E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Waak Wir nennen es Familie
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-89684-578-8
Verlag: Edition Einwurf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Neue Ideen für ein Leben mit Kindern
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-89684-578-8
Verlag: Edition Einwurf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Waak arbeitet als Journalistin und Autorin. Sie wurde in Dresden geboren, studierte in Berlin und Paris u. a. Literaturwissenschaften sowie Kulturjournalismus. Waak schreibt als freie Autorin u. a. für '10 nach 8' auf 'Zeit Online', die 'Welt am Sonntag', 'Monopol' und 'Dummy' über Kultur und Gesellschaftsthemen. 2014 erschien ihr Buch 'Hartz IV und wir. Protokolle'; es folgten 2016 'Der freie Tod. Eine kleine Geschichte des Suizids' und 2017 (mit Frederike Helwig) 'Kriegskinder'.
Autoren/Hrsg.
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Familie anders denken
Warum Freiheit im Kopf beginnt
Für eine gerade noch als jung geltende Frau Mitte, Ende dreißig mit beruflichen Ambitionen und hochfliegenden Plänen ist es heute nicht eben einfach, sich aus vollem Herzen für die Gründung einer Familie zu entscheiden. Da ist zum Beispiel die Trennungs- und Scheidungsstatistik, die einem keinen rechten Mut macht. Wer gründet schon gern eine Familie mit der Aussicht, sie nach einem, drei oder zehn Jahren wieder aufzulösen? Meine Freundinnen und Freunde1, egal ob alleinerziehend, als Patchwork- oder sogenannte intakte Familie lebend, kämpfen permanent um Zeit oder Geld, meist um beides. Alle kämpfen um Anerkennung – besonders, aber nicht nur die Frauen. Was die bezahlte Arbeit angeht, brachte eine hochschwangere Freundin das Dilemma kürzlich ebenso gut wie trocken auf den Punkt, als sie auf die Frage, was es denn werde, antwortete: »Ein Karriereknick für mich, drei Teilzeitjobs oder Altersarmut.« Denn für Mütter stehen bekanntlich nur die Labels Hausfrau, Teilzeit-Versorgerin oder Rabenmutter zur Wahl.
Egal, wofür sie sich entscheiden, (implizite) Vorwürfe und das permanent schlechte Gewissen gibt es ungefragt mit dazu, da hilft auch der feministischste Partner nicht viel. Eine Trennung wegen verloren gegangener Liebe oder anderer unüberbrückbarer Differenzen der Eltern bedeutet zwar meist nicht das Ende der Welt, oft aber den sozialen und finanziellen Abstieg – meist für beide Ex-Partner. Zur empfundenen Schmach über das Scheitern der Beziehung kommt die Sorge, die gemeinsamen Kinder im Zuge der Trennung bis an ihr Lebensende zu traumatisieren. Im grellen Licht der Realität betrachtet, wirken alle Optionen gleichermaßen ausweglos, beängstigend und trist, sodass ich stellvertretend für den Rest der Menschheit froh bin, dass sich überhaupt noch irgendwer darauf einlässt, eine Familie zu gründen. Dann wiederum herrscht ja zum Glück das Prinzip Hoffnung.
Zugleich droht den Kinderlosen vom Ende des Lebens her gesehen die Einsamkeit und die Reue über die verpasste Chance, einen kleinen Menschen auf eine bis dahin unbekannte Art zu lieben, das, was man gelernt hat und woran man glaubt, weiterzugeben und auf diese Weise vielleicht etwas in der Welt zu hinterlassen. Kinder werden von denen, die es wissen müssen, als eine Art Weltverstärker beschrieben, die höhere Höhen und tiefere Tiefen mit sich bringen. Für jemanden wie mich, die in allen Lebenslagen an Intensität interessiert ist, klingt das wie eine Verheißung.
Nun gibt es in der Frage »Ein Kind oder kein Kind?« keine Kompromisse, kein Mittelding und kein Rückgaberecht, sollte man feststellen, dass man seine Kinder zwar sehr liebt, das Leben, das sie mit sich bringen, aber leider hasst.
Bei Frauen kommt noch die Zeitkomponente hinzu: Während sich ein Mann theoretisch noch mit siebzig oder achtzig für leiblichen Nachwuchs entscheiden kann, ist für Frauen der Zug irgendwann schlichtweg abgefahren – auch wenn diese Grenze mit Hilfe der Reproduktionsmedizin beständig nach hinten verschoben wird.
Was also tun? Ist die Kleinfamilie aus zwei Erwachsenen und ein bis drei im selben Haushalt lebenden leiblichen Kindern2 der einzige Weg? Wie soll das überhaupt gehen: ein Job, der Erfüllung und Anerkennung verschafft, eine Beziehung, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg sowohl Leidenschaft als auch Geborgenheit bietet, und »als Krönung der Liebe« Kinder, die mit ihrem gemächlichen Rhythmus sowohl der immer unerbittlicher werdenden Taktung der Arbeitswelt als auch mit ihrem Bedürfnis nach Zuwendung einer Paarbeziehung entgegenstehen? Muss man sich für einen oder zwei Träume entscheiden: die große Liebe oder die erfolgreiche Karriere oder Kinder? Hieß es nicht eben noch, wir könnten alles haben?
Lebten im Jahr 1999 hierzulande noch 9,3Millionen Familien, also Eltern-Kind-Gemeinschaften im gemeinsamen Haushalt, waren es 2019 schon 1,1Millionen weniger.3 Es scheint, als hätte die nuclear family, wie sie im Englischen heißt, ihre beste Zeit tatsächlich im nuklearen Zeitalter gehabt. Stirbt die Familie wirklich aus und existiert bald nur noch als anheimelnde Metapher in der Sprache der Werbung und der Wirtschaft oder als Sehnsuchtsbild im Mainstreamfilm? Immerhin lautet selbst der Claim einer klebrigen Süßigkeit der Storck-Markenfamilie: »Familie ist alles – und alles kann Familie sein«.
Babys kommen jedenfalls nach wie vor auf die Welt, davon zeugen die freudetrunkenen Mails, Postkarten und Status-Updates mit den Aufnahmen der frisch Geschlüpften. Trifft man deren Mütter und Väter dann Monate und Jahre später wieder, sind sie nicht selten hohläugig, abgekämpft und frisch getrennt. Das Familienleben, heißt es dann, habe sich irgendwie ganz anders gestaltet als erträumt. Was zur Frage führt, was das für Träume waren.
Als Heranwachsende schrieb ich regelmäßig kleine Flaschenpostnachrichten an mein zukünftiges Ich. Auf Papierschnipsel kritzelte ich Fragen, die meine Zukunft betrafen: In was für einer Wohnung werde ich mal leben? Wie viele Kinder werde ich haben? Mit wem? Die Zettelchen legte ich in einen Umschlag und vergaß sie bis zum nächsten Umzug in der Schrankschublade. Wenn ich sie heute lese, freue ich mich über diese junge, arglose, neugierige Version meiner selbst, weiß aber auch, dass sie seitdem ein paar Updates mitgemacht hat.
Ob Menschen nun eine Familie gründen oder sich, so wie ich bislang, dagegen entscheiden: Wie können wir wissen, welchen unbewussten Mustern wir da jeweils folgen und woher diese stammen? Sind wirklich wir es – ich meine vor allem Frauen und Männer in ihren Zwanzigern, Dreißigern und Vierzigern –, die sich Kinder wünschen, oder sitzen wir ein Stück weit einer Ideologie auf, die uns zwar alle möglichen sexuellen Praktiken und Beziehungskonstellationen akzeptieren lässt, die aber nach wie vor nur eine Vorstellung von einem gelungenen Familienleben kennt: das durch romantische Liebe verbundene Paar mit Kind(ern). Woher sollen wir wissen, ob wir nicht nur gelernte, mehr oder weniger erfolgreiche, häufig von außen an uns herangetragene Erwartungen, Vorstellungen und damit Lebensmodelle reproduzieren?
Mein Zögern und Zaudern in diesen Fragen bedeutet nicht, dass ich nicht mit Kindern zusammenleben will. Es bestand für mich lange überhaupt kein Zweifel daran, dass ich mal welche haben würde. Nur wie, das hatte ich mir nie so genau überlegt, war aber sicher, das würde sich schon fügen. Die traditionelle Konstellation kam mir allerdings schon immer etwas zu klaustrophobisch und stickig vor. So erschien mir die Vorstellung von einem Haus mit einem Mann und zwei Kindern darin nie besonders erstrebenswert. Auch das Konzept der Ehe leuchtet mir bis heute nicht so recht ein, und ich finde es grundfalsch, dass der Staat sie anderen Lebensformen gegenüber vorzieht und subventioniert. Den einzigen Ring, den ich je zu tragen plane, bekam ich zu meinem zwölften Geburtstag von meiner Mutter überreicht: ein billiges Ding aus Rotgold, das unter den Frauen unserer Familie weitervererbt wird. Er war einmal der Verlobungsring meiner Ururgroßmutter Anna, deren Ehe letztendlich nicht zustande kam. Meine Oma, die Einzige, die sich zu der Angelegenheit noch befragen lässt, kann sich beim besten Willen nicht an den Namen des Mannes erinnern, von dem der Ring stammt. Wenn er symbolisch für etwas steht, dann eher für die Idee der Selbstbestimmung als dafür, dass mit der richtigen Person das ewige Glück auf einen warte.
Allerdings stand ich auch noch nie vor der konkreten Entscheidung, ob ich wirklich ein Kind bekommen möchte. Es kam schlicht nie dazu. Und so begann ich mich, kurz vor meinem 30.Geburtstag, immer häufiger zu fragen, was genau eigentlich eine Familie ist, was sie sein kann und welche Alternativen es zum herkömmlichen Modell Kleinfamilie geben könnte.
Diese Fragen führten mich zurück in meine eigene Kindheit. Meine Mutter war 22 und steckte mitten im Psychologiestudium, mein ebenso junger Vater etablierte sich gerade als Künstler, als sie mich Anfang der 1980er-Jahre in der DDR zur Welt brachten. Weil meine Eltern zwar zusammenlebten, aber nicht verheiratet waren, galt meine Mutter offiziell als alleinerziehend. Das Geld, das sie als Unterstützung vom Staat erhielt, war zusammen mit dem, was mein Vater mit seinem Nebenjob verdiente, eine ziemlich gute Lebensgrundlage. Unsere erst winzige und nach einem Wanddurchbruch geräumige Wohnung kostete 50 Ostmark Miete. Viel zu konsumieren gab es nicht. In den Urlaub fuhren wir mit dem Zug an die Ostsee. Unsere Welt war kleiner und um ein Vielfaches einfacher als die, in der wir heute leben.
Meine Altersgenossen – die zukünftigen sozialistischen Arbeiter – wurden mit ein paar Monaten standardmäßig für bis zu zehn Stunden am Tag in Kinderkrippen gegeben, damit ihre werktätigen Mütter dem Sozialismus dienen konnten. Meine Mutter hielt die staatliche Krippe mit ihren Wickel- und Töpfchenroutinen für zu rigide und mich für zu klein, um mich dort hinzugeben. Während sie ihr Studium abschloss, verbrachte ich die Hälfte meiner Tage in einem Laufstall im anheimelnd nach Ölfarbe riechenden Atelier meines Vaters. Als meine Mutter dann in ihrem ersten Job arbeitete, baute mein Vater einen Handkarren mit einer kleinen Bank und warmen Decke zur Kinderkutsche um und zog meinen jüngeren Bruder und mich jeden Morgen durch unser Wohnviertel zum freundlichsten Kindergarten, den es dort gab. Als sich unsere Eltern dann nach 20 respektive 25Jahren Beziehung trennten4, entschieden sie, dass es im Trennungsjahr das...




