E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Vollenberg Alles schläft, Hausfrau wacht.
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-4895-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
24 lustige, skurrile und besinnliche Geschichten zum Weihnachtsfest und zum Jahreswechsel
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-6951-4895-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1953 in Dorsten geboren, Schülerin der Ursulinen, studierte Betriebswirtschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum. Mehr als dreißig Jahre führte sie mit ihrem Ehemann ein Architekturbüro in Gladbeck. Sozial stark engagiert galt ihre Aufmerksamkeit besonders Kindern und Jugendlichen. Neben Job und Familie arbeitete sie zwölf Jahre im offenen Ganztag an einer katholischen Grundschule. Sie gibt heute noch Einstiegskurse in das kreative Schreiben für Kinder und Jugendliche, gelegentlich auch für Erwachsene. Ihre Liebe gehört dem Krimi und dem Verfassen von Reise-Geschichten. Sie ist Mitglied der Mörderischen Schwestern, einem Verein für Krimiliebhaberinnen und Mitglied im Bundesverband junger Autoren.
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Alles schläft, Hausfrau wacht.
Wir standen in der geöffneten Haustür und winkten den letzten Besuchern nach, die in der dunklen sternenklaren Nacht verschwanden. Sie überließen uns den Spuren eines weihnachtlichen Konsumterrors.
»Im nächsten Jahr machen wir alles anders«, flüsterte Frank mir zu und nahm mich in den Arm.
»Wir werden den Heiligen Abend nicht zu Hause verbringen. Versprochen! Wir werden keine Nordmanntanne kaufen, auch wenn sie der beliebteste Baum der Deutschen ist. Wir werden auch keine Fichte einer Weihnachtsbaumplantage in Dänemark nehmen und damit die CO2-Bilanz entlasten. Folglich werden wir keinen Christbaum schmücken. Wir werden keine Gans auf dem Wochenmarkt bestellen, weil wir nicht wissen, ob das Tier auch artgerecht gehalten wurde, egal, ob es von einem ungarischen, polnischen oder deutschen Geflügelhof kommt. Somit wird kein Braten in unserer Röhre brutzeln.«
»Außerdem werden wir den Backofen nicht mühsam reinigen müssen«, fügte ich hinzu.
Frank zog mich ins Haus zurück und schloss leise die Tür hinter uns. Ein Schauer lief mir über den Rücken, weil ich in meinem edlen Cocktailkleid fröstelte, das einen dicken Weinfleck und mehrere Fettspritzer der Gans abbekommen hatte. Die Wärme der überhitzten Räume, die mir entgegenschlug, war angereichert von Zigarettenqualm und Bratengeruch.
Onkel Piet hatte sich, während unser Jüngster missmutig in die Blockflöte gepustet hatte und das Weihnachtslied seinem Musikinstrument entlocken wollte, die erste Zigarette angesteckt. Ich hatte Frank einen auffordernden Blick zugeworfen, der ihm signalisieren sollte, seinen Onkel zu bitten, den Glimmstängel wieder auszumachen. Er hatte nur die Schultern gezuckt. Was erwartest du von mir, hatte ich in diese Geste hineininterpretiert. Er wird Rauchen und Nichtrauchen wieder zum Thema des Abends machen, dachte ich. Unstimmigkeiten und Diskussionen wollte ich vermeiden, es ist doch schließlich Heiligabend. Ich hatte mit meinem Kopf eine Bewegung Richtung Fenster gemacht und Frank stumm aufgefordert, dieses zu öffnen. Er wartete, bis die letzten schrägen Töne der Blockflöte verklungen waren und dann stand er auf. Oma sang mit ihrer zitternden brüchigen Stimme gerade die dritte Strophe des Liedes, allerdings ohne musikalische Begleitung. Sie applaudierte ihrem Urenkel und forderte Frank auf, das Fenster wieder zu schließen, da sie sehr empfindlich auf Zugluft reagieren würde.
Wir gingen in die Küche. Ein wahres Schlachtfeld. Schmutziges Geschirr stapelte sich überall. Gläser standen auf jeder freien Fläche. Der Boden klebte. Essensreste hafteten auf den Tellern und verkrustete Schüsseln und Töpfe standen auf der Spüle. Auf den Stühlen häuften sich Tüten mit zerknülltem Geschenkpapier. Überall entdeckte ich leere Flaschen. Sie hatten beim Rotwein ordentlich zugeschlagen. Es war ein erlesener Tropfen. Zu Weihnachten nur das Beste. Alle Gäste hatten helfen wollen und das Geschirr in die Küche gebracht und es wahllos abgestellt. Piet hatte sogar seinen gut gefüllten Aschenbecher neben der Spüle deponiert.
»Wir werden keine Verwandten mehr einladen, auch, wenn sie sich ein Weihnachtsfest ohne strahlende Kinderaugen nicht vorstellen können, und unsere Kinder ihnen diesen Anblick liefern müssen. Wir werden keinen Zigarettenrauch mehr in unserem Haus dulden. Wir werden keine Weihnachtsgäste empfangen und somit auch keine Gegenbesuche machen müssen, auch wenn Weihnachten das Fest der Liebe und der Familie ist. Wir werden keines unserer Kinder mehr zwingen, Weihnachtslieder zu singen, auf der Blockflöte zu spielen und Gedichte aufzusagen, nur weil Oma in diesem Teil der Weihnachtstradition verankert ist.«
Frank nahm mich wieder in den Arm, weil er merkte, dass der Anblick dieses Chaos mir die Tränen in die Augen trieb.
»Komm, ich helfe dir, wir machen schnell gemeinsam Klarschiff.«
Ich legte meinen Kopf auf seine Brust und er umschloss mich mit seinen Armen. Schnell, welch naive Vorstellung. Es würde Stunden dauern, bis alles wieder so war, wie ich es mir wünschte. Stille Nacht, Heilige Nacht, dachte ich, die stille Nacht der Hausfrauen.
Als Frank zwei Stunden später ins Bett ging, hätte ich gerne noch den Staubsauger aktiviert, kurz durchgewischt, die Spülmaschine angestellt und die riesige Anzahl von Mülltüten, die in der Diele stand, in den Container gebracht. Doch die Geräusche von den Deckeln klappernder Mülltonnen hätten die Stille der Nacht nur gestört. Ich war so aufgewühlt, dass ich nicht sofort einschlafen konnte.
In den Morgenstunden träumte ich von einer riesigen Nordmanntanne, grandios geschmückt, im Foyer eines gemütlichen Hotels. Wir saßen an einem festlich gedeckten Tisch und uns wurde ein Gänsebraten serviert, den ich nicht zubereitet hatte. Mein Kleid hatte keine Flecken. Im Hintergrund spielte leise Weihnachtsmusik und der Duft von Weihnachtspunsch und Zimt lag in der Luft. Am Weihnachtsmorgen empfingen uns schneebedeckte Berge vor einem strahlend blauen Himmel und wir starteten in einen fantastischen Skitag.
Im September des Folgejahres begann ich unsere Verwandtschaft darauf vorzubereiten, dass wir mit den Traditionen brechen und an Weihnachten nicht zu Hause sein würden. Wir würden uns zum Fest der Liebe einen Skiurlaub schenken, und sobald die Schulen ihre Tore schlossen, würden wir unsere Kinder ins Auto einladen und noch vor dem Fest starten. Frank überließ mir die Angelegenheit mit der Verwandtschaft und ich formulierte unser Ansinnen geschickt, ohne den wahren Grund zu nennen. Ich hoffte auf Verständnis und geteilte Vorfreude auf einen schönen Winterurlaub. Aber nichts als Unverständnis wurde mir entgegengebracht und ich wurde mit Vorwürfen bombardiert.
Meine Eltern betrachteten es als Katastrophe, ihnen ihre Enkelkinder zum Fest zu entziehen. Oma ließ uns durch meine Mutter ausrichten, dass wir unverschämt und selbstsüchtig seien und gab uns mit auf den Weg, über ihr Alter nachzudenken. Vielleicht sei gerade dieses Weihnachtsfest ihr letztes. Onkel Piet merkte an, dass es ein billiges Weihnachtsfest werden würde, weil er ohne Einladung auch keine Geschenke für unsere Familie bereithalten würde.
Seine Frau maßregelte ihn. »Selbstverständlich bekommen die Kinder ihre Geschenke. Leider sehen wir dann nicht das Strahlen in ihren Augen beim Auspacken«, sagte sie und präsentierte mir eine sehr traurige Miene. »Wenn wir ja eigene Enkel hätten …«, schob sie noch nach, » aber leider, leider … bestraft uns nur für unsere Kinderlosigkeit.«
Ich beriet mich mit meiner Mutter. Sie schlug vor, am ersten Weihnachtsfeiertag in den Schnee zu fahren und den Heiligen Abend im Kreis der Familie zu verbringen, wie in den Jahren zuvor auch.
»Wir verzichten auf die Gans«, sagte sie. »Wir machen ein Fischbuffet und jeder bringt eine Kleinigkeit mit. Dann hast du nur halb so viel Arbeit und abends werden alle schnell mithelfen.«
Einen Monat ging ich mit diesem Gedanken schwanger, am ersten Feiertag unseren Weihnachtsurlaub anzutreten. Dann sprach ich mit Frank. Er stärkte mir nicht den Rücken gegen diesen Vorschlag, er fand, es sei eine gute Idee und lobte den Kompromiss.
»Ich kümmere mich komplett um den Wagen, die Winterreifen, die Schneeketten und die Skier«, versprach er. Diese Aufgaben hatte ich ihm sowieso zugedacht.
Meine Mutter beglückwünschte mich zu der Entscheidung. Ich mutierte zur liebsten Tochter, zur besten Schwiegertochter und zur verständnisvollsten Enkelin. Niemand schien zu bemerken, dass ich die einzige Tochter, Schwiegertochter und Enkelin war und sich dahinter auch das eigentliche Problem verbarg.
Schnell stellte ich fest, dass die Entscheidung nicht die richtige im Sinne von Weihnachtsstressvermeidung war. Die Kinder erwarteten trotzdem Geschenke, denn wenn alle zur Bescherung beisammensaßen, musste für die Kleinen auch etwas zum Auspacken dabei sein. Die Geschenke sollten möglichst klein sein, denn wenn sie mit in den Urlaub genommen werden sollten, mussten sie in das Auto hineinpassen, das bis an die Grenze beladen sein würde. Onkel Piet musste ich die Carrera-Bahn ausreden und sah ihm die Enttäuschung an.
Ich wusch eine Maschine Wäsche nach der anderen, bügelte zwischendurch und packte die Koffer. Schließlich musste ich mit den beiden Großen in die Stadt, weil die Skiunterwäsche nicht mehr passte, und sie aus den Skianzügen herausgewachsen waren. Meine erstellten Listen waren lang und ich arbeitete sie sorgfältig ab, damit keines unserer drei Kinder auf der Piste ohne Handschuhe oder Mütze stehen würde. Die Suche nach den Skibrillen war erfolglos und unsere Tochter brauchte einen neuen Helm.
Frank wusste nicht mehr, wo er die Schneeketten gelagert hatte. Gestern standen sie noch links neben der Kellertür. Sie waren einfach unauffindbar. Ich fuhr also zum ADAC und besorgte uns neue Ketten, weil Frank zu den normalen Öffnungszeiten dieser Gesellschaft leider unabkömmlich war. Für diese Aktion benötigte ich zwei Tage, da ich bei meinem ersten Besuch die...




