Voss Einmal im Dunklen. Erotischer Roman
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-88769-889-8
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-88769-889-8
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anna bucht kurzentschlossen um und verlängert ihre Reise. Glücklich über diese Entscheidung sitzt sie am gleichen Abend in der Tapasbar. Eine Frau steht an der Theke. Anna sieht einen Streifen Haut zwischen Hose und Hemd. Sie wollte Abstand gewinnen von ihrer stressigen Beziehung und einem aufreibenden Job zuhause. Einfach nur ein paar Tage länger allein sein. Doch in dieser Nacht, in der sie eigentlich gar nicht mehr dort gewesen wäre, ändert sich alles. Die Reise geht erst jetzt richtig los.
Heißer Sex und doppelbödige Gefühle.
Ulrike Voss schreibt direkt und unverschnörkelt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Der angekündigte Sturm
P lötzlich ging das Licht aus. Plötzlich ist das falsche Wort. Es war zu erwarten, dass es Stromschwankungen geben würde. Warnstufe Orange. Ein Sturm war angekündigt worden, und nur deshalb saß ich hier. Der Flughafen war geschlossen, mein Abflug verschoben. Ich hatte keine Lust gehabt zu warten und war zurück in das Ferienhäuschen gefahren, das noch keine anderen Gäste beherbergte, denn es hatte natürlich auch niemand ankommen können. Draußen war es ruhig. Aber das hieß nichts. Es konnte von einer Sekunde auf die andere losgehen. Ich hatte gegessen, überflutet von Glück, völlig grundlos. Ich entschloss mich beim Essen, den Urlaub um eine Woche zu verlängern. Denn der Flughafen konnte mehrere Tage geschlossen bleiben, und den Stress, jeden Tag hinzufahren und eventuell wieder zurück, wollte ich mir ersparen. Oder, schlimmer noch, dort warten zu müssen, und wenn der Abflug nicht am gleichen Tag möglich war, von Condor in eins der hässlichen Hotels neben dem Flughafen verfrachtet zu werden. Am Flughafen kam der Wind seit Tagen aus Südwest, der gefährlichen Richtung, heftige Böen und Fallwinde machten Starts und Landungen schwierig bis unmöglich. Und nun auch noch diese Warnung. Es war dunkel. Die Tür stand offen. Ein Streifen Mondlicht fiel in die Bar. Schien auf die Haut einer Frau, die an der Theke saß. Zwischen Jeans und Top leuchtete es weiß. Zarte Linien auf dem Weiß. Ich glaubte, das Blut fließen zu sehen. Schattenspiele. Ich hatte Wein getrunken, konnte meinen Blick nicht abwenden, ich war verzaubert. Es gab nur diesen weißen Fleck in der Nacht und das Glück. Das Licht ging wieder an. Sie drehte sich um, mein Blick auf ihrer Haut, das Weiß verschwand im Licht und ich sah sie an. Und es war mir peinlich, dass sie mein Starren gespürt zu haben schien. Sie lächelte. Sagte etwas in meine Richtung. Ich verstand sie nicht. Sicher sagte sie etwas zum kommenden Sturm. Alle, die ich kannte, hatten sich mit Kerzen eingedeckt. Es wurde auch empfohlen, nur in dringenden Fällen aus dem Haus zu gehen. Am kommenden Morgen würden die Schulen geschlossen bleiben. Die Bar war gut besucht. Niemand hielt sich an die Warnung. Der Barhocker neben der Frau an der Theke war nicht besetzt. Ich hatte sie noch nie hier gesehen. Der Kellner räumte meinen Teller ab, ich sah, wie mich andere Gäste erwartungsvoll ansahen, sie hofften auf einen freiwerdenden Tisch zum Essen. Ich stand auf, ging zur Theke, setzte mich neben sie. Sie bestellte gerade einen neuen Wein. Vor ihr standen schon zwei der kleinen Gläser, die sie jetzt zurückreichte. Ich betrachtete ihr Profil. Eine elegante Kurzhaarfrisur, leicht gelockt, glänzend schwarzes Haar und anders als der weiße Streifen auf dem Rücken war ihr Teint olivbraun. Ich bewunderte gerade ihr schönes ausgeprägtes Kinn, als sie sich umdrehte und auf Spanisch fragte »Wollen Sie auch einen?« Eine melodische Altstimme. Etwas in mir begann zu glühen. Im Licht der Bar erschienen ihre Augen höllisch schwarz und feucht. »Zwei Wein bitte.« Ich starrte wieder, jetzt auf ihre kräftigen Oberarmmuskeln. Ein Tattoo, eine bunte Eidechse. »Eine Erinnerung«, sagte sie, als sie meinen Blick verfolgte. Wir tranken schweren Rotwein, den ich hier noch nie getrunken hatte. »Bist du auf Urlaub hier? Gefällt dir die Insel? Schon oft in dieser Bar gewesen?« »Ja.« Mein Spanisch ist nicht gut und ich war seltsam aufgeregt, sodass ich ziemlich einsilbig antwortete. An den Wänden der Bar hingen Postkarten aus aller Welt, auch ein paar aus Berlin. »Da wohne ich«, sagte ich und deutete auf eine der Karten. »Berlin! Das muss eine tolle Stadt sein, alle möchten dorthin!« »Und du? Bis du von hier?« Sie erzählte, dass sie aus Madrid komme. Früher habe sie auf den Inseln gelebt, vor und während ihrer Ausbildung. Auch auf dieser Insel hatte sie schon einmal einen Job, aber das sei vor bald zwanzig Jahren gewesen. Und nun sei sie das erste Mal wieder hier, für ein paar Wochen. Man habe ihr diese Bar empfohlen. »Du hast doch sicher die Plakate gesehen, die vom Zirkus Caracol?«, fragte sie. Ich hatte Zirkusplakate gesehen. Mit gezeichneten Löwen, weißen Pferden und Clowns, im Hintergrund eine Artistin in goldenen Stiefeln mit flammend rotem Haar, weiße Vögel flogen um sie herum. Altmodische Plakate wie aus den Sechzigern. Auch in den letzten Jahren waren sie mir schon ins Auge gefallen und ich dachte, es wäre doch nett, im Urlaub einmal in einen Zirkus zu gehen. Aber Beate wollte nicht. »Ich hasse Zirkus! Das ist doch Tierquälerei!« Die eingesperrten Tiere hatte sie schon als Kind befreien wollen. Diesmal war ich ohne Beate gereist. Sie musste arbeiten. Zwei Kolleginnen waren krank. Sie hatte mir zugeredet, trotzdem zu fliegen. In letzter Zeit stritten wir uns oft. Ich stand neben mir und sah zu, wie wir beide entgleisten. Was wir uns an den Kopf warfen, war vorhersagbar, wir reagierten wie Automaten, aus nichtigen Anlässen. Es ging immer um banale Dinge. Im Nachhinein betrachtet war es jedes Mal nicht mehr nachvollziehbar, wieso wir uns gestritten hatten. So auch der Streit kurz vor meiner Reise: Beate wollte noch einen Wein trinken, ich war hungrig und dazu der Meinung, Beate habe genug getrunken. Die Kneipe, in der wir nach dem Kino gelandet waren, hatte nichts zu essen. Im Auto schrien wir uns gegenseitig an. »Immer wenn ich mal feiern möchte, musst du das bremsen. Es gibt jetzt auch anderswo nichts mehr zu essen. Dass du auch immer nachts essen musst! Das ist ungesund. Ich will einfach in Ruhe noch einen Wein trinken!« »Du hast doch schon genug getrunken, das ganze Auto stinkt nach deiner Fahne!« Dann schwiegen wir eine Weile und dann wiederholte sich der gleiche Dialog. Immer wieder, mit spiralförmigen Steigerungen, immer schlimmer. Wieso fiel mir das jetzt ein? Ich antwortete der fremden Frau. »Klar habe ich die Plakate gesehen, wieso?« »Wegen der Sturmwarnung wurde die Abendvorstellung abgesagt. Darum bin ich hier.« Sie erzählte, dass sie Schauspielerin sei. Doch Arbeit finde sie schon seit Jahren kaum mehr. Für die Rollen junger Frauen sei sie zu alt und für die alten Frauen sei sie noch nicht reif genug. »Darum bin ich schon den dritten Winter als Moderatorin in diesem Zirkus. Der Zirkus Caracol ist jeden Winter auf den Inseln unterwegs. Komm doch mal in eine Vorstellung! Diesmal reist als Gastensemble auch noch eine tolle Artistengruppe aus Kuba mit. Sieben Männer und Malena, die Seiltanzkönigin, die sind wirklich gut! Nächste Woche bauen wir hier ab und fahren weiter nach Gran Canaria.« Sie bestellte noch zwei Wein. »Mit anderen trinkst du auch«, war mir Beate im Ohr. »Nur mit mir nicht!« »Und was machst du?«, fragte die Frau. Die Tür der Bar stand immer noch offen. Der Sturm schien nicht angekommen zu sein. * Wir plauderten über ihr und mein Leben, über lokale Ereignisse auf der Insel und die Welt-Finanzkrise und ich wunderte mich, dass mir das Spanische immer flüssiger von den Lippen ging. Inzwischen hatten wir sicher fünf oder sechs Glas Wein getrunken. Eigentlich müsste ich lallen. Die Bar hatte sich geleert, wir waren die Letzten. »Was war das eigentlich für ein Wein?« »Ich habe Manolo, den Wirt, ausgefragt, welche Weine er selbst mit Freunden trinkt. Er hat mir den aus dem dunklen Fass vorgeschlagen. Und jetzt gibt’s noch was Besonderes als Abschluss.« Zwischendurch hatte sie immer wieder mit Manolo geplaudert. Sie redete mit ihm schneller und mit mehr Vokabular als mit mir, sodass ich wenig verstanden hatte. Manolo goss eine honigfarbene Flüssigkeit in die Gläser. »Der Wein ist siebzehn Jahre alt«, sagte er, »ich habe nur noch sehr wenig davon im Fass. Aber für euch«, er zwinkerte meiner Gesprächspartnerin zu, »und für diese besondere Nacht, das muss einfach sein!« Sie nahm ihr Glas, sah mich an. »Wie heißt du eigentlich?«, fragte ich. Wir hatten über so vieles geredet, mein Leben – ausgenommen Beate – hatte ich vor ihr ausgebreitet, doch unsere Namen nannten wir erst jetzt. »Lucía, und du?« »Anna.« »Was für ein schöner Name«, schmeichelte sie, »den gibt es auch im Spanischen. Ich werde also kein Problem haben, ihn auszusprechen.« Es war still. Manolo war in die Küche verschwunden. Der Sturm war noch immer nicht da. Wenn draußen Sturm wäre, würden wir ihn hören. Ich bekam eine Gänsehaut. Dann nahm auch ich mein Glas, wir blickten uns an und sie sagte: »Trinken wir auf uns und auf diese ewige Nacht.« Der Wein floss in meinen Körper, Honig, Schärfe, süße schwere Trauben und unbekannte Gewürze vereinigten sich. Eine Weile lang sagten wir nichts, genossen Schluck für Schluck. Ich fühlte meine Brüste schwellen, die Schenkel spannten in der zu engen Jeans, die Lippen öffneten sich, ich wollte sie, ich wollte sie jetzt. Ich wollte, dass die Lippen berührt würden, der Wein floss durch mich und aus den Lippen hinaus, hin zu ihr, hin in die unbekannte Nacht vor dem Sturm. Sie setzte ihr Glas ab. »Möchtest du mit mir kommen? Wir können auch im Wohnwagen noch ein Glas trinken. Und ich habe hervorragenden Stoff zum Rauchen.« »Ja«, dachte ich. »Ja, ich möchte, ich möchte es, ich möchte es jetzt, sofort, ich möchte nicht rauchen, ich möchte, dass du mich packst, deine kräftigen Arme um mich schlingst, mich zu Boden treibst und in mich dringst«, die Wärme des Weins ließ mich brennen. »Nein«, sagte ich, »nein, ich habe morgen früh eine Verabredung«, ich log, »ich muss noch ein bisschen schlafen.« Himmel noch mal!, wieso hatte ich Angst. Die Frau war toll, eine mutige, kräftige,...




