Volk | Unverhofft ins Glück | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Reihe: LYX.digital

Volk Unverhofft ins Glück


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8025-9778-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Reihe: LYX.digital

ISBN: 978-3-8025-9778-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine romantische Kurzgeschichte (nicht nur) zum Valentinstag! Daniela wurde letztes Jahr, genau zum Valentinstag, von ihrem Freund und Chef betrogen und verlor augenblicklich ihren Job. Seitdem hält sie sich gezwungenermaßen mit Taxifahren über Wasser und will dieses Jahr nur eins: den Valentinstag ignorieren. Gar nicht so einfach, wenn im Radio die Schnulzen dudeln und die Fahrgäste mit Rosensträußen unterwegs sind. Doch dann steigt Jan ein - ohne Blumen, aber auf der Suche nach einer spontanen Begleitung zur Silberhochzeit seiner Eltern. Daniela lässt sich überreden, und schon steht ihr Gefühlsleben völlig Kopf ...

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2


Als ich in den Hof zur Taxizentrale einbiege, höre ich Bruno schon brüllen. Bruno brüllt meistens. Wann er sich das im Laufe seines Daseins als Chef des Taxiunternehmens Roller angewöhnt hat, weiß keiner. Seit ich bei Roller arbeite, brüllt er jedenfalls. Der kleinste Anlass ist für ihn Grund genug, seine Stimme zu erheben, und manchmal brüllt er auch ohne erkennbaren Anlass. Meistens jedoch steht er unter Druck, weil ihm die Realität in die Quere kommt. Ein Fahrer kann den Weg zwischen Bahnhof und Friedhof oder zwischen Bahnhof und Grillstube eben nicht in drei Minuten zurücklegen, auch wenn Bruno das gern so hätte. Mein Kollege Florian steht mit hängenden Schultern vor der Theke und wartet darauf, dass Bruno sein Telefongespräch beendet und ihm den heutigen Wagen zuteilt. Der Fahrer am anderen Ende der Leitung jedoch scheint sich verfahren zu haben, und das Gespräch kann dauern. Brunos Doppelkinn zittert, und er fährt sich ständig nervös über die glänzende Glatze. Florian dreht sich jetzt zu mir um. »Ich weiß nicht, ob Bruno das diesmal überlebt«, flüstert er mir zu. »Guck dir mal die Halsschlagader an!«

»Und dann erst die pochende Ader auf der Stirn«, gebe ich flüsternd zurück. »Aber er wird’s schon überleben, der ist doch im Training – schließlich regt er sich täglich so auf.« Florian macht sich immer sofort Sorgen um die Gesundheit – um seine eigene und die anderer Leute. Fiese Zungen sagen, er sei ein ausgewachsener Hypochonder. Jetzt kehrt er der Theke ganz den Rücken zu. »Wenn ich mir vorstelle, wie ich bei Bruno Mund-zu-Mund-Beatmung machen muss, wird mir todschlecht«, informiert er mich leise.

»Wer sagt, dass wir das machen müssen, wir können ihn doch auch einfach liegen lassen«, gebe ich herzlos zurück.

Während Florian mich noch geschockt anstarrt, knallt Bruno endlich den Hörer auf die Gabel des vorsintflutlichen Telefons mit Wählscheibe. »Morgen, die Herrschaften! Braucht jemand neue Quittungsblöcke? Florian, du nimmst Wagen sieben, Daniela nimmt die acht.«

»Okay, aber dann muss ich erst mal staubsaugen«, erkläre ich. Den Achter hat vor mir nämlich meistens Manfred gefahren, der von allen nur Mampfred genannt wird, weil er permanent isst. Mir wäre das ja egal, wenn er den Wagen sauber hinterlassen würde. Stattdessen gammeln Krümel, abgefallener Wurstbelag und andere undefinierbare, biologisch mehr oder weniger abbaubare Essensreste irgendwo zwischen Gangschaltung und Fahrersitz vor sich hin und lassen das Fahrzeug stinken. So etwas interessiert Bruno überhaupt nicht. Aber er muss ja auch nicht acht bis zehn Stunden lang in der Kiste ausharren. »Dann beeil dich aber, Daniela, am Bahnhof fehlen Fahrer!«

»Ja, ja«, knurre ich. Am Bahnhof fehlen immer dann Fahrer, wenn Bruno gerade eine seiner Kontrollfahrten gemacht hat, um die Lage zu peilen. Fünf Minuten später parken eventuell schon wieder so viele Taxis vorm Bahnhof, dass man sich fast um die letzte Haltebucht prügeln muss.

Florian will gerade in den Siebener steigen, als Bruno ihn aufhält. »Florian, du kannst gleich zum Krankenhaus fahren und einen Herrn Müller auf Station sieben abholen, der will in die Marienstraße!«

Florian wirft mir einen verzweifelten Blick zu. Mir ist sein Problem klar, Bruno jedoch ahnt nichts davon. Florian kriegt im Krankenhaus die Panik. Auch wenn ihm keiner was aufschneiden will, sondern er bloß einem entlassenen Patienten den Koffer tragen soll und das Gebäude nach zwei Minuten wieder verlassen kann. In einer ruhigen halben Stunde vor dem Bahnhof hat er mir mal anvertraut, dass er das Krebsgeschwür schon bei sich wuchern spürt, wenn er nur das Schild Strahlentherapie liest. Und als er mal ein blutbeflecktes Laken in einem abgestellten Gitterbett am Ende eines Krankenhausflurs entdeckte, wurde ihm so schlecht und seine Gesichtsfarbe so fahl, dass eine resolute Krankenschwester ihn auf der Stelle untersuchen wollte. Er konnte sich in letzter Minute aus ihren Klauen befreien und versucht seitdem mit allen Mitteln, um solche Aufträge herumzukommen.

»Äh – ich hab vorhin auf dem Hinweg einen Mann vor dem Saalbau winken sehen, der hat bestimmt ein Taxi gesucht, da wollte ich mal schnell hin«, macht Florian den Versuch, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Da liegt er bei Bruno gar nicht so falsch, denn der wittert Kunden gern überall. »Dann aber schnell, sonst hat den doch sofort die Konkurrenz abgegriffen!«, brüllt er. Dann krallt er sich das Funkgerät: »Zentrale Roller an Wagen eins bis acht, ist jemand in der Nähe vom Krankenhaus?«

Ich schalte den Sauger in der Garage an, und Brunos weitere Worte werden vom Lärm des veralteten Geräts verschluckt, während Florian eilig den Motor anlässt und vom Hof rollt.

Kaum habe auch ich die Einfahrt zur Taxizentrale verlassen, als Bruno mich schon durch den Funk brüllend in die Alte Straße schickt. »Alles klar«, gebe ich zurück. »In zehn Minuten Alte Straße siebzehn, Herr Schirmer zum Bahnhof.« Hoffentlich fährt sein Zug nicht in fünfzehn Minuten. Es gibt allzu viele Leute, die erst im Taxi feststellen, dass sie eine viel zu knappe Planung betrieben haben und einen dann am liebsten für jede rote Ampel persönlich verantwortlich machen.

Bei der Einfahrt in die Alte Straße bleibe ich schon mal vor einer Baustellenampel stehen, die letzte Woche noch nicht da war. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit springt sie auf Grün. Herr Schirmer steht schon samt Köfferchen vor seiner Haustür. Wenigstens muss ich ihn nicht rausklingeln wie so manche andere Fahrgäste, denen erst dann wieder einfällt, dass sie einen Wagen bestellt haben, wenn man sich lautstark bemerkbar macht.

Der Mittvierziger jedoch steigt zügig auf der Beifahrerseite ein und legt sich sein Köfferchen auf den Schoß. »Einmal zum Bahnhof, bitte.«

Tja, denke ich, zweimal hätte ich dich da auch schlecht hinfahren können. Dann guckt er mich schelmisch von der Seite an und klopft mit der flachen Hand auf sein ledernes Handgepäckstück. »Wollen Sie mal wissen, was ich hier wohl drin habe?«

»Nein.«

Überrascht ruckt er mit dem Kopf, schiebt dann schmollend die Unterlippe vor und starrt durch die Windschutzscheibe. Ich weiß, ich bin nicht die Königin des Small Talks, aber ich habe wenigstens die Wahrheit gesagt. Ob der Typ nun Edelsteine oder Unterhosen in seinem Lederköfferchen transportiert – es interessiert mich nicht die Bohne. Ich schalte gewohnheitsmäßig das Radio an. Der aufgekratzte Moderator von heute Morgen ist leider immer noch im Dienst. Ich höre noch sein übergeschnapptes »… euch allen ganz viel Spaaaaß!!!«. Dann lässt er Joe Cockers Schmalz durch die Region wabern, der irgendeiner Angebeteten mit seinem »You are so beautiful« wohl einst eine wichtige Botschaft übermitteln wollte. Genervt schalte ich wieder aus. »Nein, lassen Sie das doch an!«, meldet sich nun mein Fahrgast zu Wort. »Ich höre das gerne.«

»Ich aber nicht«, stelle ich klar.

»Aber wenn ich mir das jetzt noch mal anhöre, kann ich das vielleicht am Samstag vorsingen! Wissen Sie, ich fahre für ein paar Tage weg und verbinde das Berufliche mit dem Schönen. Ich bin da nämlich mit einer Dame verabredet, die ich im Internet kennengelernt habe. Und hier in meinem Köfferchen, da habe ich Champagner drin! Den trinken wir am Valentinstag! Wenn das kein toller Einstieg für eine gelungene Beziehung ist, ja, dann weiß ich auch nicht.«

»Ach, wissen Sie, für manche ist der Valentinstag auch ein ganz toller Ausstieg aus einer Beziehung«, kann ich mir nicht verkneifen zu antworten, während ich die Schlaglöcher in der Alte Straße zackig umfahre. Dann beiße ich mir auf die Lippen. Wenn der Typ jetzt nachhakt, habe ich mir ein Eigentor geschossen. Gespräche über mein Privatleben mit Fahrgästen habe ich mir zum persönlichen Tabu erklärt. Und ein Rückblick auf den Tag des Grauens vor ungefähr einem Jahr ist ein Doppeltabu. Einzig und allein Lena weiß, was ich damals wirklich erlebt habe. Der vierzehnte Februar hatte für mich voller Vorfreude begonnen, denn es war der Tag der Agenturparty, die Chris für alle Mitarbeiter und für befreundete Agenturen und Kollegen aus weiteren kreativen Kreisen stattfinden ließ. Er wollte den dritten Geburtstag seiner erfolgreich gegründeten Agentur gebührend feiern. Ich hatte mir ein tolles schwarzes Kleid und neue Pumps gegönnt und erledigte noch am Vormittag gut gelaunt und energiegeladen eine ganze Menge Arbeit am Agentur-Schreibtisch. Ich freute mich auf den Abend und fand es cool, dass ich für die Party keinen Handschlag tun musste. Denn Chris hatte großzügig einen Raum angemietet und nicht nur eine Band, sondern auch ein Catering-Unternehmen engagiert. An selbst gemachte Häppchen wie zu Studentenzeiten war hier nicht zu denken. Am frühen Abend konnte ich mich sogar noch der Herstellung des essbaren Slips widmen und fand mich ungeheuer kreativ, originell und verführerisch.

Chris und befreundete Kreative lieferten am Partyabend eine tolle Show der besten Wettbewerbsbeiträge für Werbeaufträge sowie lustige kleinen Filme von der Arbeit hinter den Kulissen. Ich tanzte mit Chris, und wir knutschten sofort, als es einen kleinen technischen Defekt gab und das Licht für wenige Minuten ausfiel. Für mich war es nicht nur der dritte Geburtstag der Agentur Blick&Klick, sondern, viel wichtiger, der Tag des sechsmonatigen Bestehens meiner Beziehung mit Chris. Als ich in die Agentur eingestiegen war, hatte ich mir bei Chris Bohrmann gar keine Chancen ausgerechnet und war auch nicht darauf aus gewesen, den Agenturchef um den Finger zu wickeln. Vielmehr wollte ich endlich etwas tun, das meinem Talent entsprach, nachdem ich...


Volk, Katharina E.
Katharina E. Volk wurde in Witten an der Ruhr geboren. Sie begann ein Germanistikstudium, machte dann eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und arbeitet heute als Autorin am Bodensee, wo sie erfolgreich Romane für Leser aller Altersgruppen schreibt.

Katharina E. Volk wurde in Witten an der Ruhr geboren. Sie begann ein Germanistikstudium, machte dann eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und arbeitet heute als Autorin am Bodensee, wo sie erfolgreich Romane für Leser aller Altersgruppen schreibt.



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