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E-Book, Deutsch, 498 Seiten
Wagner Dafür bin ich nicht auf die Straße gegangen!
2. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-4190-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 498 Seiten
ISBN: 978-3-6951-4190-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Wagner, Jahrgang 1970, wuchs im wilden Osten auf, arbeitete viele Jahre im Westen in der Privatwirtschaft und kehrte danach als Hochschullehrer in den Osten zurück. Er ist also weder ein reiner "Ossi" noch ein reiner "Wessi". Von der kleinen Provinzhochschule im tiefsten Osten verschlug es ihn in einen DAX-Konzern, später in einen TecDAX-Konzern, wo er im In- und Ausland in verschiedenen Führungsfunktionen tätig war und dabei die unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben und Arbeiten sowohl im Westen als auch im Osten intensiv studieren konnte. Seit einigen Jahren ist er als Hochschullehrer tätig und wundert sich jeden Tag darüber, wieviel Ähnlichkeiten das Leben und Arbeiten heute wieder mit seinen Erfahrungen aus der DDR hat. Als konservativer katholischer alter weißer Mann ist er nicht nur in der Hochschullandschaft ein Exot, sondern scheint mit seinen Ansichten auch sonst aus der Zeit gefallen. Sein Buch "Dafür bin ich nicht auf die Straße gegangen!" klingt nach einem letzten traurigen Mahnruf, doch nicht alles, was einmal als normal und gut galt, dem Zeitgeist zu opfern, auch wenn er weiß, dass ihn wohl niemand erhören wird.
Autoren/Hrsg.
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DIE JAHRE VON 1990 BIS 2000
„Jaaaaaa, Deutschland ist wiedervereint!“ Welch eine Freude und Überraschung, denn damit hatte niemand, den ich kenne, ernsthaft gerechnet. Geträumt davon, vielleicht, es aber für möglich gehalten – nein, das nicht.30 Ein ganzes Land, ein wiedervereintes Volk im Freudentaumel. Endlich frei, frei zu reisen, frei zu sagen, was man denkt, und frei, das zu lernen, zu studieren und sich zu erarbeiten, was man sich erträumt! So war die Hoffnung vieler Ostdeutscher, und für viele ist das auch genauso eingetreten. Und in den ersten zwanzig Jahren der Wiedervereinigung war die Stimmung im Land in meiner Wahrnehmung auch überwiegend positiv, zumindest habe ich sie so empfunden. Der Höhepunkt war sicher der Fußball-Weltmeistertitel im Jahr 2014. Von da an ging es bergab, mit dem deutschen Fußball, genauso wie mit dem Rest des Landes.
Aber auch in den ersten, den 90er-Jahren, gab es schon Anzeichen dafür, dass nicht alles Gold ist, was da glänzt. Ich selbst hatte noch meinen mir zugewiesenen Studienplatz „Ingenieurökonomie“ an der Technischen Hochschule Zittau sicher, konnte mir aber schon vorstellen, dann doch lieber direkt Betriebswirtschaftslehre „im Westen“ zu studieren und in der Nähe von Bekannten in Baden-Württemberg zu wohnen. Um das zu bewerkstelligen, musste in einem ersten Schritt der Bildungsabschluss anerkannt werden, ähnlich wie bei den nichtdeutschen Migranten heute. Das war aufgrund des guten Rufs unserer Schule auch kein großes Problem und so wurde meine Abiturnote auch nahezu unverändert anerkannt. Anders als bei den nichtdeutschen Migranten heute gab es aber eine Quote, wie viele „Ossis“ man in einem Studienjahrgang aufnehmen wollte. In meinem Fall war das genau eine Person. Ich war aber notentechnisch nur an Nummer drei und so hatte sich diese Idee ganz schnell erledigt. Diese kleine Episode sei all denen ans Herz gelegt, die bezüglich der Kritik an der aktuellen Migrationsproblematik seitens der Ostdeutschen immer auf deren Migration in den Westen verweisen, denn es war eben nicht überall so, dass wir mit offenen Armen empfangen und unsere Studien- und Berufsabschlüsse als gleichwertig anerkannt wurden. Mal davon abgesehen, dass dieser Vergleich an sich schon Unsinn ist, denn die meisten der „Binnenflüchtlinge“ sind ja im Westen geblieben und fallen heute nicht mehr unter die Kategorie der ach so migrati-onsfeindlichen Ostdeutschen. Aber allein der Vergleich der Binnenmigration arbeits- bzw. studierfähiger Landsleute in einem einst zwangsgeteilten und dann wiedervereinigten Land mit der Migration von Menschen aus einem ganz anderen Sprach- und Kulturkreis, häufig, im Gegensatz zu den ostdeutschen Facharbeitern, ohne irgendeine fachliche Qualifikation31, zeigt übrigens recht gut, dass viele „im Westen“ die Wiedervereinigung eben nicht im Sinne von gesehen haben als „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“32. Für sie war und ist die Wiedervereinigung teilweise nur die ungewollte Ausweitung des Landes und die damit verbundene zwangsweise „Aufnahme“ von Menschen, die ihnen kulturell genauso fremd waren und sind wie – und vielleicht sogar noch fremder als – die heutigen Migranten aus tatsächlich fremden Sprach- und Kulturkreisen. Und auch wenn ich selbst diese Wahrnehmung nie direkt so vermittelt bekommen habe, spüre ich sie bis heute unterschwellig ab und an, was sicherlich dem innerdeutschen Verhältnis nicht sehr gut tut und sich in Aussagen wie die von Springer- wiederfindet: „Die Ossis sind entweder Kommunisten oder Faschisten.“33 Sicher nicht repräsentativ und von den Medien auch selten so deutlich kommuniziert, aber hinter vorgehaltener Hand angesichts der Wahlergebnisse in Ostdeutschland sicher häufiger geäußert, als man denkt, wie ich auch in meinem persönlichen Umfeld zur Kenntnis nehmen musste.
Aber wie gesagt, so schlimm war das damals für mich nicht, denn ich hätte es woanders oder später noch einmal versuchen können. Aber ich hatte stattdessen erst einmal mein Studium in Zittau begonnen, denn das hatte mir erlaubt, weiterhin in meiner Heimatstadt zu wohnen. Und zu Beginn des Studiums wurde auch an meiner Hochschule ein Problem deutlich, dessen Folgen bis heute als Grund gesehen werden, warum sich Ostdeutsche in öffentlichen Verwaltungen, speziell in Führungspositionen, nicht repräsentiert sehen, was wiederum bei einigen zu einer gewissen Frustration führt, die zum großen Teil aber unberechtigt ist. Denn wir Studenten waren zum Beispiel damals überwiegend gar nicht glücklich darüber, dass noch die ganzen alten Ost-Professoren an der Hochschule waren. Wir wollten ja etwas über die „Westwirtschaft“ lernen. Und auch dass so viele staatstreue Mitarbeiter in der Verwaltung tätig waren und teilweise bis heute sind, fanden nur einige wenige gut. Das mag in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern nicht so schlimm gewesen sein, aber in den sogenannten Geisteswissenschaften schien es uns problematisch. Speziell wenn es sich dann zum Beispiel bei einem Professor für Recht auch noch um einen ehemaligen Staatsanwalt in Bautzen handelte – wenn ich mich recht erinnere –, einen Staatsanwalt der Stadt, in der eines der berüchtigtsten Stasi-Gefängnisse betrieben wurde. Wir wollten damals so viel wie möglich „Leute aus dem Westen“ haben, denn die sind ja im besseren (Wirtschafts-)System groß geworden und hatten Ahnung – so war zumindest die Annahme, die in vielen Fällen ja auch richtig war. Nur wie sollte das passieren? Man hatte ja „im Westen“ keine Leute übrig, nicht für die Hochschulen und auch nicht für die öffentlichen Verwaltungen. Also gab es zum Beispiel viele Pendler, die für ein paar Jahre in West und Ost gleichzeitig tätig waren und viel Positives im Osten mit aufgebaut haben. Und dafür kann und sollte man übrigens im Osten auch aufrichtig dankbar sein; ich bin es jedenfalls. Dass dabei aber auch vieles an überflüssiger Bürokratie aus dem Westen einfach übernommen wurde, ist ja nicht unbedingt deren Verantwortung, und dass sie für ihr Engagement sehr gut entlohnt wurden (Stichwort „Buschzulage“34), ist auch nicht mehr als recht und billig.
Aber natürlich kamen nicht nur die edlen Ritter und die Besten ihres Faches, sondern von denen, die für länger bleiben wollten, waren etliche dabei, die es „im Westen“ nie (so schnell) in vergleichbare Positionen geschafft hätten und die für ihre neue Heimat und Mitmenschen teilweise bis heute mehr Verachtung empfunden haben als Neugier und Begeisterung. Und das ist gar keine Beschwerde, denn zum einen ist dies durchaus verständlich und nachvollziehbar, zum anderen: Wer hätte es denn sonst machen sollen? Und natürlich ist es auch verständlich, dass diese Landsleute dann gerade bei Einstellungen im Bereich der öffentlichen Verwaltung auf Bewerber aus dem Westen zurückgriffen, da der öffentliche Dienst ja überwiegend von staatstreuen Genossen oder Mitläufern durchsetzt war. Und viele Ostdeutsche wollten das auch, denn wir wollten von Fachleuten lernen, wir wollten aus unserer Heimat genau das machen, was wir am Westen bewunderten, und waren für echte Hilfe in der Regel auch dankbar. Heute sieht es da schon etwas anders aus, zum einen, weil man viel Schlechtes aus der DDR-Vergangenheit leider schon wieder vergessen hat, zum anderen, weil sich noch nicht viel an einigen Abläufen von damals geändert hat. Dies lässt sich zum einen mit den gerade genannten Phänomenen bei den Personaleinstellungen erklären, zum anderen damit, dass die jungen Menschen, die damals in den Westen gegangen sind, um zu lernen und zu studieren, eben nicht zurückgekommen sind und sich eben nicht in ihrer alten Heimat um entsprechende Posten beworben haben. Warum? Ganz einfach, weil sie im Westen eine neue Heimat gefunden haben. Und wenn man aus dem – Entschuldigung – trostlosen Hoyerswerda in Sachsen weggeht, dann in Regensburg studiert, dort seinen ersten Job in der städtischen Verwaltung bekommt, eine Familie gründet und ein Haus baut, dann ist der Drang, nach Hoyerswerda zurückzugehen und sich in der Verwaltung um eine Führungsposition zu bewerben, eher gering (auch wenn mittlerweile wieder mehr Menschen mittleren Alters zurückkommen und genau diese Chancen ergreifen). Und das ist nicht irgendeine Schuld „der Wessis“ oder der „egoistischen Ossis, die einfach abgehauen sind“, sondern es sind einfach die Umstände, die zu dieser Situation geführt haben. Und das muss man leider einfach einmal hinnehmen, nicht immer gibt es einen Schuldigen. Wenn man überhaupt einen Schuldigen für diese unglückliche Situation ausmachen wollte, dann ist es die deutsche Teilung, denn die ist die Hauptursache auch für die heutigen Unterschiede und Probleme zwischen Ost und West – !
Und was für die Verwaltung galt, galt auch in der Privatwirtschaft. Es kamen viele Leute aus dem Westen in den Osten, um die Chance zu...




