Volk | Deutschlands verschwundene Orte | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 287 Seiten

Volk Deutschlands verschwundene Orte

Ein Atlas
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-406-80629-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Atlas

E-Book, Deutsch, 287 Seiten

ISBN: 978-3-406-80629-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Unter der Oberfläche Deutschlands liegen die Reste unzähliger verschwundener Städte, Handelszentren, Dörfer und Industrieanlagen: ein versunkenes, unbekanntes Deutschland. Pia Volk hat sich auf die Suche nach diesen Orten gemacht. Sie erzählt von ihrer einstigen Bedeutung und ihrem Untergang und besichtigt in Wäldern, auf Feldern, im Watt oder in Asphaltwüsten die Überreste einstiger Größe. Ein kurzweiliger Atlas für alle, die schon immer ahnten, dass unter unseren Füßen eine versunkene Welt liegt. Auf dem Grund des Bodensees finden sich Reste großer Pfahlbausiedlungen aus prähistorischer Zeit. An der Ostsee lag die kosmopolitische Siedlung Haithabu, ein Knotenpunkt zwischen Skandinavien, dem Baltikum und Westeuropa. Die nordfriesische Stadt Rungholt versank im 14. Jahrhundert in einer Sturmflut. Als man schon glaubte, sie existiere nur in den Sagen, fand man ihre Überreste im Watt. Von dem großen jüdischen Ghetto an der Außenseite der Frankfurter Stadtmauer, das bis ins 19. Jahrhundert existierte, sind heute nur noch Reste erhalten. Im 20. Jahrhundert mussten Ortschaften der innerdeutschen Grenze oder Stauseen weichen, und bis heute werden Dörfer für den Braunkohleabbau weggebaggert. Pia Volk beschreibt kenntnisreich das Schicksal von 30 exemplarischen Orten, die von unseren Landkarten verschwunden sind, und lässt uns über ein versunkenes Deutschland staunen, das hier und da noch an die Oberfläche ragt.

Pia Volk Geographin, Ethnologin und Journalistin, erkundet von Leipzig aus seltsame Orte und Geschichten. Ihre Texte sind u.a. von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT veröffentlicht.

Lukas Wossagk ist Illustrator und Grafiker. Er hat verschiedene Bücher für C.H.Beck illustriert. Seine größte Leidenschaft gilt der Seefahrt und maritimen Motiven.
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Weitere Infos & Material


1. Krokodile, Tapire und Laufvögel


Im Geiseltal in Sachsen-Anhalt


Verschwunden: vor 45 Millionen Jahren

Ungewöhnliche Tiere bevölkerten die subtropischen Wälder und Sümpfe Sachsen-Anhalts vor 45 Millionen Jahren.

Diese Geschichte beginnt zu einer Zeit etwa 45 Millionen Jahre vor heute. Die großen Dinosaurier sind schon gut 20 Millionen Jahre ausgestorben. Die Landmassen sind in etwa an Ort und Stelle, nur die Antarktis ist noch mit Südamerika verbunden und der Indische Subkontinent noch eine riesige Insel im Ozean. Grönland hat sich 10 Millionen Jahre zuvor von Europa losgelöst, ein ungestümer, rauer Vorgang, Vulkane brachen aus. Über ihre Schlote gelangte flüssiger Gesteinsbrei aus dem Erdinneren an die Oberfläche. Die darin eingeschlossenen Gase entwichen. Kohlendioxid reicherte sich in der Atmosphäre an. Genau wie heute führte dieser hohe CO2-Gehalt dazu, dass sich das Klima wandelte: Weltweit stieg die Temperatur um mindestens 6 Grad Celsius.

Hätten damals im Gebiet von Deutschland Menschen gelebt, wären sie durch subtropischen Wald gestapft, hätten sich durch Sümpfe kämpfen müssen und wären unterwegs von einem Krokodil angefallen worden. Sie hätten vielleicht versucht, einen großen Laufvogel, eine Art Strauß mit dickerem Schnabel, zu zähmen und sich aus den schillernden Panzern von Käfern Schmuck zu basteln. All diese Lebewesen gab es auf dem Territorium, das heute Deutschland ausmacht. Oder besser: auf einem kleinen Teil davon, 20 Kilometer südwestlich von Halle, dort nämlich, wo heute der Geiseltalsee liegt.

Es ist ein künstlicher See, der an seiner tiefsten Stelle 78 Meter misst. Seinen Namen hat er von dem Bach Geisel, der wenige Kilometer oberhalb des heutigen Sees entspringt. Ein Radweg führt um den See herum, durch eine verbuschte Graslandschaft, in der vereinzelt Bäume stehen. Immer wieder weisen Schilder auf Dörfer hin, die es hier nicht mehr gibt. Denn in der Mulde, die heute der See einnimmt, lagerte ursprünglich Braunkohle: 1,4 Milliarden Tonnen auf einer Fläche von kaum 60 Quadratkilometern, 16 Kilometer in der Länge und zwischen 0,5 und 5 Kilometern in der Breite. Als die Braunkohle aus dem Boden geholt wurde, verschwanden die Dörfer. Dabei kam aber etwas ganz Unerwartetes zum Vorschein: Reste einer Millionen Jahre alten Landschaft mit ihrer ganz eigenen Flora und Fauna.

Bereits 1908 fand man in der Grube Cecilie das Skelett eines 3 Meter langen Tieres, größer als ein Schwein, aber kleiner als eine Kuh, eines Vierbeiners mit Hufen und einem langgezogenen Schädel. Das Lophiodon, so sein Name, ähnelt heutigen Tapiren. Die Knochen waren bei der Entdeckung bräunlich-rot und unterschieden sich farblich kaum von der sie umgebenden Kohle. Erstaunlich, dass sie überhaupt auffielen. Über die Jahre tauchten immer wieder Knochen, Zähne, Schneckenhäuser und andere Fossilien auf.

Es ist ungewöhnlich, Fossilien von Wirbeltieren in Kohle zu finden, denn Kohle selbst besteht aus Resten von Pflanzen, die in der sumpfigen Landschaft zersetzt worden sind. Moorgewässer erhalten ihre rötlich-braune Färbung von Huminsäure, sie löst alles auf, was calcium- und karbonathaltig ist: Knochen, Zähne, Muschelschalen. Nur Haut und Weichteile bleiben erhalten, sie werden gegerbt. Deshalb wirkt der Körper einer Moorleiche eingefallen, als hätte etwas ihn leergesaugt und nur die Hülle übrig gelassen. Gelangt Sauerstoff an die Haut, wird auch sie durch Bakterien zersetzt. Nach vielen tausenden Jahren wird so in der feuchten Landschaft abgestorbenes organisches Material zu einer torfartigen Schicht. Auf ihr lagern sich weitere Sande, Steine, Gerölle ab, deren Druck den Torf zu Kohle verfestigt. Fossilien? Fehlanzeige! Außer eben im Geiseltal.

Eineinhalb Millionen Jahre dauerte es, bis sich Kohle hier gebildet hatte. Allerdings unter ganz besonderen Bedingungen. Da, wo die Geisel und andere Bäche entspringen, die in das Tal hineinfließen, treffen zwei Gesteinsschichten aufeinander. Die Schicht, die der Erdoberfläche näher liegt, ist wasserdurchlässig. Sie besteht aus Kalkstein. Man erkennt noch heute leicht, wo er unter der Erde liegt, denn hier haben sich Böden gebildet, auf denen man hervorragend Wein anbauen kann, so wie an einigen Hängen am See. Fällt Regen auf den Kalkstein, löst die dabei entstehende Kohlensäure Teile des Gesteins. Es entstehen Klüfte und Spalten, durch die weiteres Wasser gespült wird, das weiteren Kalk löst und mit sich talabwärts nimmt. Das karbonathaltige Wasser floss in das Geiseltal, wo es auf das saure Sumpfwasser traf. Man kann sich das vorstellen wie zwei Kräfte, die sich gegenseitig aufheben: Das karbonathaltige Wasser neutralisiert die Huminsäure. Die Knochen, Zähne und andere Teile der verstorbenen Lebewesen wurden nicht zersetzt, sondern in der Kohle erhalten.

1925 beschloss die Universität Halle-Wittenberg, systematisch zu graben. Seitdem hat man bis zur Flutung des Sees im Jahr 2011 Schätzungen zufolge insgesamt über 200.000 Überreste von Wirbeltieren entdeckt, viele davon nur Fragmente. 5000 Säugetierreste sind näher bestimmbar, 2000 bis 2500 Fische, 2000 Reptilien, 100 bis 500 Amphibien, 200 Vögel.

Die Fossilien fand man dort, wo es einst Wasser gegeben haben muss: an Trinkstellen und Bächen. Einige Wasserlöcher waren an ihren Ufern sehr steil. Es liegt daran, dass sie die sichtbaren Öffnungen von Höhlensystemen waren, die im Untergrund lagen. An den trichterförmigen Öffnungen stillten die Tiere ihren Durst, rutschten ab und ertranken. Man fand hier die Skelette vieler verschiedener Arten aufeinandergestapelt. Ganz ähnlich an den Bachläufen, nur dass die Tiere hier im Morast stecken blieben oder von Krokodilen hineingezogen wurden. Man hat ein pferdeartiges Tier gefunden, in dessen Knochen noch Krokodilzähne steckten.

Eine dritte Todesfalle, besonders in der Trockenzeit, waren Wasserlöcher, die heute eher Leichenfeldern gleichen. Es sind weite Flächen, rund 80 Meter lang und 100 Meter breit, mit einer sehr geringen Kohleschicht von nur 20 bis 30 Zentimetern. Auf ihnen befanden sich wie auf einem Friedhof Mengen von toten Lebewesen. Man geht davon aus, dass an diesen Stellen einst Mulden lagen, in denen sich in der Trockenzeit das Restwasser der Regenzeit gesammelt hatte und stehen blieb. In Dürrezeiten kamen Tiere, um zu trinken, starben aber an Ort und Stelle. Andere Leichen wurden mit den Wassermassen der Regenzeit eingespült.

Je größer die Tiere sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, ein vollständiges Skelett zu finden, und desto aufwendiger ist es, es zu bergen. Von dem tapirähnlichen Lophiodon hat man zwar über hundert Exemplare ausgegraben, aber nur drei bis vier davon sind vollständige Skelette. Dafür hat man viele sehr feine, zarte Dinge geborgen: Laub mit erhaltenem Chlorophyll, Insekten mit bunt schillernden Flügeldecken, als Latex erhaltene fellartige Baumrinde, Eierschalen mitsamt dem das Nest bewachenden Krokodilweibchen. Der Großteil der Pflanzen, schätzungsweise 5000 bis 7000 Objekte, wurde an das Naturkundemuseum Berlin gegeben, weil es damals die größere Expertise besaß. 50.000 Funde verblieben in Halle. Eine Auswahl davon kann man heute dort im Geiseltalmuseum sehen.

Das Museumsgebäude ist ein massiver, festungsartiger Bau, der am Domplatz thront. Der Raum, in dem das Museum untergebracht ist, wurde zwischen 1537 und 1539 als Allerheiligenkapelle gebaut. Mit seinen hohen Wänden und dem altarartigen Erker wirkt er noch immer Ehrfurcht einflößend und passt eigentlich genau für das Imposante, was es hier zu sehen gibt.

Gleich wenn man eintritt, steht man vor dem mannshohen Skelett eines Vogels. Es erinnert weniger an das eines Straußes oder Emus, obwohl es ein großer Laufvogel war. Vielmehr hat es etwas von einem langgestreckten Dodo, der Körper wirkt kompakt, die Beine stämmig und der Schnabel massiv, dem eines Tukans gleich. Gastornis heißt die Gattung, die es sowohl in Europa als auch in Nordamerika gab. Insgesamt hat man rund drei Dutzend Fragmente von neun Individuen im Geiseltal gefunden. Nirgendwo in Europa gibt es mehr.

Gleich neben ihm steht das Skelett eines Krokodils, allerdings mit längeren Beinen, die direkt unter dem Körper stehen, nicht wie bei heutigen Krokodilen seitlich am Körper. Am Ende der Beine finden sich auch keine Krallen, sondern runde Zehen, die auf Hufe hindeuten. Man geht davon aus, dass dieses Landkrokodil namens Boverisuchus magnifrons einer der gefährlichsten Räuber der damaligen Zeit war. Vermutlich konnte es bis zu 40 Stundenkilometer schnell rennen. Seine Zähne ähneln denen von Raubdinosauriern, ...


Pia Volk Geographin, Ethnologin und Journalistin, erkundet von Leipzig aus seltsame Orte und Geschichten. Ihre Texte sind u.a. von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT veröffentlicht.

Lukas Wossagk ist Illustrator und Grafiker. Er hat verschiedene Bücher für C.H.Beck illustriert. Seine größte Leidenschaft gilt der Seefahrt und maritimen Motiven.



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