E-Book, Deutsch, 434 Seiten
Volkmann Das schwarze Uhrwerk
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95991-947-0
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 434 Seiten
ISBN: 978-3-95991-947-0
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magali Volkmann, geboren 1993 im sagenträchtigen Harz, ist seit ihrer Kindheit dem Phantastischen verbunden. Kein Wunder also, dass das Schreiben schon früh wie das Atmen für sie wurde - nur wichtiger. Aber das war nicht genug kreatives Machen: Nach einer Ausbildung zur Grafikdesignerin verschlug es sie direkt zu einem Designstudium ans Bauhaus Dessau. Danach zog es sie in ihre Heimatregion zurück, wo sie nicht nur mit einem Geschwader Hauskatzen und gefährlich schwankenden Bücherstapeln zusammenlebt, sondern auch seit Anfang 2017 als Designerin, Barista (und was immer die Situation noch erfordert) tätig ist. Wenn sie gerade nicht mit dem Schreiben beschäftigt ist, begeistert sie sich für die Fotografie, das Reisen und bringt auf dem Heimweg Inspirationen für neue Geschichten mit.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 12
Zwischenspiel
Einladung zum Tanz
Hallo, Carive. Ich belästige dich ungern, aber es gibt etwas, worum ich dich bitten muss. Schick einen Brief an den Präsidenten der Steinernen Garde. Sag ihm, dass ich am Ende der Woche die Dreizehn Stunden erwarte. Sie sollen sich auf den Metallhängen einfinden; Aryon weiß, was damit gemeint ist. Er wird mich nicht enttäuschen.
Erzähl niemandem, was du gelesen hast. Lass die Bücher nicht herumliegen.
Lies sie rasch zu Ende.
Stirnrunzelnd senkte Carive das Papier. Die Metallhänge lagen im Norden der Insel, jenseits des Vulkans; umgeben von Dörfern und tropischen Wäldern wurde dort ausrangiertes Funkenmetall gelagert. Vielleicht wollte der Schatten auch die Stunden verschrotten; sie alle waren der Tradition nach Hybriden. Und sie konnte Aryon in der Ruine aufsuchen, ihn irgendwie freilassen, um Kyrons Wünsche zu erfüllen …
Ich sollte aufhören, ihn Kyron zu nennen, sagte sich Carive. Er heißt Taiden. Taiden Belarron.
Trotzdem starrte sie eine Weile auf die Karte in ihrem Schoß, fragte sich, was der Schatten wohl mit diesem Befehl bezwecken mochte. Die Dreizehn Stunden waren die oberste Gewalt der Inseln; sie trugen die Verantwortung für die Gesetze, die Gefängnisse, die Gehirndrähte als Mittel der Züchtigung. Einmal hatte Carive im Rahmen ihres Studiums einen Prozess beobachtet, bei dem eine der Stunden den Vorsitz innegehabt hatte. Die Angeklagten hatten eine Statue des Zinnhybriden geschändet, als sie betrunken gewesen waren, hieß es.
Sie saßen seit drei Jahren im Gefängnis und dreißig weitere lagen noch vor ihnen.
Carive seufzte. Legte die Tagebücher in ihre Schublade, ehe sie sich auf ihrem kargen Nachtlager einrollte. Morgen würde sie sich um den Befehl des Schattens kümmern. Das war ihre Pflicht …
Seltsamerweise fühlte sich Carive wie gerädert, als sie mit dem Sonnenaufgang erwachte. Sie spürte ein Kribbeln auf der Haut, das bis in ihren Schädel strahlte; aber sie versuchte, nicht darauf zu achten, ging in den Tanzsaal hinunter und ließ sich eine Schüssel Suppe geben. Eine dünne Brühe, kaum mehr als Wasser. Sie zog sich damit in eine Ecke zurück, während sich die anderen Rebellen um Feuerschalen scharten. Bestimmt würden sie Carive nur anstarren, wenn sie sich zu ihnen gesellte. Bestimmt würde das genügen, damit sie wieder einmal den Mut verlor und sich zurückzog, irgendwohin, wo niemand auf ihre Narben starren oder ihr gehässige Worte an den Kopf werfen konnte.
Wenn bloß ihre Familie hier gewesen wäre. Carive dachte an ihre Mutter, die gewiss einen fröhlichen Scherz über ihre Lage gemacht hätte; an ihren Vater, dessen Geschichten selbst die dunkelsten Tage in ihrem Heimatviertel aufzuhellen vermochten. Das Uhrwerk mochte keine Ailionier, doch sie hatte versucht, trotzdem so viel wie möglich aus ihrem Leben zu machen. Nicht, um es ihnen zu zeigen.
Sie hatte es für den einzigen Weg gehalten, ihre Eltern zu finden, bis der Schatten in den Vulkan gekommen war.
Etwas rieb an ihrem Bein. Ein schwarzer Kater, einer von Hunderten in der Ruine; Taiden hatte sie willkommen geheißen, da sie das Ungeziefer fernhielten. Carive tauchte zwei Finger in ihre Suppe und hielt sie dem mageren Fellbündel hin. Das Tier leckte ihr die Fingerkuppen ab. Carive kraulte lächelnd seinen Kopf, doch nach wenigen Augenblicken sträubte sich sein Fell und der Kater rannte fauchend davon.
»Tut mir leid«, hörte sie Kanra sagen. »Er muss gerochen haben, was ich bin. Tiere hüten sich vor Aliamen.«
»Schon gut«, sagte Carive leise.
Es raschelte, als sich das Halbblut neben sie setzte. Wie üblich trug Kanra einen Anzug, aber seine Ärmel waren hochgekrempelt und offenbarten je zwei Linien aus Schwarz und Rot, die sich von seinen Handgelenken bis in seine Armbeuge zogen.
»Was bedeuten diese Tätowierungen?«, fragte sie.
Kanra blickte auf seine Unterarme. »Ach, nicht viel. Die Aliamen vom Kontinent lassen sich tätowieren, damit sie einander auch in verschiedenen Körpern erkennen können. Meine Verwandten von den Inseln taten so etwas nicht. Die Gestalt zu verändern war verpönt, ihre Gesellschaft dekadent. Sie haben sich mit Menschen verglichen, hielten sich für besser als sie und haben teuer dafür bezahlt.«
Carive nahm diese Worte mit einem Nicken hin. Ein unangenehmes Gefühl wühlte in ihrer Magengrube. Niemand besuchte sie jemals, um einfach mit ihr zu reden; er musste irgendetwas beabsichtigen, wollte sie vielleicht quälen wie alle anderen Rebellen auch.
»Warum sitzt du allein hier, Karotte?«
Carive versteifte sich. »Nicht so wichtig.«
Kanra musterte sie über den Rand ihrer Brillengläser hinweg. Prüfend. Sie merkte, dass ihr unbehaglich davon wurde, wandte den Blick jedoch nicht ab.
»Ich fühle mich unwohl bei den anderen«, gestand sie schließlich. »Ich habe so viele Narben um die Augen. Niemand möchte das sehen. Die Leute starren mich an, sie … lachen darüber, machen Witze …«
»Ärgert es dich?«, fragte Kanra. »Ärgern dich Menschen, die andere verletzen, nur weil sie es können?«
Carive dachte darüber nach. Es hatte Tage gegeben, an denen sie das Lachen ihrer Peiniger nicht aus dem Kopf bekommen hatte. An denen sie sich fragte, ob sie jetzt verrückt werden würde, in den Wahnsinn getrieben von hämischen Worten wie bösen Streichen. An denen sie sich gewünscht hatte, dass das Unaussprechliche mit ihnen geschah.
An denen sie auf das Verderben ihrer Peiniger hoffte.
»Sehr sogar«, sagte sie leise.
»Und dennoch hast du dich für den Präsidenten der Steinernen Garde eingesetzt. Weißt du denn nicht, wie uns diese wertlose Uhrwerkskreatur gejagt hat? Jedes Luftschiff über der Ruine ist auf seinen Befehl hergekommen.«
Carive blickte in ihre Suppenschüssel. »Ich habe die Luftschiffe von meinem Fenster aus gesehen, aber ich wusste nicht, wer sie geschickt hat. Ich bin noch nicht lange auf den Beinen, ich hatte Tuberkulose …«
»Ich weiß«, sagte Kanra. »Du kannst von Glück reden, überlebt zu haben.«
Carive schluckte schwer; es erschreckte sie, dass Kanra so viel Wissen über sie besaß. Doch er war auch einer von Taidens engsten Beratern. Die rechte Hand, die er nicht hatte. Es musste etwas an ihm geben, was den Schatten veranlasst hatte, ihm zu vertrauen.
»Ich muss Aryon besuchen«, murmelte Carive.
Kanra sah sie scharf an. »Warum?«
»Weil …« Carive atmete schwer aus. »Kyron hat mir eine Aufgabe hinterlassen. Ich muss mit Aryon sprechen, um sie zu erfüllen.«
»Ich hatte nie den Eindruck, dass ihr euch nahesteht.«
»Tun wir auch nicht«, räumte Carive ein. Nur ein einziges Mal war sie mit dem Schatten durch die Stadt gewandert, und damals hatte es sich fast so angefühlt, als sei sie keine Maus im großen geschwärzten Ceratari. »Ich darf nicht darüber reden.«
»Das dachte ich mir«, sagte Kanra trocken. »Aber warum ausgerechnet du? Wenn es wichtig ist, hätte Kyron es Naris oder mir aufgetragen.«
»Ich weiß nicht«, sagte Carive schwach. »Ich habe Taiden nie wirklich …«
Sie schlug sich die Hand auf den Mund, doch es war zu spät. Kanras Augen verengten sich, und dann beugte er sich so nahe an Carive heran, dass sie unwillkürlich nach hinten rückte.
»Woher kennst du seinen Namen?«
»Ich habe seine Tagebücher«, stieß Carive hervor.
»Tagebücher? Von jemandem, der mit der rechten Hand nicht schreiben kann?« Sie spürte Kanras Atem auf den Wangen, als er die Lippen zu einem messerscharfen Lächeln verzog. »Du solltest dir bessere Lügen ausdenken, Carive.«
Carive begann zu zittern. Wurde um jede Antwort verlegen. Kanra betrachtete sie mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln, als gefiele ihm ihr Zittern, ehe er sich zurückzog.
»Du könntest eine Fälschung bekommen haben.«
»Nein … nein.« Warum sollte sich jemand die Mühe machen, eine so umfangreiche Lebensgeschichte zu fälschen? »Sie sind echt. Und ich muss zu Aryon. Bitte.«
»Ich bin nicht taub«, gab Kanra zurück. »Er ist der Präsident der Steinernen Garde. Wenn er nicht schwer bewacht wird, bin ich kein Albino mehr.«
»Ich muss es schaffen. Taiden will es so.«
»Taiden wollte viele Dinge, und die meisten waren entweder ungesund oder idiotisch.« Kanra lächelte. »Nun gut. Wenn es dem Uhrwerk wehtut, werde ich dir helfen.«
Carive biss sich auf die Unterlippe. »Was haben sie dir angetan?«
Sie wusste sofort, dass sie die falsche Frage gestellt hatte. Kanra spannte sich an, wurde noch blasser als sonst; und für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie, dass er sie einem Raubtier gleich anfauchen würde, ehe er sich wieder unter Kontrolle hatte.
»Vor sechzig Jahren«, flüsterte er, »gehörte dieses Land noch meinem Volk. Der Zinnhybrid hat es uns abgenommen und Tausende von Aliamen abgeschlachtet, aber das Uhrwerk hält bis heute Gefangene im Vulkan fest. Sie haben meine Familie, Karotte. Ich bin der letzte freie Aliam der Dreizehn Inseln.«
»Deine Familie?«,...




