seiten
ISBN: 978-3-945152-98-0
Verlag: Lempertz Edition und Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ob es die Blutbäder der Blutgräfin Elisabeth Báthory sind, Rasputins teuflische Ausschweifungen oder die nächtlichen Umgänge der Vampirprinzessin von Krumau: In einer einzigartigen Geschichtensammlung präsentiert der Autor noch nie erzählte Legenden und neue Einblicke in bekannte Sagen. Grauenerregende Geschehnisse, verschwundene Dörfer, düstere Machenschaften, faszinierende Einblicke in die historischen Hintergründe und schauerliche Sagen - das und viel mehr lädt zum wohlig-gruselnden Weiterlesen ein.
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DIE PESTDÖRFER AN DEN ZSCHIRNSTEINEN
Über die Sächsische Schweiz, nur etwa eine Autostunde von der sächsischen Landeshauptstadt Dresden entfernt, gibt es ein wahres Sammelsurium von Mythen und Legenden. Besonders spannend finde ich die Geschichte „Wie die Pest in Schmilka über die Elbe fuhr“. Dort heißt es:
„Es war im Dreißigjährigen Krieg. Da saß der Fährmann von Schmilka noch spätabends am Elbufer in seinem Kahn und flickte Netze. Plötzlich kam jemand auf dem Anlegebrett geschritten, ein Fremder in welscher Tracht. Der Alte wunderte sich, denn er hatte im Ufersand keine Schritte vernommen. Und auch jetzt war‘s nicht geheuer, man hörte den Fremden nicht auftreten, nur das Brett schwankte. Er trat in den Kahn, sagte kein Wort, sondern zeigte nur mit dürren Fingern herrisch nach dem anderen Ufer. Dem Fährmann war es doch etwas unheimlich zumute, aber er stakte los. Als der Fremde ihm einmal das Gesicht zudrehte, sah er, dass es graugelb und mager war. Gar kein Fleisch war drin und die Augen lagen in tiefen Höhlen. Er war sehr gut gekleidet, alles vom feinsten Stoff, nur dass er nichts Buntes an sich hatte wie viele andere Fremde. Alles war schwarz, was er trug. Dabei schien’s, als ginge eine eisige Kälte von ihm aus. ‚Wo der wohl zu so später Stunde noch hin will?‘, dachte der Fährmann, ‚weit wird der nicht mehr kommen, höchstens bis nach Stolzenhain.‘ Als sie am anderen Ufer angekommen waren, warf ihm der unheimliche Fremde ein Goldstück zu und sprang aus dem Kahn. Völlig lautlos schritt er über die Kiesel und auf der Wiese bog sich das Gras nicht, wenn er hintrat. Ganz plötzlich, am ersten Weidenbusch, war er wie ein Spuk verschwunden. Nur eine grau-gelbe Staubwolke war noch zu sehen, die den steilen Uferweg hinaufschwebte und im Abenddunst zerrann. Am nächsten Tag brach in Stolzenhain die Pest aus. Auch die umliegenden Orte wurden von der schrecklichen Seuche heimgesucht, doch nirgendwo wütete sie so schlimm wie in Stolzenhain. Es starben mehr Menschen, als man beerdigen konnte. In allen Häusern lagen graugelbe, beulige Leichen. Nach ein paar Tagen lebte in Stolzenhain niemand mehr.“9)
Von meiner Frau, welche in Reinhardtsdorf in der Sächsischen Schweiz aufgewachsen ist, erfuhr ich, dass sie bereits als Kind von den sogenannten Pestdörfern an den Zschirnsteinen gehört hatte. Hinter der Legende vom unheimlichen Mann in Schmilka musste also ein Körnchen Wahrheit stecken.
Laut volkstümlichen Überlieferungen waren es neben dem erwähnten Stolzenhain die Siedlungen Kühlemorgen und Steinhütten, welche von der Pest heimgesucht wurden. Bei jenen Ortschaften handelte es sich vermutlich um Bergarbeitersiedlungen. An den Zschirnsteinen befand sich ein nicht tief liegendes Brauneisenerzvorkommen, welches in Abbaumulden gewonnen werden konnte. Mit geübtem Auge lassen sich vor Ort noch heute jene Mulden erkennen. In diesem Zusammenhang ist auch die Ortschaft Kleingießhübel am Fuße des Kleinen Zschirnstein zu sehen. Obwohl schriftliche Hinweise fehlen, hat sich laut mündlichen Überlieferungen nahe der Ortschaft am Krippenbach ein Hammerwerk befunden. Dort wurde bis in das frühe 16. Jahrhundert das an den Zschirnsteinen gewonnene Brauneisenerz verarbeitet. Zu jener Zeit führte die „Alte Tetschener Straße“ an Kleingießhübel vorbei, eine wichtige mittelalterliche Handelsroute, welche von Pirna über Königstein, Tetschen und Aussig bis nach Prag führte. Das heute eher unscheinbare Örtchen Kleingießhübel war im 15. Jahrhundert eine für damalige Zeiten bedeutende Metropole für Eisengewinnung und Handwerk. So ist es nicht verwunderlich, dass in jener Zeit weitere Siedlungen im Umfeld der Zschirnsteine entstanden.
An die Ortschaft Steinhütten erinnert heute noch der sogenannte Steinhüttenborn, eine Quelle, welche vermutlich schon den mittelalterlichen Dorfbewohnern das lebensnotwendige Wasser spendete. Laut Überlieferungen soll der Ort noch vor dem Dreißigjährigen Krieg entvölkert worden sein. Immerhin sind aus dem Jahre 1561 noch zwei Mühlen urkundlich erwähnt, welche im Taubenbachtal betrieben wurden.
Nicht weit von dort hat auch Kühlemorgen gelegen, von welchem wir heute noch weniger wissen. Lediglich ein hölzernes Hinweisschild im Zschirnsteinwald gibt Kunde davon, dass sich an jener Stelle bis etwas 1700 die Ortschaft Kühlemorgen befunden haben soll. Zeitlich würde sich das in etwa mit der schriftlichen Erwähnung im „Atlas Augusteus der Chursächsischen Lande“ decken. In jener vom Pfarrer und Kartographen Adam Friedrich Zürner veröffentlichten Kartensammlung ist der Lageort von Kühlemorgen im frühen 18. Jahrhundert bereits als „Kahler Morgen“ verzeichnet, ein Hinweis darauf, dass sich dort ein kahlgeschlagenes Waldstück von ca. einem Viertelhektar befand. Zu diesem Zeitpunkt muss die Siedlung also bereits verlassen und vielleicht sogar abgerissen gewesen sein.
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Mehr historische Hinweise haben wir auf die Ortschaft Stolzenhain, wohl auch ein Grund dafür, dass jene Ortschaft in der Legende von der Pest besondere Erwähnung fand. Alten Überlieferungen zufolge soll es sich bei Stolzenhain um ein besonders schönes Dorf gehandelt haben. Laut Expertenmeinung war es eine sogenannte Handwerkssiedlung, in der Eisen verarbeitet wurde. Darauf deutet auch eine Karte des Landvermessers Matthias Oeder von 1592 hin, in welcher die Ortsbezeichnung „Am Stoltzen Hammer“ für Stolzenhain verwendet wurde. Die Bewohner des Dorfes werden also über ein geregeltes Einkommen und einen damit einhergehenden bescheidenen Wohlstand verfügt haben. Der Stolzenhainborn lieferte dem Dorf genügend Wasser für die Menschen und das Handwerk. Stolzenhain soll sogar über eine eigene Schule verfügt haben, welche im Zusammenhang mit den Pestgeschichten Erwähnung fand. Es heißt, dass nach dem Ausbruch der Pest schließlich nur noch der Lehrer und einige der Kinder lebten. Jene hatten sich im Schulhaus versteckt und versuchten, mit dem Absingen von Kirchenliedern Gott gnädig zu stimmen. Doch das nutzte nichts, am Ende starben auch die Kinder und ihr Lehrer an der schrecklichen Krankheit. Laut der Legende soll man alle hundert Jahre des Nachts im Walde das Singen der Verstorbenen hören.
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Bei Stolzenhain muss es sich um die bedeutendste Siedlung an den Zschirnsteinen gehandelt haben, da es im Gegensatz zu Steinhütten und Kühlemorgen mehrere schriftliche Hinweise auf sie gibt. So schrieb der bereits erwähnte Matthias Oeder 1592 vom „Stolzenhayn Born“ nahe dem Krippenbach. Zudem gibt es weitere Dokumente aus dem 16. Jahrhundert, welche auf Stolzenhain verweisen. So fand 1561 eine „breth-muhl in dem Stotzenhain“ Erwähnung, welche seinerzeit von ihrem Besitzer Merten Cuntze aus Schöna auf 10 Schock bewertet wurde. In der Cunnersdorfer Flur wurde 1589 ein „Stolzenhainer Grundell“ genannt. In einem Dokument aus dem Jahre 1591 heißt es, dass einstmals in „Stoltzenhain … dorinnen wirdt vor m. gn. Herrn Gießhütten und Eisenhammer gekolet“. Aus der etwas umständlichen Formulierung lässt sich erkennen, dass in Stolzenhain tatsächlich Erz verhüttet und Eisen verarbeitet wurde. Noch genau einhundert Jahre später findet sich in einer den Forsthof von Cunnersdorf betreffenden Urkunde ein Hinweis auf Stolzenhain. Zusammengefasst hat diese Informationen der Volkskundler und Heimatforscher Alfred Meiche in seiner „Historisch-topographischen Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna“, welche erstmals 1927 veröffentlicht wurde. Das Amtserbbuch Pirna von 1548 führte Stolzenhain nur noch als „Amtswaldung“ sprich Forstbezirk. Man erinnere sich, dass die Ortschaft Kühlemorgen gut 150 Jahre länger existiert hat als Stolzenhain. Sollte also doch etwas dran sein an der Legende, dass die Einwohner von Stolzenhain an der Pest starben?
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Zweifelsohne kann man die Pest als die Geißel des Mittelalters bezeichnen. Doch auch aus der Antike sind uns erste Pestepidemien bekannt. Dabei gehörte die sogenannte „Justinianische Pest“, die ab 541 im gesamten Mittelmeerraum wütete, zu den schrecklichsten Epidemien jener Epoche. Benannt nach dem oströmischen Kaisers Justinian war jene Pestepidemie mitverantwortlich für das Scheitern der „Restauratio imperii“, der Wiederherstellung des römischen Imperiums. Wenn auch heute kaum vorstellbar, führte die Pest auch in späteren Jahrhunderten immer wieder zu drastischen gesellschaftlich-politischen Umwälzungen. So beispielsweise während der großen Epidemie von 1347, als es in einigen italienischen Städten zu einem völligen Zusammenbruch der aristokratischen Ordnung kam. Jener Zusammenbruch...




