Vogt | Die liegende Frau | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Vogt Die liegende Frau


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-627-02322-5
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-627-02322-5
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Romina, Romi genannt, erwartet ihr zweites Kind, und seit kurzem gibt es da auch einen zweiten Mann. Szibilla findet es grundsätzlich unverantwortlich, Kinder in die Welt zu setzen, und Romis Polyamorie ist für sie nichts anderes als eine Möglichkeit, sich noch mehr von Männern abhängig zu machen. Was sie verbindet, ist ihre beste Freundin Nora. Doch Nora flieht mit ihrer kleinen Tochter zu ihrer Mutter ins Schweizer Rheintal, legt sich geradewegs ins Bett ihres Jugendzimmers - und schweigt. Ratlos reisen die Freundinnen ihr nach, mieten sich in ein billiges Wellnesshotel ein. Während Romi sich Sorgen um Nora macht, ist Szibilla überzeugt, dass sie diese Auszeit braucht, um wieder zu sich selbst zu kommen. In den fünf Tagen, in denen sie Lebensentwürfe diskutieren, reißen die Gräben zwischen Romi und Szibilla immer weiter auf - bis Nora schließlich ihr Schweigen bricht. Was bedeutet Freiheit, was Verantwortung? Was prägt uns, was wollen wir weitergeben? In ihrem dritten Roman taucht Laura Vogt tief ein in die Gefühlswelt ihrer Figuren, Frauen um die dreißig, und zeigt sie uns mit all ihren Schwächen und Stärken, Enttäuschungen und Hoffnungen. Ein lebendiger, lebensbejahender Roman, der deutlich macht, wie Individualismus, Mutterschaft und Selbstbestimmung ständig neu verhandelt werden müssen.

Laura Vogt, geboren 1989 in Teufen (Schweiz), studierte Kulturwissenschaften in Luzern und Literarisches Schreiben in Biel. 2016 erschien ihr Debüt So einfach war es also zu gehen, mit dem sie u. a. zu den Solothurner Literaturtagen und zu PROSANOVA - Festival für junge Literatur eingeladen wurde. 2020 folgte der Roman Was uns betrifft, der ins Englische übersetzt wurde. Sie schreibt neben Prosa auch lyrische, dramatische und journalistische Texte und ist als Schriftdolmetscherin und Mentorin tätig. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Ostschweiz.
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Romi


Durch die Rezeption, da ist sie wieder, die Frau in Tracht im Empfang. Ich trete durch die automatische Schiebetür, von der anderen Straßenseite blickt mir der 2D-Bauer stoisch entgegen. Auf dem Gehsteig eile ich hügelabwärts, in der Ferne die Berge, davor das Rheintal, breiter, als ich es in Erinnerung hatte. Ob Szibilla schon bei Nora ist? Unerreichbar, unauffindbar, Frau Jakab. Ich gehe schon wieder viel zu schnell, als hastete ich etwas nach, aber was? Ich halte inne, atme einmal tief ein, drehe mich um.

Die »Buche« vor mir. Das Gebäude hat etwas Zeitloses, als wäre der obere Bereich aus dunklem Holz seit je Teil dieser Landschaft. Das Hoteldach spitzt sich in einem weiten Winkel, darunter sind die zu den gehobeneren Zimmern gehörenden Balkone zu erkennen. Der untere Bereich, mit Anbau, besteht fast ausschließlich aus einer modernen Glasfront; davor der kostenpflichtige Whirlpool, heute sicher nicht in Betrieb. Ob Nora da schon mal drin war? Ich gehe weiter, Buchenstraße, Nummer hundertzweiundzwanzig – da ist sie aufgewachsen, und da wohnt die Mutter noch immer. Street View zeigte gestern ein beige geschindeltes Haus, braune Fensterläden, eine Hecke zwischen Grundstück und Straße; eine eingepferchte Welt, »beschissen eng« hat Nora mal gesagt.

Die Straße macht eine Kurve, das muss es sein. Ich trete durch das Gartentor, eine Treppe führt zum türlosen Windfang, das Namensschild neben der Klingel wurde von Hand beschriftet: Brugger. Ich klingle, warte, nichts zu hören. Links der Haustür befindet sich ein kniehoher Pflanzentopf in Form von zwei Schwänen, Schnäbel aneinander; mit ihren langen Hälsen bilden sie gemeinsam ein Herz, und mitten in diesem Herz blühen Primeln.

Plötzlich geht die Tür auf, eine Frau steht im Türrahmen; das muss Anni sein, sie reicht mir bis zum Kinn. Ich blicke direkt auf ihr schwarzes Haar, der Scheitel schimmert grau. Sie macht einen Schritt rückwärts. Schmal wie Nora ist sie, mit derselben langen, leicht nach oben gewölbten Nase, den eng beieinanderliegenden Augen, die mich mustern, überrascht, streng auch, als hätte ich mich nicht angekündigt.

»Hallo«, sage ich, »ich bin Romi. Wir hatten telefoniert.«

Ihr Blick wird im ersten Moment noch abweisender, weitet sich dann langsam, aber nur minimal; das Strenge bleibt. Sie deutet ein Lächeln an, reicht mir die Hand.

»Ah, Romi«, sagt sie mit kehliger Stimme. »Bist du tatsächlich angereist.«

Das Lächeln passt nicht zum Rest dieser Person.

»Haben Sie – also, hast du meine Nachricht noch abgehört? Ich wollte so spät dann nicht mehr stören.«

»Ja, ja«, sagt sie beiläufig, streicht über ihre Tunika, korallenfarbig und mit Blumenmuster; sicher aus der »Boutique Chic«, wo Nora während ihrer Arbeitszeit jeweils versucht, Ordnung zu wahren, wie sie sagt, während Ü-60-Frauen in den Regalen und an den Bügeln rastlos ihre Verjüngung suchen und Textilien begutachten, als wären es wertvolle Jahre, die zurückgeholt werden könnten durch den Griff zum Portemonnaie. »Meine Mutter? Eine alte Schachtel, auf ihre ganz eigene Weise«, hat Nora stets betont. Ende sechzig müsste sie jetzt sein, und man sieht sie ihr an, die Jahre, trotz der dicken Schicht Make-up und der jungen Mode.

Es freue mich, sie endlich kennenzulernen, auch wenn die Gründe dafür nicht erfreulich seien, sage ich, aber Anni hat sich bereits abgewandt, deutet zur Wendeltreppe hinter der Haustür, sagt, ich wolle ja sicher gleich zu Nora. Gemeinsam steigen wir hoch, ich hinter ihr; Anni hat mein Tempo.

»Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, dass du anreist«, sagt sie, während sie Stufe um Stufe nimmt. »Bisher hat sich nichts getan.«

»Was hat Nora denn genau?«, frage ich. »Eine Sommergrippe?«

»Nein«, antwortet Anni. »Ich denke nicht.«

»Sondern?«

Anni hat den oberen Treppenabsatz erreicht und dreht sich zu mir um. »Na ja«, sagt sie, ihr Ausdruck noch immer genau gleich, irgendwie abgelöscht, so seltsam unbeteiligt: Es sei so, dass Nora vorgestern ganz überraschend aufgetaucht sei, einen Tag zu früh, mit Meret auf dem Rücken. Sie habe das Kind abgeschnallt und sich in ihr Jugendbett fallen lassen. Danach habe sie nur noch einen Satz gesagt, und zwar, dass sie nicht nach Berlin reisen könne und sie, Anni, Szibilla und mich informieren solle. Ansonsten habe Nora noch nicht einmal die Kraft, auf Meret zu reagieren, was sicher auch mit dem Beruhigungsmittel zu tun habe, das sie geschluckt habe und das ihr hoffentlich helfe. Sie, Anni, sei wirklich froh, dass Nora zu ihr gereist sei, hier würde sie sich sicher schnell erholen und für Meret sei auf diese Weise ja auch bestens gesorgt.

Wie auf Kommando ist von unten Kinderweinen zu hören, und bevor ich etwas fragen kann, eilt Anni schon an mir vorbei die Treppe runter; ich solle Nora nicht zu lange stören, sagt sie, und: Sie mache mir einen Tee, wenn ich schon hier sei.

Alleine stehe ich nun vor einer Zimmertür, an der vier Buchstaben in unterschiedlichen Pastelltönen befestigt sind: N, O, R, A. Ich trete ein. Die Tür quietscht. Einer der Fensterläden ist geschlossen, die getäfelten Wände lassen den Raum noch dunkler erscheinen.

Nora liegt seitlich auf einer Neunzig-Zentimeter-Matratze in der Mitte des Zimmers. Ihre Beine hat sie angewinkelt, die Kniescheiben zeichnen sich wie zwei aufeinanderliegende Steine unter der dünnen Baumwolldecke ab, ihr rotes Haar ist ausgeblichen. Ich mache einige Schritte auf sie zu, beuge mich zu ihr hinunter, ihre Lider sind geschlossen, die Haut wirkt transparent, winzige Adern schimmern hindurch. Ich lege ihr eine Hand auf die kühle Stirn, die andere auf ihren oberen Rücken.

»Nora, hey, ich bin’s«, sage ich. »Was ist denn passiert? Wie geht es dir?«

Keine Reaktion.

»Nora, hallo? Hörst du mich?«

Nichts.

»Kannst du mir sagen, was los ist?«

Nora liegt da, als wäre sie eine Attrappe, und sie selbst ist sonst wo, weit weg; ich fühle mich wie gelähmt. Bleibe einen Moment so stehen. Setze mich dann neben die Matratze auf den Boden.

»Kann ich irgendetwas für dich tun? Willst du was trinken?«

Nora reagiert nicht, ihr Puls geht ruhig, ich streiche über ihren Rücken, ihr Haar riecht nach Heu. Schläft sie?

Notiz

Anzahl der Türen in Noras Zimmer: eine.

Anzahl der Fenster: zwei.

Ich ziehe mit einer imaginären Schnur einen Kreis; der Abstand von Noras Körper zu den vier Zimmerwänden ist jeweils exakt derselbe.

Anzahl der Wünsche: einer. Mich zu ihr legen, ihren Rücken an meinem Bauch fühlen, zu ihr hinuntertauchen, schlummern, gemeinsam, dann gleichzeitig aufwachen und reden, wild drauflos.

Es ist so still in diesem Zimmer, als befänden wir uns in einem Karton, der alles dämpft, die Geräusche, auch die Farben. Aber in Wahrheit sind die Wände aus Holz, sind gezeichnet, chiffriert; es sind die Wände, die sich Nora früher weiß gewünscht hat. Eidechsen und Schlangen habe sie als Kind in den Musterungen gesehen, sagte sie mal, Gestalten, die sich mit den Jahren wandelten, zu Wichteln und Feen wurden, zu bösen Hexen, zu Mördern aus Horrorfilmen, zu väterlichen Schultern, abgewandt und kalt, zu Baubo und anderen mythologischen Figuren, die sie schon immer interessierten; letztere die einzigen, die sie mitnahm im Geiste, als sie hier auszog.

Vor drei Jahren, während ihrer ersten großen Krise mit Emrik, hatte sie auf einmal das Verlangen gehabt, das Zimmer auszumisten, all die alten Dinge wegzuwerfen oder mitzunehmen und somit endlich restlos gehen zu können. Das habe sie nicht geschafft, wie sie mir später aufgekratzt berichtete, zumindest nicht in Gänze: sie habe die Foto- und Tagebücher bei ihrer Mutter gelassen, in diesem Haus, das ewig nach Mittagessen, Waschmittel und wollenen Hausschuhen rieche, nach schweren Teppichen, unter denen Dinge verborgen lägen. Sie wisse keinen anderen Ort dafür, für die Verwahrung ihrer Erinnerungsstücke aus Kindheit und Jugend, sie habe ja selbst keinen Platz, wo auch; aber das alles sei ja eigentlich auch egal.

Der Bürostuhl hat Rollen, der Schreibtisch die perfekte Höhe, darauf ein leeres Wasserglas, im Papierkorb daneben liegt eine Tablettenpackung, sonst nichts. Über dem Schreibtisch hängen zwei Fotos, an die Wand gepinnt.

Notiz

Geschätzte Größe des Zimmers: achtzehn Quadratmeter.

Anzahl der Jahre, die Nora hier lebte: knapp siebzehn.

Format der Fotos, die hier hängen, über dem Schreibtisch: A4.

Anzahl der Jahre, die vergangen sind, seit sie gemacht wurden: viele.

1 – Nora als etwa Zwölfjährige, in einem neongelben Badeanzug, steht an einem Flussufer, Kopf gesenkt, Blick zum Wasser; neben ihr ein Mann um die fünfzig, seine eine Hand auf ihrer Schulter, die andere in die weiche Taille gestemmt, eine Zigarette im Mundwinkel; auf dem nackten behaarten Bauch des Mannes steht mit schwarzem Permanentmarker geschrieben: Muschi.

2 – Nora als Kleinkind mit Schnuller und rosa Haarband; darüber notiert, mit demselben Marker: Leck mich.

Nora hat sich keinen Zentimeter bewegt.

»Hast du das gemacht? Das mit den Fotos?«, frage ich.

Nora bleibt liegen, wie sie ist.

»Ich würde so gerne über alles mit dir reden, über Familie und deine Erinnerungen und überhaupt.«

Die beiden Bilder sind alles, was das Zimmer persönlich macht, der Rest ist austauschbar, zumindest von außen betrachtet: der Schreibtisch, der Vorhang mit den bunten Punkten, die drei Bananenkisten in der Ecke; wie lange war Nora...


Laura Vogt, geboren 1989 in Teufen (Schweiz), studierte Kulturwissenschaften in Luzern und Literarisches Schreiben in Biel. 2016 erschien ihr Debüt So einfach war es also zu gehen, mit dem sie u. a. zu den Solothurner Literaturtagen und zu PROSANOVA – Festival für junge Literatur eingeladen wurde. 2020 folgte der Roman Was uns betrifft, der ins Englische übersetzt wurde. Sie schreibt neben Prosa auch lyrische, dramatische und journalistische Texte und ist als Schriftdolmetscherin und Mentorin tätig. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Ostschweiz.



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