Wähner | Ostvorstellung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 548 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Wähner Ostvorstellung

Band 1: Matinee
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-22101-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Band 1: Matinee

E-Book, Deutsch, 548 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-22101-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was in der Matinee, dem 1. Band der 'Ostvorstellung', frech, humorvoll und ironisch über jenen Winfried erzählt wird, ist Teil eines ungewöhnlichen Lebensweges, ist dessen Kindheit und Jugend, gewissermaßen die Vormittagsvorstellung eines langen Lebens. Indem persönliche, teilweise sehr originelle Erlebnisse in den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext eingebettet und mit Fakten anreichert werden, entsteht ein bemerkenswertes Stück Zeitgeschichte - erzählt aus dem Blickwinkel eines Ostdeutschen.

Gerd W. Wähner, Jahrgang 1941, lebt in Berlin. Als Fotograf und Sachbuchautor ist er einem kleineren Interessentenkreis bereits bekannt. Beruflich brachte der Autor es auf dem zweiten Bildungsweg vom notorischen Schulschwänzer bis zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Ein Stück dieses Weges lässt er seinen Protagonisten im autobiografischen Roman "Ostvorstellung: Matinee" nachverfolgen. Überdies ist W. viel und gern in der Welt unterwegs, fotografiert, notiert seine Reiseerlebnisse und veröffentlicht sie. Im Verlag "tredition" erscheint in Kürze: "Die Volksrepublik KOREA - Ein skurriles Tagebuch".
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Kriegskind

„Alt ist, was man vergessen hat. Und das Unvergessliche war gestern. Der Maßstab ist nicht die Uhr, sondern der Wert. Und das Wertvollste, ob lustig oder traurig, ist die Kindheit. Vergeßt das Unvergessliche nicht.“

(Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war)

Ein Mensch erblickt das Licht der Welt

Winfried ist ein Kriegskind. Eine vergilbte Urkunde, ausgestellt vom Standesamt Berlin-Schöneberg und mit einem schönen runden Stempel versehen (Adler mit Hakenkreuz in der Mitte), bescheinigt seine Geburt am 2. November 1941 in Berlin-Schöneberg, Kalkreuthstraße.

Weiter steht da:

„Vater: Technischer Angestellter Wilfried Gerhard W., gottgläubig, wohnhaft in Berlin.

Mutter: Margarete Berta Gertrud W., geborene Meißner, gottgläubig, wohnhaft beim Ehemanne.“

Am Abend jenes 2. November hatte er besseres zu tun, der technische Angestellte Wilfried Gerhard W., als Frau und Sohn in der Klinik zu besuchen. Er zog es vor, die freien Stunden in seiner Volkstanzgruppe zu verbringen, die, wie er sagte, nicht ohne ihren Gitarrenspieler auskam.

Mutter hat ihm das nie verzeihen können.

Die frühesten Erinnerungen des Jungen an Vater und Mutter stützen sich auf Fotos des Vaters, die dieser im August 1942 im Ostseebad Misdroy und Umgebung gemacht hat. Die Familie aus Berlin war dort zeitweilig bei dessen Eltern und Großeltern untergekommen.

Willi W. und Frieda W., seine Großeltern väterlicherseits, lebten in Heidebrink, einem kleineren Ferienort an der Ostsee, ein paar Kilometer östlich von Misdroy. Sie kamen irgendwann in den frühen dreißiger Jahren aus Berlin nach Vorpommern, wohl auch, weil die Eltern von Großmutter Frieda dort ein Anwesen besaßen.

Auf einem alten Foto sind Großmutter Frieda (Elfriede Bertha Anna, geb. Brinkmann) und Urgroßmutter Brinkmann abgebildet. Sie promenieren zusammen auf einer Seebrücke, wahrscheinlich der von Misdroy. Die ist mit breiten Bohlen beplankt und seitlich begrenzt durch ein hölzernes, weißlackiertes Geländer. Großmutter Frieda dominiert das Foto: Rundes Gesicht, lächelnd, die Hände über dem Bauch gefaltet. Die Urgroßmutter, klein hager, mit dünnem Haar und abstehenden Ohren, hat sich bei ihrer Tochter eingehakt.

Mehr weiß er von seiner Urgroßmutter nicht, und nicht viel mehr von seiner Großmutter Frieda, die wenige Jahre nach Kriegsende in Berlin verstarb.

Als sicher gilt, dass Vater Winfried und dessen jüngerer Bruder Willibald einen großen Teil ihrer Kindheit und Jugend bei den Eltern und Großeltern in Heidebrink und Misdroy verbracht haben.

Misdroy hatte von je her eine besondere Anziehungskraft für den Berliner. Ende des 19. Jahrhunderts schreibt Edwin Müller, gleichfalls ein Berliner, in seinem Fremdenführer folgendes über den Ort:

„Misdroy liegt an der Westküste der Insel Wollin, umschlossen von den Abhängen einer bewaldeten Hügelkette, die bei den Lebbiner Bergen am Haff beginnt, und sich über Misdroy hinaus am ganzen nördlichen Küstensaume der Insel hart am Meeresstrande hinzieht (…) Als Seebad bekannt wurde es etwa seit 1830 (…) Seit jener Zeit hat sich Misdroy, unterstützt durch thätige Mitwirkung der Badedirection, von Jahr zu Jahr weiter ausgedehnt, und zu einem der bedeutendsten Ostseebäder emporgeschwungen.“

Jene Fotos vom August 1942 zeigen einen blonden Jungen, klein und fein, in einem Körbchen sitzend, welches vorn, am Lenker, von Vaters Fahrrad befestigt ist. Der radelt mit ihm durch die tiefgestaffelten Dünen des Ostseestrandes.

Auf einem anderen dieser Fotos chauffiert ihn die Mutter im Cabriolet (Kinderwagen, weiß und mit offenem Verdeck) den Strand entlang.

In Misdroy, nahe dem Bahnhof, besaßen Mutters Schwiegereltern zu jener Zeit eine Kohlenhandlung und ein Lebensmittelgeschäft. Auf einem kleinformatigen Foto ist dieses Geschäft abgebildet: Es befindet sich im Parterre eines zweigeschossigen Eckhauses. Eine der Straßen, die es abschließt, heißt „Capenz Straße“, sofern der Straßenname auf dem Foto mit der Lupe richtig entziffert wurde. Das Haus liegt durch seine Ecklage sehr günstig, vorn der Eingang, die Schaufenster entlang zweier Straßenseiten. Das dürfte dem Umsatz förderlich gewesen sein.

Über dem Eingang steht in großen Lettern „Kaufhaus für Lebensmittel“. Oberhalb des Schaufensters, an der rechten Straßenseite, weist ein Schild auf Spezielles hin: „Feinkost Aufschnitt Schokolade“.

Das Eckhaus wird nach oben hin durch ein Türmchen mit einer runden Haube abgeschlossen. Eine metallische Spitze krönt diese. Alles recht repräsentativ, gut bürgerlich.

Es ist Winter. Auf dem Foto ist ein Berg Schnee zu sehen, rund um eine kahle Platane angehäuft. Weiterhin erkennt man darauf schneegeräumte Gehwege zu beiden Seiten des Einganges.

Ein zweites, größeres Foto, gestattet einen Blick in das Innere des Geschäftes:

Hinter dem breiten, weiß gestrichenen, mit gründerzeitlichem Schnitzwerk verzierten Verkaufstresen steht Großmutter Frieda. Sie trägt einen weißen, ärmellosen Kittel, beugt sich gerade ein wenig vor und stützt dabei die Hände auf den Tresen. Rechts von ihr steht die weißlackierte Verkaufswaage. Dahinter, über die gesamte Breite des Geschäftsraumes gehend, sieht man ein großes Wandregal voller Gläser, Flaschen, Dosen und Konservenbüchsen. Ganz oben, ohne Leiter nicht zu erreichen, sind kunstvoll Konservenbüchsen gestapelt, jeweils eine Sorte zu einer vierstufigen Pyramide aufgebaut, ganz so, wie auf dem Jahrmarkt die Pyramiden aus leeren Dosen, nach denen man mit einem Stoffball wirft: Drei Würfe für 10 Pfennig.

Ob die Großeltern auch Eigentümer der Geschäftsräume oder nur Mieter waren, ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen. Eher nur Mieter, denn sie wohnten im Nachbarort Heidebrink. Das ist durch ein Foto belegt, auf dem die väterliche Familie abgebildet ist, um einen Gartentisch herum gruppiert. Auf der Rückseite steht „Heidebrink 1938“.

Dem Baedecker aus jenem Jahr kann man folgende treffliche Beschreibung des Ortes entnehmen:

„Heidebrink liegt auf einer kleinen Nehrung (,Trendel‘) zwischen dem Camminer Bodden und der offenen See. Schöne Birken- und Kiefernwälder im N., O. und W., im S. Wiesen. Der feinsandige Strand mit hoher Düne 2 – 5 Min. vom Ort entfernt.“

Aus diesem reizenden Ort also stammen seine Oma Frieda und seine Urgroßoma. Wann Opa Willi Oma Frieda ehelichte ist nicht mehr zu ermitteln, auch nicht, wann er aus diesem Anlass von Berlin nach Heidebrink zog. Jedenfalls war er damit gut beraten; zog doch gewissermaßen (siehe Lebensmittelladen und Kohlenhandlung) ins gemachte Nest.

Opa Willi ist nach einer schriftlichen Auskunft aus dem Melderegister beim Polizeipräsidenten von Berlin, datiert vom 1.4.1949, als Willi Ernst Franz W. am 8.10.1888 in Berlin geboren. Zu dessen Eltern heißt es in selbigem Dokument:

„Tischler Paul W., am 14.2.1863 in Kalau geboren, ist am 25.6.1910 in Berlin verstorben. Er war verheiratet mit Gulda W., geb. Heinrich, am 9.12.1870 in Kankolovo, Kreis Buk.“

(Das also sind väterlicherseits die Wurzeln des Jungen. Er selbst, sein Vater und sein Großvater sind in Berlin geboren. Beim Urgroßvater ist das nicht sicher, wohl aber, dass der in Berlin verstorben ist. Darf sich W. mit Blick auf diese Genealogie „Urberliner“ nennen?)

Das älteste vorhandene Foto zeigt Großvater Willi Ernst Franz als jungen Mann mit kurzem Haar, Anzug und Weste. Er trägt ein weißes Hemd mit einem hohen, steifen Kragen. Den hellen Sommerhut hält er lässig in der rechten Hand, die linke ist auf einen Stuhl mit geschnitzter Lehne gestützt. Da mag er neunzehn oder zwanzig Jahre alt gewesen sein.

Auf der Rückseite eines weiteren Fotos von ihm steht „Andenken aus der Sächsischen Schweiz“. Es ist ein klassisches Familienbild, auf dem sich die Familie pyramidal auf einigen Felsbrocken gruppiert hat. Von oben nach unten sind zu sehen: Opa Willi, das rechte Bein wie ein Eroberer auf einen Felsvorsprung gestützt, in der Hand einen langen Knüppel. Darunter Oma Frieda, mit Spazierstock, weißer Bluse und langem engen Rock. Rechts neben ihr die kleine Uroma Brinkmann und, etwas tiefer angeordnet, ein etwa zweijähriger Bube im Matrosenanzug. Unter der bebänderten Mütze schaut ein Pony hervor. Er trägt kurze Hosen und dicke, wollene Strümpfe. Auch der kleine Matrose hat einen Stock in der Hand und ist trotz seiner Verkleidung unschwer als Vater Winfried zu erkennen. Ein Studiofoto aus dieser Zeit zeigt ihn im gleichen Outfit zwischen seinen gutbürgerlich gekleideten Eltern. Die Mutter sitzt in einem überdimensionalen Sessel, der Junge auf dessen Lehne; beide Kopf an Kopf. Die hohe Lehne des Sessels ist im oberen Teil mit schönem floralem Schnitzwerk versehen:...



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