E-Book, Deutsch, 394 Seiten
Wagner Alle, heilige Narren
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-5747-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 394 Seiten
ISBN: 978-3-6951-5747-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Wagner, 1963, lebt im Saarland, Studium der Psychologie und Philosophie, Drehbuchautor, Schriftsteller, Filmemacher, Veröffentlichungen in Fach- und Literaturzeitschriften, beteiligt an unabhängigen Filmproduktionen, teils mit Auszeichnung. Mit dem 2024 erschienen Werk "Der Mann, dem es gelang, den Sommer anzuhalten, legt er seinen ersten Roman vor."
Autoren/Hrsg.
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Erster Teil – Ins Offene
1
Als sie in den frühen Morgenstunden jenes verhangenen Novembertages mit Hundertachtzig über den vor Nässe glänzenden Asphalt der A 6 dahinjagten, hatte ein Weltuntergang bereits stattgefunden.
Es war Lea.
Sie hatte sich wohl dazu entschlossen, die Götter herauszufordern.
So herrschte, entgegen einer üblichen Trennung, wo wenigstens ein Teil des Paares von dem anderen loskommen will, bei Lea und Alexander die Ungewissheit, ob sie sich jemals wiedersehen würden. Denn gerade in diesem Wiedersehen läge die jeglichem Zweifel sich widersetzende Bestätigung ihrer Liebe, und was noch schwerer wiegen würde, die Bedeutung ihrer Existenz, jedenfalls nach Leas Überzeugung.
Lea besaß einen Mund zum Küssen. Selbst nach zwölf Jahren vermochte Alexander immer noch Neues an ihr zu entdecken, eine Nuance ihrer Augenfarbe, ein Spielen um ihre Mundwinkel, eine Wölbung ihrer vollen Lippen, dunkelblonde Locken, zu einem Pferdeschwanz gebunden, zusammengehalten von einer Haarspange aus Schildpatt.
Sie trug die braune Wildlederhose, die mit dem Winkel am rechten Knie, eingerissen in einem unachtsamen Moment an der Abbruchstelle eines vom Sturm niedergerissenen Astes, Silber funkelte am linken Daumen, schnörkellos.
Alexander Hoffmann steckte in einem anthrazitfarbenen Anzug, seinem einzigen, dessen Hose ihm ständiges Jucken an der Innenseite seiner Oberschenkel bescherte.
Und die ganze Zeit wusste er, Hundertachtzig war zu schnell. Bodenwellen brachten den Wagen aus der Spur, er schlingerte über die Fahrbahn und kam der Mittelleitplanke beängstigend nah. In Sekundenbruchteilen packte Alexander den Türgriff, jeden Muskel angespannt, die Augen weit aufgerissen, Schrecken und Panik standen ihm zu Gesicht.
Lea tarierte das Fahrzeug durch leichte Gegenbewegung des Steuers aus, spielend, und sie lächelte noch dabei. Alexander spürte sein Herz rasen. Bemüht gelassen zu wirken, hielt er mit der rechten Hand den Türgriff so fest umklammert, dass die Knöchel weiß anliefen und seine Venen hervortraten.
Lea liebte es, ihre Wagen bis zum Anschlag der Tachonadel zu schinden. Aquaplaning, Bodenhaftung oder Zentrifugalkraft blieben Begriffe ohne Relevanz, Worthülsen, die Lea in ihrem Geschwindigkeitsrausch nicht zu bremsen vermochten. Und ausgerechnet lenkte sie an diesem Tag Alexanders Wagen, 150 PS und mehr. Der BMW war das einzige von materiellem Wert, was sich nach den zurückliegenden Monaten noch in ihrem Besitz befand. Alles, was ihre Existenz gewesen war, ihre Arbeit, ihre Rücklagen, das Haus mit dem Garten, ihre gemeinsamen Interessen, die regelmäßigen Theaterbesuche, die Urlaube, die faulenzend auf dem Sofa verbrachten Sonntage, die gemeinsamen Spaziergänge, alles das sollte der Vergangenheit anghören, ohne Aussicht auf Wiederholung.
Normalerweise hätte Alexander durch Appelle an Leas Vernunft versucht, das Gefahrenpotential ihres mörderischen Fahrstils zu reduzieren, doch an diesem Morgen zwang er sich dazu, den Mund zu halten. Wenn schon ihre Zukunft von einem Gottesurteil abhängig gemacht werden sollte, und er gezwungen war sich auf eine solche Verrücktheit einzulassen, dann sollte er auch akzeptieren können, dass sie beide in den Trümmern eines zerquetschten Wagens zu einem untrennbaren Brei aus Fleisch und Knochen zermantscht würden.
Lea glaubte nicht an Zufälle, an keinerlei Zufälle, jedoch auch nicht an Vorherbestimmung, sie glaubte an Zusammenhänge, an das Allumfassende und vor allem an die Bedeutung menschlicher Entschlusskraft.
Sie hatte festgelegt, Alexander solle den Anfang machen, er solle die Entscheidung treffen, in welche Himmelsrichtung, Norden, Süden, Osten oder Westen, er reisen wolle, er könne sich auch nach Nord-Osten, Nord-Westen, Süd-Westen oder Süd-Osten wenden, hatte sie mit einem überheblichen Lächeln hinzugefügt, die Entscheidung bliebe ganz allein ihm überlassen.
Auch die Wahl der Verkehrsmittel stünde ihm selbstverständlich frei, ebenso wie die Wahl der Reiseroute, die Erstellung eines Zeitplans oder die Einteilung des Budgets. Natürlich auch die Art und Weise, wie er sein zukünftiges Leben gestalten werde. Dies zu erwähnen halte sie für überflüssig, tue es aber dennoch, einzig aus dem Grund, es nicht unerwähnt zu lassen. Für ihn hörten sich Leas Ausführungen nach einer endgültigen Trennung an.
Wie es denn um ihre Liebe stünde, hatte er wissen wollen, schließlich sei dies in seinen Augen der einzige Grund, weshalb sie zwölf Jahre zusammengeblieben seien, davon neun verheiratet.
Ihre Antwort reichte zurück bis zu Hesiod und Empedokles.
»Die Liebe ist das Einzige, wofür es sich lohnt, das zu tun, wozu wir uns entschlossen haben. Wenn Liebe mehr ist als ein Gefühl, wenn Liebe auch ein kosmisches Prinzip ist, wie die antiken griechischen Philosophen glaubten, dann ist es ganz gleich, ob zwei Liebende zeitlich und räumlich voneinander getrennt sind. Was ich unter Fügung und Schicksal verstehe, wird dann der Liebe untergeordnet sein.«
Alexander teilte mit Lea nicht unbedingt die gleiche Weltsicht. In einigen Punkten, vielleicht den Wesentlichen, in Fragen des Nichtwahrnehmbaren etwa oder im Hinblick auf die Größe der griechischen Antike waren sie immer schon unterschiedlicher Auffassung gewesen.
Lea schaltete in den vierten Gang zurück und gab Gas. Das Fahrzeug schoss eine Steigung hoch, die ihn glauben machte, die Autobahn führe geradewegs in den Himmel hinauf.
»Hast du gewusst, dass ich hier auf der Gegenfahrbahn meinen ersten Wagen zu Schrott gefahren habe?«
Leas Worte, die ersten, seit sie losgefahren waren, boten Alexander endlich die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte.
»Vielleicht solltest du deshalb gerade an dieser Stelle etwas langsamer fahren«, schlug er nachdrücklich vor.
»Wozu? Es lag damals nicht an der Geschwindigkeit«, erklärte Lea gelassen.
»Sondern?«
»Es lag daran, dass ich an dem LKW nicht vorbeikam, weil der R4 nicht mehr hergab.«
»Du hättest es lassen können«, konterte Alexander.
»Was hätte ich lassen können?«
Leas Blick zur Seite war klar und unmissverständlich. Leg dich nicht mit mir an, warnten ihre großen, grünen Augen, du wirst den Kürzeren ziehen.
»Du weißt, was ich meine.«
»Sag's trotzdem.«
»Wozu?«
»Weil ich will, dass du es sagst.«
Alexander schwieg, während er sich einzureden versuchte, fest entschlossen zu sein, seiner Hingabe an die einzige Liebe seines Lebens zu widerstehen. Lea atmete tief ein, schaltete in den fünften Gang, stieß die Luft laut aus ihren Lungen und brachte den Wagen wieder auf die ursprüngliche Geschwindigkeit.
»Das ist, was ich dir in tausend Gesprächen versucht habe zu erklären. Du bist ein leidenschaftsloser Vegetarier. Du stellst dich hinten an und wartest, bis das Leben dich aufruft. Dein Motto heißt, nichts wagen, nichts riskieren, nur vorgegebene Wege beschreiten und keine Spuren hinterlassen. Aber das wird sich Gott sei Dank alles ändern.«
Leas Kritik brannte in Alexanders Magen wie kochendes Wasser auf der Haut. Er schwieg weiter und versuchte sich die Verletzung nicht anmerken zu lassen. Alexander hatte dem nichts entgegenzuhalten, außer vielleicht, dass er seine Art zu leben für die vernünftigere hielt. Doch damit brauchte er Lea nicht zu kommen.
»Vernunft ist Auslegungssache, eine menschliche Erfindung«, würde sie antworten, und dann das Gaspedal noch weiter durchtreten.
»Ich werde dir helfen, in dein Leben zurückzufinden. Du wirst mir eines Tages dankbar sein«, behauptete Lea, ohne das geringste Anzeichen eines Zweifels.
Gott tauchte neuerdings immer häufiger in ihrer Konversation auf.
Lea schaltete den Scheibenwischer aus. Der Regen hatte aufgehört, doch die Hügelkuppen des Pfälzer Waldes versteckten sich immer noch hinter einer tiefhängenden, grauen Nebelwand.
»Ich kann nicht glauben, dass ich mich darauf eingelassen habe«, knurrte Alexander leise, mehr zu sich selbst.
Die Nachfrage, sie habe nicht verstehen können, was er da vor sich hin murmele, blieb aus. Lea schaltete das Radio ein. Der Kultursender spielte Bach, und ausgerechnet das der Matthäus Passion, Leas Lieblingsarie.
»Es hätte sicherlich genügend andere Möglichkeiten gegeben, das Problem zu lösen«, sagte Alexander mit fester Stimme.
»Welches Problem? Welche Möglichkeiten?«
Lea schien gelangweilt.
»Eine, eine therapeutische Therapie zum Beispiel, oder wie das heißt.«
»Schwachsinn«, stieß Lea hervor.
»Ich hätte es wenigstens versuchen können«, beharrte Alexander.
Ertrinkende klammern sich an alles, wovon sie glauben, dass es sie über Wasser halten wird, auch wenn es sich dabei um nichts anderes als ihre Hoffnung handelt.
»Ehrlich, glaubst du wirklich daran, dass sich ein Mensch ändern kann, wenn er einem Therapeuten seine...




