E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Wagendorp Tanz um die Wahrheit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-22215-4
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-641-22215-4
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Masser Brock ist Kolumnist für eine der größten Tageszeitungen der Niederlande, seine Schwester Mia der Spin-Doctor des Premierministers. Während er bestrebt ist, die Wahrheit herauszufinden, arbeitet Mia meist daran, sie zu vertuschen. Als Masser aber entdeckt, dass der tragische Tod von UN-Soldaten politischem Kalkül dienen soll und seine Zeitung seit Jahren mit dem Geheimdienst zusammenarbeitet, beginnt er, an seinem Beruf zu zweifeln … Ein spannender Roman über das Wechselspiel von Wahrheit und Lüge, über Nachrichten, die neue Wirklichkeiten schaffen, über das Manipulieren von Meinungen.
Bert Wagendorp, Jahrgang 1956, ist als Kolumnist für die niederländische Zeitung De Volkskrant und eine flämische Tageszeitung tätig. Zwischen 1989 und 1994 berichtete er unter anderem von der Tour de France. Zudem hat er das literarische Radrennmagazin De Muur mitbegründet. Sein Roman »Ventoux« war der große Überraschungsbestseller der letzten Jahre in den Niederlanden und wurde dort erfolgreich verfilmt. Die Arbeiten an der Verfilmung von »Ferrara« haben bereits begonnen.
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I
Geschmolzener Asphalt
Haarlem wurde geröstet, eine brennende Sonne schmolz den Asphalt, heizte die Dächer auf und versengte das Gras in den Parks. Auf den Caféterrassen des Grote Markt verkrochen sich Touristen unter den Sonnenschirmen. Aus der St.-Bavo-Kathedrale drang Orgelmusik, und es klang, als würde auch sie von der Hitze angegriffen, während sie sich unter dem grellblauen Himmel ausbreitete – man hörte ein flirrendes Vibrato. Die Möwen über der Spaarne schienen langsamer als sonst zu schweben, gebremst durch eine Luft, die zu dick war für schnelle Bewegung.
Masser Brock, Kolumnist der , ging am Teylers Museum vorbei in Richtung der weißen Ziehbrücke über die Spaarne. Er trug ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Jeans, ein scharfer Kontrast zu seinen weißen Nikes. Obwohl er sein provenzalisches Tempo einhielt, wie er es nannte, gemächlich und bedachtsam, rannen ihm Schweißtropfen den Rücken hinunter. Masser war ein Gewohnheitstier. Jeden Tag ging er seine kleine Runde, auch bei vierzig Grad Hitze oder einem halben Meter Schnee, sogar wenn er einen fürchterlichen Kater hatte oder eine Grippe. Am Dienstag, Donnerstag und Samstag unterbrach er seinen Spaziergang für zwei Heringe, immer mit Silberzwiebeln. Seiner Ansicht nach lag das Geheimnis eines langen und glücklichen Lebens in geduldiger Wiederholung.
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Masser Brock war knapp sechsundvierzig, sah aber jünger aus. Nicht, dass er sich krampfhaft bemüht hätte, jugendlich zu bleiben. Er färbte sich nicht die Haare, nahm keine Vitaminpräparate, joggte nicht, besaß kein Rennrad, betrat nie ein Fitnessstudio. Früher hatte er Fußball gespielt, aber nur in der untersten Spielklasse. Sein Kleidungsstil tendierte zum Altmodischen und ließ auf eine gewisse Gleichgültigkeit schließen. Wenn er eine Verabredung hatte, holte er irgendein Hemd und ein Jackett aus dem Schrank, ohne sich über die Kombination von Farben und Stoffen den Kopf zu zerbrechen.
Er hatte keine Frau, die ihn in Sachen Kleidung hätte beraten können. Im zweiten Jahr seines Niederländisch-Studiums hatte er zehn Monate lang eine Beziehung mit einer jungen Musikerin gehabt, die an der Musikhochschule Amsterdam Kontrabass studierte – er wusste nicht mehr, was genau sie auseinandergebracht hatte. Vielleicht hing es damit zusammen, dass er plötzlich sein Studium aufgegeben hatte und Journalist geworden war, weshalb Eva und er sich weniger oft trafen und er Teil eines Milieus wurde, das Eva fremd blieb. Danach hatte er kurze Zeit mit einer jungen Frau zusammengewohnt, die er von der Zeitung her kannte. Die Auseinandersetzung, mit der diese Beziehung endete, war so heftig und nahm ihn derart mit, dass Masser für sich den Schluss zog, er sei unfähig, mit einer Frau zusammenzuleben. Andere hätten das vielleicht als voreilig empfunden oder es nach einem Monat wieder vergessen, doch Masser hielt sich nun schon seit dreiundzwanzig Jahren daran, obwohl er manchmal gedacht hatte, er könnte es noch einmal versuchen – immer dann, wenn er sich verliebte. Aber der Teufel schien ein Spielchen mit ihm zu treiben: Die Frauen, zu denen er sich hingezogen fühlte, hatten keine Lust, ihr Leben mit ihm zu teilen. Er hatte sich damit abgefunden, für immer Junggeselle zu bleiben.
Seit fast fünfundzwanzig Jahren wohnte Masser Brock in Haarlem, beinahe von dem Tag an, als er Journalist bei der Lokalzeitung geworden war. Nie hatte er mit dem Gedanken gespielt, nach Amsterdam zu ziehen, auch nicht nach seinem Wechsel zur . Er verabscheute die Schaumschlägerei, mit der er sich in der Hauptstadt allenthalben konfrontiert sah, und glaubte, das rastlose Weltgeschehen am besten von einer ruhigen Provinzstadt aus beobachten zu können.
Masser überlegte, ob die Lichtblitze, die ihn trafen, Wasserreflexionen waren oder ob sein Gehirn selbst sie hervorbrachte. Schon seit sehr langer Zeit löste spiegelndes Wasser bei ihm Kopfschmerzen aus, er wusste sogar ganz genau, seit wann.
Die Kolumne gab seinem Dasein Struktur, er lebte im Rhythmus von sechs Kolumnen pro Woche. Früher hatte man Journalisten wie ihn auch »Glossenschreiber« genannt, heute sprach man nur noch von Kolumnisten. Seit er angefangen hatte, seine täglichen Beiträge für Seite zwei zu liefern, hatte sich vieles verändert. Die Kolumnen hatten sich sprunghaft vermehrt, auf fast jeder Seite fanden sich welche. Es hatte den Anschein, dass Nachrichten nur noch Anlass zu Kolumnen waren, dass die Meinung zu einem Geschehen wichtiger geworden war als das Geschehen selbst. Manchmal konnte eine Meinung plötzlich die Nachricht sein, dann schloss sich der Kreis.
Masser war nicht gerade glücklich über diese Entwicklung. Manchmal schämte er sich für seinen Beruf, schämte sich, Meinungsmacher zu sein. Was mache ich denn, fragte er sich dann. Ein Möbeltischler macht etwas, worauf man sitzen kann, aber was macht ein Meinungsmacher?
Masser betrat die Brücke, blieb stehen, legte die Hände aufs Geländer und blickte nachdenklich über das Wasser. Heute was Leichtes, dachte er, bei diesen Temperaturen brauchen die Leute Zerstreuung. Er nahm sein Smartphone aus der Hosentasche und suchte auf der Website der Zeitung nach Meldungen, die ihm vielleicht auf die Sprünge helfen würden. Doch die Welt schien zum Stillstand gekommen zu sein. Nirgends hatte sich eine Katastrophe ereignet, kein Flugzeug war abgestürzt, nicht einmal eine neue Studie über den Zustand der Umwelt war erschienen. An den Kriegsfronten schien Ruhe zu herrschen, vielleicht war es zu heiß zum Kämpfen. Oder zum Berichten über Kämpfe. Man hatte kein neues Schwarzes Loch im Universum entdeckt, keine neuen Teilchen, und kein Wolf hatte die Grenze überschritten.
Ich gebe mich als unabhängiger Geist aus, dachte Masser, dabei bin ich ein abhängiger. Man wirft mir täglich etwas vor, auf dem ich herumkauen kann, ansonsten bin ich hilflos. Er setzte aber großes Vertrauen in seine Kollegen, die keine neuigkeitenlosen Tage akzeptierten, schließlich musste eine Zeitung gemacht werden. Wenn es keine Neuigkeiten gab, fabrizierten sie welche. Sie verschoben die Fakten ein wenig, rückten ein Detail, das an nachrichtenreichen Tagen niemandem aufgefallen wäre, in den Vordergrund und nahmen es unter die Lupe. Oder sie beleuchteten irgendeine Äußerung auf so erfinderische Weise neu, dass sie eine andere Bedeutung erhielt, gerade so, als wäre ein journalistischer Jesus am Werk gewesen, der Wasser in Wein verwandelte.
Bei der Tour de France lag an diesem Tag ein Niederländer vorn. Wenn der gewann, hatte Masser ein dankbares Thema für sommerliche Betrachtungen; dass niederländische Radrennfahrer eine Tour-Etappe gewannen, kam ja nicht mehr so oft vor. Aber bis zum Etappenziel waren es noch 175 Kilometer, wahrscheinlich war der Fahrer chancenlos. Ein Abgeordneter hatte etwas über Bootsflüchtlinge getwittert, das andere Twitter-User skandalös fanden. Masser spuckte ins Wasser. Sogar der amerikanische Präsident twitterte Nachrichten in die Welt. Nicht mehr lange, und ich muss meine Kolumne wegen nachlassender Konzentrationsfähigkeit der Leser auf vierzig Wörter eindampfen, dachte er.
Von der anderen Seite betrat ein alter Bekannter die Brücke. Er wohnte gegenüber vom Teylers Museum in einem der hohen Häuser am Kai. Masser hob die Hand. Der Mann war ein prominenter Sportreporter, der früher jahrelang über die Tour de France berichtet hatte.
»Masser«, sagte er. »Wie geht’s? Ich seh dich hier regelmäßig auf der Brücke stehen.«
»Prima«, antwortete Masser. »Bisschen warm. Und dir?«
»Schlecht. Kolumne fertig?«
»Noch nicht. Ist zu früh. Ich hoffe, dass mir beim Gehen was Gutes einfällt. Dass mir von der Spaarne her was zufliegt. Oder dass ich jemanden treffe, der eine blendende Idee hat.«
»Es ist Sauregurkenzeit.«
»Vielleicht gibt’s endlich mal wieder einen niederländischen Etappensieg.«
».«
»Fehlt dir die Tour?«
»Kein bisschen. Es ist gut, so wie es ist. Ich bin ein alter Mann.«
»Komisch, ich stelle mir das großartig vor: von der Tour zu berichten.« Masser meinte es nicht ernst, er stellte es sich grässlich vor.
»Alles Blödsinn. Aber ich muss weiter. Ich wurde mit einem Einkaufszettel losgeschickt. Das ist jetzt meine Lebensaufgabe.«
»Überschaubar.«
»Wir müssen mal einen guten Tropfen zusammen trinken. Bis dann.« Er klopfte Masser auf die Schulter und ging weiter. Masser wartete einen Moment, bis sein Bekannter am Ende der Brücke die Straße überquert hatte und in Richtung Innenstadt abgebogen war. Dann ging er ans andere Ufer, wandte sich nach rechts und blieb im Schatten der Häuser, bis er die Brücke erreichte, über die er ins Zentrum zurückkehren konnte.
Er schaute wieder auf sein Smartphone. Ein Schriftsteller, von dem er das eine oder andere Buch gelesen hatte, war gestorben. Er empfand...




