von Wyl | Land ganz nah | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

von Wyl Land ganz nah

Ein Heimatroman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-906913-15-5
Verlag: Lector Books GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Heimatroman

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-906913-15-5
Verlag: Lector Books GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein improvisiertes Flüchtlingscamp im Zürcher Hauptbahnhof, ein eskalierender Wahlkampfauftakt der Rechtspopulisten, ein Anschlag auf eine eritreische Familie sowie zwei Mittzwanziger, die nicht zusammenfinden: Das sind die tragenden Elemente, auf denen Benjamin von Wyl eine melancholische und brisante Bestandsaufnahme seiner Schweiz wagt. Ein entfremdeter Mittzwanziger trifft sich mit einer nicht entfremdeten Mittzwanzigerin nach einer libidinösen Zusammenkunft auf der Dreirosenbrücke in Basel. Sie kommen zusammen und dann doch wieder nicht. Gleichzeitig steigen einige Flüchtlinge im Railjet von Wien nicht mehr in Salzburg um, sondern bleiben bis Zürich sitzen. So bildet sich ein Flüchtlingsghetto in der Zwischenebene des Zürcher Hauptbahnhofs. Die Schweizer Behörden und die SBB setzen auf Isolation. Die Situation kocht über, als die SVP ihren Wahlkampfauftakt im Hauptbahnhof feiert. Ein Konflikt zwischen einem SVP-Sympathisanten und einem Jugendlichen sorgt für eine Politisierung der urbanen Subkulturen. Dazu begründet die junge Basler Großrätin Manna del Rey eine neue politische Bewegung. Die Flüchtlinge brechen aus; eine Zeltstadt auf dem Platzspitz entsteht. Nach einem Brandanschlag auf eine eritreische Familie folgt die Eskalation. Gewalttätige Konfrontationen zwischen Schweizern und Flüchtlingen sind die Folge, es beginnt ein Bürgerkrieg zwischen den urbanen Zentren und dem Rest des Landes. Von Wyl stellt brennende Fragen im Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, links und rechts, Introspektion und Extrovertiertheit. 'Land ganz nah' ist endlich wieder ein kluger und gewagter politischer Roman aus der Schweiz.

Benjamin von Wyl, geboren 1990 im Aargau. Studium Deutsch/Geschichte in Basel. Managing Editor Vice Switzerland 2014/2015. Dramaturg am Theater Neumarkt 2015/2016. Freie journalistische Arbeiten für WOZ, Surprise, Medienwoche, TagesWoche, tsüri.ch und weitere. Seit 2013 Kurzprosa im Literaturmagazin Das Narr. Script-Advisor von Simon Jaquemet ('Chrieg') für dessen neuen Film 'Der Unschuldige'. Reportagekolumne 'Tour de Kaff' im AAKU. Seit August 2016 freischaffend als Journalist, Dramaturg (asuperheroscape, Extraleben, Volker Lösch) und Autor.
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1.


Vorweg läuft ein Junge mit einem »Free Hugs«-Schild. Er grinst und weiss, wie entscheidend es ist, Aufmerksamkeit auf sich zu konzentrieren. Das kann er. Zwei Mädchen und drei Jungs laufen ihm nach. Über die Mittlere Brücke Richtung Kleinbasel. Bei der Helvetia-Statue beschleunigt mein Tram Richtung Grossbasel. Die Fahnen an der Brücke wehen. Sie takten Meister-Zeit, Art-Basel-Zeit, Tattoo-Zeit, Seine-Wohnung-Bonzen-zur-Verfügung-stell-Zeit während der Baselworld. Die Fahnen umrahmen meinen Morgen, der sonst höchstens von arhythmischen Facebook-Push-Nachrichten und zwei Mailaccounts koloriert wird. Unter der Brücke treibt der Rhein, weil er das tut. Ich seh, wie er treibt, während der 8er zielstrebig weiter zur Schifflände fährt. In der besten aller möglichen Welten sässe man am Rheinufer, Kleinbasler Seite. Das beruhigt, den Rhein zu sehen als Reminder an diese Möglichkeit. Wie der weiss-rot markierte Kehrichtverbrennungsturm weit flussabwärts beruhigt. Wie der Vorlesungssaal flussaufwärts beruhigt. Von dem aus haben wir früher in der ersten Stunde auf die Frühneuzeitfassaden von Kleinbasel geschaut und mitgedämmert.

Das Tram ist schon beim Barfi, und ich hab fast alle Tabs mit Artikeln, die in meinem Startseiten-Revier auf Facebook geteilt wurden, abgearbeitet. Weder das Literaturtheorie-Taschenbuch – nicht mal ein ödes, sondern ein im guten Sinne süffiges – noch den dritten Knausgård-Roman, noch nicht mal die neue Ausgabe der hab ich aus meiner Tasche genommen. Ich trage das alles mit mir rum, damit sich mein Rücken am Abend kaputt fühlt und mein Körper und Gemütszustand als Einheit zusammenfinden. Bankverein. Am Bahnhof kauf ich mir ein Schoggibrötchen bei der Bäckerkette, die so allgegenwärtig ist, dass ihr Name nicht genannt werden darf, bemitleide die Leute, die so knapp am Bahnhof sind, dass sie die Rolltreppe hochrennen müssen, und steige in den Restaurant-Wagen. Kafi im Zug ist zwar teuer, aber Kafi beim uniformen Bäcker ist noch teurer, und Kafi am Morgen ist lebenswichtig. Zum Kafi-daheim-Machen bin ich nur schon deshalb zu faul, weil ich erst die Bohnen mit meiner Peugeot-Mühle vom Flohmarkt mahlen müsste. Also warte ich mit Cappuccino auf meinen Pendelfreund. Ich geniesse die Fahrt mit ihm, nehme einen Zug früher, als ich müsste, denn mit ihm kann ich die Fahrtzeit bespielen, darüber sprechen, was wir aus den Kulturtheorie-Lektürekursen in unseren heutigen Alltag übernehmen. Die Fahrtzeit ist mehr als Fugenzeit, erhält Wert. Er kommt wie immer knapp – aber es ist beruhigend, dass er kommt. Sonst hätte ich die auf seinen Platz aspirierenden Anzug-, Jackett- und Schalträger für nichts abgewimmelt. Ist er nicht da, weiss ich nicht, wo er ist. Sein Handy nutzt er nur als Wecker, und die Nummer hat niemand ausser seiner Freundin. Er wird bald Bibliothekar.

In lesen wir, dass am HB-Treffpunkt vorgestern zwei miteinander verkehrt haben. Um 05.30 Uhr war es für die Beteiligten wohl eher spät als früh. Als wir am HB in Zürich sind, verabschiedet sich der künftige Bibliothekar in die Unerreichbarkeit.

»Ou, du chunsch uf Züri und wäisch nöd emal, wo de Swarovski isch?«1 In Zürich passieren Zürich-Sachen. Ich brauche immer einen Moment, bis das bei mir ankommt, meistens bis die S-Bahn bei der Hardbrücke einfährt. Mein Büro liegt hinter dem Prime Tower, dem ehemals höchsten Gebäude der Schweiz. Ich rauche meine erste Zigi immer dann, wenn ich am Prime Tower vorbeigehe und mir einbilde, dass das eine Form von Selbstreinigung ist, quasi die Dekontaminationskammer vor dem Verlassen des Mutterschiffs. Manchmal gefällt es mir, wie der Prime Tower diese Stadt pfählt und wie die Anzugmenschen um ihn rumwuseln. Ein masochistischer Reflex. Ich hab jeden Tag eine Stunde und zwanzig Minuten von Tür zu Tür. Dafür, dass ich dann auf einem weissen Tisch in einer weissen, halb leeren Halle meinen Laptop auspacke. Immerhin steht meine Walross-Tasse da. Die Arbeit: Was auf dem Bildschirm geschieht, das packt, bannt und unterdrückt den Mittagshunger manchmal bis halb drei. Ausser das WLAN fällt wieder aus. Wir sind ein Online-Medium.

In den Rauchpausen schauen meine Büro-Zürcher und ich auf eine Szenerie, die zu zwei Fünfteln vom Prime Tower eingenommen wird. Mein Chef und ich drücken uns vor dem Fenster auf dem Zwischenstock zusammen. Die anderen gehen nur mit einem Arm dazwischen, wenn sie ihre Kippen wegschmeissen wollen. Und wir stellen uns vor, dass im Prime Tower ein kosmisch-purpurnes Ding pulsiert, das alles Böse der Welt an sich saugt. Mein Chef spielt während dem Rauchen – er raucht immer gleich zwei Zigis – Kaputtheitsbingo: Er behauptet zu wissen, wer verdrogt ist unter den Leuten, auf die wir aus dem Zwischenstockbullauge herabschauen. Keiner von uns verurteilt die Kaputten, denn das kosmisch-purpurne Ding zwängt sie in dieses Leben. Dieses Ding stelle ich mir als das polyamore Tentakelwesen aus dem einen -Langfilm vor. Das dockt an Roboter-, an Krabben-, an Menschennacken an, an alles, was Bewusstsein hat, und überformt es, normt es, bietet Glück. Nach jeder Rauchpause muss ich aufs Klo oder mir einen Kafi machen. Und dazwischen, in der gefühlt grössten Entfernung zwischen der letzten Rauchpause und der nächsten, mache ich das jeweils andere (Kafi oder Häufchen). Von uns durch eine Styroporstellwand abgetrennt sitzen die Architekten. Fleissig, gschaffig, unsere Hallenmitmieter. Das führt manchmal zu Konflikten. Meistens, weil wir uns das WLAN teilen und die Bandbreite schlecht ist – wir sind ein Online-Medium. Die Bandbreite bleibt so, da das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Die Architekten mögen das auch nicht, die meisten den Denkmalschutz schon, aber seine WLAN-Folgen nicht. Besonders nervt es die Sachbearbeiterinnen, die bei der gemeinsamen Kafimaschine bis zu zwanzig Minuten lang darüber diskutieren, dass diese Bruchbude mit ihrem abblätternden Deckenbelag denkmalgeschützt sei.

Als ich hier frisch angefangen hatte, unterstellte mir mein Chef, dass ich momentan noch das Gefühl hätte, er habe mir mit dem Job einen Gefallen getan. In zwei, drei Monaten werde das verfliegen und ich würde das Gefühl bekommen, jemand nehme mir etwas weg.

, TagNacht, .

2

Vice, .

3-


von Wyl, Benjamin
Benjamin von Wyl, geboren 1990 im Aargau. Studium Deutsch/Geschichte in Basel. Managing Editor Vice Switzerland 2014/2015. Dramaturg am Theater Neumarkt 2015/2016. Freie journalistische Arbeiten für WOZ, Surprise, Medienwoche, TagesWoche, tsüri.ch und weitere. Seit 2013 Kurzprosa im Literaturmagazin Das Narr. Script-Advisor von Simon Jaquemet (»Chrieg«) für dessen neuen Film »Der Unschuldige«. Reportagekolumne »Tour de Kaff« im AAKU. Seit August 2016 freischaffend als Journalist, Dramaturg (asuperheroscape, Extraleben, Volker Lösch) und Autor.



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