E-Book, Deutsch, 403 Seiten
Voosen Wohin der Sommer uns trägt
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-646-60238-8
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 403 Seiten
ISBN: 978-3-646-60238-8
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tanja Voosen wurde 1989 in Köln geboren und lebt heute in der Nähe der Eifel. Während ihres Abiturs begann sie sich zum ersten mal mit dem Schreiben von Geschichten zu befassen und kurze Zeit später auch zu publizieren. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, den Weg nach Hogwarts zu suchen, weil die Realität so schlecht ohne echte Magie auskommt, steckt sie ihre Nase in gute Bücher und treibt sich in der Welt der Blogger herum.
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Kapitel 5 – Megan
Ohne zu zögern, ging ich auf die Bühne und schnappte mir die Gitarre, die gegen einen Hocker gelehnt war. Irgendwann hatte Mrs Condie beschlossen sie dort zu platzieren. Die meisten Musiker konnten eine Akustik-Gitarre spielen und es handelte sich zudem um eines der günstigeren Instrumente. Es war noch gar nicht lange her, da hatte ich die Gitarre gestimmt und eine Runde gespielt, als Delilah und ich das Café bereits geschlossen hatten. Ein paar der Gäste sahen mir neugierig dabei zu, wie ich mir die Schlaufe der Gitarre umhängte und an das Mikrofon trat. Mit einem Griff war es eingeschaltet. Kurz ertönte ein Rauschen.
»Dieser Song ist ziemlich selbsterklärend«, sprach ich in das Mikrofon. »Es geht um ein Mädchen, das eine miese Beziehung hinter sich hat und erkennt, dass so viel Besseres als dieser eine Kerl in ihrer Zukunft liegt.« Ich suchte mit den Fingern die ersten Akkorde. »Man könnte ihn als Pop-Klassiker bezeichnen.«
Kaum waren die ersten Töne gespielt, begann ich den Text von Since U Been Gone von Kelly Clarkson zu singen. Früher war das einer meiner Lieblingsongs gewesen, aber ich hätte niemals gedacht, dass er einmal so gut passen würde. Die Gitarre hatte einen guten Klang und untermalte meine Stimmfarbe perfekt. Ich hatte kein Problem damit, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer Leute zu stehen. Als ich jünger war, hatte ich sogar mehrmals bei der Talent-Show meiner damaligen Schule mitgemacht und einmal den zweiten Platz belegt. Spielen und Singen waren zwei Dinge, die mir unheimlich leicht fielen. Als ich beim Refrain angelangt war, begann ich Conrad in Grund und Boden zu starren. Zuerst hatte er geglotzt, als verstünde er nur noch Bahnhof, dann wirkte er zusehends genervt. Als ich die hohen Töne sang und das Lied fast vorbei war, stand Conrad von seinem Platz auf und ging. Seine Freunde tauschten sichtlich verwirrt Blicke und folgten ihm.
Mein eigener Blick huschte kurz zu Beck, der beide Daumen nach oben hielt. Neben ihm stand Delilah, die mein Gesang anscheinend hinter dem Tresen hervorgelockt hatte. Mit offenem Mund sah sie mich einfach nur an. Ich schloss für einen Moment die Augen und wog mich im Takt der Melodie. Als ich die letzte Note sang und den Sound der Gitarre ausklingen ließ, stellte ich zufrieden fest, dass Conrad und seine Freunde wirklich verschwunden waren.
Der Songtext hatte es eben in sich. In der Zeit, in der meine beste Freundin Conrad gedatet hatte, musste er unweigerlich auch mit mir auskommen und ich mit ihm. Es hatte ihn immer rasend gemacht, wenn Delilah und ich im Auto laut mitgesungen hatten. Ich würde also mal sagen 1:0 für mich und Kelly Clarkson.
Mein Auftritt war beendet und es folgte ein kleiner Applaus. Die anwesenden Gäste schienen mehr als entzückt über die Live-Darbietung zu sein, was ein netter Nebeneffekt war. Ich stellte die Gitarre zurück an ihren Platz und sprang mit einem Satz von der Bühne.
»Das war unglaublich!«, rief Beck. »Du hast eine fantastische Stimme und Conrads Gesicht – unbezahlbar.«
Ich gab Beck ein High-Five.
»Danke«, sagte ich strahlend.
»Ich weiß, du willst es nicht hören, aber du wurdest dafür geboren Musik zu machen, Megan«, kam es von Delilah, die mich mit einem Glitzern in den braunen Augen ansah. Hoffentlich fing sie nicht an zu weinen. Ich schloss sie in meine Arme und drückte sie fest an mich.
»Du hast diesen Song wirklich gerockt.«
»Das nächste Mal singe ich direkt I Hate Everything About You von Three Days Grace«, murmelte ich. »Und währenddessen wirfst du einfach alles nach Conrad, was nicht niet- und nagelfest ist.«
»Ich hab dich so verdammt lieb, Megan!«
»Ich dich noch viel lieber!«, antwortete ich schwungvoll. »Und jetzt könnte ich echt was zu trinken gebrauchen.«
Wir ließen voneinander ab und ich setzte mich auf einen der Barhocker vor dem Tresen. Delilah nahm wieder ihre übliche Position dahinter ein und schenkte mir ein Glas Cola ein. Kopfschüttelnd wandte sich Beck ab.
»Das war wirklich ein starker Auftritt.«
Ich drehte den Kopf nach links, um zu sehen, wer mich angesprochen hatte. Überrascht öffnete ich den Mund, brachte aber keinen Mucks heraus. Diesen Kerl hatte ich definitiv noch nicht in Landsville gesehen. Er war etwa in meinem Alter, vielleicht auch ein Jahr darüber, hatte kurze blonde Haare und hinter seinen Brillengläsern funkelten blaue Augen. Seine Miene war offen und freundlich und das Lächeln, das seine Lippen umspielte, schon auf den ersten Blick charmant. Er trug eines dieser Shirts, auf das die ganzen Surfer so standen – weit ausgeschnitten, ohne Ärmel –, weil es die Muskeln an Armen und Brust so gut zur Geltung brachte. Vielleicht war er sogar jemand, der gerne surfte, denn seine Haut hatte einen bronzenen Touch, wie von der Sonne geküsst. Ich musste zugeben, dass ich ihn wirklich attraktiv fand. Normalerweise waren die Kerle, die einen im Bluebird ansprachen, entweder irgendwelche Trottel von meiner Highschool oder viel zu alt für mich.
»Als nächstes sagst du mir noch, dass du ein Musikproduzent bist und mich sofort unter Vertrag nehmen kannst«, erwiderte ich schnippischer, als beabsichtigt. »Ich meine, danke.«
Er lachte und hielt mir eine Hand entgegen. »Ich bin Jaxon Tompkin«, sagte er sichtlich erheitert. »Und ob du es glaubst oder nicht, ich wollte dir wirklich gerade einen Plattenvertrag anbieten, aber nur, wenn du bereit bist dich auch sofort unsterblich in mich zu verlieben. Zusammen könnten wir wahrlich Großes vollbringen.«
»Niemand sagt heute noch wahrlich«, meinte ich, nahm seine Hand und schüttelte sie. »Megan.«
»Also, Megan«, sagte Jaxon und grinste. »Du hast wirklich nicht vor, reich und berühmt zu werden?«
»Nicht, dass es dich etwas angehen würde, aber … nein. Na gut, gegen reich ist nichts einzuwenden, aber ich schreibe viel lieber Songs, als sie selber zu singen. Das war schon immer so.«
»Und wenn ich dir sage, dass mein Dad wirklich Musikproduzent ist oder zumindest einen kennt?«, fragte Jaxon herausfordernd. »Was würdest du dann machen?«
»Die Leute an Tisch vier bedienen«, sagte ich und rutschte von meinem Platz herunter. »Auch wenn es eben nicht so ausgesehen hat, ich arbeite hier.«
Jaxon lachte und schüttelte den Kopf. Delilah räusperte sich und meine Augen wanderten zu ihr zurück. Mein Getränk hatte ich ganz vergessen, also leerte ich das Glas in einem Zug. Delilah räusperte sich wieder. Mit einem raschen Kopfnicken deutete sie in Jaxons Richtung, als wolle sie sagen: Weiter flirten! Ich winkte mit der Hand ab und griff mir einen Notizblock vom Tresen, da wirklich ein paar Gäste an Tisch vier darauf warteten, dass ihre Bestellung aufgenommen wurde.
***
Die nächsten zwanzig Minuten war ich so in meine Arbeit vertieft, dass ich es überhaupt nicht mitbekam, als Jaxon ging. In solchen Augenblicken, in denen ich gehetzt durch das Café lief und Getränke verteilte, war es schwer vorstellbar, dass das Bluebird nicht genug Gewinn abwarf, um sich über Wasser halten zu können. Erschöpft gönnte ich mir eine kurze Verschnaufpause und steckte mein Trinkgeld in das Glas, das auf dem Tresen stand. Natürlich so, dass Delilah es nicht mitbekam. Ich wollte den Condies nicht aus Mitleid helfen, sondern weil sie für mich wie eine zweite Familie waren und ich wusste, Delilah würde dasselbe an meiner Stelle tun. Sie wäre viel zu stolz, um es zuzugeben, aber tief in ihrem Herzen wüsste sie es zu schätzen, wenn sie eine Ahnung davon hätte, dass ich auf das Trinkgeld verzichtete. Die Touristen bezahlten nämlich sehr gut.
Mein Blick blieb an einem Zehndollarschein hängen, auf dem in hastiger Handschrift etwas stand. Ich nahm das Glas in beide Hände und versuchte das Gekritzel zu entziffern.
»Ich wusste es: Eines Tages brennst du mit Beck durch und nimmst alles mit, was dir in die Finger kommt.« Delilah stellte ein Tablett auf den Tresen und sah mich neugierig an. »Oder funktioniert das Ding inzwischen wie ein Magic-8-Ball und sagt die Zukunft voraus?«
»Jemand hat etwas auf einen Geldschein gekritzelt«, antwortete ich und hielt ihr das Glas entgegen.
»Was macht ihr denn da?«, fragte Beck, der ebenfalls ein Tablett mit leeren Gläsern auf den Tresen stellte. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er war nicht der Einzige, der schwitzte. Mir klebten bereits das Haar im Nacken und das Kleid am Rücken. Viele der Gäste waren nur kurz geblieben, um sich etwas Kaltes zu trinken zu gönnen, und schnell wieder verschwunden. Am Fenster saßen noch zwei ältere Damen, aber ansonsten war es abgesehen vom Radio, das leise im Hintergrund einen Ed-Sheeran-Song spielte, inzwischen ziemlich ruhig.
»Megan hat eine Schatzkarte gefunden«, ärgerte Delilah mich. »Eigentlich wünscht sie sich aber nur die Nummer von dem süßen Kerl, der sie angeflirtet hat.«
»Er hat mich nicht angeflirtet!«, warf ich ein.
»Ich dachte, ich sei der einzige süße Kerl hier«, sagte Beck und zog einen Schmollmund. »Wenn ihr schon flirtet, dann mit mir.«
»Mit dir will keiner flirten, Beck.« Delilah schob ihn zur Seite und nahm mir das Glas ab, um es wieder auf den Tresen zu stellen. »Das sieht echt nach einer Nummer aus. Sollen wir mal anrufen?«
»Auf keinen Fall«, meinte Beck. »Vielleicht wartet Freddy Krueger am anderen Ende der Leitung.«
»Oder aber wirklich der süße Kerl von eben.«
»Vielleicht auch der Eismann«, sagte ich. »Ich könnte echt eines vertragen. Ich gehe noch ein,...




