Vreeswijk | Im Visier des Stalkers | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Vreeswijk Im Visier des Stalkers


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7320-1335-7
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-7320-1335-7
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Vermisst du mich? Ich weiß, dass deine Eltern nicht zu Hause sind. Soll ich mal vorbeikommen?', flüstert die Stimme am Telefon. Erst glaubt Leonie, ein Mitschüler würde sich einen Scherz erlauben. Doch immer häufiger klingelt ihr Handy und immer heftiger bedroht sie der Fremde. Rund um die Uhr scheint er sie zu beobachten, denn er weiß stets, wo sie ist. Die Angst macht Leonie krank, aber was soll sie tun? Mit ihren Eltern sprechen? Die haben schon genug Sorgen mit ihrer jüngeren Schwester. Ihr Freund Jeroen rät ihr, den Stalker einfach zu ignorieren. Und Leonie hört auf ihn - bis der Unbekannte eines Tages droht, ihre Schwester umzubringen ...   In diesem nervenaufreibenden Jugendroman verknüpft Helen Vreeswijk wieder einmal ihre eigenen Erfahrungen bei der niederländischen Kriminalpolizei mit einem kaum greifbaren, und doch erschreckend nahen Thema: Stalking. In diesem Thriller wird die anonyme Bedrohung plötzlich zur Gefahr und Angst zu einem ständigen Begleiter

Helen Vreeswijk wurde 1961 in Den Haag geboren. Nach ihrem Schulabschluss schlug sie den Weg in die höhere Beamtenlaufbahn ein und wurde Fingerabdruckexpertin bei der niederländischen Kriminalpolizei. Nebenbei schrieb sie für die Mitarbeiterzeitung Rezensionen und Hintergrundberichte zur Kinder- und Jugendliteratur. Durch ihre Erfahrungen mit jugendlichen Opfern und Tätern begann sie die Geschichten hinter den brutalen und oftmals tragischen Verbrechen aufzuschreiben und die Motive dieser Taten zu beleuchten. Unter dem Motto 'Lesen ist Wissen, Wissen ist Erkennen, Erkennen ist Vorbeugen' avancierte sie mit ihren Büchern zu einer der erfolgreichsten und renommiertesten Autorinnen der Niederlande. Ihre Bücher, in denen Vreeswijk fiktive Elemente mit realen Erfahrungen aus ihrer Zeit bei der Kriminalpolizei zu hochspannenden und brisanten Thrillern verbindet wurden vielfach ausgezeichnet. Helen Vreeswijk ist im Oktober 2016 im Alter von 55 Jahren verstorben.
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1


Langsam setzte sich der Koloss in Bewegung, die Ketten an seinem Fuß rasselten bei jedem Schritt. Seine massigen Arme sausten durch die Luft und die Axt verfehlte ihr Opfer nur um Haaresbreite. Die Brust des Ungetüms hob und senkte sich und ein Furcht einflößendes Gebrüll erfüllte die Nacht.

Leonie und Nancy saßen dicht aneinandergedrängt auf dem Sofa und verfolgten fasziniert das Geschehen auf dem Fernsehbildschirm. Es war Freitag und die beiden Mädchen hatten sich zu ihrem allwöchentlichen DVD-Abend getroffen. Immer abwechselnd suchten sie einen Film aus und heute hatte sich Leonie für einen Horrorstreifen ab achtzehn entschieden. Der Film lief seit einer halben Stunde und war so gruselig, dass die Mädchen den Atem anhielten und unruhig auf dem Sofa hin und her rutschten. Gerade als das Monster mit einem entsetzlichen Brüllen die Axt auf sein Opfer niederkrachen lassen wollte, tönte eine kleine elektronische Melodie durch das Wohnzimmer. Mit einem erschrockenen Aufschrei fuhren die Mädchen zusammen.

»Welcher Idiot …«, schimpfte Leonie und griff genervt nach ihrem Handy, das auf dem Couchtisch lag. »Ja, Leonie hier?«

Sie wies auf die Fernbedienung und bedeutete Nancy wild gestikulierend, dass sie den Film anhalten sollte. Eine plötzliche Stille erfüllte den Raum.

»Hallo?«, fragte Leonie.

Als Antwort kam ein schweres Keuchen vom anderen Ende der Leitung.

»Hallo? Wer ist denn da?«

Das Keuchen wurde zu einem lang gezogenen Ächzen und ging dann in Stöhnen über. Irgendjemand murmelte und zischte etwas Unverständliches vor sich hin.

»Idiot«, blaffte Leonie ins Telefon. »Hast du nichts Besseres zu tun, du Penner?«

Wütend legte sie auf und ließ sich wieder aufs Sofa fallen.

»Wer war denn das?«, wollte Nancy wissen.

»Keine Ahnung. Irgendjemand, der es anscheinend total witzig findet, sich nicht zu melden und dann nur blöd rumzukeuchen.«

Nancy verdrehte die Augen. »Wetten, das waren Johan und Pieter?«, meinte sie. »Die starten doch auch in der Schule ständig so bescheuerte Aktionen. Letztens haben sie Hannekes Fahrrad in einen Baum gehängt!«

»Mann, was für Spielkinder«, schnaubte Leonie. »Der Film war gerade so spannend und jetzt bin ich total raus. Spul mal ein Stückchen zurück, ja? Ich hol noch schnell was zu trinken.«

»Johan und Pieter wissen, dass wir heute unseren Filmabend haben. Die können sich wahrscheinlich nichts Tolleres vorstellen, als uns zu nerven«, rief Nancy in Richtung Küche.

»Äh, Leonie?«, rief sie einen Moment später und klang plötzlich aufgeregt. »Dein Handy klingelt schon wieder. Soll ich rangehen?«

»Wird die Nummer angezeigt?«, fragte Leonie.

Sie kam ins Zimmer gerannt und sah über Nancys Schulter auf das Display ihres Handys, das eine unbekannte Nummer anzeigte.

»Hallo?« Nancy hielt sich das Telefon ans Ohr. »Hallo?«

Sie war kurz davor loszulachen über Johans und Pieters blödes Spielchen. Sie rechnete fest damit, gleich Pieters Stimme zu hören, doch die krächzende Stimme, die sich schließlich meldete, war fremd: »Hol Leonie ans Telefon«, verlangte der Anrufer.

Verstört streckte Nancy ihrer Freundin das Telefon hin. »Er will dich sprechen.«

Leonie runzelte die Stirn und nahm seufzend das Telefon entgegen. »Mann, was wollt ihr denn? Ich find’s echt nicht mehr lustig«, schimpfte sie in den Hörer. »Könnt ihr uns nicht einfach in Ruhe lassen?«

»Vermisst du mich?«, brummte eine fremde Stimme. »Ich weiß, dass deine Eltern nicht zu Hause sind. Willst du, dass ich mal vorbeikomme?« Der Fremde fing an zu stöhnen. Zuerst war es mehr ein leises Ächzen, aber dann wurde es immer lauter – ein rohes, primitives Geräusch.

»Ihr seid echt so was von kindisch, Pieter. Oder bist du das, Johan?«

Leonie wartete vergebens auf eine Antwort und das machte sie langsam wirklich wütend.

»Wartet nur bis Montag, ihr Trottel. Mal sehen, ob ihr euch dann immer noch so lustig findet!« Sie drückte entschlossen auf Gespräch beenden und schaltete dann ihr Handy aus. »Solche Idioten!«, rief sie genervt und stapfte brummelnd in die Küche.

»Die Stimme hat sich gar nicht nach Johan oder Pieter angehört«, bemerkte Nancy. »Die war doch viel tiefer, hattest du nicht auch den Eindruck?«

»Ach, Quatsch«, antwortete Leonie, die mit zwei Gläsern Cola wieder ins Wohnzimmer kam und sich zu Nancy aufs Sofa setzte.

»Diese Schlaumeier haben bestimmt ein Taschentuch über den Hörer gelegt, damit die Stimme sich anders anhört. Denen werd ich am Montag was erzählen!«

»Du kannst ja Jeroen auf sie ansetzen. Dann trauen die sich bestimmt nicht mal mehr, Piep zu sagen.«

»Bist du verrückt? Jeroen lacht mich aus, wenn ich ihm mit so einer Kindergeschichte komme. Dann denkt er wahrscheinlich wirklich, dass ich ein dummes kleines Mäuschen bin.«

»Dummes kleines Mäuschen?«, wiederholte Nancy. »Warum sollte er? Ihr zwei seid doch jetzt immerhin zusammen.«

»Ja, seit drei Wochen schon«, bestätigte Leonie stolz, »aber genau darum geht’s ja. Ich hör mich schon.« Mit quietschiger Kinderstimme redete sie weiter: »Ein Junge aus meiner Klasse ist gemein zu mir. Hilf mir, bittebitte!«

Nancy verzog beleidigt das Gesicht. Wenn man die Sache so betrachtete, klang ihre Idee wirklich ganz schön kindisch. Obwohl … Jeroen war schon achtzehn, über einsachtzig groß und noch dazu ziemlich muskulös. Der hätte Johan und Pieter ganz schön gezeigt, wo es langgeht.

Nancy sah die zwei schon vor sich, wie sie sich stotternd bei Leonie entschuldigten, und fing an, übers ganze Gesicht zu grinsen. Sie fand die Vorstellung äußerst komisch, aber Leonie verstand irgendwie nicht mehr so viel Spaß, seit sie mit Jeroen zusammen war. Sie war jetzt immer so ernst und erwachsen, als hätte sie Angst, dass Jeroen sie mit ihren fünfzehn Jahren nicht interessant genug fand. Dass er sie für zu jung halten und deswegen mit ihr Schluss machen könnte. Und das wäre für Leonie die totale Katastrophe. Sie war nämlich bis über beide Ohren verliebt und hatte sich geradezu ein Bein ausgerissen, um Jeroen auf sich aufmerksam zu machen. Nancy war überzeugt, dass Jeroens Gefühle für Leonie nicht ganz so tief waren. Aber das behielt sie lieber für sich, schließlich wollte sie keinen Streit.

»Wann siehst du Jeroen denn das nächste Mal?«, wechselte sie das Thema.

»Morgen Abend im Club. Kommst du auch?«

Nancy zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Wenn Jeroen da ist, hast du ja nie Zeit für mich. Dann steh ich immer nur blöd daneben.«

»Soll ich Jeroen fragen, ob er seinen Bruder mitnimmt? Dann hättest du auch jemanden zum Unterhalten.«

»Hast du sie noch alle?«, fauchte Nancy. »Lex ist echt nicht mein Typ.«

»Wessen Typ soll der schon sein?«, grinste Leonie. »Mit den strähnigen Haaren und dieser Brille aus dem letzten Jahrhundert. Und das Gesicht erst … total voller Pickel!«

»Nee, eine Schönheit ist er wirklich nicht, aber er könnte echt mehr aus sich machen.«

»Er ist wirklich das komplette Gegenteil von Jeroen«, sagte Leonie und bei der Erwähnung von Jeroen wurde ihr Gesichtsausdruck schwärmerisch. »Komisch, oder? Man würde gar nicht auf die Idee kommen, dass die zwei Brüder sind.«

»Na ja, aber nett ist Lex ja eigentlich schon.«

»Nett«, schnaubte Leonie. »Nett ist Jeroen doch auch. Oder willst du damit etwa andeuten …«

Nancy seufzte und machte eine wegwerfende Geste. »Komm, lass uns den Film weitergucken. Ich werde immer todmüde von deinen Geschichten über deinen ach-so-tollen Freund.«

»Ist da etwa jemand neidisch?«, stichelte Leonie. Sie kuschelte sich an ihre Freundin und drückte auf die Fernbedienung. Das Ungeheuer mit der Axt erschien wieder schnaubend auf dem Bildschirm. »Du hast zu weit zurückgespult, jetzt …«

Das Telefon auf der Anrichte klingelte. Die Mädchen sahen sich an und sprangen dann kreischend vom Sofa auf. Leonie war als Erste an der Anrichte und grapschte nach dem Hörer. »Ja, Leonie hier?«

»Ich krieg dich schon noch, du Miststück! Glaub ja nicht, dass du mich einfach so ignorieren kannst. Ich komme, wenn du alleine bist. Und dann mach ich dich fertig, das verspreche ich dir!«

Die wütenden Worte drangen aus dem Hörer ins Wohnzimmer. Die krächzende Männerstimme klang nun etwas jünger, aber es war unverkennbar dieselbe Stimme wie beim vorherigen Anruf.

»Glaubst du etwa, du kannst mir Angst machen, du Trottel?«, sagte Leonie provozierend. »Mann, du bist ja echt krank. Traust dich nicht mal, deinen Namen zu sagen, du Waschlappen.«

Der Unbekannte fluchte, verhaspelte sich und legte auf.

»Das war er wieder«, murmelte Leonie. Auf einmal fühlte sie sich unbehaglich. »Ich glaube nicht, dass das Johan und Pieter sind. Die haben meine Festnetznummer gar nicht.«

Leonie setzte sich aufs Sofa. Es sah ihr gar nicht ähnlich, dass sie sich von irgendetwas einschüchtern ließ. Normalerweise hatte sie vor gar nichts Angst und hielt mit ihrer Meinung selten hinterm Berg. Eine Eigenschaft, die ihre Lehrer bisweilen in den Wahnsinn trieb. Gleichzeitig sorgte das aber dafür, dass sie bei ihren Mitschülern ziemlich beliebt war. Eine Trendsetterin, die mehr oder weniger den Modestil der ganzen Schule bestimmte. Im Hinblick auf Haarfarbe, Klamotten oder trendige Accessoires gab sie den Ton an und kreierte immer wieder neue wilde Looks. Sie war kaum zu übersehen, mit ihren halblangen Haaren, die sie immer in den ausgefallensten Tönen färbte, den leuchtend grünen Augen und dem Nasenpiercing. Sie war fröhlich, schlagfertig und liebte es, im Mittelpunkt zu stehen. Freunde hatte...



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