Wagner | Bär, weg mit dem Pelz | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Wagner Bär, weg mit dem Pelz

Ein Bärseller
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-6991-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Bärseller

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-7562-6991-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bär, weg mit dem Pelz ist die Geschichte einer Mannwerdung. Das Buch, das Ende der 1990er-Jahre spielt, ist in Ich-Form geschrieben. In vier Kapiteln werden die jeweiligen Entwicklungsschritte des jungen Hans Belz erzählt. Jeder Abschnitt spiegelt in Stil und Handlung die unterschiedlichen Etappen auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Die Sprache des Romans ist direkt. Das große Thema ist die Liebe, der Sex und die Verstrickungen, die sich innerhalb von Beziehungen ergeben; sowohl in Männerfreundschaften als auch in Paarbeziehungen. Inhalt Der Hauptdarsteller Hans Belz verliert die Liebe seines Lebens nach der gemeinsamen Internatszeit aus den Augen. Sein Verhalten ihr gegenüber ist in den letzten Wochen von Gemeinheiten geprägt, nicht nur weil er sich exzessiv dem Alkohol hingibt. Noch während der Schulzeit fasst er mit seinem besten Freund Paul den Entschluss, Deutschland zu verlassen und in Irland zu leben. Nach dem Abitur erbt Paul ein Vermögen, mit dem er dem Ich-Erzähler den Lebensunterhalt finanziert. Hans Belz schreibt an einem Buch, muss feststellen, dass keine Frau die Leere ausfüllen kann, die in ihm ist; er vergeht in Sehnsucht an seine große Liebe Sara und trinkt. Er trifft eine neue Frau, Martina. Die allerdings fügt seiner geschundenen Seele nur weiteren Schaden zu. Immer wieder hat er Kontakt zu Sara, kann sie aber nie überzeugen, zu ihm zurückzukommen. Obwohl sie wieder mit ihm schläft, geht sie zu ihrem neuen Freund zurück, den sie heiratet. Zum Schluss klären sich die Fronten. Der Hauptdarsteller der Geschichte findet seine Identität.

Der Autor, 1977 geboren, arbeitet als freier Journalist im Saarland. Als ausgebildeter Redakteur mit Volontariat bei einer großen deutschen Tageszeitung arbeitet Michael Wagner täglich an Pressemitteilungen und Fachartikeln.
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BÄR, WEG MIT DEM PELZ

Es war an einem Freitagabend gegen halb zwölf, als ein sturzbetrunkener Mann Anfang 30 auf den Treppenstufen einer Provinzdisco saß und sich klar darüber wurde, dass er sein Leben verpfuscht hatte, dass er den Tiefpunkt erreicht hatte. Den tiefsten Punkt eines Lebens, das aus Arbeit und Alkohol besteht. Er erkannte, dass er ein verkorkstes Arschloch ist, das einen Scheiß auf seine Gefühle gibt, und auf die der anderen noch viel weniger. Schleim lief aus seiner Nase. Er wischte die Tränen ab. Leere füllte ihn aus. Tief gedemütigt, und doch nicht in der Lage, zu erkennen warum eigentlich genau, senkte er seinen Kopf. Seine Krawatte schwankte halb aufgeknöpft über dem mit Rotwein befleckten weißen Hemd. „Nein, so geht’s nicht mehr weiter“, ging es ihm durch den Kopf. Er torkelte nach draußen, um zu seinem Wagen zu kommen. „Nur heim“.

Während der Autofahrt musste der Mann anhalten. Er hatte nicht mehr dieses ungute Gefühl im Magen. Dennoch musste er sich übergeben. Nicht wegen des Alkohols. Der beruhigte seine geschundene Seele. Eher wegen des Schmerzes, den er fühlte. Seit Tagen.

Er stand gebeugt neben der Fahrertür. Das Autoradio dudelte. Und jetzt hörte er den Sänger. Zum ersten Mal seit langem fühlte er sich wieder geborgen. Ihm wurde schwindelig. Er hörte auf die Schreie in seiner Brust: „Wer denkst du, dass du bist? Jesus Christus – Superstar, wer meinst du, bist du“.

Er fiel zu Boden, sein Husten wollte nicht aufhören. Der Mann schlief auf dem Parkplatz ein, den Kopf neben einem Haufen Müll in einer Lache aus Erbrochenem.

Wie er heimgekommen ist und wie er den Weg ins Bett gefunden hat, wusste er am anderen Tag nicht mehr. Er wusste nur, er lag im Bett und krümmte sich, den Kopf auf die Hände gelegt. Den Kopf so voll, dass kein Gedanke möglich ist.

Dieser Mann war ich.

Angefangen hat die Geschichte damit, dass mich meine Eltern in ein Internat in der Schweiz geschickt hatten. Ich hatte mich gewehrt, mit Händen und Füßen. Eines Septembertages eröffnete mir meine Mutter, dass es wohl das Beste für mich sei, wenn ich den Rest meiner Schulzeit bis zum Abitur in der Schweiz verbringen würde. Eigentlich war es das Beste für sie, nur das war mir damals noch nicht klar. Mit meinem Vater lief die Ehe wohl nicht mehr so gut. Ich hatte das nicht bemerkt. Es schien alles der reinste Sonnenschein zu sein. Bis zu dem Tag, an dem sie mich ins Auto pressten. Ohne diesen Zwangsumzug wäre mein Leben wohl komplett anders verlaufen. Wie dem auch sei, die Entscheidung meiner Eltern stand fest. Wir fuhren ins Rüttikon, wo ich von nun an lernen sollte, wie ein anständiger Mensch aus mir wird.

Da stand ich nun also auf dem Campus irgendeines unwichtigen Internats im Herzen der Schweiz. Der Gebäudekomplex lag oberhalb der Stadt, die Aussicht war nicht zu verachten, die Pflanzparzellen akkurat angelegt. Küsschen von Mama, Handschlag von Vater – und weg waren sie. Es gab keine lange Abschiedszeremonie, ein neuer Teil meines Lebens hatte angefangen, und ich konnte, selbst wenn ich gewollt hätte, nichts dagegen tun. Ich fühlte mich verlassen - lange wollte ich nicht so dastehen. Es hätte mich ja einer meiner Mitschüler sehen können, wie ich neben dem Direktor auf dem Hof stand, weit davon entfernt, zu weinen - aber hilflos und alleingelassen in einer fremden Welt. Keine Menschenseele war zu sehen. Der mittelalterliche Gebäudekomplex in seiner Mächtigkeit tat sein Übriges, um mein Unbehagen zu verstärken. Der Schulleiter fasste an meine Schulter und sprach ein paar aufmunternd gemeinte Worte, im Gesicht ein aufdringliches Grinsen: „Sie werden sich hier bald wohl fühlen, Sie werden schon sehen. Sie werden sich später bei Ihren Eltern bedanken, dass sie Sie hergebracht haben.“ Er hätte mir auch aus dem Steuergesetzbuch vorlesen können. Er hätte die gleiche Wirkung erzielt. „Ja, bestimmt“, sagte ich und folgte ihm die steinernen Treppen hinauf, um mein Zimmer zu inspizieren. Immer wieder drehte sich der Schulleiter um und blickte mich mit seinem militanten Lächeln an.

„So, hier ist es, ich lasse Sie jetzt allein, seien Sie herzlich willkommen“. Und weg war auch er. Ich öffnete die Tür von Zimmer 134 und trat ein, immer noch mit einem bleiernen Gefühl im ganzen Körper.

Er saß da im Schneidersitz mit blankem Oberkörper und einer Halskette, die indianisch aussah. Seine Stoffhose war gebatikt. Das Haar kurz geschoren. Er wirkte sympathisch, mein Zimmergenosse. Zwei Betten, zwei Zonen. Die eine war kahl und hatte den Charme eines Krankenhausganges. Sein Bereich des Zimmers hingegen war mit Traumfängern, Tüchern und Figuren indischer Gottheiten geschmückt. „Ein netter Paradiesvogel“, dachte ich. Keines Blickes hat er mich gewürdigt. Er sprang auf und tänzelte aus dem Zimmer, kaum, dass ich den Raum betrat. Schüchtern und zurückhaltend trat ich ein. „Na, an mir soll’s nicht liegen“, sagte ich zu mir selbst und begann, nun schon etwas forscher, meine Kleider aus dem Koffer zu räumen.

Beim Blick aus dem Fenster wurde mir weh ums Herz. Am Ende des Himmels thronte eine Bergkette, kleine Städte lagen auf dem Weg zum Horizont. Ich lehnte mich aus dem Fenster, zündete eine Zigarette an und inhalierte tief. „Das wird schon“, munterte ich mich selbst auf. „Du bist fast 18 und wirst denen schon zeigen, wie stark Du bist.“

Der Unterricht begann erst in einer Woche. Genug Zeit, um meine neue Umgebung kennen zu lernen. In der ersten Zeit erlebte ich nicht viel. Ich schlief lange und sprach nicht viel. Nachts hielt mich Paul vom Schlafen ab. Den Namen meines Zimmernachbarn hatte ich in der Raucherecke auf dem Gang erfahren. Die anderen kannten ihn nicht gut, aber sie machten Andeutungen, dass er viel mit Frauen habe und die auch mal heimlich ins Internat schleuse. Alles in allem sei er ein „Spinner“. Er sprach im Schlaf. Ich konnte zwar nicht viel verstehen, aber Paul schien lebhafte Träume zu haben. Er diskutierte mit sich selbst über den Sinn und Unsinn, beim Fliegen einen Sturzhelm zu tragen und ab und an lachte er auch. Eigentlich war es mehr ein Glucksen.

Die Stunden gingen vorbei. Mittags rief uns der Gong in den Speisesaal, der Rest des Tages stand zur freien Verfügung, wobei wir angehalten waren, zu lernen und den Stoff des vergangenen Schuljahres noch einmal durchzugehen. Ich lag meist im Bett. Diese fremde Sprache, dieses Schweizerdeutsch, das die meisten sprachen, war mir zuwider. Ich fühlte mich einsam und verloren, wenn ich diese Sprache hörte.

An einem der ersten Abende im Internat schrieb ich Briefe und ging früh zu Bett. Gegen 2 Uhr kam Paul ins Zimmer gepoltert. Er stöhnte und ließ sich ins Bett fallen. Er hatte einen Ferienjob in der Stadt und an diesem Abend blieb er länger unten als bis 23 Uhr. Bis dahin hatten wir das Licht zu löschen. Er hatte sich verbotenerweise betrunken, das konnte man riechen. Bis zu diesem Abend hatten wir nicht viel oder eigentlich gar nichts miteinander gesprochen. Paul schien mich zu meiden, er zeigte mir die kalte Schulter. In dieser Nacht sollte das anders sein.

  • „Hi“, sagte Paul.
  • „Hallo“, sagte ich. „Du solltest leiser sein, wenn sie Dich erwischen“.

Er lachte. „Ach was. Was sollen die mir denn anhaben. Ich habe schon mehr als eine Ermahnung weggesteckt. Du musst lockerer werden, sonst gehst Du hier drin ein. Nun erzähl erstmal, wo kommst Du eigentlich her?“

Ich sagte ihm, dass ich aus einer kleinen Stadt in Deutschland komme. Und dass er schon recht habe, ich fühle mich hier elendig verloren.

„Ach was, das kann auch ganz spaßig hier sein“, sagte er: „Ich heiße Paul“.

Wir gaben uns die Hand. „Hast du dich schon ein wenig eingewöhnt?“ Ich sagte Ja, senkte dann aber den Kopf.

  • „Ach komm, du musst dich mehr disziplinieren, es hilft nichts, wenn du deine Zeit hier nur verschläfst“.
  • „Sehr richtig“.
  • „Stell dich nicht so mimosenhaft an“
  • „Du hast ja leicht reden“
  • „Am Anfang ist es immer schwer“.
  • „Ich weiß nicht, was hier so viel besser werden soll.“
  • „Wirst schon sehen, es ist cool hier, das kann es zumindest sein, wenn Du dich mit deiner Situation anfreundest“.
  • „Na ja, mal sehen.“
  • „Was soll denn aus Dir mal werden, wenn Du fertig bist mit der Schule?
  • „Ich weiß nicht.“

Ich schwieg. „Na, was ist jetzt“, sagte er.

  • „Nun, ich schreibe gern und könnte mir auch vorstellen, Schauspieler zu werden.“
  • „Na, das ist doch was.“
  • „Und Du, was willst du machen?“
  • „Ist mir egal. Ich mache das, was ich will. Ist mir gleich, ob ich viel Geld verdiene. Ich will leben, fertig“
  • „Ich habe einen Traum. Wenn ich mit 35 noch nicht einen Gnadenhof für Schafe in Irland habe, dann ist alles zu spät“, sagte ich etwas schüchtern.

Er lächelte. Dabei...



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