Vogt | Der schöne Nick | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Vogt Der schöne Nick


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2401-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-6951-2401-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der schöne Nick ist ein vielumgarnter Junggeselle. Dass er ausgerechnet dem grauen Mäuschen Mara einen Heiratsantrag macht, ist Teil eines perfiden Plans. Als seine Ehefrau soll sie eine Alibifunktion erfüllen. Zudem ist sie mit ihren eigenen Dämonen beschäftigt und leicht zu manipulieren. Als Mara endlich aus ihrer Alltagslethargie erwacht und sein abartiges Handeln durchschaut, trifft sie die falsche Entscheidung. Dadurch öffnet sie seinem hässlichen Treiben Tür und Tor. Viele Jahre kann er ungehindert agieren, bis ihn eine winzige Unachtsamkeit ins Stolpern bringt.

Ludgera Vogt wurde 1958 geboren. Als gebürtige Ostwestfälin lässt sie viel Lokalkolorit in ihre Romane einfließen. Nach "Libori-Lüge" und "Versprich, dass ich es behalten darf" ist auch "Der schöne Nick" heimatlicher Schauplatz der Ereignisse. Die Autorin lässt die Leser/innen tief in die Abgründe menschlicher Seelen blicken, ohne sich dabei ausschweifend blutiger Szenen zu bedienen. Vielmehr zielt sie auf die Psyche, auf das Warum-musste-es-soweit-kommen, ab. Ihre Romane enden nicht unbedingt mit Friede, Freude, Eierkuchen, aber sie lassen den Leser nie in einer unzufriedenen Stimmung zurück.
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Kapitel 1


1998


„Willst du schon fahren?“

„Ja. Ich bin müde.“ Mara antwortete ohne aufzusehen. Sie kramte in ihrer Tasche nach dem Autoschlüssel. Die aufgekratzt gute Laune der Arbeitskolleginnen nervte sie. Es war immer dasselbe. Kaum hatten sie die Tür zum Festsaal aufgestoßen, standen sie an der Theke und reichten sich die Biergläser weiter. Sie schunkelten zur Musik, johlten bekannte Refrains und kreischten, wenn sie angerempelt wurden, so dass ihnen das Bier über die lackierten Fingernägel schwappte.

„Dir ist aber klar, dass du reichlich getrunken hast.“ Die Kollegin unterdrückte einen Rülpser und kicherte hinter vorgehaltener Hand.

„Das war nicht viel. Willst du nun mit?“

„Bist du irre? Jetzt geht‘s doch erst richtig los.“ Betty hob den Zeigefinger, lauschte und wippte zum Rhythmus der Musik. „Er gehört zu mir...“, grölte sie. Dann tänzelte sie davon, wobei sie zum Abschied mit dem Handtäschchen über dem Kopf wedelte, was Mara an die billige Kopie einer Filmszene erinnerte.

Sie rollte die Augen. Dieses alberne Gehabe war nichts für sie. Nicht, dass sie keinen Alkohol mochte. Im Gegenteil - sie trank mehr als die Kolleginnen und hochprozentiger. Bevor es allerdings dazu kam, ging sie nach Hause. Es musste niemand mitkriegen, wenn sie ihre düsteren Gedanken im Rotwein ertränkte. Der Alkohol war zum Freund geworden; ihrem einzigen Freund. Ihr war bewusst, dass er auf Dauer keine Lösung einbrachte – und schon gar keine Erlösung. Aber ihre bisherigen Abstinenzversuche waren halbherzig verlaufen und hatten keinen Erfolg gebracht. Auch heute würde es ihr nicht gelingen, ohne den Genuss des herben, roten Freundes ins Bett zu wanken. Vielleicht würde eine halbe Flasche reichen? Und morgen eine viertel? Und dann jeden Tag etwas weniger. So nahm sie es sich oft vor. Aber das Jeden-Tag-etwas-Weniger verkehrte sich eher ins Gegenteil. Einen Zwang hatte sie sich allerdings auferlegt: keinen Alkohol vor abends acht Uhr. An dieser letzten Instanz hielt sie standhaft fest. Bis heute.

Sie hatte ihr Auto erreicht und warf die Handtasche auf den Beifahrersitz. Ein lautes Kreischen ließ sie in den Rückspiegel blicken. Ihre Kolleginnen hatten die Schützenhalle verlassen. Sie hüpften in einer ungeordneten Polonaise um eine Gruppe Männer und ermunterten diese mit übertriebener Gestik, sich in die Schlange einzureihen. Einige machten gutmütig mit. Andere hielten sich lieber an ihren Biergläsern fest statt an der Schulter der Vorderfrau. Es war jedes Jahr dasselbe. Schützenfeste, Volksfeste oder Karneval verwandelten sie und viele andere in eine Horde volltrunkener Kreischmöwen. Alle Regeln guten Benehmens und zwischenmenschlicher Beziehungen wurden außer Kraft gesetzt. Und die Themen der folgenden Tage drehten sich ausschließlich darum, wer mit wem gefeiert oder besser noch hat. Als wenn man darauf etwas Ernsthaftes hätte aufbauen können. Die Hoffnung schlug stets hohe Wellen, aber die Ernüchterung folgte meist auf dem Fuß. Sie war keiner Bekanntschaft abgeneigt, aber nicht auf dieser Ebene. Und außerdem, wer wollte schon eine Frau, die sich jeden Abend in den Schlaf trank?

Zögernd schaute sie auf den Autoschlüssel in der Hand. Wie viele Gläser Wein hatte sie getrunken, bevor es ihr zu albern geworden war? Vier? Fünf? Eigentlich zu viel, um noch fahren zu dürfen. Aber um diese Uhrzeit ein Taxi zu ergattern, wäre ein extrem seltener Glücksfall. Zudem müsste sie sich morgen darum kümmern, ihr Auto zu holen. Das war lästig.

Sie schreckte auf, als es am Fenster der Beifahrertür klopfte. Bevor sie die Scheibe herunterlassen konnte, wurde die Tür schon aufgerissen.

„Fährst du nachhause? Würde es dir etwas ausmachen, mich in Brenken abzusetzen? Das liegt auf deinem Weg nach Büren. Du fährst doch nach Büren, oder?“ Und schon ließ sich ein Mann neben sie in den Sitz fallen.

, durchfuhr es sie. Warum will der denn schon nachhause?

„‘Tschuldigung. Nick. Nikolaus Veitmann.“ Er hielt ihr die Hand hin.

, hätte sie beinahe geantwortet. Schließlich war der schöne Nick ein über die Dorfgrenzen hinaus bekannter und begehrter Junggeselle. Ihn unter die Haube zu kriegen, galt unter den heiratswilligen Frauen als Königsdisziplin. Er sah nicht nur gut aus, wie sein Namensattribut verriet, sondern galt als Erbe des Veitmann-Hofs auch als nicht unvermögend.

„Mara.“

„Schon klar. Du arbeitest in Büren im Drogeriemarkt. Steht dort auf deinem Namensschild.“ Veitmann lächelte sie an.

Sie nickte. Es waren diese kleinen Aufmerksamkeiten, die den Burschen auszeichneten. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch fahren sollte. Komplett nüchtern bin ich nicht.“

„Also ich kann ganz gewiss nicht mehr fahren.“ Veitmann schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust. „Ich bin abgefüllt.“ Er stöhnte eine tiefe Bierfahne aus. „‘Tschuldigung. Also, was sollen wir machen? Vielleicht den Schleichweg unterhalb der Wewelsburg nehmen? Auf der Strecke habe ich noch nie die Polizei gesehen. Aber...“, er hob abwehrend die Hände, „ich will dich nicht überreden. Die Entscheidung liegt bei dir. Du kannst auch den Weg am Flughafen vorbei nehmen. Oder über Böddeken durch den Wald. Ist nur ein bisschen finster dort.“ Er kicherte.

Mara sah in den Rückspiegel. Die Kolleginnen zogen ihre Polonaise in einer hundertachtzig Grad Kehrtwende auf ihr Auto zu. Noch wenige Meter, dann wäre die Straße versperrt und sie befänden sich im Zentrum der Tollheit. Kurzentschlossen startete sie den Wagen und gab Gas.

„Super“, nuschelte Veitmann. Mara hörte einen Hauch von Dankbarkeit heraus. Ob diese der Mitfahrgelegenheit galt oder der Tatsache, den feiernden Frauen entkommen zu sein, ließ er offen. Sein Kopf kippte in Zeitlupe zur Seite. Sie hatten die Abbiegung zur Wewelsburg noch nicht erreicht, da schnarchte er bereits. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und grinste. Selbst mit erschlaffter Kiefermuskulatur und schnarchend sah er gut aus. Die kleine Narbe neben dem linken Auge verlieh seinem weichen Gesicht etwas Verwegenes. Sie stellte sich vor, wie seine Freundin – wer auch immer das gerade war - verträumt darüberstrich und ihn fragte, wie er sich die eingehandelt habe. , schalt sie sich. Nur nicht durch zu langsames Fahren auffallen. Das war der Polizei oft suspekter als zu forsches Fahren. Sie steuerte den Wagen durch die engen Gassen den Burgberg hinunter. Direkt am Fuße des Berges musste sie sich entscheiden, ob sie rechts den Weg über die Almebrücke nimmt oder geradeaus fährt. Sie war sich nicht sicher. Diese engen Nebenstrecken waren ihr nicht geläufig. Langsam tuckerte sie geradeaus.

„Ist das hier richtig? Hey, jetzt schau doch mal!“ Sie zupfte Veitmann ungeduldig am Jackenärmel. In diesem Moment rumpelte der rechte Vorderreifen über einen Gegenstand. Das Auto hüpfte. Vor Schreck gab sie Gas, sodass auch das Hinterrad kurz drauf einen Hopser machte.

Veitmann schreckte hoch. „Was war das?“ Er drehte sich im Sitz und schaute suchend durch das Rückfenster.

„Ich weiß nicht. Ich glaube, ich habe einen Hasen überfahren. Irgendwas Braunes konnte ich noch sehen. Oh Gott, oh Gott. Hoffentlich war er sofort tot.“ Mara spürte ihr Herz hart hämmern. Es tat so weh, dass sie kurz die Hand gegen den Brustkorb presste.

„Das muss ein dicker Brummer gewesen sein.“ Veitmann öffnete die Tür. „Halt mal an. Ich werde nachsehen.“

In diesem Moment zuckten hinter ihnen die Scheinwerfer eines herannahenden Fahrzeugs. Im Lichtkegel einer Straßenlaterne schimmerten blaue und neongelbe Streifen. „Scheiße, die Bullen.“ Veitmann zog den Fuß zurück ins Auto. „Fahr besser weiter. Wenn es geht, ein Stück ohne Licht. Wir werden ihnen den Sonntagsbraten leider überlassen müssen.“

Den Rest der Strecke legten sie schweigend zurück. Mara zitterten noch immer die Knie, als Veitmann sie in Brenken den Weg zu seinem Hof hinunter dirigierte und gleich durch den hohen Torbogen links in die Scheune. Sie hatte den Motor gerade ausgestellt, da raste ein Wagen mit Blaulicht durch den Ort.

„Was ist nur los? Die sind heute wie gestochen. Gut, dass wir schon hier sind. Du kannst dein Auto in der Scheune lassen und bei mir im Gästezimmer übernachten“, schlug Veitmann vor. „Wir sollten das Glück nicht überstrapazieren.“

Mara hielt das Lenkrad umkrallt und starrte auf die dunkle Scheunenwand. „Ich weiß nicht.“

„Aber ich weiß es. Wenn du jetzt weiterfährst, bist du den Lappen los. Garantiert. Das möchte ich nicht verantworten.“ Veitmann klopfte ihr aufs Knie. „Jetzt komm. Ich tue dir nichts. Dafür bin ich viel zu besoffen.“ Ohne auf eine weitere Reaktion ihrerseits zu warten, stieg er aus.

Zögernd, als müsse sie testen, ob ihre Beine sie tragen, setzte sie die Füße auf den...



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